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Trip


Es war Dave ziemlich gleichgültig, womit er sich auf den Trip brachte - ob er nun "H" spritzte, irgendwelche Tabletten einwarf oder einfach eine Flasche billigen Alkohols kippte - wichtig war nur, dass es ihn der Realität entkommen ließ, in der er sich nicht mehr zurechtfand.

Dave hatte deshalb auch keinen festen Dealer. Er besorgte sich das Zeug bei jeder sich zufällig bietenden Gelegenheit, und solche Gelegenheiten gab es in London zur Genüge. Das schäbige Einzimmer-Appartement, in dem er hauste, lag in einer heruntergekommenen Siedlung im East End, wo niemand sich um den anderen kümmerte - was Dave natürlich nur recht sein konnte. Dass er nicht schon längst aus der Wohnung herausgeworfen worden war, lag nur daran, dass es ihm trotz seiner sonstigen Probleme und der Arbeitslosigkeit finanziell gar nicht einmal schlecht ging. Seine Ersparnisse aus der lange zurückliegenden Zeit, in der er noch ein ganz normaler Durchschnittsbürger gewesen war, waren zwar schon seit Jahren aufgebraucht, aber er bezog eine monatliche Rente in nicht unerheblicher Höhe. Die Rente erhielt er als staatliche Entschädigung für einen Arbeitsunfall, bei dem er das linke Bein und das linke Auge verloren hatte. Da er damals nicht schlecht verdient hatte, war die Rente hoch genug für seine jetzigen Bedürfnisse, und was er damit anstellte, war den Behörden ja egal... Damals hätte er natürlich lieber sein Auge und sein Bein behalten, aber heute interessierte sein eigener körperlicher Zustand ihn kaum noch.

Ja, damals... Dave dachte nicht gern über die Vergangenheit nach, denn das bereitete ihm Kopfschmerzen. Nach dem Unfall war er für die Firma nicht mehr zu gebrauchen gewesen. Als so ein jungdynamischer, wie geleckt aussehender Schnösel von der neuen Betriebsleitung ihm erklärt hatte, dass man sich einen Salesmanager mit Prothese und Glasauge einfach nicht vorstellen könne, war alles klar gewesen. Der Absturz war dann sehr schnell gekommen. Wahrscheinlich hatte Dave es einfach nicht verkraftet, aus der Chefetage einer großen Firma in die Bedeutungslosigkeit entlassen zu werden. Am Anfang hatte wenigstens seine Familie zu ihm gehalten. Als seine Frau dann aber damit angefangen hatte, den Alkohol vor ihm zu verstecken, den er doch benötigte, um seine Frustrationen zu ertränken, da hatte er rot gesehen. Überall hatte seine saubere Sippschaft ihm nachspioniert, um seine eigenen Verstecke zu finden und die Flaschen auszuleeren! Hatte er denn Frau und Kinder je schlecht behandelt? Selbst im Rausch war er doch nie gewalttätig geworden - oder zumindest fast nie. Nur einmal hatte er seiner Frau einen Denkzettel verpassen müssen. Dave war heute noch davon überzeugt, dass er damals richtig gehandelt hatte. Seine Frau hatte zwei Wochen im Krankenhaus verbracht, aber er war sicher gewesen, dass sie ihn verstehen und ihn wieder als Herr im Haus akzeptieren würde - außerdem war sie ja selbst schuld gewesen. Dass sie stattdessen zu ihren Eltern ziehen, die Kinder mitnehmen und die Scheidung einreichen würde, hätte er nie erwartet. Erst als ihm durch einen Gerichtsbeschluss jeder Umgang mit den Kindern untersagt worden war, hatte er begonnen zu ahnen, dass der Fehler vielleicht doch bei ihm liegen könnte. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte der Alkohol bereits zu viel Macht über seine Persönlichkeit gewonnen, als dass Dave sich längere Zeit Gedanken über seine gescheiterte Vergangenheit hätte machen können.

Dave wusste selbst nicht mehr so genau, wann er auf die wirklich harten Drogen umgestiegen war. Überhaupt ließ ihn sein Erinnerungsvermögen immer häufiger im Stich, aber das war auch ganz gut so, denn er lebte nur noch für das Heute, für den nächsten Trip. Und um auf den Trip zu kommen, schluckte, spritzte und schnupfte er alles Mögliche in sich hinein, was er gerade in die Hände bekommen konnte. Er schrieb es seinem Schutzengel zu, dass er sich auf diese Weise nicht schon längst vergiftet hatte...
Heute allerdings war Dave auf der Suche nach etwas Besonderem. Er kannte sich in der Szene gut genug aus, und so war ihm vor ein paar Tagen zu Ohren gekommen, dass ein neuer Stoff auf den Markt gekommen war, vermutlich eines der neuen Wundermittel aus den Hexenküchen der Freizeitchemiker und gerüchteweise das Beste, was ein Junkie jemals eingeworfen hatte.

Durch die üblichen Kanäle hatte Dave Kontakt mit den Vertreibern dieser Wunderdroge aufgenommen. Erstaunlich schnell und unproblematisch hatte man ein Treffen vereinbart, und jetzt saß er wartend auf einer jener Bänke außerhalb des Towers von London, die direkt vor dem Zaun an der Themse stehen. Blicklos starrte er auf die hässlichen Bauten am gegenüberliegenden Themseufer, auf die vorbeiziehenden Ausflugsboote und auf die Möwen, die sich kreischend um weggeworfene Reste von Hot Dogs und Muffins stritten. Die Horden von Touristen aller Nationen, die lärmend hinter seinem Rücken am Tower vorbeischlenderten, störten ihn nicht. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass Transaktionen wie jene, die heute stattfinden sollte, am unauffälligsten in aller Öffentlichkeit abgewickelt werden konnten. Wer erwartete hier, unter all den Menschen, schon einen Drogendeal?

Die Sonne meinte es heute, nach langen Regentagen, ausnahmsweise besonders gut. Es war angenehm, die Wärme auf der Haut zu spüren, aber Dave war zu nervös, um sich entspannen zu können. Allmählich wurde er auch ungeduldig. Es war zwar keine bestimmte Stunde vereinbart worden, aber er saß nun schon seit drei Stunden hier, ohne dass sich etwas getan hatte. Als Dave gerade beschloss, keine weitere Zeit zu verschwenden, wurde die Sonne, die auf sein Gesicht schien, von einem Schatten verdunkelt. Erschrocken blickte Dave auf und musterte den Mann, der scheinbar aus dem Nichts erschienen war und sich direkt vor ihm aufgebaut hatte.
Komischer Kauz, dachte er, wozu braucht er bei dem Wetter einen Mantel?
Der dicke, schwere Mantel schien aus Leder zu bestehen (mit dem Ding sah der Fremde aus wie ein Gestapo-Offizier aus dem zweiten Weltkrieg), hing locker von den Schultern des Mannes und ließ dessen Körperform nicht genau erkennen. Der Fremde wirkte jedoch ungemein eckig und massig, im seltsamen Kontrast dazu war sein Kopf eher klein und von einer krankhaft blassen, fast durchscheinenden Haut überzogen. Ein paar dünne, fettige Haarsträhnen klebten auf dem blaugeäderten Schädeldach, was der Erscheinung des Mannes eine weitere abstoßende Note verlieh.

Kein Muskel regte sich im Gesicht des Fremden. Schweigend starrte er Dave mit Augen an, die wie kleine schwarze Knöpfe aussahen. Er schien darauf zu warten, dass Dave ihn ansprach.
"Hallo", sagte Dave nur, weil ihm nichts Besseres einfiel.
"David Foltyn", erwiderte der Fremde. Es klang weder wie eine Frage noch wie eine Begrüßung, sondern völlig ausdruckslos.
Dave kniff die Augen zusammen. Hatte er sich getäuscht oder hatten die Lippen des Fremden sich beim Sprechen gar nicht bewegt? Irgendwie war es ihm vorgekommen, als sei die Stimme aus dem Rumpf des Mannes gekommen, irgendwo unter dem Mantel hervor.
"So heiße ich, aber man nennt mich Dave." Eine unbehagliche Pause entstand, als der Fremde keine Anstalten machte, seinen eigenen Namen zu nennen. "Kann es sein, dass wir verabredet sind?"
Der Fremde senkte den Kopf ein wenig (das sollte wohl ein Nicken sein) und trat einen Schritt vor. Unwillkürlich rückte Dave auf der Bank etwas nach hinten, denn er verspürte ein unerklärliches Ekelgefühl und wollte unbedingt vermeiden, von dem Mann berührt zu werden. Außerdem ging ihm das ständige Gestarre dieser unheimlichen Haifischaugen auf die Nerven. Auch duftete der Typ nicht besonders gut; der Geruch erinnerte an zu lange nicht geleerte Mülltonnen im Sommer.
Seltsam unbeholfen und mit abgehackten Bewegungen ließ sich der Mann neben Dave auf der Bank nieder.
Vielleicht ist er ja behindert, überlegte Dave und rückte seine Beinprothese zurecht. Manchmal saß sie nicht richtig, denn seit der Zeit, in der sie ihm angepasst worden war, hatte er kontinuierlich an Gewicht verloren... Um dem Fremden nicht zu nahe zu kommen, schob Dave sich bis ans äußerste linke Ende der Bank. Wenigstens starrt der Typ mich jetzt nicht mehr so penetrant an, dachte er, aber andererseits irritierte ihn das auch, denn es schien, als nehme der Mann jetzt gar keine Notiz mehr von ihm. Er blickte stumpf geradeaus, aber Dave bezweifelte, dass er irgendetwas wahrnahm.
"Könnten wir jetzt allmählich zur Sache kommen?" erkundigte sich Dave schließlich leicht ungehalten.
"Ja" erwiderte der Mann mit tonloser Stimme.
"Gut! Das Geld habe ich hier", Dave zog ein zusammengerolltes Bündel Banknoten aus der Tasche und legte es verdeckt neben sich, so dass es niemand außer ihnen beiden sehen konnte.
Eine dünne, bleiche Hand mit extrem langen Fingern (und schwarzem Schmutz unter ungepflegten Fingernägeln) streckte sich aus dem Gestapomantel hervor, ergriff das Bündel und verschwand wieder im Ärmel. Kurz darauf kam sie wieder zum Vorschein, diesmal mit drei kleinen, aneinander geschweißten Ampullen aus durchsichtigem Plastik, die eine farblose Flüssigkeit enthielten.
"Moment mal", protestierte Dave, als der Fremde aufstand und Anstalten machte, einfach zu gehen, "wie nimmt man das? Und überhaupt: Wie wäre es mit einer Probe?"
Der Fremde blieb stehen, ohne sich noch einmal zu Dave umzudrehen. "Schlucken", sagte er nur, und "das ist nicht vorgesehen". Damit hielt er beide Fragen offensichtlich für ausreichend beantwortet, denn er entfernte sich schnell und war bald in der Unterführung der Tower Bridge verschwunden.

Dave schüttelte den Kopf und steckte die Ampullen, die der Unheimliche neben ihn auf der Bank gelegt hatte, hastig ein. Womöglich war er einem Betrüger aufgesessen, aber was hätte er tun können? Dave glaubte nicht, dass es ihm möglich gewesen wäre, den Fremden zurückzuhalten. Ganz davon abgesehen, dass es nicht ratsam gewesen wäre, an einem solch öffentlichen Ort Aufsehen zu erregen, war er während des ganzen Vorgangs wie gelähmt gewesen.
Vielleicht hat der Typ mich hypnotisiert oder so, dachte Dave, aber das schien die Sache nicht richtig zu beschreiben. Es war ihm vorgekommen, als wäre er nicht richtig da, ganz genau so, als ob er bereits stoned gewesen wäre - aber das war ausnahmsweise nicht der Fall; Dave pflegte "geschäftliche" Dinge immer so nüchtern wie nur irgend möglich zu erledigen.
Wenigstens ist es schnell gegangen - wenn der Typ mich angefasst hätte... ich glaube, ich hätte schreien müssen...

***

Der Weg zurück zur Wohnung war Dave noch nie so weit vorgekommen wie heute. Die Ampullen übten eine starke Faszination auf ihn aus, am liebsten hätte er gleich in der Untergrundbahn eine davon genommen, aber das war natürlich viel zu riskant. Also starrte Dave blicklos auf den speckigen, geschmacklos gemusterten und mit zahlreichen Brandflecken verzierten Sitz zwischen seinen Beinen, bis die Bahn endlich in der Station Earl's Court einlief.
Wie immer verteilte er einige Rippenstöße um schneller voranzukommen, während er die endlosen Rolltreppen hinaufhumpelte. Er hasste es, zwischen all den trägen Feierabend-Heimkehrern eingezwängt zu sein, die ihm entweder immer im Weg herumstanden oder ihn in eine andere Richtung drängen wollten - noch dazu in den engen Tunnels und Gängen der Londoner Tube, wo einem der Atem schon allein durch den Urin- und Schweißgeruch in der Luft wegblieb!
Oben angekommen musste Dave zunächst einmal eine Pause einlegen, denn er war ziemlich außer Atem. Mit der Prothese konnte er zwar auch ohne Krücken sehr gut laufen, aber eiliges Treppensteigen war äußerst anstrengend und auch nicht gerade ungefährlich.

Zu seinem Appartement war es von der Station aus nicht mehr weit. Der Eingangsbereich des gesichts- und geschmacklosen Bauwerks, das er bewohnte, war wie stets übersät von Dreck und Müll, es stank nach Küchenabfällen, Urin und Verwesung. Die Bewohner dieses Blocks interessierten sich ebenso wenig für Sauberkeit wie für ihre Nachbarn, Reinigungsfirmen konnte (oder wollte) die Hausverwaltung sich nicht leisten. Die Betonwände waren bis in die oberen Stockwerke über und über durch Graffiti und die verschlungenen Symbole, mit denen rivalisierende Jugendbanden ihre Reviere markierten, verunziert, was mittlerweile auch niemanden mehr kümmerte. Früher hatte es einen Hausmeister gegeben, der das Geschmier immer wieder mit stoischer Unermüdlichkeit entfernt hatte. Der war jedoch schon vor Jahren entlassen worden, wahrscheinlich weil er die Gewinnspanne der Hauseigentümer zu sehr gemindert hatte.

Dave beeilte sich, seine Wohnung im fünften Stock des Blocks zu erreichen und die Sicherheitsschlösser der Eingangstür sorgfältig wieder hinter sich zu verschließen. Nicht, dass es in Daves Wohnung besser ausgesehen hätte als im Treppenhaus. Im Gegenteil! Auch hier lag alles durcheinander, türmten sich Stapel von Papier, Staub und Müll sammelte sich in den Ecken, leere Flaschen und schmutziges, trotzdem immer wieder benutztes Geschirr lagen auf sämtlichen Möbeln und auf dem Boden verstreut. Wenn Dave überhaupt einmal den Versuch machte, die Wohnung zu reinigen, dann nur halbherzig und in unregelmäßigen, immer länger werdenden Abständen. Dementsprechend betäubend war auch der Geruch, der in dem einzigen, überfrachteten und verlebten Raum, aus dem die Wohnung im Wesentlichen bestand, alles andere überlagerte.
Nur eine einzige Stelle war sauber und aufgeräumt: Der solide kleine verschließbare Schrank, in dem Dave seinen Stoff und einiges Zubehör aufbewahrte. Für diese Dinge hatte er heute jedoch keinen Blick übrig, denn die neuen Ampullen brannten ihm förmlich ein Loch in die Hand. Er ging ins Bad (wo Schimmel und schwärzliche Algenflecke sich überall breit machten), setzte sich auf den heruntergeklappten Toilettendeckel und brach sorgfältig den Hals von einer der Plastikampullen ab. Die anderen beiden steckte er ein. Der kleine verschließbare Schrank schien ihm ein zu unsicherer Aufbewahrungsplatz für sie zu sein, er wollte sie lieber bei sich behalten.
Dave nahm die Ampulle vorsichtig zwischen die Lippen und ließ sich die nach nichts schmeckende Flüssigkeit die Kehle herunterrinnen.
Dann wartete er, aber nichts geschah.
Scheiße!" fluchte er laut. "Ich bring` den Kerl um!" Bei dem Gedanken daran, welche enorme Menge Koks oder Heroin er sich mit der Summe hätte leisten können, die er für diese offensichtlich wertlosen Ampullen hingeblättert hatte, kamen ihm fast die Tränen.

Plötzlich war es, als explodiere eine Wasserstoffbombe mitten in Daves Gehirn.

***

Penetranter Lärm und eisiges Wasser, das auf sein Gesicht tröpfelte, weckten Dave. Zunächst lag er längere Zeit einfach nur flach auf dem Boden, bis das quälende Schwindelgefühl nachließ.
Schließlich hob er die Lider, aber dadurch änderte sich gar nichts: Undurchdringliche Schwärze umgab ihn. Orientierungslos tastete er mit den Händen um sich herum. Er geriet in Panik, denn er nahm an, er habe jetzt auch noch die Sehkraft seines verbliebenen rechten Auges verloren. Keuchend quälte er sich hoch und tastete sich an einer glitschigen Wand entlang, stolperte über irgendwelche weichen Dinge (die sich daraufhin regten und grunzende Laute ausstießen), bis er zu seiner grenzenlosen Erleichterung endlich einen Lichtschimmer wahrnehmen konnte. Kurz darauf taumelte er ans helle Tageslicht. Er lehnte sich an den Eingang der Tunnelröhre, aus der er gerade hervorgekommen war, denn sein Hirn fühlte sich an, als hätte es sich in einen ausgetrockneten Klumpen Rotz verwandelt, und jede einzelne Faser seines Körpers schmerzte wie nach einer heftigen Schlägerei.

Dave begriff nicht, warum er sich nicht mehr in seiner Wohnung befand. Er konnte sich noch genau daran erinnern, dass er den neuen Stoff eingenommen hatte, aber danach war nur noch ein großes Loch in seiner Erinnerung. Wie viel Zeit vergangen war, wusste er nicht, denn er trug keine Armbanduhr und sein Zeitgefühl versagte total. Vorsichtig sah Dave sich um. Offenbar war er irgendwie in ein beliebtes Pennerversteck geraten. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er unter Drogeneinfluss die Wohnung verließ, in der Stadt umherirrte und dann irgendwo aufwachte. Aber ohne die geringste Erinnerung an die letzten Stunden zu haben? Das hatte er bisher noch nie erlebt. Auch war es ungewöhnlich, dass seine Erinnerung so übergangslos ausgesetzt hatte, normalerweise glitt er immer sanft in die Benommenheit des Rauschs ab. "Der Stoff hat einen verdammten Stiefel", murmelte er anerkennend und machte sich auf den Weg, um sich zu orientieren.

Plötzlich, völlig unerwartet und unglaublich intensiv, kehrte Daves Erinnerung an die ersten Momente des Trips doch noch zurück. Er hatte sich zuerst vor allem leicht gefühlt, so als müsse er sich nur ein wenig mit den Füßen abstoßen, um abheben und schweben zu können. Gleichzeitig war seine Wahrnehmungsfähigkeit extrem verstärkt worden. Kristallklar und wie durch eine Lupe hatte er in einem Sekundenbruchteil jeden einzelnen Fliegendreck am Badezimmerspiegel, jedes einzelne Haar auf dem Boden und jede Nuance der zahlreichen Gerüche, die in seine Nase drangen, voneinander unterscheiden können. Dieser Sekundenbruchteil war Dave vorgekommen wie eine Ewigkeit - umso brutaler war dann die totale Finsternis wie eine Flutwelle über ihm zusammengebrochen.

Während Dave den Bahnhof Waterloo betrat (die Kanalröhre, in der er aufgewacht war, befand sich unweit von Waterloo Station im Bereich eines leerstehenden Baugrundstücks - er hatte sich also mehrere Meilen von seiner Wohnung entfernt), versuchte er sich die im Drogenrausch erlebten Visionen, die nach der Finsternis gekommen waren, noch einmal zu vergegenwärtigen. Es gelang ihm nur zu einem geringen Teil. Er hatte den Eindruck einer starken Beklemmung oder Bedrängnis gehabt, so als laste ein unsichtbarer Druck auf ihm. Die Luft hatte vibriert, als sei sie ein lebendiges, atmendes Wesen. Verschwommen erinnerte Dave sich an etwas wie ein gewaltiges Schwungrad oder eine Gruppe derartiger Gebilde, die sich irgendwo in der Düsternis scheinbar träge bewegt hatten, tatsächlich aber rasend schnell um ihre Achsen gewirbelt waren und dabei Schockwellen durch die Luft geschickt hatten. Entsetzlicher Lärm, Kreischen, Donnern und Klappern hatte sein Gehör betäubt. Ein Geruch nach Öl und Verwesung, der so intensiv gewesen war, dass man ihn fast kauen konnte, hatte alles erfüllt. Außer diesen Eindrücken konnte Dave sich nur noch vergegenwärtigen, dass er die ganze Zeit über von jenem Gefühl der Bedrohung erfüllt gewesen war, das charakteristisch für einen Alptraum ist: Das Näher kommen einer Gefahr, der man nicht entfliehen kann, so sehr man sich auch anstrengen mag.
Es war zwar kein richtiger Horrortrip gewesen, aber Dave beschloss, die zwei verbliebenen Ampullen vorerst nicht anzurühren. Lieber verzichtete er auf das phantastische Gefühl der Klarheit, das den Trip einleitete, und nahm beim nächsten Mal einen altbewährten Stoff, der ihn auf eine angenehmere Reise schickte.

Ein Blick auf die große Anzeigetafel in Waterloo Station zeigte ihm, dass er mehr als vierundzwanzig Stunden lang weggetreten gewesen sein musste! Das war ein weiterer Grund, die Finger von dem Zeug zu lassen...

***

Nach zwei Tagen hielt Dave es nicht mehr aus. Ihm war völlig klar, was mit ihm vorging: Die erste und einzige Dosis, die er von dem unbekannten Stoff genommen hatte, hatte ihn bereits abhängig gemacht, jetzt kamen die Entzugserscheinungen. Und die waren diesmal schlimmer als alles, was Dave je zuvor erlebt hatte, genau genommen waren sie so quälend, dass er nahe daran war, jedes Risiko zu ignorieren und zu einem Arzt zu gehen. Es gab natürlich auch eine andere, einfachere Möglichkeit, die Schmerzen zumindest vorübergehend abzuschalten. Er hätte einfach nur eine zweite Dosis nehmen müssen. Aber die Angst vor den möglichen Folgen eines weiteren Trips mit diesem Teufelszeug wog schwerer als die Qual - noch. Er versuchte deshalb zunächst, sich auf andere Weise zu betäuben. Da seine finanzielle Lage nach dem Kauf der neuen Droge ziemlich angespannt war, entschied er sich für die einfachste Methode: Er suchte seinen Lieblingspub in Earl`s Court auf und ließ sich vollaufen.

Nach dem fünften doppelten Whisky besserte sich sein Zustand tatsächlich ein wenig, vor allem hörte das Händezittern auf, aber der eigenartige, ziehende Schmerz im Nacken und das Brennen, das alle Nervenenden zu erfüllen schien, wurde durch den Alkohol nur gedämpft, nicht ausgelöscht. Der Hammer, der nach wie vor unablässig auf seine Schädeldecke einzuprügeln schien, war jetzt wenigstens in eine dicke Watteschicht gepackt. Das waren Schmerzen, die Dave, der an einiges gewöhnt war, ertragen konnte. In diesem Zustand war er sogar in der Lage, wie ein ganz normaler Zecher am Tresen zu sitzen und die Umgebung zu beobachten.
An diesem Abend befand sich fast kein einziger seiner alten Bekannten im Pub, die meisten Gesichter waren Dave absolut fremd. Das kam seinem Bedürfnis, einfach nur mit aufgestützten Ellenbogen dazusitzen, an gar nichts zu denken und sich nicht über irgendwelche Nichtigkeiten wie Fußball oder das Wetter unterhalten zu müssen, sehr entgegen. Die Wärme in dem niedrigen, dunklen und verräucherten Raum, das Gesumm vieler Stimmen und die Musik aus der Musicbox wirkten einschläfernd auf Dave. In der Tat musste er wohl kurz eingedöst sein, denn als ihn unvermittelt jemand ansprach, schreckte er hoch und verschüttete fast seinen sechsten Drink.

"Keine Panik", sagte der Mann, der sich neben ihn geschoben hatte, und angelte mit dem Fuß nach einem der letzten leeren Barhocker. Dave schaute genauer hin (was ihm jetzt schon etwas schwer fiel): Es war einer derjenigen, von denen er die ersten Nachrichten über den neuen Stoff gehört hatte. An den Namen konnte Dave sich im Moment nicht erinnern.
"Na", flüsterte der Mann verschwörerisch, "schon Erfolg gehabt?"
Dave, der genau wusste, was der andere meinte, nickte nur.
"Und wie ist es? Ich meine - was hat das Zeug denn so gekostet? Und ist es gut?"
"Nicht gut genug für den Preis", knurrte Dave, den unvermittelt eine starke Abneigung gegen den Mann erfasste. "Probier`s doch selbst."
"Ist ja schon okay", wehrte der andere ab, "Ich frag ja nur! Aber erzähl doch mal! Bevor ich soviel Geld ausgebe, will ich mehr darüber wissen! Habe ja schon die tollsten Sachen gehört. Stimmt es, dass..."
"Hör mal", unterbrach Dave, der echten körperlichen Ekel vor der Nähe des anderen empfand, "ich will meine Ruhe, klar? Und jetzt verpiss dich!"
Der andere machte ein langes Gesicht, wollte aber offensichtlich hartnäckig bleiben.
Dave wurde plötzlich alles zuviel. Hatte er schon zuviel getrunken? Der Raum schien sich um ihn herum zusammenzuziehen, als hätten sich die Wände in ein lebendiges, pulsierendes Organ verwandelt, außerdem kam es ihm so vor, als hätten alle anderen Gäste die kurze Unterhaltung belauscht. War nicht auch die Musik plötzlich leiser geworden?
"Was hast du denn jetzt?" erkundigte sich sein Gegenüber, als Dave aufstand.
Dave antwortete nicht. Ihm war schlecht. Hastig griff er nach dem Stock, den er neuerdings immer dabei hatte, und wühlte sich durch die Menge in Richtung Toilette. Er beruhigte sich erst ein wenig, als er die wacklige Kabinentür hinter sich geschlossen hatte. Zum Glück musste er sich nicht übergeben, es wäre schade um den Whisky gewesen. Dave setzte sich auf die verfärbte, vielfach eingekerbte Toilettenbrille und lehnte den Kopf an das kühle Metall des Papierspenders. Nach einigen Minuten, in denen er sich bemühte, tief und regelmäßig zu atmen, verflog die Übelkeit. Dave stellte fest, dass er unbewusst die Hand in die Jackentasche gesteckt hatte und etwas darin umklammert hielt. Er zog die Hand hervor und war nicht sonderlich überrascht, dass die beiden verbliebenen Ampullen zum Vorschein kamen, obwohl er bis zu diesem Augenblick nicht gewusst hatte, dass er sie überhaupt mitgenommen hatte. Ohne weiter zu überlegen, steckte er das zweite Fläschchen in den Mund. Es schmeckte leicht salzig vom Schweiß seiner Hand.

Dann biss er zu.

***

Der Trip begann genau wie beim ersten Mal. Wieder fühlte Dave sich wie losgelöst von seinem Körper. Wieder wurden sämtliche Sinneswahrnehmungen bis ins Unermessliche gesteigert. Dave konnte fühlen, wie die Luft auf seiner Haut prickelte. Alles um ihn herum stand unglaublich deutlich vor seinen Augen, wie von grellen Scheinwerfern ausgeleuchtet und als würde er es durch eine Lupe betrachten. Es war unbeschreiblich, erregend und euphorisierend! Der Zustand dauerte an, auch als Dave sich zu der schmierigen, Graffitiübersäten Tür umwandte und die Hand nach dem Griff ausstreckte. Einen unendlichen Augenblick lang musterte er seinen eigenen Handrücken und war erstaunt über die bizarre Landschaft aus Fältchen, Adern, winzigsten Poren und Härchen, die er dort erkennen konnte. Dann umschloss er den Türgriff und öffnete die Tür.

Aber dort, wo sich eigentlich ein weißgekachelter Raum mit mehreren Urinalen und Erleichterung suchenden Gästen hätte befinden sollen, schloss sich eine niedrige, finstere Kammer an, deren Wände und Decke keine Winkel zu haben schienen und trotzdem aus ineinander verschachtelten Maschinen oder Teilen von Maschinen bestanden, die auf irritierende Weise gleichzeitig mechanisch und organisch aussahen.

Dave prallte zurück und wollte die Kabinentür vor diesem erschreckenden Anblick verschließen, aber ohne es zu merken, musste er bereits ein paar Schritte weit in den eigenartigen Raum hineingegangen sein - und irgendwie überraschte es ihn kaum, dass er, als er sich umdrehte, keine Spur mehr von einer Toilettenkabine oder deren Tür sehen konnte. Auch dort wölbte sich jetzt eine feuchte, dunkelgrau und schwarz gemaserte und geriffelte Wand empor. Das Schlimmste aber war, dass er diesen Ort kannte. Er erkannte ihn an dem Lärm, der hier herrschte: Dieses rhythmische, fast schon organisch pulsierende Geräusch mächtiger Maschinen war ihm nicht fremd. Und die öldunstgeschwängerte Luft, die sich wie ein feuchter Lappen auf sein Gesicht legte, hatte er ebenfalls schon einmal gespürt. Ganz klar: Hier war er bei seinem ersten Trip bereits gewesen - wo immer "hier" auch sein mochte.

Und gleich stellte sich auch das Gefühl einer näher kommenden Bedrohung wieder ein. Mit einem schlürfend-schmatzenden Geräusch wie von aneinanderreibender nasser Haut öffnete sich ein Teil der Wand direkt vor Daves Gesicht. Ekel erfüllte ihn, als sich aus der entstehenden Lücke ein blasses, unfertig wirkendes Gesicht hervorschob, das von einer dünnen Schleimschicht wie von einer durchsichtigen Membran überzogen war. Würgend wich Dave weiter zurück, denn der Gestank, der ihm von diesem Gesicht entgegenschlug, war mörderisch.

Daves Trip endete für diesmal in dem Moment, als sich zwei völlig schwarze Augen, tot und ausdruckslos wie die Augen eines Hais, in dem Gesicht öffneten.

***

"Er scheint jetzt zu sich zu kommen!"
"Vorsicht! Geh nicht zu nahe ran!"
"Ach was, der ist doch fest angeschnallt. Der kann sich nicht mal am Sack kratzen."
Nicht ganz echt klingendes Gelächter folgte, dann herrschte Stille.
Dave wollte das Auge öffnen, um die Männer anzusehen, die sich über ihn unterhalten hatten, aber er beließ es bei dem Versuch. Jede noch so geringe Bewegung, und sei es nur das Anheben eines Augenlids, kostete ihn ungeheure Anstrengung und setzte seine Nervenenden in Flammen.
"Der ist wohl noch müde? Und das nach drei Tagen Dauerschlaf?"
"Der hat einen Kater oder so", antwortete die erste Stimme, die so klang, als gehöre sie zu einem Bewohner der finstersten Highlands, "wer weiß, auf was für einem Trip der war!" Gegenstände wurden umhergeschoben, Glas klirrte leise, Schritte entfernten sich. Dann war Dave allein.

Allmählich begann Dave, seine Lage zu sondieren. Breite Gurte waren über seine Brust und das Becken gespannt, die Arme und das rechte Bein waren ebenfalls mit Gurten gefesselt. Die Beinprothese hatte man entfernt.
Dave wußte, daß die Gurte aus grobem Leder bestanden, ohne sie zu sehen, denn seine Sinne waren immer noch fast so sehr geschärft, wie er es zu Beginn seiner Trips mit der neuen Droge erlebt hatte.
Dave hatte nicht die geringste Vorstellung davon, wie er in diese Lage geraten sein konnte. Er wusste noch nicht einmal, wo er sich überhaupt befand. Wovon hatten die Stimmen gesprochen? Drei Tage lang sollte er bewußtlos gewesen sein? Das würde seine körperliche Schwäche erklären. Aber warum war er gefesselt? Bestimmt war er, wie nach dem ersten Trip, wie ein Schlafwandler umhergeirrt. Dave bemühte sich verzweifelt, sich an irgend etwas zu erinnern. Konnte es sein, dass er ein Verbrechen begangen hatte?

Vielleicht hatte ich ja auch nur Krämpfe und musste ruhiggestellt werden, um mich nicht selbst zu verletzen überlegte Dave, aber er fürchtete, dass die Sache nicht so einfach war...

***

Am Abend des gleichen Tages wusste Dave mehr - und war verwirrter als je zuvor.

Zunächst hatte man ihn mit sich selbst und seinen überreizten Nerven alleingelassen. Irgendwann waren die Schmerzen soweit abgeklungen, dass er sein Auge öffnen und sich in dem Raum, in dem sein Bett stand, umsehen konnte. Der enge Raum sah eigentlich nicht nach einem Krankenzimmer aus, eher nach einer Gefängniszelle. Der scharfe Geruch nach Desinfektionsmitteln und die Geräte, die um das Bett herum aufgestellt waren, sprachen jedoch eine andere Sprache.

Später waren mehrere Unbekannte - Ärzte, wie Dave vermutete, vorgestellt hatten sie sich nicht - erschienen. Sie hatten Elektroden auf seiner Stirn befestigt, so dass er nun über zahlreiche Kabel an die Geräte neben dem Bett angeschlossen war. Die Ärzte hatten auf keine seiner Fragen auch nur ansatzweise reagiert. Vielmehr hatten sie so getan, als sei er überhaupt nicht anwesend. Und natürlich hatte auch keiner von ihnen daran gedacht, Daves Fesseln zu lösen.

Stunden später, als Dave meinte, er müsste in seiner Verwirrung und Angst entweder anfangen zu schreien oder auf der Stelle den Verstand verlieren, war ein Mann eingetreten, der ihn zur Begrüßung mit monotoner Stimme über seine Rechte aufgeklärt hatte. Von ihm hatte Dave endlich erfahren, was man ihm überhaupt vorwarf.
"Leute wie Sie ekeln mich an", hatte der Fremde einleitend hervorgestoßen, "irgendwelche Akademiker werden Ihnen Schuldunfähigkeit bescheinigen. Dann müssen Sie nur noch Angst haben, dass das Essen in der Klapsmühle nicht schmeckt. Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Die Verhandlung kommt ja erst noch."

Dave hatte kein Wort verstanden. Außerdem war ihm der Mann, der sich als Kommissar Fletcher vorgestellt hatte, sofort unsympathisch gewesen. Vor allem hatte Dave sich über seine Art zu sprechen aufgeregt: Abgehackt und mit kurzen Pausen zwischen den Sätzen, so als würde er einen Text von einem Teleprompter ablesen.
"Verhandlung? Weswegen? Würden Sie mich vielleicht mal losbinden?"
"Genau. Wegen Mord. Nein. Sind damit alle Ihre Fragen beantwortet?"
Fletcher hatte Dave gemustert, als sei dieser ein besonders interessantes, aber abstoßendes Insekt.
Dave hatte erregt die Muskeln angespannt, Fletchers Worte hatten ihm beinahe den Rest gegeben. "Ich verlange, dass Sie mir endlich sagen, was hier überhaupt vorgeht. Warum bin ich gefesselt? Und was faseln Sie da von Mord? Ich kann mich an nichts erinnern!"
Fletcher hatte die Lippen zu einer Grimasse verzogen, die vermutlich seine Version eines grimmigen Lächelns darstellen sollte. Da sein Gesicht von kleinen Aknenarben übersät war, war die Mimik gründlich verunglückt. "Amnesie, klar. Das ist bei Typen wie Ihnen immer das gleiche. Affekt, Delirium oder was auch immer. Das macht es den Psycho-Gutachtern ja so leicht. Aber damit kommen Sie bei mir nicht durch. Zu verlangen haben Sie übrigens gar nichts."
"Herrgott!" hatte Dave gebrüllt, "haben Sie mir nicht gerade erklärt, dass ich auch noch Rechte habe?"
"Sie haben einen bestialischen Mord begangen. Mindestens einen." Jetzt war doch so etwas wie Emotion in Fletchers Stimme gekommen und er hatte sich tiefer über Daves Gesicht gebeugt, so dass dieser den nach altem Rauch riechenden Atem des Komissars ertragen musste. "Ich werde Ihnen jetzt die Bilder zeigen, für den Fall, dass Sie sich wirklich nicht erinnern können." Papier hatte geraschelt, als Fletcher großformatige Schwarzweiß-Aufnahmen aus seiner Aktenmappe gezogen und sie Dave vor die Nase gehalten hatte. "Schon erstaunlich, dass ein Krüppel wie Sie zu so was fähig ist."
Dave hatte würgen müssen. "Das... das war ich nicht... kann ich nicht gewesen sein!"
"Als man Sie aufgegriffen hat, haben Sie auf der Leiche gekniet. Das Messer hatten Sie noch in der Hand. Eindeutiger geht`s wohl nicht mehr."

Unbarmherzig hatte Fletcher ein Bild nach dem anderen hervorgeholt, und Dave hatte jedes einzelne wie unter Zwang angestarrt. Er hatte den Torso eines Menschen gesehen. Aufgeschlitzt und ausgeweidet, Arme und linkes Bein abgetrennt, rechtes Bein nur noch an einem Fleischlappen hängend. Ob es ein Mann oder eine Frau gewesen war, war nicht mehr zu erkennen gewesen. Dunkle Schmierflecken bedeckten den ganzen Körper, der in einer riesigen Blutlache lag.
Dann war das letzte Foto gekommen, eine Nahaufnahme des völlig unversehrten Gesichts. Der Anblick hatte Dave wie ein Kinnhaken getroffen, denn er kannte dieses Gesicht. Viel zu glatt für einen erwachsenen Menschen war es, und sehr blass. Welche Farbe die weit aufgerissenen Augen hatten, war natürlich nicht zu bestimmen gewesen. Auf den grobkörnigen Aufnahmen hatten sie jedenfalls tiefschwarz gewirkt. Tote Augen. Fischaugen!
Fletcher hatte danach noch einiges gesagt, aber Dave hatte nicht viel mehr mitbekommen, als dass dieser Fall nur ein weiterer in einer Reihe ähnlicher Morde war und dass er, Fletcher, fest davon überzeugt war, mit Dave den Mörder all dieser Personen gefasst zu haben.
Jetzt war Dave wieder allein. Er versuchte, Ordnung in das Chaos seiner durcheinander wirbelnden Gedanken zu bringen, aber es gelang ihm nicht. Er musste ständig an seinen zweimaligen Gedächtnisverlust denken. Und an das Gesicht, das ihm während des Trips erschienen und nun auf so grausige Art wiederbegegnet war. War er wirklich ein Mörder? Wenn er sich nur an die winzigste Kleinigkeit erinnern könnte!
Dave grübelte, bis er Kopfschmerzen bekam. Aber das war noch nicht das Schlimmste.
Denn noch am gleichen Tag begannen bereits wieder die Qualen des Entzugs.

***

"Eigenartig", sagte Dr. Quentin zu Dr. Fitzjames, während beide vom Raum hinter dem Spiegel aus beobachteten, wie Dave sich auf der Liege unter den straff gespannten Gurten zu krümmen versuchte, "er weist alle Anzeichen des Drogenentzugs auf, obwohl wir weder in den Blut- noch in den Urinproben irgendwelche Rückstände finden konnten."
"Ja, aber in den Haarproben wurden eindeutig Ablagerungen festgestellt, die auf regelmäßigen Drogenkonsum schließen lassen."
"Das erklärt aber nicht diese heftige Reaktion!"
"Vielleicht sollten wir ihm einen Mundschutz verpassen", bemerkte Dr. Fitzjames besorgt, "sonst beißt er sich noch die Zunge ab."
Dr. Quentin schnaubte unwillig. "Nur nicht zuviel Aufwand! Schließlich hat es ihn auch nicht interessiert, dass sein Opfer gern Arme und Beine behalten hätte!"
Dr. Fitzjames lachte ein wenig gezwungen über den schlechten Scherz seines Vorgesetzten, dann beobachteten sie weiter.
"Haben Sie bemerkt, wie blass er in den letzten Stunden geworden ist, Kollege?"
Dr. Fitzjames runzelte nachdenklich die Stirn. "Ja, bei der Einlieferung sah er noch ganz anders aus. Diese glatte Haut... und dann die Augen!"
Mit einem vogelartigen Nicken stimmte Dr. Quentin zu. Beide Wissenschaftler musterten den angeschnallten Mann in dem tiefer gelegenen Raum jenseits des Spiegels mit dem gleichen Interesse, das ein Entomologe für eine besonders exotische neue Spinnenart, die er gerade in seinem Bett entdeckt hat, aufbringen würde.
Als sie genug gesehen hatten, verließen Dr. Quentin und Dr. Fitzjames den kleinen Beobachtungsraum und begaben sich zum nächsten Insassen der Anstalt für psychisch gestörte Straftäter, jedoch nicht ohne sich zuvor davon überzeugt zu haben, dass die Gurte, mit denen Dave gefesselt war, auch nach wie vor noch straff und sicher saßen.

***

Es war dunkel und still, als Dave wieder einigermaßen zu sich kam und was er als erstes bemerkte, war das Fehlen der Fesseln. Stöhnend drehte er sich auf die Seite. Aufrichten konnte er sich noch nicht, denn schubweise packte ihn der Schüttelfrost und es kam ihm vor, als sei alle Kraft aus seinen Gliedern gewichen. Er bildete sich nicht ein, jetzt schon alles überstanden zu haben. Wahrscheinlich gönnte ihm der Entzug nur eine kleine Pause.
Vom vergitterten Fenster her fiel ein schwacher Lichtschimmer in den Raum. Es dauerte ein paar Augenblicke lang, bis Dave begriff, was er in diesem Licht sah: Direkt neben ihm auf der Liege (von der - was er nicht bemerkte - die Gurte zerrissen herabhingen) glitzerte die dritte der kleinen Ampullen, mit denen alles angefangen hatte.

Dave verschwendete keinen Gedanken an die Unwirklichkeit der Situation, denn sein gesamtes Bewußtsein, all sein Wollen und Fühlen, war nur auf den unscheinbaren Behälter konzentriert. Es war eine Sache von Sekundenbruchteilen, die Ampulle zu packen und zu zerbeißen. Dave war in diesen Augenblicken zu keinem vernünftigen Gedanken fähig, denn sonst hätte er sich vielleicht zunächst gefragt, weshalb die Ampulle neben ihm auf dem Bett lag und nicht als Beweisstück in irgendeinem Asservatenschrank - oder warum er sich überhaupt frei bewegen konnte.

Der dritte Trip begann wieder auf eine andere Art. Auch diesmal wurde Dave nicht bewusstlos, jedoch merkte er diesmal nichts von der berauschenden Schärfung der Sinne, die ihn bei den ersten beiden Versuchen mit der neuen Droge so sehr in Ekstase versetzt hatte.
Wie bei einer doppelt belichteten Fotografie legte sich das Bild einer bizarren Landschaft über den kleinen Raum, in dem die Liege stand. Jenseits der grauen Betonmauern seines Gefängnisses konnte Dave die bizarr geformten Umrisse undefinierbarer Gegenstände ausmachen - Details waren wegen einer Schicht aus fettem Nebel oder Dunst, der alles verschleierte, nicht zu erkennen. Der Boden, auf dem Dave sich ausgestreckt liegend wiederfand, schien aus regelmäßig strukturierten Onyxplatten zu bestehen, die von weniger dunklen Adern anderer Substanzen durchzogen waren. Hier und dort wölbten sich knorrige, verdrehte Gebilde, feucht glitzernd und noch schwärzer als das onyxähnliche Material des Bodens, aus unermeßlicher Tiefe an die Oberfläche. Dave fühlte sich an durch den Boden brechende Baumwurzeln erinnert.
Es war sehr still auf dieser seltsamen Ebene, zu der Dave versetzt worden war. Mit der Bewegung der furchtbar schwülen, fast greifbar dicken Luft wurden nur von weither dumpfe Geräusche an Daves Ohren getragen, die wie eine Kakophonie aus unzähligen durcheinander kreischenden Stimmen klangen - oder wie das Heulen überlasteter Maschinen. Die beunruhigenden Laute waren weder eindeutig menschlich (oder wenigstens organischen Ursprungs) noch eindeutig mechanisch; so als sei den brüllenden Kehlen ein elektronischer Verzerrer hinzugeschaltet worden.
Dave blieb still liegen. Er versuchte sich darüber klar zu werden, was mit ihm geschehen sein mochte. Dies war mehr als ein Trip. Alles war so real! Aber irgend etwas stimmte nicht, etwas war nicht richtig mit Daves Beinprothese und seinem Kunstauge.
Ein Geräusch direkt hinter ihm schreckte Dave aus seinen Überlegungen auf. Er kam allerdings nicht mehr dazu, sich umzudrehen, denn in diesem Augenblick verschwand die fremde Welt ebenso unvermittelt wieder, wie sie aufgetaucht war. Daves letzter Eindruck war der eines ihm nur allzu bekannten Verwesungsgestanks, dann fand er sich in der kargen Zelle wieder. Mühsam richtete Dave sich auf und wankte hinüber zu dem kalkverkrusteten Waschbecken an der Wand. Er hatte jetzt dringend eine Erfrischung nötig.

***

Mario Manisalco, Wärter in der städtischen Anstalt für psychisch gestörte Straftäter, war bei seinen wenigen Freunden nicht gerade als zart besaiteter Mann bekannt und er selbst hielt sich für einen ziemlich harten Burschen.
Die Nachtschicht in dieser Anstalt verlangte aber selbst ihm immer wieder das Letzte ab. Es war eine Sache, einen Tobenden niederzuringen, während der Arzt schon mit der Tranquilizer-Spritze danebenstand - aber es war eine ganz andere Sache, in dem ansonsten völlig verlassenen alten Gebäude die Nacht zusammen mit knapp zwanzig unberechenbaren Irren zu verbringen! Über ein Dutzend Kerle, jeder einzelne mit mindestens einem Menschenleben auf dem Gewissen... Mario Manisalco legte Wert darauf, jede einzelne der schweren Metalltüren zu Beginn seiner Schicht sorgfältig zu kontrollieren, denn einer seiner Grundsätze lautete, nie die Dummheit seiner Mitmenschen zu unterschätzen, besonders dann, wenn es sich um die Typen von der Abendschicht handelte.

Auf dem gefliesten Boden klangen Marios Schritte hart wie Hammerschläge und seine Flüche über die Sparmaßnahmen der Regierung, denen er zu verdanken hatte, dass die Nachtschicht seit Wochen nur noch aus einer - seiner - Person bestand, hallten laut durch die langen Flure.
Wie immer rüttelte er an jeder Tür.
Nr. 1, der Gestörte, der Frau und Kind mit einem Beil erschlagen hatte, weil er überzeugt gewesen war, ihr Geist sei von bösartigen Außerirdischen übernommen worden - Tür verschlossen, gut, weiter.
Nr. 2, der Alkoholiker. Mario wusste nur zu gut, was der Alkohol einem Menschen antun konnte, aber darüber war er längst hinweg. Und er hatte auch nie Prostituierte aufgeschlitzt und ihre Innereien gekocht - Tür verschlossen, gut, weiter.
Nr. 3, der Neuzugang. Über den wusste Mario noch nicht viel - Tür verschlossen...?
Die Tür war offen! Mit leisem Knarren schwang die massive Tür nach innen. Mario machte sofort einen Satz zurück, seine Hand schnellte an die Hüfte zum Gummiknüppel.



Hier endet das "Fragment". Laßt eurer Kreativität freien Lauf: Wenn euch eine Fortsetzung einfällt, könnt ihr mir gern eine Mail schicken, die besten Texte hänge ich dann hier an!


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