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Der Schrank



Tom lag im Bett in seinem Kinderzimmer und starrte den großen Schrank an, der an der gegenüberliegenden Wand wie ein finsterer Riese aufragte. Der Schrank hatte dort immer schon gestanden, vermutlich schon lange bevor Tom mit seinem Vater zu der Frau, die er jetzt Mutter nennen sollte, in das neue Haus gezogen war und bevor dieses Zimmer zu Toms Kinderzimmer geworden war. Und seit der ersten Nacht, die Tom in diesem Zimmer verbracht hatte, war es für ihn eine unumstößliche Tatsache gewesen, daß hinter den schweren hölzernen Türen des riesigen alten Möbelstücks ein schreckliches Ungeheuer lauerte, das nur auf eine passende Gelegenheit wartete, um eines Nachts aus seinem Versteck hervorzukommen und Tom zu zerreißen.

Deshalb lag Tom jede Nacht mit weit aufgerissenen Augen starr wie ein Brett unter den bis zum Kinn heraufgezogenen Laken und fixierte den Schrank, überzeugt davon, daß er das Ungeheuer mit seinem Blick bannen mußte, und war bereit, beim leisesten Geräusch und der geringsten Bewegung aufzuspringen und aus dem Zimmer zu flüchten.

Toms Vater ließ die Zimmertür zur Schlafenszeit immer ein wenig offen stehen, damit Licht vom Flur hereinfallen konnte, aber das war keine große Hilfe: Die schrägen Schatten, die der Schrank in diesem ungewissen Lichtschimmer warf, waren allein schon schaurig genug. Trotz aller Anstrengungen fielen Tom natürlich in jeder Nacht irgendwann die Augen zu. Solange es ging, riß er die Lider immer wieder hoch, denn er war sicher, daß das Monster sich sofort auf ihn stürzen würde, wenn er nur einen Moment lang unaufmerksam war. Irgendwann kam dann der Schlaf, Tom größter Feind, natürlich doch. Daß er am nächsten Morgen aufwachte und im Zimmer keine Spur einer nächtlichen Aktivität des Ungeheuers zu sehen war, milderte Tom Angst nicht im geringsten. Vielleicht war das Monster nur noch nicht hungrig genug gewesen?

Außerdem war das Monster schlau: Eines Abends im November hatte Tom, hinter der Tür versteckt, seine Stiefmutter beobachtet, wie sie die nicht mehr benötigten Sommerkleider in den Schrank hängte. Als sie die Schranktür öffnete und sich hineinbeugte, fuhr Tom zusammen, denn in seiner Phantasie sah er die Frau schon als blutiges Bündel am Boden liegen, das schreckliche Monster geifernd über ihr zusammengekauert. Aber nichts war geschehen. Seine Mutter hängte die Kleider auf und nahm andere Sachen heraus. So sehr er die Augen auch anstrengte, konnte Tom doch nichts außer Kleidungsstücken und Schuhen, die auf dem Boden des Schrankes standen, erkennen. Offenbar hatte das Monster Angst vor Erwachsenen und zeigte sich ihnen nicht - oder es hatte sich ganz einfach in einen Mantel verwandelt...

Seit diesem Tag hatte Tom jeden Abend Mutter oder Vater so lange wie nur möglich in seinem Zimmer zurückgehalten, damit sie ihn durch ihre Gegenwart vor dem Monster schützten. Er ließ sich Geschichten vorlesen, die er schon tausendmal gehört hatte und die ihn gar nicht mehr interessierten, ließ sich Wasser bringen und erfand immer neue Vorwände, die die Anwesenheit eines Erwachsenen im Zimmer erforderlich machten.

*

Eine sorglose Woche hatte Tom verbracht, als sein Cousin Ralph zu Besuch gekommen war. Ralph war drei Jahre älter als Tom, durfte jedoch im selben Zimmer schlafen. Ralphs Eltern machten in dieser Zeit einen Urlaub, bei dem sie ihr Kind wohl nicht mitnehmen wollten. Natürlich hatte Tom dem Cousin nie etwas von seinen Ängsten erzählt, denn der Zwölfjährige war schon überheblich genug und Tom wollte ihm nicht noch mehr Angriffsfläche bieten. Der Altersunterschied allein reichte schon aus, um Ralph zum Tyrannen und Tom zum Opfer zu machen. Doch wie sehr der größere Junge Tom auch ärgerte und unterdrückte: Er war fast schon erwachsen und hielt somit das Monster fern. Mit ihm im selben Zimmer fühlte Tom sich sicher, was Ralph einigermaßen verwirrte...

Am ersten Abend hatte Tom in gespannter Erwartung dagelegen, aber die leisen, fast unmerklichen Geräusche, mit denen das Monster seine Ankunft aus den dunklen Tiefen jenseits des Schranks ankündigte, blieben aus. Und dabei war es geblieben - bis zu jenem schrecklichen Tag, an dem Ralphs Eltern aus ihrem Urlaub zurückkehrten und ihren Sohn abholten. Toms Vater schüttelte verständnislos den Kopf, als sein Junge sich heulend an den arroganten, frühreifen Sohn seines Bruders klammerte... er selbst war froh, daß der brutale Bengel endlich das Haus verließ!

Die darauf folgende Nacht wurde schlimmer als alle anderen zuvor. Die Geräusche aus dem Schrank waren besonders laut, es schien fast so als hätte das Monster etwas nachzuholen. Tom hoffte, daß man den Lärm auch im Zimmer der Eltern hören konnte, aber das war unwahrscheinlich: Das Kinderzimmer lag ganz am anderen Ende des Flurs. Und da - stand die Schranktür nicht einen Spalt breit offen? Aufkeuchend schlug Tom auf den Schalter seiner Mickymaus-Nachttischlampe, aber als er in die plötzliche Helligkeit blinzelte, war die Schranktür geschlossen wie immer.

Es war Tom klar, daß die Geschehnisse jetzt in eine neue Phase eingetreten waren. Etwas änderte sich, und vielleicht würde das Ungeheuer bald Ernst machen... Tom hielt diesen Zustand nicht aus und weihte seinen Vater ein, der ihm ernst, ohne ein Wort zu sagen, zuhörte.

"Du mußt einen Riegel an den Schrank machen", beschloß Tom seinen hastig hervorgesprudelten Bericht, "damit das Monster eingesperrt ist. Oder am besten wir werfen den Schrank ganz weg, dann kann nichts mehr passieren."
"Ich glaube nicht, daß in dem Schrank was anderes ist außer Staubmäusen", entgegnete sein Vater mit diesem Lächeln auf dem Gesicht, bei dem Tom genau wußte, daß man ihn nicht für voll nahm. Da er aber nicht nachgab ging sein Vater mit ihm zu dem Schrank, um ihm zu beweisen, daß es da nichts gab, wovor man sich fürchten mußte. Und natürlich zeigte sich das Monster auch diesmal nicht.

"Siehst du", sagte der Vater nur und tätschelte Toms Kopf, "nachts hört man manchmal, wie das Holz knackt, oder man sieht Schatten. Aber die sind nicht gefährlich."
Sinnlos, dem Vater erklären zu wollen, daß das Monster sich Erwachsenen einfach nicht zeigen wollte. So starrte er nur blicklos hin, während sein Vater die Kleider, die im Schrank hingen, wieder zusammenschob. Natürlich war nicht das Geringste von dem Monster zu sehen.

"Na also", meinte der Vater lächelnd, "nichts als alte Mäntel und Mottenpapier. Vielleicht solltest du vor dem Schlafengehen nicht mehr so viel fernsehen? Das bringt schlechte Träume!"
Tom nickte ergeben und überlegte, was nun zu tun war. Wem konnte er noch von der Geschichte erzählen? Seine Stiefmutter würde ihm ebensowenig glauben. Möglicherweise war das auch der Grund, warum Erwachsene nicht von dem Monster bedroht wurden: Vielleicht mußte man an seine Existenz glauben und Angst vor ihm haben, damit es sich zeigte... sein Vater hatte ihm einmal erklärt, wie das bei Hunden war; die griffen nur an, wenn sie wußten, daß man sich vor ihnen fürchtete - so war es wohl auch bei dem Monster. Aber was sollte Tom machen? Er wußte doch, daß das Ungeheuer da war. Vor Hunden hatte Tom sowieso keine Angst, denn Hunde waren Freunde der Menschen. Das Monster aber war abgrundtief böse, das konnte Tom in seinem Inneren spüren, wenn er auch nicht wußte, woher dieses Wissen kam.

Schließlich kam Tom auf die Idee, den Schrank zu verbarrikadieren. In einem Film hatte er gesehen, wie man das machte: Er nahm einen Stuhl und stellte ihn so an den Schrank, daß die Rückenlehne unter dem Schlüssel klemmte und die hinteren Stuhlbeine sich in den Teppich bohrten. Versuchsweise (aber ganz vorsichtig) zog Tom an der Schranktür; diese bewegte sich um keinen Millimeter.

In dieser Nacht schlief Tom trotz der Geräusche im Schrank tief und fest, er freute sich an der Vorstellung, wie das Monster an der Schranktür rüttelte und nicht hinauskonnte. Tom wußte, wie es war, eingesperrt zu sein, seit seine Stiefmutter ihn einmal im Keller eingeschlossen hatte. Eine Stunde lang hatte er damals brüllen müssen, bis jemand auf ihn aufmerksam geworden war. Er gönnte es dem Monster, daß es auch einmal Angst haben mußte!

*

Am nächsten Morgen (es war ein Sonntag), als seine Mutter in das Zimmer kam, gab es Ärger für Tom. Denn als sie den Stuhl sah, wurde sie sehr böse und schrie Tom an, wie sie es oft tat.
"Merk dir ein für alle Mal: Es gibt keine Geister!" schimpfte sie, "Schlage dir endlich diese Hirngespinste aus dem Kopf! Und sieh dir den Stuhl an: Die ganze Lehne ist jetzt zerschrammt!" Sie erteilte Tom Fernsehverbot. "Damit du auf andere Gedanken kommst", begründete sie es.

Aber Tom konnte sehr gut zwischen der Illusion eines Films und der realen Welt unterscheiden, er wußte: Das Monster war ECHT! Und ein Geist war es auch nicht, denn Geister hatten weder Klauen noch Zähne, mit denen sie Leute zerreißen konnten - und Tom hatte mehr als einmal das Scharren gehört, mit dem das Monster seine Klauen am Holz im Inneren des Schranks wetzte.

Der Tag verging viel zu schnell, schon wurde es dunkel draußen und die Zeit zum Zubettgehen kam. Zehn Minuten lang putzte Tom sich die Zähne, sehr zur Überraschung seines Vaters, der auf ihn wartete, um ihm noch eine Gutenachtgeschichte vorzulesen, als Ersatz für die Fernsehserien, die Tom sich üblicherweise anzusehen pflegte. Dann stellte er wie immer einen Schuh zwischen Blatt und Füllung der Kinderzimmertür, um diese einen Spaltbreit offenzuhalten. Der Vater wußte, daß es für Tom unmöglich war, bei völliger Dunkelheit einzuschlafen.

Dann war der Junge allein. Groß und dunkel ragte der Schrank vor ihm auf wie ein bedrohlicher Monolith... und sofort begann das, was Tom seit so langer Zeit kannte und fürchtete: Tief im Inneren des Schranks bewegte sich etwas. Zuerst war es nur ein leises Kratzen, gleichzeitig schimmerte ein trübes Licht in den Fugen des Schrankes auf, das man nur aus dem Augenwinkel wahrnehmen konnte. Das Kratzen wurde rasch lauter, dann begann es zu rumpeln, als werde ein schwerer Körper über den Boden des Schranks gerollt, ein schweres Atmen mischte sich in den Lärm. Dann trat Stille ein.

Tom lag starr zwischen den kalten Laken, die sich in schweißgetränkte Fesseln zu verwandeln schienen. Sein Herz raste, aber er wagte keine Bewegung, um nicht die Aufmerksamkeit des Ungeheuers auf sich zu lenken.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte er den riesigen, in den Schatten vor ihm aufragenden Schrank an.

Plötzlich setzte Toms Atem aus, denn leise quietschend öffnete sich Millimeter für Millimeter die Schranktür, so daß das bleiche Licht, dessen Quelle nicht erkennbar war, nach außen fallen konnte. Von einem stinkenden Luftzug getragen wehten die Zipfel der Kleider aus dem Schrank, doch sonst war nichts zu sehen. Tom lag da wie ein von der Schlange hypnotisiertes Kaninchen, er war zu keiner Regung fähig. Ein lauter Schlag ließ die Schranktüren weit auffliegen, ein Schwall kaltem Brodems wirbelte Hemden und andere Sachen heraus. Mit einem Schrei, der nur als leises Quietschen herauskam, fand Tom seine Kraft wieder und sprang auf - doch im gleichen Augenblick war das Monster über ihm...

*

Wie immer wollte Toms Vater morgens noch einen Blick ins Kinderzimmer werfen, bevor er zur Arbeit ging. Wie immer tat er das eher flüchtig und wollte sich nur davon überzeugen, daß der Junge im Bett lag, doch diesmal stutzte er und betrat das Zimmer, denn das Bett war leer.

Dann fiel ihm auf, daß die Tür des Kleiderschranks offen war. Stirnrunzelnd betrat er das Zimmer. Wie oft hatte er dem Jungen gesagt, er solle endlich aufhören mit seinem Gerede von Ungeheuern, die sich in Schränken verbargen... Gleich darauf erhellte ein Lächeln das Gesicht des Mannes: Vielleicht hatte der Junge jetzt endlich seine irrationale Angst vor dem Schrank überwunden und trieb nun Schabernack, indem er sich in dem Ungetüm von einem Möbel versteckte und selbst Monster spielte?

Immer noch lächelnd ging Toms Vater auf das Spiel ein.
"Tom?" rief er, "wo bist du? Komm schon heraus!" Gleichzeitig schlich er zum Schrank hin, denn er wollte seinen Sohn erschrecken, indem er ihn im Schrank packte. Die Blutflecken vor dem Möbel sah er im Halbdunkel nicht.

Was Toms Vater erblickte, als er sich in den Schrank beugte, ließ das Lächeln auf seinem Gesicht gefrieren. Er konnte spüren, wie ihm der unfaßbare Anblick, der sich ihm bot, innerhalb von Sekundenbruchteilen den Verstand raubte.

*

Als Toms Stiefmutter die Schreie ihres neuen Mannes hörte, ahnte sie schon, was vorgefallen sein konnte, und diese Ahnung bestätigte sich, als sie, den grauenvollen Schreien und dem irren Gelächter folgend, das Kinderzimmer betrat.

Dort kauerte der Mann, den sie geheiratet hatte, vor dem Schrank und warf ein blutiges Bündel, das einmal ein Kinderkopf gewesen war und von dem immer noch triefende, halb zerkaute Fleischfetzen herabbaumelten, ständig von einer Hand in die andere. Dabei stieß er diese gellenden, gequälten Schreie aus, die die Frau aus langjähriger Erfahrung schon so gut kannte.

Eigentlich hatte sie angenommen, daß es diesmal länger dauern würde, bis ihr Vater, vom Hunger getrieben, aus den feuchten Gängen und Kavernen, die sich unter dem alten Haus ausbreiteten, hinaufsteigen würde, um sich wieder in den Geheimgängen herumzutreiben, die das Haus durchzogen wie ein Spinnennetz. Aber offenbar hatten die Ratten, von denen er sich sonst ernährte, ihn schon nach so kurzer Zeit nicht mehr zufriedenstellen können.

"Ich hätte es mir eigentlich denken können" sagte sie zu sich selbst, als sie Toms Vater mit einem von Toms Baseballschlägern, die in einer Ecke standen, erschlug, "Das Gör hat also doch nicht nur Unsinn gefaselt." Während sie den Leichnam ihres Ehemannes in der Badewanne mit einem scharfen Fleischermesser, das sie für solche Zwecke immer in ihrem Schminkkasten aufbewahrte, zerstückelte und danach die Brocken in den Geheimgang hinter dem Schrank warf, überlegte sie bereits, ob sie diesmal vielleicht in eine Kneipe gehen sollte, um einen neuen Mann kennenzulernen. Allmählich bekam sie genug von diesen sitzengelassenen Typen oder alleinstehenden Vätern, die man im Theater oder in der Stadt anmachen konnte.

Und ihr Vater war immer hungrig...



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