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Metropoliade 3


I

Tief im Inneren des gigantischen Gebäudekomplexes, der sich im Zentrum der Stadt, dort wo die Kuppel am höchsten war, wie ein Krebsgeschwür in die Struktur der Masse anderer Gebäude fraß, schwebte der Stadtvater in einem mit grünlich leuchtender Nährflüssigkeit gefüllten Plexiglaszylinder. Ein hypothetischer Beobachter hätte dieses verrenkte und vertrocknete Gebilde im Inneren des Zylinders, das durch zahlreiche Kabel und Schläuche mit wuchtigen Apparaturen verbunden war, in welche der Zylinder eingebettet stand, schwerlich für ein lebendiges Wesen gehalten. Und doch besaß der Stadtvater ein lebendiges und fühlendes Bewußtsein - in der Tat beherrschten in diesem Augenblick ausgesprochen starke Gefühle dieses Etwas, das vor endlos langer Zeit einmal ein Mensch gewesen war. Vor allem anderen war der Stadtvater wütend. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann zuletzt etwas vorgefallen war, das seinen Zorn derart stark erregt hatte, falls es überhaupt jemals zu solch einem Ereignis gekommen war.

Natürlich gab es keinen Beobachter in dem kleinen, streng bewachten und gesicherten Raum, und so wurde auch niemand Zeuge, wie der Stadtvater zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Augen öffnete. Eigentlich hatte er keinen Grund dazu, denn er erhielt alle Informationen, die er benötigte, über eine direkte Neuralverbindung von einem Computer, der die von allen Seiten einströmenden Daten für ihn vorsortierte und in eine für das menschliche Gehirn verständliche Form brachte. Die Augen des Stadtvaters waren klar und blau - doch sie sahen nichts außer dem nebelhalften Grün der fluoreszierenden Lösung, in der er schwamm. Der Rest des Raumes lag in Dunkelheit, und es gab dort auch nichts weiter zu sehen als die Maschinen, mit denen er vollgestopft war und die den Stadtvater am Leben erhielten. Informationen wurden in das Gehirn des Stadtvaters eingespeist. Sie stellten sich für ihn dar wie eine glitzernde Explosion, die sich in seinem Geist zu Bildern, Text und geisterhaften Stimmen formte. Was ihm mitgeteilt wurde, wäre sicherlich auch für die anderen Stadtväter ein Schock gewesen, denn es bedeutete, daß in der Stadt Dinge vor sich gingen, die sich ihrer Kontrolle entzogen und auf die sie somit keinen direkten Einfluß ausüben konnten. Genaugenommen konnte es so etwas nicht geben, denn die Kontrollmechanismen, die den Stadtvätern zur Verfügung standen, waren seit unzähligen Jahren etabliert und solange perfektioniert worden, bis sie eine wahrhaft umfassende und permanente Überwachung jedes einzelnen Bürgers ermöglichten.

Und doch war es jetzt zu etwas gekommen, was den Stadtvater besonders betraf, da er dem Bereich Erhaltung Innerer Sicherheit (E.I.S.) vorstand. Es bestand sogar die Möglichkeit, daß er sich vor den anderen Stadtvätern, insbesondere vor den Stadtgründern, würde rechtfertigen müssen. Dies verursachte seine Verunsicherung und seine Wut, aber dieser Zorn änderte nichts an den Tatsachen: In den vergangenen drei Zeiteinheiten, die man in der Stadt traditionell immer noch als Tage bezeichnete, waren mehrere Bürger spurlos verschwunden. Trotz der intensiven Bemühungen aller Sicherheitskräfte waren sie nicht wieder aufgetaucht - es gab nicht den geringsten Hinweis für Ihren Verbleib oder darauf, was mit ihnen geschehen sein konnte.

Der Stadtvater beschloß, die anderen vorerst nicht zu informieren. Das konnte er noch früh genug tun, wenn er mehr über diese ungeheuerlichen Vorgänge in Erfahrung gebracht hatte. Die Bürger konnten nicht wirklich verschwunden sein. In der Stadt unter der Kuppel konnte nichts und niemand verlorengehen. Die nutzlosen Augen schlossen sich wieder. Der Stadtvater konzentrierte sich. Er mußte einen Plan ausarbeiten, mit dessen Hilfe er der Sache auf den Grund gehen konnte. Allmählich verrauchte sein Zorn und wurde von einem nicht weniger verwirrenden weil ungewohnten Gefühl ersetzt: Die Angelegenheit begann ihm Spaß zu machen. Endlich gab es etwas zu tun, wurde die Monotonie seines Daseins unterbrochen. Eigentlich, so überlegte er, war es ohnehin nur eine Frage der Zeit gewesen, bis seine Aufmerksamkeit nachließ und Fehler gemacht wurden. Vielleicht hatte er sich in der Vergangenheit zu sehr auf die Maschinen und auf Untergeordnete wie die Leiter der verschiedenen Ressorts seines Fachgebiets verlassen. Doch jetzt war es an der Zeit, selbst aktiv zu werden.

Während der Stadtvater begann, den notwendigen Stellen auf mentalem Wege seine Anweisungen zu erteilen, ging ein Zittern durch die verdorrten Muskeln seines Gesichtes. Wer den Stadtvater jemals zu Gesicht bekommen hatte (und nur wenige, denen dies je zuteil geworden war, hatten danach noch lange gelebt, um davon zu berichten), hätte es nicht für möglich gehalten, daß das zerstörte Gewebe, stellenweise zerfressen und vom blanken Knochen abgeblättert, noch dazu in der Lage war, den Gefühlen Ausdruck zu verleihen, die den Stadtvater bewegten.
Und doch war es so: Der Uralte lächelte. Allerdings lag nicht die geringste Wärme in diesem Lächeln, es war genauso kalt wie die Metalloberflächen der Lebenserhaltungssysteme in dem kleinen, dunklen Raum.



II


Fagen hatte sich selbst immer für einen Profi gehalten, für einen eiskalten Einzelgänger, dem niemals Fehler unterliefen. Diese Selbsteinschätzung mußte er jetzt revidieren, denn die Cops waren ihm auf den Fersen.
Anfangs hatte alles nach einem der kleinen Gefälligkeitsjobs ausgesehen, die er für meist anonyme Auftraggeber erledigte, und er hatte diesen Job sauber zu Ende geführt. Wohl auch zur Zufriedenheit seiner Kunden, was er daran hatte erkennen können, daß sein chronisch leergeräumtes Bankkonto plötzlich wieder prall gefüllt war. Doch diesmal war die Sache damit offenbar nicht erledigt. Irgend etwas mußte er wohl übersehen haben, wenn er sich auch nicht erklären konnte was das gewesen sein sollte. Als er nämlich ins Wohnsilo zurückgekehrt war, nachdem er die Höhe seines Kontos an einem öffentlichen Cred-Terminal abgefragt hatte, hatte er das Appartement auf den Kopf gestellt vorgefunden. Er kannte den Anblick, denn er hatte selbst schon mehr als eine Wohnung durchsucht: Herausgerissene Schubfächer, zerschlitzte Möbel, durcheinandergeworfene zerstörte Gegenstände. Natürlich waren sämtliche Waffen verschwunden - nur die schwere automatische Pistole, die er in einer Türfüllung versteckt hatte, war nicht gefunden worden. Die hatte er mitgenommen und sich schleunigst aus dem Staub gemacht. Daß er den unerwarteten Besuch nicht irgendwelchen früheren Kunden oder gar Opfern zu verdanken hatte, war schon an dem grellen Dienstsiegel zu erkennen gewesen, welches die Cops auf der Tür angebracht hatten.

Jetzt, nur wenige Minuten später, stand Fagen im dunklen Eingang eines verlassenen Hotels, wo er sich sowohl vor dem Regen als auch vor neugierigen Blicken zu verbergen suchte, und legte sich die nächsten Schritte zurecht. Als erstes mußte er versuchen, seine Spur zu verwischen, denn sicherlich war das Appartement unter Beobachtung gestellt worden. Dann konnte er darangehen, seine Credits entweder in Bares umzuwandeln oder auf ein gefälschtes Konto zu transferieren. Das mußte er natürlich erledigt haben, bevor es den Cops gelingen konnte, sein Credkonto zu sperren oder gar zu löschen - Fagen wußte zwar nicht, aus welchem Grund (und Gründe gab es bei seiner Vorgeschichte genug) er gesucht wurde, aber er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen und sich entsprechend darauf einzurichten.

Fagen fror. Es herrschte tiefe Dunkelheit auf dieser Seite der Straße, und aus verborgenen Abzugsschächten wehte ihn ein eisig kalter, stinkender Hauch an. Er mußte schleunigst einen sicheren Unterschlupf finden, von dem aus er alles weitere in Angriff nehmen konnte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite zog ein Trupp von Ordensbrüdern vorbei. Ihre Lederkutten glänzten feucht, die Stahlkugeln ihrer Ketten schimmerten kalt im Licht der spärlichen Schwebelaternenbeleuchtung. Es war ratsam, sich in dieser abgelegenen Gegend nicht von den Brüdern erwischen zu lassen, daher war Fagen bemüht, möglichst regungslos zu verharren. Eine Begegnung mit den Streitern der Kirche war das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Als der Trupp vorübergezogen und um die nächste Kreuzung verschwunden war, stieß Fagen sich von der Wand ab, sicherte in alle Richtungen und beeilte sich, die nächste U-Station zu erreichen, wo er in der relativen Sicherheit einer großen Menschenmenge untertauchen konnte.

*

Der kleine, wieselähnliche Mann, der den Eingang des Bordells bewachte, zeigte nicht die geringste Furcht vor Fagen, der sich mit der ganzen Wucht seines auf eine Größe von 190 Zentimetern verteilten Gewichts von zwei Zentnern vor ihm aufgebaut hatte.
"Hier kommst du nicht rein, Fag," sagte der Mann und spielte beiläufig mit dem Neurostimulator, den er lässig zwischen zwei Fingern hielt. "Du bist ein gesuchter Mann, Fag. Würden wir dich hier verstecken, dann könnten wir uns gleich selbst Handschellen anlegen. Vergiß es, Fag, und such dir einen anderen Unterschlupf."
Fagen kochte vor Zorn, aber er war hilflos. Ein leichter Druck auf die Taste des Neurostimulators würde genügen, sämtliche Nervenfasern bei jedem Menschen im Umkreis von zwei Metern, der nicht wie der kleine Mann ein Abschirmungsgerät trug, für Sekunden zu chaotischer Aktivität anzuregen. Fagen würde sich in ein zuckendes Fleischbündel verwandeln und sich durch Muskelverkrampfungen selbst jeden einzelnen Knochen im Leib brechen.

Also unterdrückte Fagen den Drang, eine Faust in das wieselähnliche Gesicht zu setzen, welches ihn von unten her angrinste. Der Kerl arbeitete hier erst seit ein paar Wochen. Wären die alten Bekannten von früher noch am Leben, hätte er sich schon längst ein warmes, gemütliches Zimmer in dem Hurenhaus als Versteck für die nächsten Tage aussuchen können.
"Ist das der Dank dafür, daß ich euch jahrelang Pokornys Schutzgeldschläger vom Leib gehalten habe?" stieß Fagen schließlich hervor, obwohl er es besser wußte. Am Ende war sich doch jeder selbst der Nächste.
"Dankbarkeit hat nichts damit zu tun. Du wurdest gut dafür bezahlt, Fag, wie jeder Freelancer. Und jetzt verschwinde. Deine Anwesenheit hier ist geschäftsschädigend."
"Also gut", knurrte Fagen. Es war wohl wirklich besser, wenn er es aufgab, denn die Unterhaltung begann schon Aufsehen zu erregen. Einige Mädchen und auch ein paar Gäste hatten sich neugierig im Eingangsbereich versammelt. "Aber ich rate dir, in Zukunft gut aufzupassen, sonst erwische ich dich noch für das hier."
"Wer hier wen erwischt, das ist die Frage, Fag", grinste das Wiesel, aber Fagen hatte sich schon abgewandt. Er konnte es förmlich spüren, wie ihm die Kontrolle über diese Situation entglitt. Noch nie war er in einer ähnlichen Lage gewesen. Er war es gewöhnt, seinen Gegnern - oder seinen Opfern - immer einen Schritt voraus zu sein, aber jetzt war er der Gejagte. Und mit dieser Umkehr der Rollen kam er nicht zurecht.

Fagen wollte die Straße überqueren, um wieder in den endlosen U-Bahn-Schächten zu verschwinden, aber er kam nicht weit. Lautlos senkten sich mehrere unbeleuchtete Schwebewagen der Cops aus der Dunkelheit auf die Straße herab und spuckten Dutzende von schwerbewaffneten Ordnungshütern aus. Fagen hechtete in die Deckung einiger Müllcontainer, riß die Pistole heraus und gab mehrere ungezielte Schüsse ab. Ob und was er traf, konnte er schon nicht mehr wahrnehmen, denn von einem weiteren Gleiter aus, der plötzlich direkt über Fagen aufgetaucht war, nahm ihn ein Cop mit einem leichten Neurostim unter Beschuß. Die Ladung traf Fagen voll und setzte ihn augenblicklich außer Gefecht. Das letzte, was Fagen wahrnahm, waren die ausdruckslosen, von Helmvisieren halb verdeckten Gesichter der Cops, die sich über ihn beugten. Dann verlor er das Bewußtsein.

III

Der Neurostim, mit dem Fagen niedergeschossen worden war, mußte auf geringe Leistung gestellt gewesen sein, denn als er wieder zu sich kam, verspürte Fagen nur leichte Kopfschmerzen und ein unangenehmes Ziehen in allen Gliedern, einem Muskelkater nicht unähnlich. Probeweise bewegte er Arme und Beine - nichts gebrochen.
Gegen das gleißend helle Neonlicht blinzelnd sah Fagen sich um. Man hatte ihn in der hintersten Ecke einer fensterlosen Gefängniszelle abgelegt, die sich vermutlich einige Dutzend Meter tief unter der Erde befand. Vorne, in der Nähe des verchromten Gitters, lungerten noch einige andere Gestalten herum. Am auffälligsten waren drei Junks, deren Haut aussah, als hätten sie sich mit Batteriesäure gewaschen. Unweit von dieser Dreiergruppe kauerte ein unscheinbarer Mann auf dem Boden, der den Kopf in den über den Knien verschränkten Armen vergraben hatte. Ein weiterer Mann, über zwei Meter groß und geradezu erschreckend hager, wanderte ruhelos immer von einem Ende des Gitters zum anderen (wie ein Raubtier im Kuppelzoo, überlegte Fagen), wobei er stets einen großen Bogen machte, wenn er die Junks erreichte.

Nach dem Geruch, der in der Zelle herrschte, waren zumindest die Junks schon seit längerer Zeit hier eingesperrt: Das süßliche Aroma ihrer drogendurchsetzten Ausscheidungen verseuchte die Luft. Wahrscheinlich befanden sie sich bereits im Endzustand des Entzugs, denn sie bewegten sich kaum noch - mehr tot als lebendig sahen sie ohnehin aus. Der Hagere war darauf aufmerksam geworden, daß Fagen das Bewußtsein wiedererlangt hatte. Er kam zu ihm herüber und starrte ihn minutenlang an, bis es Fagen zu dumm wurde.
"Passen Sie auf, daß Ihnen nicht die Augen aus dem Kopf fallen", fauchte er gereizt und richtete sich langsam auf - obwohl er nicht zu den Kleinsten gehörte, mußte Fagen zu dem anderen aufblicken.
"Bleiben Sie ruhig", mahnte der Fremde. Er hatte eine unglaublich tiefe Baßstimme. "Warum sind Sie hier?"
Fagen grinste schief. Er konnte sich zwar mehr als ein Dutzend Gründe vorstellen, die für seine Verhaftung sprachen, aber weshalb seine sorgfältig aufgebaute Tarnung ausgerechnet jetzt aufgeflogen war (tagsüber arbeitete er als Büroangestellter in der Durocom-Corporation, einer Softwarefirma), das konnte er sich absolut nicht vorstellen.
"Keine Ahnung", sagte er daher wahrheitsgemäß und hob die Schultern, "kann sein, daß ich mein Konto überzogen habe."
"Ha, ha", machte der andere, "sehr witzig. So weit ist es nun doch noch nicht mit der Justiz in dieser Stadt! Was ist es wirklich?"
Fagen wandte sich demonstrativ ab. Ihm stand momentan nicht der Sinn nach einer Unterhaltung.
"Ist ja schon gut", beschwichtigte der Hagere, "wenn Sie nicht darüber reden wollen, können Sie es auch bleiben lassen. Ich jedenfalls sitze hier in Untersuchungshaft wegen Industriespionage. Mein Name ist übrigens Rakosi. Arcadiu Rakosi."
Fagen übersah die Hand, die der Hagere ihm entgegenstreckte. "Hören Sie", sagte er, denn das Verhalten des Mannes verwirrte ihn, "was wollen Sie überhaupt von mir? Ist Ihnen langweilig? Suchen Sie Anschluß?"
Rakosi hob eine Augenbraue. "Nein", brummte er, "ich suche nach einem Weg, der uns hier herausbringt. Und ich dachte, Sie seien der richtige Mann, um mir dabei zu helfen." Damit drehte er sich um und nahm seine Wanderung entlang des Gitters wieder auf.
Fagen verzog angewidert den Mund. Dieser Arcadiu Rakosi mußte durchgedreht sein, wahrscheinlich war ihm der Aufenthalt hier unten nicht bekommen. Abgesehen davon, daß diese unterirdischen Zellen absolut ausbruchssicher waren: Die Stützpunkte der Cops waren so schwer bewacht, daß ein Fluchtversuch gleichbedeutend mit Selbstmord gewesen wäre.
Fagen kauerte sich in seiner Ecke der Zelle auf den kahlen Betonboden und wartete darauf, dem Untersuchungsrichter vorgeführt zu werden. Irgendwann mußte man ihm ja sagen, warum er eingesperrt worden war...

*

Als drei Tage vergangen waren, in denen sich - was Fagen anging - rein gar nichts getan hatte, kamen ihm erste Zweifel daran, daß hier alles mit rechten Dingen zuging. Anfangs hatte er geglaubt, die Verzögerung sei vielleicht darauf zurückzuführen, daß die Behörden überlastet waren (was bei der hohen Kriminalitätsrate dieser Tage kein Wunder gewesen wäre). Allmählich jedoch wurde er unruhig. Sollte er etwa klammheimlich aus dem Verkehr gezogen werden, ohne Anklage und Gerichtsverhandlung? War er irgend jemandem zu sehr auf die Füße getreten, der über die nötigen Machtmittel verfügte, sich jetzt auf diese Weise an ihm zu rächen?

Am zweiten Tag seines Aufenthalts in der Zelle waren die Junks, die in der ganzen Zeit keinerlei Lebenszeichen von sich gegeben hatten, hinausgeschafft worden. Das war die einzige Gelegenheit gewesen, zu der sich die Cops gezeigt hatten und sie hatten Fagen und die beiden anderen völlig ignoriert. Sonst sah man keinen Menschen: Die Nahrung wurde auf eßbaren Tabletts durch einen flachen Schlitz in der Rückwand der Zelle hineingeschoben, Wasser konnten die Gefangenen per Tastendruck aus einer abgerundeten Armatur an der Wand zapfen, ein Druck auf eine andere Taste ließ ein Loch im Boden aufgleiten, welches ihnen als Toilette diente. Aus eigener Erfahrung konnte Fagen sagen, daß er sich somit in einer durchaus luxuriösen Zelle befand.

Fagen hatte seit ihrer ersten Unterhaltung kein Wort mehr mit Rakosi oder dem anderen Gefangenen, der ohnehin meistens teilnahmslos herumsaß oder -lag, gewechselt. Manchmal hockte sich Rakosi zu dem anderen, aber über was dann geredet wurde, bekam Fagen nicht mit. Es interessierte ihn auch nicht sonderlich. Im Moment beschäftigte ihn nur eines: Was man mit ihm vorhaben mochte. Vergeblich zerbrach er sich den Kopf darüber, was er in der Vergangenheit falsch gemacht haben konnte. Wer war sein Feind? Gab es überhaupt eine bestimmte Person, der er seine jetzige Lage zu verdanken hatte? Immer öfter kreisten seine Gedanken um Flucht. Er hatte sich wohl von Rakosi einen Floh ins Ohr setzen lassen. Fagen kannte sich selbst nicht wieder. Wurde er etwa alt?

Am nächsten Abend (hätte man ihm den Armbandchronometer auch noch - wie alles andere - abgenommen, so hätte Fagen im gleichförmigen Neonlicht bald jegliches Zeitgefühl verloren) kam Rakosi zum zweiten Mal zu Fagen und sprach ihn ohne Umschweife an.
"Unser Freund Hendricks da drüben", er wies mit dem Kopf in die Richtung des jungen Mannes, der wie immer völlig in sich gekehrt dasaß, "verliert allmählich die Nerven. Wissen Sie, warum er hier ist? Er hat einen Bürovorsteher, dessen Sekretärin und noch ein paar andere Angestellte der Firma, in der er gearbeitet hat, mit einem Preßlufttacker erschossen. Das gleiche wollte er danach mit sich selbst anstellen, aber da haben ihn die Cops geschnappt. Ein Fall von Kuppel-Paranoia vermutlich, traurige Sache... Eigentlich war er es, der mich auf die Idee gebracht hat, daß es möglich sein müßte, sich dem zweifelhaften Urteilsspruch unseres Richters zu entziehen."
"Sie wurden bereits verhört?" warf Fagen ein.
"Ja, allerdings. Ist aber schon einige Tage her, da waren Sie noch nicht da. Man hat uns gesagt, zur Zeit sei eine schnellere Bearbeitung unserer Fälle nicht möglich. Ich für mein Teil lege auch gar keinen Wert auf beschleunigten Abschluß meines Verfahrens! Wie wir erfahren haben, sollen wir allesamt demnächst verlegt werden, vermutlich weil das Untersuchungsverfahren in das Anklageverfahren übergeht - oder was auch immer. Genau das wird der Moment sein, in dem unser Freund Hendricks zum Einsatz kommt."
Rakosi machte eine Kunstpause, die sich unangenehm in die Länge zog, weil Fagen gar nicht daran dachte, dem anderen ein Stichwort zu liefern. Schließlich beendete Rakosi seinen Vortrag ärgerlich: "Hendricks ist nämlich Spezialist für Mikroelektronik und kann mittels einer kleinen Manipulation jeden Gleiter zum Absturz bringen. In einer solchen Situation wäre Flucht keine Illusion mehr. Wir brauchen dann nur noch einen kräftigen Mann wie Sie, der sich eventuell überlebender Wachen annehmen kann. Mir selbst fehlen für sowas leider die körperlichen Möglichkeiten..."
Fagen grinste nur grimmig. "Vorausgesetzt, wir überleben den Absturz."
"Der Tod wäre immer noch besser als das, was uns bevorsteht", winkte Rakosi ab, "Resozialisierung - also Gehirnwäsche - Zwangsarbeit und so weiter. Ich weiß ja nicht, was Sie angestellt haben."
"Hören Sie, Rakosi", knurrte Fagen, "so ein Polizeigleiter kann nicht manipuliert werden. Nicht mal dann, wenn man uns aus unerfindlichen Gründen in's Cockpit sperren würde. Vergessen Sie's einfach, wenn Sie noch nicht genauso verrückt sind wie dieser Hendricks."
"Wir werden ja sehen", beharrte Rakosi, "Ich will von Ihnen nur eines wissen: Wenn alles so klappt, wie wir uns das vorstellen: Machen Sie dann mit oder nicht?"
Fagen schnaubte nur und ging in eine andere Ecke.
"Ich werte das als Zustimmung", rief Rakosi ihm hinterher. Dann gesellte er sich zu Hendricks, der nicht einmal den Kopf hob.

Obwohl Fagen genau wußte, daß Flucht keine Lösung des Problems wäre - denn wo sollte er sich danach vor den Cops verstecken? Für ein Leben auf der Flucht war die Kuppel nicht groß genug - ließ ihn der Gedanke daran nicht mehr los.
Vielleicht könnte ich herausfinden, was überhaupt los ist, wenn ich erst einmal draußen wäre, überlegte er, und vielleicht gibt es doch noch eine Zuflucht, in der ich warten könnte, bis sich die Wellen gelegt haben...
Fagen beschloß, erst einmal abzuwarten. Im Augenblick konnte er sowieso nichts anderes tun.

IV

Fagen, Rakosi und Hendricks kauerten zusammengequetscht wie Sardinen im hinteren Teil des schwergepanzerten Transportschwebers, der sie vom Polizeiposten zum Städtischen Gefängnis bringen sollte. Die Pilotenkanzel war vom Heck aus nicht zugänglich - und den vierten und letzten Passagierplatz belegte ein schwer bewaffneter Cop mit Körperpanzer, der als einziger nicht fest an die Kabinenwand geschnallt war und somit im Gegensatz zu den Gefangenen seine volle Bewegungsfreiheit hatte.
Ob der Cop die drei Gefangenen beobachtete oder nicht, konnte Fagen nicht erkennen, denn in dem Helmvisier des Mannes spiegelten sich die matten Deckenleuchten und verbargen den Blick auf das Gesicht. Jedenfalls reagierte der Cop zunächst nicht, als Hendricks mit Mühe seine Hände zusammenführte und anfing, am Armbandchrono herumzufingern.
Erst als der Chrono ein scharfes Piepsen von sich gab, wurde der Cop aufmerksam, hatte jedoch keine Gelegenheit mehr zu irgendeiner Reaktion, denn plötzlich erloschen sämtliche Lichter in der kleinen Kabine, gleichzeitig setzten die satt brummenden Betriebsgeräusche des Gleiters aus - das Fluggerät stürzte augenblicklich wie ein Stein ab, denn über Tragflächen verfügte die mit Antigravmotoren ausgestattete Maschine nicht.
Der Cop wurde vom Sitz gehoben und prallte haltlos an die Rückwand, wobei er seine Waffe verlor. Fagen und die beiden anderen waren durch ihre Gurte ausreichend geschützt, auch dann, als der Gleiter sich mit dem Bug voran in einen Wohnturm bohrte und dann am Gebäude entlang auf den Boden zustürzte, wobei er sich mehrmals überschlug. Fagen verlor zwar kurzfristig in dem Chaos aus Schreien, Erschütterungen und durcheinanderwirbelnden Gegenständen das Bewußtsein, war damit aber immer noch weitaus glücklicher als der Cop, der beim endgültigen Aufprall zwischen zwei Verkleidungsstreben eingequetscht und getötet wurde.

Fagen kam in dem rauchenden Wrack des Gleiters als erster wieder zu sich und versuchte sich aus den Gurten zu befreien. Das war nicht weiter schwierig, da der gesamte Sitz aus der Halterung gerissen worden war. Durch die Wucht des Aufpralls war die hintere Luke des Gleiters aufgesprungen, so daß Fagen sich alsbald im Freien befand. Die blutenden Überreste des Cops ignorierte er, da von ihm keine Bedrohung mehr ausging. Fagen beeilte sich, von dem Wrack wegzukommen, denn es war nicht auszuschließen, daß es im nächsten Moment explodierte. Fagen begriff noch immer nicht ganz, was eigentlich geschehen war.
Als nächster kam Hendricks (ziemlich zerschunden, aber lebendig) aus der Luke, dicht gefolgt von Rakosi. Hendricks wandte sich zum total zertrümmerten Bug des Gleiters und begann, in den verbogenen Fetzen herumzuwühlen.
"Beeilen Sie sich", rief Rakosi, "das Ding kann jeden Moment hochgehen!"
Fagen hielt sich nicht auf, denn um die Absturzstelle herum bildete sich bereits ein Menschenauflauf. Es war nur eine Frage von Minuten, bis eine Streife eintreffen würde. Es interessierte ihn auch nicht, was die beiden anderen anstellten - für ihn kam es erst einmal darauf an, von der Bildfläche zu verschwinden. Er wußte auch schon, wie er das anstellen würde.

"He, Fagen!"
Fagen drehte sich zu Hendricks um, der mittlerweile gefunden zu haben schien, wonach er gesucht hatte. Er warf Fagen etwas zu, das dieser geschickt auffing. Es war ein mit einer Identitätsnummer und der Aufschrift "Beweisstück 1" versehener Plastikbeutel. Und in dem Plastikbeutel befand sich Fagens Pistole. Noch fast voll geladen.
Wortlos riß Fagen den Beutel auf und steckte die Pistole ein. Auch den Beutel steckte er ein - aus reiner Gewohnheit, um keine Spuren zu hinterlassen. Dann beeilte er sich, im nächsten U-Bahn-Schacht zu verschwinden.
Wie erwartet folgten Hendricks und Rakosi ihm auf dem Fuße, was er mit leichter Verärgerung zur Kenntnis nahm. Im Augenblick wußte er noch nicht, wie er diese beiden lästigen Kletten abschütteln konnte.
Das Trio fiel trotz arg mitgenommener Kleidung in der U-Bahn kaum auf. Abgerissene Gestalten aller Art gehörten hier zum alltäglichen Bild.
Hendricks war seit der gelungenen Flucht nicht mehr wiederzuerkennen.
"Raten Sie mal, was ich hier habe", sagte er und schwenkte ein flaches, kreditkartengroßes Datenlesegerät.
"Keine Ahnung", brummte Rakosi, "Sie werden es mir sicher gleich sagen."
Fagen wurde aufmerksam und nahm Hendricks das Gerät aus der Hand. Er wußte aus eigener Erfahrung, was er vor sich hatte: Es war das Überführungsprotokoll aus dem Polizeigleiter - Das also hatte Hendricks gesucht. Es gelang Fagen jedoch nicht, das Lesegerät zu aktivieren.
"Geben Sie mal her und lassen Sie einen Spezialisten ran", grinste Hendricks. Es war das erste Mal, daß Fagen ihn lächeln sah. Hendricks betätigte einige winzige Sensortasten auf der Oberfläche des Geräts und überwand die Codesicherung innerhalb weniger Sekunden. Dann konnte er seine eigenen Überführungsdaten sowie die seiner beiden Ex-Mitgefangenen ablesen. Übergangslos gefror das Lächeln auf seinem Gesicht und er wurde totenbleich. Wortlos reichte er Fagen das kleine Gerät.

Ein Blick auf die wenigen dargestellten Daten genügte Fagen um zu erkennen, daß er dem Tod sozusagen von der Klinge gesprungen war.
"Jetzt lassen Sie schon sehen, was es so schreckliches zu lesen gibt", polterte Rakosi und nahm Fagen den Datenträger aus der Hand, "wollte man uns etwa zur Zwangsarbeit in die Fabriken schicken?"
Hendricks begann hysterisch zu lachen, so daß einige der anderen Insassen der U-Bahn sich jetzt doch zu dem Trio umdrehten. "Zwangsarbeit, von wegen", keuchte Hendricks, "mit uns hatte man etwas endgültigeres vor!"
"Exekution in allen drei Fällen", sagte Fagen tonlos, "ohne Anklage, Verhandlung und Urteil."
"Das kann nicht sein", brummte Rakosi, "da muß ein Irrtum vorliegen. Keiner von uns hat ein Verbrechen begangen, auf das die Todesstrafe steht."
"Woher wollen Sie das wissen?" warf Fagen ein, obwohl er keine Antwort erwartete, denn nun da er wußte, was ihm bei einer erneuten Verhaftung drohte, lag sein weiterer Weg klar vor ihm. Er arbeitete bereits einen Plan aus, der ihm bald zur Sicherheit verhelfen sollte.
"Genau", meinte auch Hendricks, "haben Sie eine Ahnung, was ich auf dem Kerbholz habe?"
"Sie haben es mir doch erzählt. Mord im Affekt oder Totschlag. Irgendeine strafmindernde Psychose hätte sich schon gefunden, was weiß ich, aber sowas führt nur zur Resozialisierung", brummte Rakosi.
"Irrtum", entgegnete Hendricks, "ich bin vielleicht durchgedreht, aber ich hatte auch allen Grund dazu! Ich mußte ein neues Betriebssystem bei USM-Products einrichten - kennen Sie den Konzern?"
Rakosi nickte: "United Synthetics and Medical-Products. War vor ein paar Jahren in den Schlagzeilen wegen diesem Psychopharmaka-Skandal, bei dem es an die zehntausend Todesopfer gegeben hat. Ich dachte, nach den Prozessen wegen der Entschädigungen und Schmerzensgelder sei die Firma pleite."
"Weit gefehlt: Es geht ihr besser als je zuvor, und das hat einen bestimmten Grund. Ich konnte bei der Installation die alten Archive und Kontenübersichten lesen und habe herausgefunden, daß alle Entschädigungskosten, die dem Konzern nach den Prozessen entstanden sind, erstattet wurden - und zwar von der Stadt."
"Unmöglich!"
"Oh doch! Und als mein Interesse erst einmal geweckt war, fand ich noch viel mehr. Der Konzern hatte den Auftrag, ein tödlich wirkendes Mittel in Umlauf zu bringen, das dann vor allem in den Silos der Altenfürsorge zum Einsatz kam. Die Leute, die damals gestorben sind, waren durchweg nicht jünger als sechzig. Auch eine Möglichkeit, gegen die Überbevölkerung vorzugehen..."
"Und USM-Products ist der einzige Hersteller hochwertiger Medikamente in der Stadt. Keine der anderen Firmen verfügt über deren Know-How", sagte Rakosi.
"Ja", ergänzte Hendricks, "und das ist auch der Grund, warum USM auch heute noch fröhlich weiter produziert - wer weiß, wann die Stadt wieder mal einen solchen Auftrag zu erteilen hat!"
"Und als Sie das erfahren haben, haben Sie sich den Tacker gegriffen und sind zur Selbstjustiz geschritten?"
"Ich wußte, was ich zu tun hatte. Und mir war völlig klar, daß man mich mit diesem Wissen nicht am Leben lassen konnte. Irgendwann wäre es ja doch herausgekommen, daß ich geschnüffelt habe. Außerdem wollte ich, daß alle von diesen Machenschaften erfahren!"

Damit versank Hendricks wieder in sein gewohntes, grüblerisches Schweigen. Fagen interessierte sich nicht sonderlich für die Geschichte - er wußte wegen seines Lebenswandels zwangsläufig noch über ganz andere Dinge Bescheid und vielleicht war das der Grund, warum er jetzt beseitigt werden sollte. Vielleicht wollte irgend jemand, der daran interessiert war, eine weiße Weste zu behalten, ein paar dunkle Punkte aus seiner Vergangenheit entfernen? Es wurde Zeit, so überlegte Fagen, daß er ein paar alte Bekannte aufsuchte. Und er wußte auch schon, wie er am schnellsten an sie herankommen würde.

V

Der kleine, wieselähnliche Mann bebte am ganzen Körper und befleckte Fagens Jackenärmel mit seinem in Strömen fließenden Schweiß. Fagen hielt den Mann mit eisernem Griff fest an sich gedrückt und preßte ihm die Mündung der großkalibrigen Pistole in die Augenhöhle.
"Nein, Fag, Mann, tu's nicht", würgte das Wiesel verzweifelt hervor, "es war doch alles nicht so gemeint, was hätte ich denn tun sollen? Fag? Bitte erschieß' mich nicht!"
Fagen, dem keineswegs entging, daß das Wiesel während seines Redeschwalls versuchte, irgendwie einen Fuß in die Nähe des auf dem Boden liegenden Neurostim zu dirigieren, verstärkte seinen Griff noch etwas und warf den Mann dann kurzerhand in die Ecke eines finsteren Durchgangs in einer Seitenstraße hinter dem Bordell. Während das Wiesel sich noch aus dem Müll hervorwühlte, in den es gefallen war, kniete Fagen schon über ihm und hielt jetzt auch den Neurostim in der Hand, sein Finger schwebte nur Bruchteile von Millimetern über dem auf höchste Stufe gestellten Schalter.
"Eine Dummheit, mein Freund, und du bist Matsch", flüsterte Fagen und setzte ein eiskaltes Lächeln auf.
Jetzt hatte das Wiesel echte Todesangst, was Fagen daran erkannte, daß der Mann kein Wort mehr hervorbrachte. Fagen ließ sich vorsichtig neben ihm nieder und bedrohte ihn unablässig mit dem Neurostim. "Du kannst mich sehr viel freundlicher stimmen, wenn du mir einen kleinen Gefallen erweist", sagte Fagen, "ich möchte, daß du Iwanow anrufst und ihm sagst, daß er sich herbemühen soll. Du kannst dir irgendwas ausdenken, aber du wirst ihm nicht sagen, daß ich hier bin."
"Du spinnst, Fag", keuchte Wiesel, "meinst du, Iwanow springt, wenn ich pfeife?"
"Es ist mir egal, wie du es machst. Es hängt ja nur dein Leben davon ab, ob du es schaffst. Gehen wir!"

Fagen zerrte den kleinen Mann auf die Füße und bugsierte ihn zurück ins Bordell, wo in einem Hinterzimmer Hendricks und Rakosi warteten, die sich in dieser Umgebung sichtlich unwohl fühlten. Die beiden waren nicht sehr glücklich über die brutale Weise, in der Fagen mit dem Bordellbesitzer umsprang, schwiegen aber, da sie bereits begriffen hatten, daß man besser nicht mit ihrem großen Begleiter argumentierte oder ihm in die Quere kam.
Wiesel wurde in den Sessel hinter dem Schreibtisch gestoßen, Fagen wies auf das Tele-Handy, das auf dem Tisch lag. "Los jetzt, und keine Dummheiten. Beim ersten falschen Wort blase ich dir ein Loch in den Hals. Und achte lieber darauf, daß nur du allein in die Bilderfassung gerätst."
Mit gequälten Blick aktivierte Wiesel das Handy und gab eine Nummer ein, wobei er darauf achtete, daß Fagen die Zeichenfolge nicht erkennen konnte. Fagen schnaubte nur; es war ihm gleichgültig, auf welche Weise Wiesel Verbindung mit Iwanow, dem mächtigen Kopf einer Verbrecherorganisation (für die Fagen, der Killer, schon so manchen Auftrag erledigt hatte), aufnahm. Ihn interessierte nur das Ergebnis.

Einige Stunden später saßen sich Fagen, Hendricks, Rakosi und Iwanow in einem geräumigen Gleiter gegenüber, welcher mit einem für das Trio unbekannten Ziel in die allgemeine Richtung der Kuppelperipherie flog. Wiesel war nicht mit von der Partie, denn Fagen war der Ansicht, daß er schon genug Volk mit sich herumschleppte. So hatte er den kleinen Bordellbesitzer - getreu dem Grundsatz, niemals Zeugen zu hinterlassen - noch in dessen Büro und vor den Augen seiner beiden Mitflüchtlinge erschossen. Neurostim und Abschirmchip hatte er eingesteckt.
Den Treffpunkt mit Iwanow hatte Wiesel erst verraten, als Fagen ihm den Lauf seiner Pistole in den Mund geschoben hatte - und auch Iwanow war mehr als überrascht gewesen, als am vereinbarten Platz alle drei Leibwächter plötzlich der Reihe nach umkippten, von Fagen aus dem Hinterhalt niedergeschossen - die große Pistole war schallgedämpft.
Hendricks und Rakosi waren natürlich außer sich gewesen. Für den Killer stand jedoch fest, daß dieses Entsetzen mehr als nur zum Teil gespielt war, denn er zwang die beiden schließlich nicht, ihn weiterhin zu begleiten. Er selbst hatte schon deshalb keine Skrupel, für sein Ziel nötigenfalls noch mehr Menschen zu töten, da er wußte, daß es um sein eigenes Leben ging. Außerdem war der Tod sein Geschäft.
Fagen ließ Iwanow, der wie eine fette Kröte in einem üppig gepolsterten Kontursessel saß, nicht aus den Augen. Die Pistole hatte er locker, aber stets auf sein Gegenüber gerichtet, auf ein Bein gelegt, und zwar so, daß auch der Pilot, der den Gleiter steuerte, sie sehen konnte. Für die Kuppelwand, die alsbald vor den großen Gleiterfenstern vorbeizog, verschwendete Fagen keinen noch so geringen Teil seiner Aufmerksamkeit. Hendricks und Rakosi dagegen beobachteten die Kuppel fasziniert, denn diesen Teil der Konstruktion, die die Stadt gegen die tödliche Außenwelt schützte, bekam man vom Boden oder von den Wohntürmen aus selten zu Gesicht, da sie fast immer in Dunst und Dunkelheit verborgen oder einfach zu weit entfernt war.

*

Aus der Ferne fragil wirkende, in Wirklichkeit aber meterdicke Träger aus schwarz verfärbtem Metall verwoben sich auf verwirrende, wie gewachsen aussehende Art zu einem grobmaschigen Netz - Rakosi fühlte sich an das Gerippe eines gigantischen Tiers erinnert, zwischen dessen Knochen sich eine milchig-stumpfe Membrane spannte. Es war bekannt, daß die Verbundstoffe, aus denen die eigentliche Kuppelhülle bestand, zwar eine enorme Selbsttragefähigkeit aufwiesen, daß sie jedoch weder allein noch mit Hilfe der Metallträger jemals in der Lage gewesen wären, die Kuppel vor dem Einsturz zu bewahren. Die wirkliche Arbeit wurde von Aggregaten am Kuppelfuß geleistet, welche entweder die Gravitation aufhoben oder die Kuppel mittels Zug- und Druckfeldern stützten. Wie das alles wirklich funktionierte, wußte heutzutage kaum noch jemand.
In der Außenwelt schien gerade Tag zu sein, denn die dicke Kuppelmembrane sah vergleichsweise hell aus. Das Tageslicht für die Stadt allerdings wurde von einer Kunstsonne erzeugt, die hoch im Zenith der Kuppel aufgehängt war.
Die knochenartigen Streben wurden größer und wichen gleichzeitig zu den Seiten hin weg, während sich das Fluggerät weiter der Kuppel näherte und tiefer ging, zurück zwischen die Spitzen der Wohntürme, wo auch regerer Verkehr herrschte. Rakosi schwindelte und er schloß die Augen.

Fagen dachte währenddessen über die Erfolgsaussichten seines Fluchtplans nach. Ob Iwanow nicht doch noch einen Weg finden würde, ihn in eine Falle zu locken? Auszuschließen war es nicht, aber Fagen war bereit, das Risiko einzugehen. Er wußte, daß er keine andere Chance zu überleben hatte als endgültig unterzutauchen - und wie er wußte, konnte Iwanow ihm dazu verhelfen. Schon vor Jahren hatte Fagen über dunkle Kanäle davon erfahren, daß Iwanow eine geheimnisvolle Gruppierung von Unbekannten regelmäßig mit unterschiedlichen Gebrauchsgegenständen, Lebensmitteln und vor allem Waffen versorgte. Ebenfalls hatte er in Erfahrung gebracht, daß Iwanow all jenen, die genug Geld dafür aufbringen konnten, einen ganz besonderen Service anbot: Er konnte ihnen die Möglichkeit verschaffen, spurlos von der Bildfläche zu verschwinden. Wie er das anstellte - ob er ihnen eine neue Identität verpaßte oder ein besonderes Versteck kannte - war Fagen noch schleierhaft. Es war jedoch nicht schwer, die beiden Informationen miteinander in Verbindung zu bringen. So lag es für Fagen auf der Hand, daß Iwanow seine besonderen Dienste nur in Zusammenarbeit mit der geheimnisvollen Gruppe gewährleisten konnte und jene dafür mit Dingen belieferte, die für sie offenbar nicht anders erreichbar waren.
Also war es naheliegend für Fagen gewesen, Iwanow dazu zu bewegen, ihn auch ohne Geld zu den unbekannten Kontaktleuten zu bringen. Denn den Preis, den Iwanow üblicherweise dafür verlangte, hätte Fagen niemals aufbringen können... Die entsicherte Pistole, die Fagen bei ihrer Begegnung am Treffpunkt nicht gerade sanft auf Iwanows linkes Auge gedrückt hatte, war hierbei ein sehr überzeugendes Argument gewesen. Als einzige Bedingung hatte Iwanow verlangt, unbeobachtet Kontakt mit den Unbekannten aufnehmen zu dürfen. Dies war von einer öffentlichen Vidkomzelle aus geschehen. Fagen hatte noch immer keine Ahnung, auf welche Weise Iwanow sich mit seinen Kontaktleuten in Verbindung setzte, da von außen deutlich zu sehen gewesen war, daß Iwanow die Zelle gar nicht in Betrieb genommen hatte.
Iwanows Aussage zufolge mußte man sich für ein Treffen mit den Unbekannten zu den Außenbezirken an der Kuppelperipherie begeben, einem finsteren und gefährlichen Gebiet, in dem nur die untersten sozialen Schichten dahinvegetierten. Dorthin war der Gleiter nun unterwegs, und wie es schien, würde er sein Ziel demnächst erreichen, denn der Pilot drückte die Maschine unter einem Geflecht von Hochbahnschienen hindurch in eine Straßenschlucht hinab, setzte über einige langsam dahinkriechende Müllsammler hinweg und bog schließlich in eine stark abschüssige Seitengasse ein, wo er behutsam aufsetzte. Leise summend liefen die Antriebsaggregate aus, zischend öffnete sich die vollverglaste Passagierkanzel. Bis auf den Piloten stiegen alle aus, und in diesem Augenblick geschahen mehrere Dinge gleichzeitig.

Aus der hohen, schmalen Öffnung eines Entlüftungsschachts sprangen mehrere dunkel vermummte, unförmige Gestalten auf die Straße und legten mit schweren Handwaffen auf die Gruppe an. Iwanow warf sich so platt, wie es seine Leibesfülle zuließ, auf den Boden und versuchte unter den geparkten Gleiter zu robben. Gleichzeitig und wohl auch für die Vermummten völlig unerwartet stürzten sich drei Polizeigleiter, die Iwanows Maschine unbemerkt gefolgt sein mußten, mit heulenden Prallfeldtriebwerken aus der Höhe hinab in die enge Straßenschlucht.
Fagen beobachtete all dies so ruhig, als ob er einen Holofilm sehen würde. Ihm entging auch nicht, daß Iwanows Gleiterpilot heftig zu schalten begann und im Begriff war, sich abzusetzen. Der Gleiter fiel somit als Deckung weg - als einziger Ausweg blieb die Flucht nach vorn!
Als Fagen sich in Bewegung setzte und auf die wie erstarrt dastehenden Vermummten zurannte, fielen hinter ihm bereits die ersten Schüsse aus den Bordkanonen der Polizeigleiter, ohrenbetäubender Lärm brandete auf. Fagen mußte sich nicht umsehen um mitzubekommen, daß Iwanows Gleiter von mehreren direkten Treffern in Stücke zerfetzt wurde (ebenso erging es wohl dem Piloten und Iwanow selbst), es interessierte ihn auch nicht, denn Iwanow hatte seinen Zweck erfüllt und war damit für Fagen nutzlos geworden. Jetzt kam auch Bewegung in die Vermummten, die ihre Waffen hochrissen und die Polizeigleiter unter Feuer nahmen. Sie konnten sogar einige Treffer anbringen, richteten jedoch gegen die Polymerpanzerung der Fahrzeuge wenig aus und mußten sich in den Entlüftungsschacht zurückziehen. Die Polizeigleiter richteten ihr Feuer direkt auf den Eingang des Schachts - Trümmer und Betonbrocken prasselten auf Fagen herab, als er sich zu Boden warf und hinter einen gedrungenen Schaltkasten am Straßenrand taumelte, von wo aus er sehen konnte, daß die Cops ihr Feuer einstellten. Das charakteristische schrille Singen, das gleich darauf seine Trommelfelle quälte, bedeutete den Einsatz von Neurostims.

Fagen machte, daß er, an Wänden entlang geduckt rennend, ebenfalls den Schacht erreichte, wo er in relativer Sicherheit war, denn Neurostim-Impulse drangen nicht durch Materialien wie Stein oder Metall. Kurz nach Fagen kam der hagere Rakosi hereingestürzt, ein Blick zurück zeigte ihm, daß Hendricks es nicht geschafft hatte. Der unscheinbare Mann lag mitten auf der Straße und krümmte sich unter dem Einfluß der Neurostims. Fagen war klar, daß der Abschirmchip, den er bei sich trug, ihn gegen die Impulse so vieler Strahler nur begrenzt geschützt hätte.
Abgeschirmte Cops sprangen aus den landenden Gleitern und schwärmten in Richtung Schachteingang aus, ununterbrochen schießend.
"Verdammt", keuchte Rakosi gehetzt, "die kriegen uns!"
"Nur wenn wir sie lassen", erwiderte Fagen, gab noch einige Schüsse ab und starrte in die Tiefe des Schachtes, in dessen Wandung rostige Stahlbügel als Leitersprossen eingelassen waren. Fagen konnte gerade noch sehen, wie der Kopf des letzten Vermummten in der finsteren Tiefe verschwand.
Fagen zögerte nicht, den Abstieg in die stinkende Dunkelheit zu wagen, Rakosi folgte ihm wortlos.
Nach etwa zwanzig Metern endeten die Sprossen über einer bröckligen Betonplattform, von der aus ein stockdunkler, stark abschüssiger Tunnel weiter in die Tiefe führte. Einen Moment lang verharrte Fagen - Rakosi immer hinter ihm - in diesem Eingang, denn er vermutete, daß die Unbekannten Vorkehrungen getroffen haben würden, um Verfolger abzuwehren. Doch es kam jetzt auf jede Sekunde an: Von oben waren schon die Stimmen der Cops zu hören. Wenn sie im Inneren des Schachts ihre Neurostims einsetzten, war Fagens Flucht beendet. Also rannte er los, um den Anschluß an die Unbekannten nicht zu verlieren. Die Pistole hielt er schußbereit umklammert, denn er rechnete jeden Moment damit, einer Nachhut der Vermummten zu begegnen.

"Verdammt, ist das finster hier", keuchte Rakosi, der sich schon mehr als einmal den Kopf angestoßen hatte, "haben Sie überhaupt eine Ahnung, wohin wir laufen?"
"Klappe", zischte Fagen nur, denn seine einzige Orientierungsmöglichkeit waren die hastigen Schritte derer, die er verfolgte.
"Schon gut", knurrte Rakosi und zog seinen Kopf ein. Gleich darauf riß er mit einem erschreckten Schrei die Arme vor's Gesicht, denn direkt vor den beiden blendete ein greller Scheinwerfer auf.
Fagen warf sich blindlings nach vorne, schlug auf gut Glück zu und fühlte Widerstand. Ein dumpfer Schmerzenslaut bewies, daß er gut getroffen hatte. Der Scheinwerfer polterte auf den Betonboden, erlosch jedoch nicht. Rakosi hob ihn auf und bekam einen der Vermummten zu sehen, dem Fagen gerade die Kapuze vom Kopf riß, um ihm die Pistolenmündung in die linke Augenhöhle zu pressen.
"Sie scheinen eine Vorliebe für Augenschüsse zu haben", kommentierte Rakosi, erhielt jedoch keine Antwort. Fagen beschäftigte sich ausschließlich mit seinem Opfer.
"Die Cops sind uns auf den Fersen", zischte er, "also ist es besser, wenn du uns so schnell wie möglich hier rausbringst. Wo sind die anderen?"
"Ihr habt keine Chance, ihr seid noch markiert", keuchte der Liegende, der sich nicht zu rühren wagte, "von mir erfahrt ihr nichts!"

Fagen hatte schon eine bestimmte Ahnung gehabt, daher war er vorbereitet, als sich die Wangenmuskeln des Mannes anspannten - mit brutaler Gewalt stemmte er die Kiefer des Hilflosen auseinander. Er erkannte den falschen Schneidezahn auf den ersten Blick und brach ihn mit einem Schlag des Pistolenkolbens heraus, so daß der Mann keine Gelegenheit mehr hatte, die Giftkapsel, die sich in dem Zahn verbarg, zu zerbeißen. Mit schreck- und schmerzverschleierten Augen starrte er seinen Peiniger an. Offenbar hätte er genug Mut aufgebracht, sich selbst zu töten, aber für ein Verhör reichte dieser Mut nicht aus.
"Also", wiederholte Fagen, "wo sind die anderen?"
"Wenn die Cops mich lebendig erwischen, ist alles aus", keuchte der Mann, "ich darf auf keinen Fall verraten, was ich weiß! Versteht ihr nicht? Die setzen mich unter Drogen und werden alles aus mir herausholen!"
"Eben", versetzte Fagen mit eiskaltem Lächeln, "daher führst du mich besser in euer Versteck, denn ich werde dich bestimmt nicht laufenlassen. Und wenn sie mich kriegen, bist du ebenfalls dran."
Der Mann nickte. Er wollte kooperieren. Unschwer war ihm anzusehen, daß er aber noch bestimmte Hintergedanken hatte. Vermutlich gab es noch irgendwelche Fallen auf dem Weg, in die er Fagen und Rakosi tappen lassen wollte. Wachsam gestattete Fagen, daß der Mann sich aufrappelte.
Rakosi behielt den Scheinwerfer. "Haben Sie auch einen Namen?"
"Zugang 379", sagte der Mann, und fügte, da Rakosis Gesicht sich in ein langes Fragezeichen verwandelte, noch hinzu: "Wir legen unsere Geburtsnamen ab, wenn wir die Zuflucht erreichen. Jeder erhält eine Nummer. Wir geben uns aber eigene, neue Namen. Ich werde Biberkopf genannt."
"Das paßt", grinste Rakosi, denn Zugang 379 hatte ein rundes, gutmütiges Gesicht mit einer platten Nase und großen, wie geschnitzt aussehenden Zähnen, von denen jetzt natürlich einer fehlte.
"Schluß jetzt mit dem Geschwätz", knurrte Fagen und stieß Biberkopf mit der Pistole an.
"Folgt mir", sagte der und nahm Rakosi den Scheinwerfer ab. Mit traumwandlerischer Sicherheit, die darauf schließen ließ, daß er diesen Weg schon sehr oft zurückgelegt hatte, machte Biberkopf sich auf den Weg. Offenbar glaubte er, er sei außer Lebensgefahr, da Fagen nicht sofort auf ihn geschossen hatte. Er legte im Umgang mit Fagen und Rakosi eine naive Selbstsicherheit an den Tag, die auf ein recht einfaches Gemüt schließen ließ.

Waren die Geräusche, die die nachrückenden Cops verursacht hatten, anfangs rasch näher gekommen, so verklangen sie jetzt sehr schnell, denn der Weg führte durch ein wahres Labyrinth von Abzweigungen, Biegungen, Einstiegen in tiefere Ebenen und verschachtelte, enge Räume, deren ehemaliger Zweck jetzt nicht mehr zu erkennen war.
Unwillkürlich war Fagen fasziniert von der Atmosphäre des Verfalls, die in diesen endlosen und vorwiegend feuchten Gängen herrschte. Kabel und Rohre, die wie die Innereien eines gigantischen Lebewesens wirkten, zogen sich dichtgepackt über Wände, auf denen dort, wo noch einzelne uralte Leuchtelemente diffuse Helligkeit verbreiteten, Flechten und Moose wuchsen. Weitestgehend lagen die Stollen und Räume jedoch in totaler Finsternis, der grelle, schwankende Lichtstrahl des Scheinwerfers riß stets nur einen eng abgezirkelten Bereich aus dieser ewigen Nacht. Auf weiten Strecken bedeckten chaotische Trümmerhaufen den Boden, stellenweise waren die Stollen eingestürzt und verschüttet, so daß man sich nur mit Mühe durch die Lücken zwängen konnte. Nach einer unbestimmten Zeitspanne des atemlosen Dahinhastens, die Fagen wie eine Ewigkeit vorkam, verengte sich der Gang zu einem Stollen, den man nur im Krebsgang durchqueren konnte. Feuchtigkeit drang überall dort, wo er Kontakt zu den Wänden hatte, durch Fagens Kleidung. Der Scheinwerfer erhellte diesen engen Gang recht gut, so daß man erkennen konnte, daß hier früher einmal Sperren angebracht gewesen sein mußten. Jetzt waren nur noch die Stummel der ehemaligen Befestigungen zu sehen, von denen aus sich braune Rostschlieren bis auf den Boden hinabzogen.

Plötzlich wichen die Wände zu beiden Seiten zurück, gleichzeitig wurde der Lichtstrahl von etwas verschluckt, was nur die lichtlose Weite eines riesigen unterirdischen Doms sein konnte. In diesem Augenblick knipste Biberkopf den Scheinwerfer aus und verschwand lautlos. Fagen verfluchte seine Nachlässigkeit und gab zwei ungezielte Schüsse in die Richtung ab, in der er Biberkopf zuletzt gesehen hatte. Es war jedoch kein Schrei oder Sturz zu hören.
"Verdammter Dreck!", zeterte Rakosi, der sich eng an die Wand gedrückt hatte, denn kurz bevor das Licht ausgegangen war, hatte er noch einen gähnenden Abgrund direkt vor sich erkennen können.
"Rühren Sie sich nicht von der Stelle", wies Fagen ihn überflüssigerweise an und ertastete die rechtwinklig abknickende Stollenwand. Auch er hatte den Abgrund erkannt, er hatte auch sehen können, daß lediglich ein höchstens fünfzig Zentimeter breiter Sims sich um diesen Abgrund herumzog. Biberkopf mußte, vom Stollen aus gesehen, nach links gegangen sein - Fagen eilte hinterher, die Hand mit der Pistole vorgestreckt, die andere Hand an der Mauer. Was ihn noch mehr ärgerte als die Schwierigkeiten, die dieser minderbemittelte Biberkopf ihm bereitete, war seine eigene Dummheit. Erst ließ er zu, daß Iwanow seine Kontaktleute warnte, außerdem mußte er bei der Flucht irgendeinen Fehler gemacht haben, der die Cops auf seine Spur gelockt hatte, und jetzt hatte er auch noch zugelassen, daß Biberkopf die Möglichkeit, Fagen abzuhängen, buchstäblich in die Hände gelegt wurde. Was war mit ihm los? War er der Situation nicht gewachsen - oder wurde er wirklich alt?
Fagen schob diese Überlegungen beiseite, als seine linke Hand keine Wand mehr ertastete: Hier mußte ein weiterer Seitengang abzweigen. Er verharrte reglos, denn mit dem ihm eigenen Instinkt spürte er, daß Biberkopf oder ein anderer der Vermummten sich in diesem Gang befinden mußte. Unendlich langsam und unhörbar schob Fagen sich vorwärts, bis er Atemgeräusche hören konnte. Jemand stand direkt vor ihm. Nur seiner eisernen Beherrschung verdankte Fagen, daß er nicht selbst scharf den Atem einzog, als in der tiefen Finsternis des Seitengangs zwei Stimmen aufklangen.

"Glaubst du, sie sind hineingefallen?" flüsterte Biberkopf, den Fagen an der nasalen Stimme erkannte.
"Dann hätten wir Schreie oder einen Aufprall gehört", versetzte die zweite Stimme ebenso leise, "die sind noch irgendwo da drüben. Es kann aber nicht lange dauern, bis sie in eine der Sperren hineinlaufen, dann werden sie geröstet."
"Der Lange vielleicht, aber nicht der mit der Pistole", sagte Biberkopf mit zitternder Stimme, "den hält nichts auf. Wenn der hierherkommt, macht er uns fertig. Laß' uns lieber zurückgehen!"
"Wir müssen uns davon überzeugen, daß sie tot sind. Eher können wir nicht zurück."
Fagen zögerte nicht länger. Durch bloßes Zuhören hatte er den Standort der beiden Sprecher so genau bestimmt, als könne er sie sehen. Er mußte nur einen Schritt in den Gang hinein machen, dann konnte er den zweiten Mann packen und ihn, obwohl er sich heftig wehrte, mit sich zerren.
"Turtle, was ist los?" brüllte Biberkopf panisch, aber Turtle hing fest in Fagens Würgegriff und konnte nur gepreßte Schreie von sich geben, während er unerbittlich über den schmalen Sims geschleppt wurde.
Nach einigen Metern blieb Fagen stehen und versetzte dem sich windenden Mann einen genau bemessenen Schlag auf den Kopf, so daß er das Bewußtsein verlor. Biberkopf, der sich nicht von der Stelle wagte, fuchtelte wild mit dem Scheinwerfer herum, so daß Fagen flüchtige Eindrücke von geduckten, bunkerartigen Gebilden erhaschen konnte, die in dem Abgrund standen.
"Biberkopf", rief er, "dein Freund gehört jetzt mir! Du hast die Wahl: Entweder du bringst uns jetzt in Sicherheit, oder Turtle verschwindet mit einem Loch im Kopf in diesem Abgrund. Wie entscheidest du dich?"
Es kam keine Antwort.
"Ihre Methoden sind weder elegant noch effektiv", erklang stattdessen die Stimme von Rakosi, der einfach dem Lärm gefolgt war.
"Wir werden sehen", meinte Fagen. Laut rief er: "Biberkopf! Du hast drei Minuten Zeit!" Zur Bekräftigung seiner Absicht verdrehte er den Arm des allmählich wieder zu sich kommenden Gefangenen, so daß dieser laut stöhnte. Vorne, im Seitengang, kam das Gefuchtel mit dem Scheinwerfer zum Stillstand. Langsam und vorsichtig wagte Biberkopf sich auf den Sims hinaus, den Scheinwerfer immer direkt vor seine Füße gerichtet. Näher als bis auf eine Entfernung von fünf Metern wagte er sich nicht an Fagen heran.
"So, Pfannkuchen", knurrte dieser bedrohlich, "jetzt wollen wir weitergehen. Die Lampe gibst du dem Pferdegesicht. Und bei der ersten falschen Bewegung blase ich deinem Freund hier das Hirn raus. Alles klar?"
"Ja, klar", meinte Biberkopf und legte die Lampe auf den Boden, dann zog er sich wenige Schritte zurück. Fagen folgte ihm, den Gefangenen, der noch nicht allein gehen konnte, mit sich zerrend. Rakosi, der den Abschluß machte, hob den Scheinwerfer auf, so daß der Weg weiter vorne, wo Biberkopf ging, von tanzenden Schatten erfüllt wurde.
Biberkopf bog in den Seitengang ein, blieb stehen und zog ein großes Messer mit breiter Klinge hervor.
"Nicht schießen", stammelte Turtle, denn Fagen war stehengeblieben, als sei er auf eine Wand geprallt und hatte den Hahn der Pistole gespannt, "ihr müßt erst eure Markierung entfernen. Dazu braucht er das Messer."
"Ich höre immer Markierung", brummte Rakosi, "was meinen Sie damit? Trage ich etwa eine Erkennungsmarke mit mir herum? Einen Vogelreif vielleicht?"
"Verrate es ihnen nicht!" warf Biberkopf ein.
Turtle ignorierte seinen nervös von einem Bein auf das andere zappelnden Kameraden. "Jeder Bürger ist markiert", erklärte er, "es ist eine kleine Sonde, die bei der Geburt in die Schulter gepflanzt wird. Habt ihr euch nie gefragt, warum ihr so oft zur Impfung müßt? Gegen welche Krankheit sollte das gut sein? In Wirklichkeit injiziert man euch dabei keine Impfstoffe, sondern man füttert die Sonde mit allen möglichen Daten, die von den Behörden im Lauf der Zeit erhoben werden."
"Vermutlich kann man die Sonde mit speziellen Geräten orten und ist somit in der Lage, jederzeit den genauen Aufenthaltsort jedes einzelnen Bürgers zu bestimmen", ergänzte Rakosi nachdenklich.
"Genau", bestätigte Turtle, "und jede Polizeistreife kann auf diese Weise in kürzester Zeit geflohene Sträflinge auffinden, das komplette Vorstrafenregister jedes beliebigen Passanten abrufen und so weiter."
"Und ihr habt eure Fallen auf die Markierungen abgestimmt", vermutete Fagen, was Turtle mit einem Nicken bestätigte. Wortlos entließ Fagen den Mann aus seinem Griff und nahm Biberkopf das Messer ab. Dann entblößte er seinen Oberarm. "Wo genau muß ich ansetzen?"
"Direkt unter dem Knochen. Du kannst die Sonde gerade noch ertasten, wenn du weißt, wo du zu suchen hast."
Tatsächlich fand Fagen die winzige Verhärtung in seiner Schulter, die ihm noch nie zuvor aufgefallen war, auf Anhieb. Ohne zu zögern stieß er sich die Messerspitze in sein eigenes Fleisch und verzog kaum den Mund, als er die Sonde herausschälte. Die Blutung stoppte er mit einem stramm gezogenen Verband, den er aus einem Fetzen von Turtles Jacke fertigte. Neugierig säuberte er die winzige Sonde mit dem Messer. Es war ein kleines, unscheinbares Metallplättchen mit kleinen Haken auf der Unterseite. Wortlos warf Fagen es in den Abgrund (vielleicht würde das die Cops auf eine falsche Spur lenken), dann reichte er Rakosi das Messer.
Rakosi wurde blaß. "Sie erwarten doch nicht von mir, daß ich mir mit dem Mordinstrument selbst in der Schulter herumstochere? Das Ding ist ja noch nicht einmal desinfiziert!" "Ich kann Ihnen die Arbeit gern abnehmen", bellte Fagen ungeduldig, doch Rakosi winkte ab. Er schrie vor Schmerzen, schnitt jedoch auch seine Sonde sauber heraus. Sie flog ebenfalls über die Kante in die Tiefe. Die Armbandchronos gingen den gleichen Weg - Fagen wollte auf Nummer Sicher gehen.
Als das erledigt war, hastete die Gruppe weiter. Wenn Fagen gedacht hatte, der größte Teil des Weges liege schon hinter ihm, dann hatte er sich gründlich getäuscht. Ihm war völlig klar, daß er sich im Grunde genommen den beiden Fremden völlig ausgeliefert hatte, denn auf sich allein gestellt hätte er bis an sein Lebensende in diesem unheimlichen Labyrinth herumirren können, ohne jemals irgendwohin zu gelangen. Die Angst der beiden Fremden vor Fagens Pistole war seine einzige Lebensversicherung...

Nach Stunden schneller Wanderung erreichten sie Bezirke, in denen es gerade so viele Leuchtelemente gab, daß die Gänge von einem schwachen, grünlichen Lichtschimmer erhellt waren. Fagen fragte sich ununterbrochen, anhand welcher Anhaltspunkte sich seine Führer wohl orientierten, denn für ihn sah ein Korridor aus wie der andere: Kabel, Rohre, Leitungen, Gitterroste, ab und zu ein größerer Raum, manchmal mit Wänden, die aussahen wie die Selten von gigantischen Bassins mit unbestimmbarem Inhalt. Wie viele der Sperren, von denen die Führer gesprochen hatten, jetzt schon hinter ihnen lagen, wußte Fagen nicht, denn die Fallen waren zu gut versteckt. Lediglich die vermoderten Überreste, die hier und dort auf dem Boden oder in Ecken herumlagen, wiesen darauf hin, daß Fagen und Rakosi sich der schmerzhaften Entfernung der Sonden aus gutem Grund unterzogen hatten.

VI



Sie mußten jetzt schon seit zwei Tagen unterwegs sein. Fagen dachte, sie hätten eine Strecke hinter sich gebracht, die wenigstens dem Durchmesser der Stadt selbst entsprach - aber damit waren sie noch immer nicht am Ziel.
Fagen glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen, als sie durch eine zerborstene Mauer stiegen und eine niedrige Halle erreichten, die aussah wie eine uralte U-Bahnstation: Die Bahnsteige waren bedeckt von Schutt und Schmutz, Leitungen und Stahlträger baumelten von der Decke, aber die Gleise waren frei und in vergleichsweise gutem Zustand.
Turtle und Biberkopf bedeuteten ihren beiden Begleitern, eine nicht sehr vertrauenerweckend aussehende Lore zu besteigen, die auf den Gleisen stand, dann setzten sie das Gefährt in Bewegung, indem sie lange Hebel bedienten.
"Hoffentlich sind die Schienen auch geräumt", brummte Rakosi, als die Lore immer schneller wurde und schließlich mit wenigstens sechzig Stundenkilometern, rüttelnd und knirschend allerdings, dahinschoß. Rakosis Sorge war unbegründet: Der Tunnel der Untergrundbahn war zwar dunkel, aber völlig frei von Schutt. An bestimmten Stellen hielt Turtle die Lore an, stieg ab und verstellte einige Weichen, wohl um Spuren zu verwischen.
Bald wurde der Tunnel von rasch heller werdendem Licht erleuchtet, dann lief die Lore knirschend in einen weiteren Untergrundbahnhof, der sich nur dadurch von einer ganz normalen innerstädtischen Station unterschied, daß sich hier keine Menschenmassen auf den Plattformen drängten. Alle stiegen aus. Turtle und Biberkopf blieben unschlüssig stehen, so als ob sie auf etwas Bestimmtes warteten. Tatsächlich erhob sich hinter einer Barriere eine bizarre Gestalt, bei deren Anblick Fagen und Rakosi unwillkürlich um einen Schritt zurückwichen.

Es war eine mindestens zwei Meter große und dabei ungemein massig gebaute Gestalt, die einen weiten Mantel trug. Der Kopf war von einer Kapuze bedeckt, so daß nur das Gesicht zu sehen war - oder das, was man dafür halten konnte, denn die linke Gesichtshälfte und der ganze Kiefer des Mannes bestanden aus Metall, das an den Stellen, wo es auf eigenartige Weise mit der Haut verzahnt war, leicht rostig wirkte. Aus der metallenen linken Augenhöhle starrte etwas hervor, das wie eine Kameralinse aussah - genausogut konnte es sich auch um eine Zieloptik handeln. Lippen besaß der Mann nicht, künstliche Zähne (strahlend weiß) waren in einem niemals endenden Totengrinsen entblößt. Der Riese hielt eine überdimensionale Zweihandwaffe locker in einer Pranke und starrte die Ankömmlinge stumm an - es wäre ihm wohl auch schwergefallen, ohne Lippen ein verständliches Wort hervorzubringen.
Hinter dem Riesen erschien ein weiterer Wächter, das genaue Gegenteil des ersten, denn es war eine eher kleine, zierliche Frau mittleren Alters, deren rötliches Haar streng zurückgebunden war und die vor allem Fagen, in dem sie den gefährlicheren der Ankömmlinge erkannt hatte, mit eiskalten Augen musterte. Auch sie war bewaffnet, sie trug ihre Pistole allerdings in einem Schulterhalfter.
"Hallo Klinge, hallo Metalface", sagte Turtle, erhielt jedoch nur ein dumpfes Knurren des Riesen zur Antwort. Die Rothaarige schritt furchtlos auf die Gruppe zu und blieb direkt vor Fagen stehen.
"Wen habt ihr denn diesmal wieder mitgebracht", fragte sie, "und wieso trägt der Kerl eine Waffe? Sind das welche von denen, die bei Iwanow waren? Wenn ja: Warum leben sie noch? Habt ihr die Cops abgehängt oder habt ihr das auch verbockt?"
Turtle setzte zu einer Antwort an, aber Fagen ließ ihn nicht erst zu Wort kommen. "Da wir nun einmal hier sind, erübrigt sich jede weitere Diskussion. Die Cops haben unsere Spur längst verloren. Und jetzt bringt ihr uns besser in eure Zuflucht."
Die Rothaarige hob die Brauen. "Ich wüßte nicht, welchen Grund ich dazu hätte. In der Tat weiß ich auch nicht, warum Metalface euch nicht einfach umblasen sollte."
"Du weißt nicht, wie schnell ich bin", entgegnete Fagen, und erwiderte den kalten Blick von Klinge (der Name paßte hundertprozentig) ungerührt, "bis dein Freund seine Kanone im Anschlag hat, liegt ihr alle mit Löchern in den Köpfen auf dem Boden. Außerdem tun wir euch ja nichts. Oder habt ihr ein derart strenges Aufnahmeverfahren?"
"Iwanow hat uns vor euch gewarnt", warf Biberkopf, der die ganze Zeit nur von einem zum anderen geblickt hatte, aufgeregt ein. "Ihr wollt uns die Cops auf den Hals hetzen!"
"Hätten wir uns dann solche Mühe gegeben, sie abzuhängen?" lachte Rakosi und wies auf seine Schulter. Der notdürftige Verband war blutverkrustet.
"Selbst wenn es so wäre und selbst wenn wir eine Möglichkeit hätte, die Cops hinter uns herzurufen - dann wäre es jetzt wohl ohnehin zu spät für euch, oder etwa nicht?" fügte Fagen hinzu.
Klinge verzog den Mund. Rakosi fand, daß sie alles in allem einen recht reizvollen Anblick bot.
Mit stampfenden Schritten näherte sich Metalface. Fagen hob die Waffe ein Stück höher. Als Metalface die Kapuze zurückstreifte, konnte Rakosi einen Laut des Abscheus nicht unterdrücken, denn der kahle Kopf des Mannes war eine einzige Ansammlung frischer und älterer Geschwüre, die sich zum Teil so tief in Haut und Knochen hineingefressen hatten, daß Rakosi nicht verstehen konnte, wieso dieser Mann überhaupt noch atmete. Mit der freien Hand drückte Metalface sich ein kleines Metallkästchen an die Kehle (der knorpelige Kehlkopf lag frei zwischen Hautfetzen, die wie verbranntes Papier weggedorrt waren), kurz darauf erklang eine knarrende, schwer verständliche Stirne aus dem Lautsprecher des kleinen Geräts.
"Er subvokalisiert", flüsterte Rakosi, aber Fagen winkte ab, denn er wollte wissen, was der Riese zu sagen hatte.
"Bringen wir sie zu Carlsen", verstand Fagen, "er soll entscheiden, was mit ihnen geschehen soll."
"Na gut", meinte Klinge, "aber er soll seine Waffe abgeben." Sie streckte Fagen fordernd die Hand hin. Der aber schob die Pistole demonstrativ in den Holster und verschränkte die Arme vor der Brust. Man konnte deutlich sehen, wie Klinge vor Wut zu kochen anfing.
"Laß ihn", knarrte Metalface, steckte seinen Sprechapparat weg und wandte sich um. "Ihr löst uns ab", zischte Klinge Turtle und Biberkopf zu, die sich beeilten, hinter der Barriere zu verschwinden.

Metalface ging voran, dann kamen Fagen und Rakosi, den Abschluß machte Klinge. Die Röhrenbahnstation befand sich mehrere Etagen tief unter der Erdoberfläche, alle Aufzüge waren natürlich außer Betrieb, so daß sie die steilen Treppen nehmen mußten. In einer normalen, funktionierenden Röhrenbahnstation waren diese Aufgänge hell erleuchtet und mit leistungsstarken Ventilationssystemen ausgestattet. Hier jedoch herrschte nur die Helligkeit, die aus den unteren Bahnhofslevels drang, weiter oben gab es dann wieder ein paar der gewohnten, kaum noch funktionierenden Leuchtelemente. Außerdem erfüllte ein erstickender Verwesungsgeruch die Aufgänge. Als Metalface sich blitzschnell nach einem Stein bückte und diesen nach einer Ratte warf, die quietschend verendete, wußte Fagen auch, woher dieser Gestank stammte.
Eine seltsame Aufregung erfaßte Fagen, als die Luft besser wurde und man sich offensichtlich dem obersten Level näherte. Dann traten sie durch ein schweres angelehntes Stahlschott, das Metalface mit einem einzigen beiläufigen Stoß öffnete, ins Freie.

Fagen und Rakosi begriffen zunächst nicht, wo sie sich befanden, dann aber brach die Erkenntnis mit der Wucht eines Dampfhammers über sie herein: Der Bereich war nicht überkuppelt! Über ihnen spannte sich etwas, das nur der freie Himmel sein konnte. Keiner von beiden hatte diesen jemals - außer auf uralten Videoaufnahmen - mit eigenen Augen gesehen. Der Anblick dieser unendlich erscheinenden Weite, die durch nichts abgestützt war und somit jeden Moment zusammenbrechen konnte, war zuviel für Rakosi. Stöhnend sank er auf die Knie und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Fagen war weniger beeindruckt, er nahm lediglich erstaunt zur Kenntnis, daß er noch am Leben war. Bis zu diesem Augenblick war es für ihn eine unumstößliche Tatsache gewesen, daß außerhalb der Kuppel nichts existieren konnte, schon gar nicht menschliches Leben.
"Wir sollten uns beeilen, in die Kasematten zu kommen", sagte Klinge spöttisch und stieß Rakosi, der sich wie unter Schmerzen krümmte, mit dem Fuß an, "die Luft ist hier nicht immer so frisch."
Fagen zerrte Rakosi in die Höhe, denn Klinge und Metalface marschierten los, ohne sich um die beiden zu kümmern. Der Weg führte zwischen bizarr verformten Ruinen, Maschinen und Bündeln verschieden starker Rohre entlang, überall lagen Trümmer herum. Fagen begriff allmählich, daß es sich bei diesem Ort um eine der gigantischen Fabriken, die der Stadt vorgelagert waren, handeln mußte. Nach den in der Stadt kursierenden Gerüchten war eine dieser Fabriken schon lange Zeit vor Fagens Geburt aufgegeben worden, als die Bodenschätze in ihrer Umgebung aufgebraucht gewesen waren. Darüber, daß diese Fabrik denjenigen Bürgern, die (aus welchen Gründen auch immer) aus der Stadt oder ganz allgemein von der Bildfläche verschwinden mußten, als Zuflucht diente, waren nie auch nur Gerüchte an die Offentlichkeit gedrungen. Fagen bezweifelte, daß die Behörden etwas davon wußten. Im Zentrum der Fabrik, die sich im Inneren und an den Wänden eines durch jahrzehntelangen Tagebau entstandenen Kraters ausbreitete, duckte sich ein Komplex unscheinbarer, niedriger Hallen an den Boden. Sämtliche Fensterscheiben waren zerbrochen oder eingeworfen worden, in den Dächern klafften metergroße Löcher.
Dies war das Ziel von Klinge und Metalface.

VII

"Zugang 1483 und Zugang 1484", sagte der verkrümmt über einem zerschrammten Notebook kauernde Mann mit der totenbleichen Haut, der die Gruppe in Empfang genommen hatte, und scannte nacheinander die Augenhintergründe von Fagen und auf Rakosi ein.
Das "Büro" des Totenbleichen befand sich in einem klapprigen Verschlag, der im Inneren der zerfallenen Fabrikhallen errichtet worden war und der als Eingang zu den Kasematten diente, die sich zwei Etagen tief unter der Fabrik erstreckten. Klinge und Metalface, die sich links und rechts der Tür aufgestellt hatten, warteten geduldig.
Fagen ließ die Prozedur der Erfassung leicht belustigt über sich ergehen. In seiner jetzigen Situation konnte es ihm gleichgültig sein, ob sein Gesicht, seine Retina und sein Name irgendwo gespeichert waren oder nicht. Seit er die Stadt und damit sein altes Leben hinter sich gelassen hatte, kam es Fagen so vor, als sei eine Last von ihm genommen worden. Er hatte zwar keine Ahnung, was hier, in der sogenannten Zuflucht, auf ihn zukam. Aber hier konnte er als der Mann leben, der er wirklich war - seine in der Stadt gepflegte Doppelexistenz mußte er hier sicherlich nicht mehr aufrechterhalten. Allerdings wußte Fagen noch nicht genau, ob es gut war, sich darüber zu freuen, oder nicht.

"Das war's", schloß der Totenbleiche die Erfassungsprozedur ab, "jetzt darf ich um Ihre Waffe bitten."
"Vergessen Sie's", wehrte Fagen ab, "solange hier noch jemand bewaffnet herumläuft, gebe ich die Pistole nicht her."
"Klinge und Metalface gehören zum Wachpersonal", argumentierte der Totenbleiche in gestelztem Tonfall, "sie sind berechtigt, Waffen zu tragen. Sie sind nichts anderes als ein Eindringling - jedenfalls solange, bis Carlsen über Ihr weiteres Schicksal entschieden hat. Also!"
"Nun machen Sie schon", warf Rakosi ein, "gegen wen glauben Sie sich verteidigen zu müssen? Ihnen sollte doch klar sein, daß wir von hier nicht mehr wegkönnen, wir sind also auf das Wohlwollen dieser Leute angewiesen. Wollen Sie alles auf's Spiel setzen?"
"Also gut", knurrte Fagen, nahm das Magazin aus der Pistole, steckte es ein und reichte die Waffe dem kleinen Mann hinter dem zerschrammten Schreibtisch. Den Neurostim, den er nach wie vor im Gürtel unter seiner Jacke trug, erwähnte er jedoch ebensowenig wie das kleine Abschirmgerät in seiner Hosentasche...

*

Nach fast zwei Wochen in den Kasematten wußte Fagen noch immer nicht, woran er eigentlich war oder was man mit ihm vorhatte. War er ein Gast, ein Gefangener, oder war er stillschweigend in die Gemeinschaft der Outlaws integriert worden?
Er bewohnte eine zellenartige Kammer auf der zweiten unterirdischen Ebene. Die Kammer hatte er immerhin für sich allein, denn Platzmangel herrschte in den Kasematten keineswegs: In den weitverzweigten Gängen war Platz für mehr als die doppelte Anzahl der jetzigen Bewohner. Damit hörte der Komfort aber auch schon auf - außer einer Pritsche mit muffigen Decken, einem Tisch und einem Stuhl sowie ein paar Kleinigkeiten gab es keine Einrichtungsgegenstände. Waschgelegenheiten und Toiletten gab es an den Stirnseiten jedes Ganges, diese wurden von jeweils fünfzig Menschen beiderlei Geschlechts gleichzeitig genutzt. Auf jeder Ebene gab es eine Kantine, wo man sich zweimal am Tag eine Ration an Nahrungsmitteln in stark schwankender Qualität abholen konnte. Man konnte sie dort auch zu sich nehmen, aber auf solche Geselligkeiten verzichtete Fagen dankend.
Trotz der zahlreichen Räume wurde die Atmosphäre in den Kasematten von klaustrophobischer Enge und allen möglichen menschlichen Ausdünstungen beherrscht. Fagen war - was kaum jemand ihm zugetraut hätte - feinfühlig genug um zu bemerken, daß die Grundstimmung der Menschen hier unten stets gereizt war. Fagen hatte es schon immer gehaßt, der Nähe anderer Menschen ausgesetzt zu sein. Er merkte genau, daß er allmählich den Punkt erreichte, an dem er explodieren würde, aber er vermutete, daß er dabei nicht alleine war.
Es war allerdings nicht so, daß sich jeder, der es schaffte, bis zur Zuflucht vorzudringen (auf welchem Weg auch immer), dann einfach zur Ruhe setzen konnte. Man mußte sich das Recht, hierbleiben zu dürfen, ebenso verdienen wie die Nahrung. Rakosi war aufgrund seiner technischen Kenntnisse seit dem ersten Tag mit der Instandsetzung der altersschwachen Recycling-Anlage der Kasematten beschäftigt. Er hatte auch schon zahlreiche defekte kleinere Geräte - von den Sonnenkollektoren der Energiegewinnung bis hin zum Rasierapparat - repariert und sich damit innerhalb kürzester Zeit zu einem unentbehrlichen Bestandteil der kleinen Gemeinschaft entwickelt.
Bei Fagen war das anders: Wer brauchte hier schon einen Profikiller?
Schon im ersten Gespräch, das er und Rakosi mit dem Mann, der sich Carlsen nannte, geführt hatten, war ihm klar geworden, daß es früher oder später zum Konflikt kommen würde. Er erinnerte sich noch an fast jedes Wort, das damals gesagt worden war.

*

"Wir sind nicht einfach nur eine wild zusammengewürfelte Bande von Ausgestoßenen", sagte der hochgewachsene und dabei athletisch gebaute Mann mit dem blonden Haarschopf, zu dem Fagen und Rakosi geführt worden waren, und der sich selbst als Carlsen vorgestellt hatte. Klinge und Metalface hatten sich links und rechts von der Tür in Carlsens Büro (bei dem so bezeichneten Raum handelte es sich um ein Gelaß, das Fagen unter anderen Umständen als Abstellkammer bezeichnet hätte) aufgebaut.
Während Carlsen sprach, mußte Fagen sich eingestehen, daß dieser Mann etwas undefinierbares ausstrahlte, das man wohl nur 'Charisma' nennen konnte. Selbst Fagen konnte sich dem nicht entziehen, was ihn einigermaßen verunsicherte, zumal Carlsen ansonsten eher den Eindruck eines Geistesgestörten auf ihn machte.
"Jeder einzelne von uns wurde entwurzelt", fuhr Carlsen fort, "und aus dem einen oder anderen Grund von der städtischen Gesellschaft verstoßen. Nach den Gründen fragen wir nicht, aber wir erwarten, daß jeder sich den Regeln, die hier gelten, unterordnet. Wenn Sie dazu bereit sind, gehören Sie zu uns. Wenn nicht..."
"Was dann?", warf Rakosi ein, weil ihm Carlsens Kunstpause zu lange dauerte.
"Wenn nicht, werden auch wir Sie verstoßen. In der Wildnis dort draußen wird es weniger als eine Woche dauern, bis Sie entweder so verseucht sind, daß Sie der Tod ereilt, oder bis eins der mutierten Tiere Sie zum Frühstück verspeist."
"Das bedeutet, daß wir entweder tun, was Sie uns sagen, oder sterben", faßte Rakosi zusammen.
"Sie können es so ausdrücken, wenn Sie wollen. Ich würde es anders formulieren, wenn ich auch zugeben muß, daß Ihre ungewöhnliche Art der Ankunft in unserer Zuflucht die Dinge etwas kompliziert." Carlsen lächelte zum ersten Mal. Es war ein sehr gewinnendes Lächeln. "Verstehen Sie mich richtig. Wir sind eine große Gemeinschaft, und wir haben ein gemeinsames Ziel, das nur mit dem Einsatz aller Kräfte jedes Einzelnen erreicht werden kann. Ich muß nur sicher sein, daß ich Ihnen vertrauen kann. Schließlich könnte jeder von Ihnen ein E.I.S.-Mann sein!"
"Und wie soll das gehen? Sollen wir eine Mutprobe bestehen? Oder einen Vertrag unterschreiben?"
Carlsens Lächeln wurde eine Spur sarkastischer. "Nichts davon wird nötig sein. Was stellen Sie sich vor? Wollen Sie zurück in die Stadt? Ich weiß zwar nicht, was Sie dort verbrochen haben, aber Sie haben Ihre Markierungen entfernt - allein das ist schon gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Also ist Ihnen der Rückweg versperrt. Wollen Sie sich also gegen uns stellen? Auch das wäre Ihr Tod, weil diese Zuflucht der einzige Ort außerhalb der Stadt ist, an dem man überleben kann. Also werden Sie aus freiem Willen mit uns kooperieren."

Fagen, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, stieß ein kurzes, dumpfes Lachen aus. "Was für ein sinnloses Gerede", knurrte er, "was erwarten Sie eigentlich von uns?"
"Daß Sie uns bei der Verwirklichung unseres Zieles helfen."
"Und das wäre?"
"Wir müssen den Bürgern die Freiheit wiedergeben. Die Unterdrückung durch die Stadtväter muß endlich ein Ende haben!" rief Carlsen leidenschaftlich.
Rakosi schüttelte den Kopf. "Unterdrückung? Freiheit? Ich habe weder das eine erlebt noch das andere vermißt - die Stadtväter sind doch nur Firmenchefs, Behördenleiter und so weiter... aber doch keine Tyrannen!"
"Und die Markierung, die Sie in Ihrer Schulter hatten, die ständigen Verhaftungen ohne erkennbaren Grund? Das massive Polizeiaufgebot? Sie wissen nichts! Aber das ist kein Wunder. Man hält die Bürger bewußt unwissend, stellt sie mit ständiger Berieselung in allen Medien ruhig - die gemeinsame Angst vor der Bruderschaft besorgt den Rest. Die Kuppel, das ganze System in der Stadt... all das dient nur dem Erhalt der Macht der Stadtväter!"
Rakosi blieb skeptisch. "Sie sagen selbst, außerhalb der Kuppel könne man nicht überleben. Also dient die Kuppel sehr wohl dem Schutz der Bürger, oder nicht? Und überhaupt: mir ging es bis zu meiner Verhaftung nicht schlecht!"
"Bis zu Ihrer Verhaftung, genau", entgegnete Carlsen. "Aber aus welchem nichtigen Grund wurden Sie denn verhaftet? Und was ist mit der Masse der Armen, die nicht das Glück hat, in einem der Wohntürme zu leben? Die in den Slums am Rande des Existenzminimums existieren müssen?"
Rakosi setzte zu einer weiteren Erwiderung an, aber Carlsen schnitt ihm mit einer herrischen Bewegung das Wort ab: "Jede weitere Diskussion ist überflüssig. Wir werden ja sehen, ob Sie sich eingliedern oder nicht. Vergessen Sie nicht, daß Sie uns ausgeliefert sind. Und jetzt gehen Sie!"

*

Damit hatte Carlsen sie entlassen. Für Fagen waren Carlsens Ausführungen ohne Sinn und Verstand, sie waren einfach nicht logisch. Er vermutete, daß hinter dem ganzen Geschwafel irgend etwas völlig anderes steckte - er hatte in den Tagen seit diesem Gespräch nur noch nicht herausgefunden, um was es wirklich ging. Vielleicht war Carlsen auch einfach nur verrückt... Er wäre nicht der erste durchgedrehte Charismatiker gewesen, dem Fagen in seinem Leben begegnet war.
Fagen kümmerte sich nicht weiter um die Belange der Outlaws. Arbeitsaufträge, die er erhielt, ignorierte er. Stattdessen begann er, sich innerhalb der Kasematten und im Gebiet der Fabrik umzusehen, denn er hatte nicht die Absicht, den Rest seines Lebens unter diesen Spinnern zuzubringen! Ihm entging natürlich nicht, daß er ständig unter Beobachtung stand. Es bereitete ihm ein grimmiges Vergnügen, mit seinen jeweiligen Verfolgern (meistens war es Klinge) zu spielen und sie abzuhängen, was ihm im Chaos der Fabrik spielend gelang. Er wartete nur auf den Tag, an dem man ihn deswegen zu Rede stellen würde - für diesen Tag hatte er stets den kleinen Neurostim griffbereit.

Rakosi schien die ganze Sache anders zu sehen. Er fügte sich willig allen Anweisungen, die er von Carlsen erhielt, und nahm schon nach kurzer Zeit aufgrund seiner Kenntnisse eine Sonderstellung ein. Fagen sah ihn oft zusammen mit Carlsen in den Gängen der Kasematten, stets in angeregte Gespräche vertieft.
Manchmal besuchte Rakosi Fagen in dessen Kammer. Er schien das Bedürfnis zu haben, Fagen seine Erlebnisse mitzuteilen.
"Wissen Sie eigentlich, was Carlsen gemeint hat, als er sagte, unsere Ankunft hier sei ungewöhnlich gewesen?" fragte er Fagen, der gelangweilt mit den Schultern zuckte. "Ich werd's Ihnen sagen: Die meisten Leute hier sind gar nicht durch die unterirdischen Gänge gekommen wie wir, genaugenommen haben die Outlaws diese Gänge erst entdeckt, als sie ihre Zuflucht hier eingerichtet hatten."
"Und woher sind sie gekommen? Vom Himmel gefallen?" erkundigte sich Fagen sarkastisch.
"Könnte man so sagen", grinste Rakosi, wobei er wie immer sein gelbes Pferdegebiß entblößte, "Gerüchteweise habe ich auch schon gehört, daß es so etwas geben soll: Manchmal verschwinden Leute einfach so und tauchen nie wieder auf - man erzählt sich, diese Leute würden einfach von den Stadtvätern aus der Kuppel geworfen werden. Auf genau diese Art sind die Outlaws aus der Stadt in's Freie gelangt."
"So, so", machte Fagen, "und dann sind sie über einige Kilometer verseuchten Boden spaziert, haben immer einen Bogen gemacht, wenn eines der mutierten Raubtiere in Sicht kam, die angeblich hier herumstreunen, und sind dann irgendwann rein zufällig auf diesen Schrottplatz gestoßen?"
"Sie haben's erfaßt. Die Opfer waren natürlich enorm. Aber die Vermißtenrate der Stadt in den letzten Jahren war ja auch verdammt hoch. Irgendwann haben sie dann die Tunnel entdeckt, für ihre Zwecke präpariert und als Versorgungsweg genutzt, denn auf die Dauer wollten sich die Outlaws nun doch nicht vom Fleisch der Tiermutanten ernähren..."
"Woher wissen Sie das eigentlich alles?"
"Dieser Carlsen mag eine Führernatur sein", grinste Rakosi, "aber er hat sein Mundwerk nicht unter Kontrolle - ganz abgesehen davon, daß ich ihn für einen Psychopathen halte, aber von den Leuten hier ist ja kein einziger völlig gesund! Entweder haben sie einen geistigen Defekt, oder sie sind verstümmelt wie Metalface. Vermutlich ist das der Preis, den sie für ihre Freiheit zahlen."
Fagen nickte anerkennend. Er gab es vor sich selbst nicht gern zu, aber Rakosi begann ihm zu imponieren. "Nicht übel", meinte er, "aber was haben Sie eigentlich vor? Warum sind Sie so bemüht, sich bei Carlsen beliebt zu machen?"
"Ich glaube, wir haben das gleiche Ziel", entgegnete Rakosi. Sein Blick drückte plötzlich eine Härte aus, die Fagen bisher nicht an ihm gekannt hatte. "Ich habe nicht vor, hier zu versauern. Hier kann man doch nicht leben! Unter all diesen Kriminellen und Asozialen, angeführt von einem Halbverrückten! Nein, mein Freund, ich muß zurück in die Stadt. Irgendwie werden wir es schon schaffen, uns dort eine neue Existenz aufzubauen, wenn erst einmal etwas Zeit verstrichen ist."
Ich höre immer WIR, dachte Fagen, der noch nie zugelassen hatte, daß sich jemand in seine Pläne einmischte und damit auch jetzt nicht anfangen wollte. Egal. Vielleicht kann der Knabe mir noch ganz nützlich sein.

VIII

Fagen brauchte nur wenige Tage, um zweierlei festzustellen: Als erstes wurde ihm klar, daß er es niemals aus eigener Kraft schaffen würde, in die Stadt zurückzukehren. In den unterirdischen Tunnels würde er sich sofort verirren. Der oberirdische Weg war insofern einfacher, als die gigantische Stadtkuppel von weither erkennbar war und als Wegweiser dienen konnte. Jedoch würde ein einzelner Wanderer in der Wildnis nicht lange überleben. Besonders stark verseuchte Stellen, radioaktive Bombentrichter und mutierte Lebewesen würden dem Marsch ein rasches Ende bereiten. Carlsen hatte also nicht gelogen.
Zweitens hatte er - mit Rakosis Hilfe - in Erfahrung gebracht, daß nur etwa zwei- bis dreihundert Outlaws ebenso fanatisiert waren wie Carlsen. Der Rest der Leute interessierte sich nicht weiter für Carlsens ideologische Reden und wollte nur in Ruhe gelassen werden. Diese Gruppe organisierte auch im wesentlichen die Versorgung der Zuflucht mit allen möglichen Gütern. Sie verfügten zu diesem Zweck über zahlreiche Kontaktleute in der Stadt - der jetzt vermutlich tote Iwanow war nur einer von vielen gewesen.
Fagen wußte auch bereits, wann der nächste Warentransport ablaufen sollte. Diesem würde er folgen und auf diese Weise den Weg zurück in die Stadt finden. Natürlich würde es nicht ohne Gewalt abgehen, denn soviel er wußte, mußten die Transporte stets die U-Bahnstation passieren, durch die er und Rakosi in die Zuflucht gelangt waren, und diese Station wurde ja gut bewacht - der lautlos wirkende Neurostim würde Fagen hier gute Dienste erweisen. Bei der Gelegenheit würde er auch gleich Rakosi aus dem Weg räumen können, falls der sich an ihn hängen sollte...

*

Fagen war zufrieden mit sich selbst und seinem Plan, an dessen Gelingen er keinen Zweifel hatte, denn die Leute hier nahm er als Gegner nicht ernst. Auch Typen wie Klinge und Metalface hielt er nicht für eine ernstzunehmende Gefahr, da ihnen seine Erfahrung fehlte. Er war zuversichtlich, in absehbarer Zeit wieder in seiner vertrauten Umgebung - der Stadt - agieren zu können. Er freute sich schon richtig auf ein ordentliches Essen, ein Bad und saubere Kleidung... Die Probleme, die nach seiner Rückkehr auf ihn zukommen würden, beschäftigten ihn jetzt noch nicht; es war einer seiner typischen Wesenszüge, sich immer nur auf das Nächstliegende zu konzentrieren.
Dies war der Stand von Fagens Überlegungen, als Rakosi ihn mit einer Nachricht überraschte, die alle Pläne über den Haufen zu werfen drohte.
Rakosi kam zu Fagen hereingestürmt, der gerade damit beschäftigt war, sein tägliches Programm an Kraft- und Dehnungsübungen zu absolvieren.
"Sie ahnen nicht, was dieser Verrückte vorhat", keuchte Rakosi atemlos, was mehr auf seine Aufregung als auf körperliche Anstrengung zurückzuführen war.
"Vermutlich meinen Sie Carlsen", merkte Fagen an.
"Exakt! Bis heute habe ich sein zusammenhangloses Gefasel nicht ernst genommen, aber was ich heute erfahren habe, läßt alles in einem ganz anderen Licht erscheinen!"
"Machen Sie's nicht so spannend!"
"Schon gut, lassen Sie mich doch erst einmal zu Atem kommen! Erinnern Sie sich noch, wie Carlsen davon sprach, daß alles, was in der Stadt vor sich geht, nur dem Wohl und der Macht der Stadtväter dienen soll? Ja? Kann übrigens sogar sein, daß er damit recht hat..."
Fagen runzelte ungeduldig die Stirn.
"Ja, ja", fuhr Rakosi daher hastig fort, "Jedenfalls meint er, daß dieses ganze Machtgebäude wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen wird, wenn man die Kuppel zerstört! Auf diese Weise will er den Bürgern die Freiheit wiedergeben!"
Eisiges Schweigen kehrte ein. Fagen spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. Wenn die Kuppel einstürzte... unbeschreibliches Chaos wäre die unausweichliche Folge. Das Ausmaß der Zerstörungen, verursacht durch die Trümmer der zusammenbrechenden Kuppel, würde jede Katastrophe, die es in der Stadt jemals gegeben hatte, wie einen Kindergeburtstag erscheinen lassen. Dazu die Panik, die unter den Menschen allein schon deshalb ausbrechen würde, weil die Kuppel seit Jahrzehnten - oder gar seit Jahrhunderten - der Inbegriff des Schutzes gegen eine tödlichen Umwelt für sie war...
"Er könnte Erfolg damit haben", flüsterte Fagen, "ohne die Kuppel gibt es Anarchie."
"Genau", pflichtete Rakosi ihm heftig nickend bei, "Es stimmt schon: Ein Gebilde wie die Stadt kann man nur regieren, wenn es innerhalb bestimmter Grenzen überschaubar bleibt. So gesehen ist die Kuppel nichts anderes als eine Gefängnismauer - entfernt man sie, sind die Wächter machtlos."
"Aber wie will Carlsen das bewerkstelligen?" überlegte Fagen. "Die Kuppel ist gigantisch. Selbst wenn er noch so viele Bomben auf ihr anbringen würde, könnte er höchstens ein Loch hineinsprengen, das schnell wieder geschlossen werden kann."
Rakosi hob die Augenbrauen. "Sie vergessen, daß Carlsen und seine Leute ungehindert in die Stadt hineinspazieren können, ohne daß man sie aufspüren kann. Mit der Kuppel selbst werden sie sich nicht aufhalten! Soweit ich es mitbekommen habe, sind die Antischwerkraft-Generatoren, die die Kuppel stützen, das Ziel."
"Das ist Wahnsinn! Auf diese Weise werden sie die ganze Stadt zerstören", keuchte Fagen, "dann wird niemand mehr übrig sein, der die neugewonnene Freiheit genießen kann!"
"Ich glaube nicht, daß das einen Fanatiker wie Carlsen interessiert", meinte Rakosi sarkastisch. "Wir sind uns doch einig, daß wir das verhindern müssen?"
Fagen nickte. "Wissen Sie denn auch, ob Carlsen bereits über genug Sprengstoff verfügt?"
"Oh, davon hat er mehr als er benötigt. Ich weiß sogar, wo das Zeug gelagert wird." Kurz erklärte Rakosi die Lage des Sprengstoffdepots. "Carlsen wartet nur noch auf den richtigen Zeitpunkt. Man müßte die Bomben vorher unschädlich machen. Die werden aber gut bewacht. Wollen Sie das übernehmen?"
"Es ging mir nur darum, zu wissen, wieviel Zeit noch bleibt", entgegnete Fagen. "Mir schwebt eine endgültigere Lösung vor."
Rakosi bekam große Augen. "Sie wollen Carlsen töten!"
Fagen sah in Carlsen zwar ein viel leichteres Ziel als in den Bomben, weil der Anführer der Outlaws sich für unbesiegbar hielt und keine Leibwächter hatte, aber er dachte gar nicht daran, diese Gedanken mit Rakosi zu teilen oder dem Hageren zu erklären, was er wirklich beabsichtigte.

Die Dinge waren also endlich in Bewegung geraten. Fagen ging sofort zur Aktion über, wie es seiner Natur entsprach. Zunächst galt es, einen Unsicherheitsfaktor auszuschalten. Fagen nahm seine Lederjacke vom Haken, zog sie an und umschloß mit der linken Hand in der Jackentasche das Neurostim - Abschirmgerät. In der anderen Hand hielt er den Neurostim, richtete ihn auf Rakosi und betätigte den Auslöser.
Im nächsten Augenblick stürzte der Hagere unter dem Einfluß des unsichtbaren Energiefelds, das von dem Gerät emittiert wurde, wie ein Brett zu Boden. Fagen konnte beobachten, wie alle Glieder des Mannes sich verrenkten und verdrehten, bis die Gestalt einer zerbrochenen Gliederpuppe glich, die jemand weggeworfen hatte. Einige Sekunden lang übertönte ein Splittern wie von morschen Ästen und das berstende Knirschen von zerbissenen Zähnen das schrille Geräusch des Neurostimulators, dann erlosch das Energiefeld. Übergangslos entspannte sich der jetzt leblose Körper, hörte das Trommeln von Armen und Beinen auf. Rakosi war tot.
Fagen ließ das Abschirmgerät los und steckte den Neurostim wieder ein. Die Ladung der Waffe reichte jetzt nur noch für einen weiteren Einsatz aus.
Es war unvermeidbar gewesen, Rakosi zu töten. Fagen hatte ihn von Anfang an verdächtigt, ein E.I.S.-Mann zu sein, also ein Agent, der ihn entweder beschatten oder die Outlaws auskundschaften sollte. Fagen konnte sich nämlich nicht vorstellen, daß die Abteilung E.I.S. wirklich keine Ahnung von der Existenz der Zuflucht hatte. Ob dieser Verdacht berechtigt gewesen war oder nicht, war letzten Endes ziemlich unerheblich, denn Rakosi hatte einfach zuviel über Fagens Absichten gewußt. Mit diesem Wissen konnte Fagen ihn natürlich nicht herumlaufen lassen...
Achtlos stieg Fagen über die Leiche hinweg, öffnete die Zellentür und schaute sich vorsichtig um. Dann machte er sich auf den Weg zum Sprengstoffdepot.

*

Fast ärgerte Fagen sich darüber, wie nachlässig das Depot bewacht gewesen war: Zwei mit kleinen Maschinenpistolen bewaffnete Posten zu beiden Seiten einer dicken Stahltür mit Sicherheitsschloß. Die arglosen Wächter hatten gar nicht richtig mitbekommen, was geschehen war - Fagen war einfach schnurstracks auf sie zugegangen, hatte den einen Mann mit dem letzten Schuß des Neurostims außer Gefecht gesetzt, ihm die Waffe abgenommen den anderen damit niedergeschlagen. Um unnötigen Lärm zu vermeiden, hatte er die beiden Bewußtlosen dann mit einem Messer getötet, das einer der Wächter noch bei sich getragen hatte. Die Codesicherung des Schlosses hatte ihm nur ein mitleidiges Lächeln entlockt.
Über den Inhalt des Depots allerdings war Fagen einigermaßen überrascht, und zwar so sehr, daß er einige Sekunden lang nur staunend dastehen konnte. Es war ihm völlig schleierhaft, woher die Outlaws solche Mengen an Plastiksprengstoff, flüssigen Explosivstoffen, Detonationszündern und so weiter bezogen haben konnten. Die Materialien waren gleich kisten- und fässerweise in dem Lagerraum aufgestapelt, ziemlich unfachmännisch obendrein, denn die Kisten waren nirgends festgebunden und lagen zum Teil ziemlich wacklig aufeinander. Ein einziger herabfallender Behälter hätte die gesamte Zuflucht, vielleicht die ganze Fabrik, in einen rauchenden Krater verwandeln können!
Achselzuckend schüttelte Fagen die Überraschung ab und begann rasch mit der Arbeit, denn er rechnete damit, daß sein Eindringen in das Depot bald bemerkt werden würde. Vielleicht wurde er auch längst über eine versteckte Videokamera beobachtet, aber diese Möglichkeit konnte er in Anbetracht des miesen Zustands der Technik hier unten eigentlich vernachlässigen.

Ein kleiner Zünder mit hoher Sprengkraft war schnell gefertigt. Aus einem alten Chronometer, den er in der Unterkunft gefunden hatte, bastelte Fagen noch einen Zeitzünder, was ein wenig länger dauerte, aber unerläßlich war, denn Fagen wollte sichergehen, daß es ihn nicht selbst erwischte. Einen Moment lang überlegte er, ob er die Bombe nicht einfach in dem Lager deponieren sollte, aber diesen Gedanken verwarf er wieder, da er das genaue Vernichtungspotential der Sprengstoffe und damit die Strecke, die er zwischen sich und die Zuflucht hätte bringen müssen, nicht einschätzen konnte. Außerdem konnte es ja sein, daß er aufgehalten werden würde.
Nein, er hatte etwas anderes vor. Zunächst einmal wollte er sich um Carlsen kümmern. Er würde Carlsen zwingen, eine Versammlung der ihm treu ergebenen Anhänger einzuberufen - in einem Raum, den Fagen vorgab und in dem er vorher die Bombe verstecken würde. So wollte er mit einem Schlag all jene, die sich ihm in den Weg stellen konnten, ausradieren. Wenn er sich dann selbst an die Spitze der führungslosen Outlaws setzte, würde seiner Rückkehr in die Stadt nichts mehr entgegenstehen. Unwillkürlich mußte Fagen lächeln, während er über seine weitere Vorgehensweise nachdachte. Er hätte es sich nie träumen lassen, daß er einmal die Stadt und ihre Bürger vor Terroristen schützen würde - er, der doch eigentlich selbst immer als Bedrohung eingestuft worden war... Vielleicht würde man ihn eines Tages noch als Helden feiern!

*

Vorsichtig bewegte Fagen sich durch die fast menschenleeren Korridore. Wenn er von weitem Stimmen hörte, verbarg er sich in Nischen oder hinter den an vielen Stellen senkrecht von oben nach unten verlaufenden mächtigen Leitungsrohren, denn er wollte nicht gesehen werden, wie er mit der erbeuteten MPi in Richtung von Carlsens Büro marschierte.
Schließlich erreichte er den Eingang des Büros und klopfte an.
Carlsen öffnete arglos.
"Ja?"
"Ich bin gekommen, um Ihnen meine Entscheidung mitzuteilen", verkündete Fagen unschuldig lächelnd.
"Ah! Sind Sie endlich zur Zusammenarbeit bereit? Jemanden wie Sie können wir gut gebrauchen. Kommen Sie doch rein!"
"Aber gern", meinte Fagen, holte die Waffe unter der Jacke hervor und stieß Carlsen den Kolben vor die Brust, so daß der Mann rückwärts ins Büro zurücktaumelte und über einen Papierstapel fiel.
Fagen lud durch.
"Was soll das", rief Carlsen, der wie ein Fisch zwischen all den Papieren zappelte, "wie kommen Sie dazu, hier mit einer Waffe herumzulaufen?"
Ohne den Liegenden aus den Augen zu lassen, schloß Fagen hinter sich die Tür. "Sie müssen wirklich geistesgestört sein", sagte er dann kopfschüttelnd und erklärte Carlsen, was er von ihm erwartete.
Carlsens anfängliche Weigerung schlug sehr schnell in Bereitwilligkeit um, als Fagen ihm den Neurostim unter die Nase hielt - er konnte ja nicht wissen, daß das Gerät jetzt ungeladen und harmlos war. Die Bombe hatte er längst installiert; es blieben jetzt noch etwa zwei Stunden Zeit. Carlsen betätigte einige Tasten an einem Schaltpult, das neben dem Schreibtisch angebracht war und bediente sich eines altertümlichen Rundrufsystems, um die Versammlung seiner engsten Anhänger einzuberufen, was Fagen sehr recht war, denn bei einem Videokom hätte man sofort Carlsens recht derangierten Zustand bemerkt und vielleicht Verdacht geschöpft.

Fagen war jetzt voll in seinem Element. Endlich wieder in Aktion, alles klappte wie am Schnürchen - fast lief es schon zu einfach. Wenigstens bis zu dem Augenblick, als der unterdrückte Lärm ferner Explosionen aufbrandete, danach näher kommende Schreie und Schüsse. Fagen zerbiß einen Fluch zwischen den Zähnen. Hörten die Überraschungen nie auf? Da er in seiner Aufmerksamkeit nicht nachlässig wurde, bemerkte er sofort, daß Carlsen versuchte, sich unauffällig zum Schreibtisch hinzubewegen, in dem vermutlich eine Waffe verborgen war. Fagen überlegte kurz und kam zu dem Ergebnis, daß Carlsen ihm nicht mehr nützlich sein konnte. Er streckte den Mann mit einem kurzen Feuerstoß nieder - bei dem Lärm, der draußen herrschte, war das jetzt ohnehin egal.
Als Fagen den Raum verlassen wollte, hörte er ein ersticktes Röcheln hinter sich - Carlsen lebte noch. Fagen haßte es, Dinge unvollständig zu erledigen und beugte sich zu seinem blutüberströmten Opfer hinunter.
Carlsen bewegte die Lippen, rote Bläschen schäumten zwischen ihnen hervor. Versuchte er noch etwas zu sagen? Fagen beugte sich tiefer hinab und lauschte.
"Sie denken, Sie haben gewonnen..." Carlsens Stimme war nur ein Hauch, aber gut zu verstehen. "...aber Sie irren sich..." Dann hustete er klumpiges Blut aus und verstummte endgültig.

Fagen schüttelte den Kopf. Was konnte der alte Spinner gemeint haben? Er schaute sich in dem winzigen Büro um und dabei fiel sein Blick auf die Schalttafel. Er trat hinter den Schreibtisch und sah sich die Apparatur genauer an. Zwölf Schalter waren umgelegt worden und zwölf Lämpchen leuchteten in grünem Licht, signalisierten damit die Betriebsbereitschaft irgend eines weiteren Geräts. Es gab laufende Zählwerke unter jedem Schalter. Fagen durchsuchte die Papiere, die auf dem Schreibtisch ausgebreitet herumlagen. Nichts interessantes dabei. Doch was war das? Aus einer halb zugeschobenen Schublade ragten zusammengerollte Pläne heraus. Fagen breitete einen davon auf dem Tisch aus und betrachtete ihn stirnrunzelnd. Zuerst erkannte er nicht, was er vor sich hatte, doch dann überlief es ihn eiskalt. Das waren grobe Grundrisse der Kuppel, in denen die Standorte der Stützgeneratoren zu sehen waren. Zwölf Generatoren waren mit einem grünen, von Hand eingetragenen Symbol gekennzeichnet...
"Dieser verfluchte Wahnsinnige", knirschte Fagen. Ein Blick auf die Zählwerke brachte endgültige Klarheit: In wenigen Stunden würden die Generatoren explodieren. Offensichtlich waren Rakosis Informationsquellen nicht ganz vollständig gewesen - alle Vorbereitungen für den Anschlag waren längst abgeschlossen! Fagen hatte nicht die geringste Chance, die Stadt in der kurzen Zeit, die jetzt noch blieb, zu erreichen und irgendjemanden vor der unausweichlichen Katastrophe zu warnen.
Vorsichtig öffnete Fagen die Bürotür und spähte hinaus. Zunächst war nichts zu sehen, aber der Kampflärm war unüberhörbar. War etwa eine Schlacht zwischen den Carlsen-Treuen und den übrigen Leuten ausgebrochen?

Plötzlich bogen zwei Outlaws - einer war Metalface - um die Korridorbiegung, gingen in Deckung und feuerten in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Querschläger des Feuers, das auf sie gerichtet war, sirrten in allen Richtungen davon, einer davon verletzte den Begleiter von Metalface, so daß er ächzend umkippte und genau in die gegnerischen Schüsse fiel. Metalface kümmerte sich nicht mehr um den Toten und rannte mit stampfenden Schritten genau auf Fagen zu, das künstliche Auge glühte in einem bedrohlichen roten Licht.
Fagen trat auf den Korridor, die Maschinenpistole im Anschlag.
Metalface blieb stehen, als sei er gegen eine Wand gelaufen.
"Was ist hier los?" rief Fagen, um den Kampflärm zu übertönen, aber Metalface hatte offensichtlich das Sprechgerät verloren. Seine Keramikzähne knirschten aufeinander, die überdimensionale Kanone hielt er direkt auf Fagen gerichtet. Eine Pattsituation.
Vielleicht eine Sekunde lang starrten die beiden ungleichen Männer sich wortlos an, dann senkte Metalface die Waffe, wandte sich um und rannte in einen Seitengang, denn die Verfolger kamen schnell näher Fagen, der keine Ahnung hatte, wer eigentlich der Gegner war, folgte Metalface ohne zu zögern, denn der Outlaw schien ein bestimmtes Ziel zu haben. Dabei kamen die beiden allerdings dem Versammlungsraum, in dem Fagens Bombe unaufhörlich der Explosion entgegentickte, bedenklich nahe.
Schließlich blieb Metalface stehen und produzierte ein Krächzen, das Fagen als Warnung interpretierte. Mit seiner Kanone schoß Metalface ein Loch in die Tunnelwandung, die, wie danach erst zu sehen war, lediglich den Einstieg zu einer getarnten Fluchtröhre darstellte. Der Riese schwang sich hinein und war Augenblicke später über eine blankpolierte Rutsche in der Tiefe verschwunden.
Fagen tat es ihm gleich, vermutlich wartete unten irgend eine Fluchtmöglichkeit. Es blieb ihm im Moment nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, daß Metalface ihn nicht einfach erschießen würde, wenn er unten ankam. Die andere Alternative - nämlich auf die Verfolger zu warten - war genauso unerfreulich, da Fagen nicht wußte, wie sie sich ihm gegenüber verhalten würden. Also hängte er sich die Waffe vor die Brust und legte sich rücklings auf die Rutsche - der Donner, mit der die von ihm gelegte Bombe hochging, gab den Ausschlag: Fagen ließ den ausgezackten Rand des Lochs in der Wand los. Mit zunehmender Geschwindigkeit schoß er steil nach unten, wenigstens beschrieb die Rutsche nicht auch noch Kurven... Unten wurde die Fahrt langsamer, weil die Rutsche in einen flacheren Teil überging.

Fagen landete weich und erkannte zunächst nicht, daß es der Leichnam von Metalface war, über den er sich abrollte, während er instinktiv die Waffe hochriß - doch diesmal kam seine Reaktion zu spät. Etwas versetzte ihm einen wuchtigen Schlag vor die Brust und warf ihn um. Er überlegte noch, wie seltsam es war, daß er gar keinen Schmerz verspürte...
Das Gewehr entglitt seinen gefühllos gewordenen Händen. Aus liegender Position sahen die gepanzerten Männer, die nun auf Fagen zukamen und die er auf den ersten Blick als Spezial-Einsatzkommando der Polizei identifizierte, doppelt bedrohlich aus.
Das ist also das Ende, dachte Fagen und verdrehte ein wenig den Kopf, um die klaffende Wunde betrachten zu können, die in seine Brust gerissen worden war.
Stiefel erschienen in seinem Blickfeld, dann beugte sich ein Mann zu ihm hinab.
"Hendricks", murmelte Fagen, der seinen Augen nicht trauen zu können glaubte, "... dachte, Sie seien tot."
"Das sollten Sie auch", lächelte Hendricks, dem nun keine Spur der früher gezeigten Unsicherheit mehr anzumerken war. "Eigentlich schade, daß wir uns auf diese Weise wiedertreffen, denn Sie haben mir einigen Respekt eingejagt" Hendricks ließ sich neben Fagen auf den Hacken nieder. "Außerdem haben Sie uns gute Dienste geleistet. Aber leider haben wir haben die Anweisung, keine Gefangenen zu machen."
"... verstehe nicht...", keuchte Fagen, den allmählich die Kräfte verließen und dem jeder pfeifende Atemzug unerträgliche Schmerzen bereitete.
"Sie waren natürlich unser Lockvogel", erklärte Hendricks, "oder auch unser unfreiwilliger Spürhund, wenn Sie so wollen! Es hat ein bißchen länger gedauert, bis wir alle Vorbereitungen abgeschlossen hatten und Ihnen folgen konnten, aber das hier hat uns immer den richtigen Weg gewiesen." Hendricks hielt eine Waffe hoch. Es war Fagens eigene Pistole, von der er sich nie hatte trennen wollen und die er erst am Eingang der Kasematten abgegeben hatte. Hendricks entfernte ein Stück von der Griffschale. Ein kleiner Peilsender kam zum Vorschein.

Fagen brachte ein abgehacktes Husten hervor. Er lachte und spuckte dabei Blut auf den schmutzigen Boden. Also war alles inszeniert gewesen - die Verhaftung, die Flucht... Und er selbst hatte die Verfolger hinter sich hergelockt. Wie dumm er gewesen war! Warum war er nicht mißtrauisch geworden? Die ganze Geschichte war doch vom Anfang bis zum Ende voller Widersprüche und Unklarheiten gewesen.
"Dann waren Sie also der E.I.S.-Mann", murmelte er.
"Ah, Sie hatten also schon so etwas vermutet? Da habe ich Sie wohl unterschätzt, denn ich dachte, Sie seien völlig ahnungslos." Hendricks Lächeln vertiefte sich. "Aber genaugenommen war nicht ich der E.I.S.-Agent. Sondern Sie waren es, könnte man sagen, nicht wahr?"
Fagen nickte langsam, dann versuchte er Hendricks von der Gefahr zu berichten, die der Stadt drohte. Vielleicht konnte er ihm diese Informationen zum Preis seines Lebens verkaufen.
"Was sagten Sie?" Hendricks brachte ein Ohr nahe an Fagens Mund. Doch Fagen fühlte eine erbarmungslose Kälte, die sich in seinem ganzen Körper ausbreitete und ihn lähmte. Er konnte nicht einmal mehr die Lippen bewegen und sein Kopf fiel kraftlos zurück.
Allmählich trübte sich Fagens Blick. Er nahm kaum noch etwas von dem wahr, was um ihn herum vorging. Er hörte, daß Hendricks noch etwas sagte, verstand aber den Sinn der Worte nicht. Schmerzen verspürte er überhaupt nicht mehr, es kam ihm so vor, als habe er sich schon von dem zerrissenen Leichnam, der er war, losgelöst.
Sein letzter Gedanke galt - zu seiner eigenen Verwunderung - Carlsen und dessen Theorien über die Stadtväter. Deren Herrschaft ging nun ihrem Ende entgegen...

IX

Zufrieden schloß der Stadtvater die Augen. Gleichzeitig unterbrach er die permanente Datenverbindung, die er mit dem Agenten Hendricks gehalten hatte, so daß samtige, wohltuende Schwärze sich in seinem Geist ausbreitete.
Sein Plan war aufgegangen. Schon in einem frühen Stadium der Ermittlungen hatte der Stadtvater Kenntnis von dem Ort, den man Zuflucht nannte, erhalten. Der Gedanke, daß die Bürger ihre Markierungen entdeckt und entfernt hatten, war eigentlich naheliegend gewesen, wie der Stadtvater sich jetzt eingestehen mußte. Nachdem er erst einmal die Möglichkeit in Betracht gezogen hatte, daß sich die Zuflucht außerhalb der Stadtgrenzen befinden könnte, war die weitere Vorgehensweise klar gewesen. Jemand mußte gefunden werden, der eine starke Motivation hatte, sich dem Zugriff der Behörden zu entziehen, und der auch über die Möglichkeiten verfügte, die Zuflucht wirklich zu erreichen.
Der Killer, dessen sich die Stadtväter inkognito schon bereits mehrfach für delikate Aufträge bedient hatten, war für diese Aufgabe die beste Wahl gewesen, und er hatte seinen Zweck erfüllt, wie es nicht anders zu erwarten gewesen war.
Nun war die Zuflucht nicht mehr existent. Der Stadtvater überlegte bereits, wie er den Mythos dieses Ortes, der unter den Bürgern weit verbreitet war, zum Nutzen der Stadtväter verwenden konnte. Es bereitete ihm nur noch Kopfzerbrechen, daß er nach wie vor nicht über alle Vorgänge innerhalb der Zuflucht unterrichtet war. Genaugenommen fand er es unerträglich, daß sich offensichtlich schwerwiegende Dinge in der Stadt zugetragen hatten, die die Stadtväter nicht kontrollieren konnten. Soweit durfte es nie mehr kommen. Vielleicht, so überlegte der Stadtvater, war es an der Zeit für eine neue Seuche, die die Menschen für einige Zeit auf andere Gedanken brachte...
Doch das eilte nicht. Der Stadtvater beschloß, sich eine kleine Zeit der Ruhe zu gönnen, und klinkte sich in die virtuelle Welt seiner persönlichen Computerbänke ein. Dort kostete er alle Genüsse der Jugend aus, während sich sein zerstörter, mumifizierter Körper langsam im Strom der Nährflüssigkeit drehte.

X

Am Rand der Kuppel, unbemerkt von allen Überwachungsanlagen und Sicherheitskräften, leuchteten zwölf grüne Lämpchen an klobigen Apparaturen. Digitalziffern veränderten sich. Bald würde der Countdown abgeschlossen sein.




Johannes Kreis 1996 (Text)
Ottmar Alzner 1996 (Zeichnungen)

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