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Der letzte Terraner


Schatten huschen durch die Ruinen Terranias, als Schritte in der Totenstille erklingen.

Ein Mensch geht dort, gebückt und stolpernd. Niedergedrückt von der Verzweiflung, kraftlos nach langer, einsamer Wanderung.

Er blickt nicht auf, während er ziellos durch die Trümmer seiner Vergangenheit irrt. Er nimmt weder den radioaktiv strahlenden, fetten Qualm ausstoßenden Krater des ehemaligen Raumhafens wahr, dem er sich mühsam nähert, noch die wie anklagend in den Himmel ragenden zerbrochenen Türme der zerstörten Stadt, die er hinter sich lässt. Nur den Verwesungsgestank kann er nicht ignorieren.

"Der Terraner", so haben sie ihn einst genannt. Welche Ironie! Heute ist er wirklich der Terraner. Denn auf Terra gibt es kein menschliches Leben mehr. Nur ein Terraner lebt dort - noch.

Sein Name lautet Perry Rhodan.


*

Während sich seine in Schutt und Glassplittern knirschenden Schritte dem niedergebrannten Crest Memorial Park nähern, wälzt der Unsterbliche düster die immer gleichen Gedanken: Wie vielen Gefahren haben die Terraner in ihrer langen Geschichte schon getrotzt? Wie oft haben feindliche Mächte die Menschheit schon mit Krieg überzogen und wurden doch bezwungen?

Jeden Krieg haben die Terraner überstanden, jeden Gegner haben sie entweder befriedet oder besiegt. Doch keiner war so gnadenlos wie der jüngst aus dem Nichts erschienene, bis zuletzt namenlos gebliebene Feind, dieser überwältigende Heersturm, dessen einziges Ziel in der völligen Vernichtung jeglichen intelligenten Lebens zu bestehen scheint.

Die Apokalypse war nur die letzte, absehbare Konsequenz einer Spirale der Gewalt. Immer gefährlicher sind die stets auf Terra zielenden Bedrohungen seit Rhodans Mondlandung geworden, so als sei die Heimat der Menschen ein Spielplatz unfassbarer, unsichtbarer Mächte, denen nur immer schrecklichere Kriege mit immer neuen Grausamkeiten noch Befriedigung verschaffen können.

Jetzt müssen diese Mächte den ultimativen, nicht mehr steigerungsfähigen Kick endlich erreicht haben, denkt der einsame Mann, während er blicklos über rauchende Trümmer steigt und sich durch bizarr verdrehte Stahlarmierungen schiebt.

Eine galaktische Großmacht nach der anderen ist den unausgesetzten Angriffen zum Opfer gefallen: Die Blues, die Akonen und all die anderen - zuletzt die Terraner. Noch die kleinste und abgelegenste Kolonialwelt ist im Feuer der Invasoren untergegangen. Nicht einmal Planeten, deren Bewohner gerade erst die ersten Schritte ins All hinaus unternommen haben, sind verschont geblieben. Wo immer der Feind aufgetaucht ist, wurden ganze Zivilisationen erbarmungslos ausgelöscht.

Nur die Arkoniden leisten immer noch Widerstand.

Mit Grauen erinnert sich Rhodan an die letzten Nachrichten, die er aus dem ehemaligen Kristallimperium erhalten hat.

Die Arkoniden haben den Ansturm der Feinde zum Stehen gebracht. Aber zu welchem Preis? Imperator Bostich, unsterblich wie Perry Rhodan selbst, hat das Kerngebiet seines Reiches in eine einzige, gigantische Militärmaschine verwandelt. Die durch staatlichen Terror unterdrückten, gleichgeschalteten Arkoniden existieren nur noch zu dem einzigen Zweck, ihre schrecklichen Verluste so schnell wie möglich zu ersetzen, um das wertvolle Leben ihres Imperators zu schützen.

Die Planeten Arkons wurden niemals vom Gegner bombardiert, aber lange Jahre gnadenlosen Raubbaus und hektischer Aufrüstung haben die einst idyllischen Welten in Höllen aus Stahl und Beton verwandelt, in denen die Volksmassen unter unmenschlichen Bedingungen praktisch ununterbrochen am Bau neuer Raumschiffe arbeiten, die mit beschleunigt gezüchteten Klonsoldaten bemannt und sofort in den Kampf geworfen werden.

Die Arkoniden waren schon immer für Pragmatismus und konsequentes Handeln bekannt. Doch dieses Handeln ist gleichbedeutend mit dem Verlust der Menschlichkeit. Und trotz all ihrer Anstrengungen ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch sie fallen werden.

Aber noch existieren sie!

Der Liga Freier Terraner dagegen hat es an militärischer Stärke gefehlt. Als die Fremden damals so plötzlich überall in der Milchstraße aufgetaucht und über die ersten Welten hergefallen sind, hat Perry Rhodan sich seinen Idealen entsprechend verhalten. Er hat versucht, die Gegner zu verstehen. Mit ihnen zu verhandeln. Genau so, wie er es schon immer getan hat.

Doch diesmal hat es nicht funktioniert. Der Feind ist anonym geblieben, hat auf keinen Funkspruch reagiert und nie sein Gesicht gezeigt. Nur knapp ist Rhodan damals, beim ersten Versuch der Kontaktaufnahme, dem Tod entronnen. Reginald Bull, eines der ersten prominenten Opfer des Krieges, hatte weniger Glück: Ein einziger Treffer aus den überschweren Geschützen des Feindes hat sein Schiff in glühende Fetzen verwandelt.

Ich war zu weich, wirft Rhodan sich vor. Hätte ich es wie Bostich gemacht, dann wäre Bully - wären meine Terraner jetzt vielleicht noch am Leben...


*

Nun steht Perry Rhodan vor der gestürzten Statue des Arkoniden Crest. Endlich hebt er den Blick, betrachtet das seltsamerweise intakt gebliebene gemeißelte Haupt seines alten Freundes.

Jetzt, erst jetzt, überwältigen ihn die Gefühle. Er fällt auf die Knie, bedeckt das Gesicht mit den Händen, verschmiert Schmutz und Tränen.

War Crest nicht der erste von unzähligen Gefährten, die Rhodan auf seinem Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft verloren hat? Der Fluch der Unsterblichkeit... Rhodan hat alle Freunde zu Grabe getragen. Und jeder Tod war sinnlos. Der Weg zu den Sternen war der Weg in den Untergang.

Rhodan richtet den Blick wieder in die Höhe, auf den verdunkelten Himmel, in dem die zersplitterte Scheibe des Mondes zwischen Staub- und Ascheschwaden kaum zu erkennen ist.

"Warum lebe ich noch", stöhnt er, "warum habt ihr mich verschont?"

Diese Frage hat er sich in den vergangenen Wochen oft gestellt. Soll er für seine Hybris bestraft werden? Soll er die Bitternis der totalen Niederlage bis zur Neige auskosten, bevor auch er vernichtet wird?

Rhodan lässt den Kopf wieder sinken, eine Antwort erwartet er nicht. Wer sollte sie auch geben? ES etwa? Die Superintelligenz hat in all den Kriegsjahren nichts von sich hören lassen. Der so genannte Mentor der Menschheit hat seine Schützlinge im Stich gelassen. Wieder einmal.

Während Rhodan still vor der großen Statue kniet, kommen die Schatten näher. Sie kreisen den letzten Terraner ein. Plötzlich spürt er ein Brennen in der Schulter. Dann empfindet er nichts mehr. Keinen Schmerz, aber auch keine Erleichterung. Schwärze umfängt ihn.

Das geisterhafte Abbild einer Spiralgalaxie breitet durch das All aus und verschwindet, als hätte es nie existiert...



Copyright © Johannes Kreis, Oktober 2006. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie gewerbsmäßige Weiterverbreitung jeglicher Form nur mit meiner vorherigen Zustimmung. Ähnlichkeiten mit der Perry Rhodan-Serie sind weder zufällig noch unbeabsichtigt.






Anmerkung: Bekanntlich siegen die Terraner immer, und im Perryversum wird immer alles erklärt. Das fand ich irgendwann so langweilig, dass ich mir dachte: Lasst Perry Rhodan und die Terraner doch auch mal wieder verlieren. Wenn Krieg und Kampf schon sein müssen, dann nehmt einen Gegner, der konsequent vorgeht, sich nicht permanent selbst ein Bein stellt, nicht durch innere Machtkämpfe geschwächt wird und nicht auf fadenscheinige Weise mit Superwaffen bezwungen wird, die der aktuelle terranische Superwissenschaftler irgendwann aus dem Hut hervorzaubert. Und versucht nicht dauernd, alles mit allem zu verknüpfen - man kann auch mal was unerklärt lassen. Da nicht anzunehmen war, dass es jemals dazu kommen würde (die seitdem vergangenen Jahre haben das bestätigt), habe ich mir selbst mal ein entsprechendes Szenario ausgedacht...

J. Kreis, 23.05.2010

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