Startseite

Storys

Metropoliade 2


Die Sirenen heulen: Ende der Arbeitsschicht. Die anderen Arbeiter glotzen verständnislos, als ich zum Abschied das Zeichen vor ihnen mache. Sie kennen die Bedeutung nicht und wissen nicht, was für ein besonderer Tag heute ist - so ändern sich die Zeiten...

Ich lasse den Zaun aus zentimeterdickem Stahldraht hinter mir. Der Zaun steht unter Strom und soll die Fabrik gegen Irre und Plünderer absichern. In der glasklaren, klirrend kalten Nacht gleicht die Fabrik einer Großstadt, wie sie da mit all ihren bunten Lichtern im Krater liegt. Gigantische Scheinwerfer strahlen sie an, werfen harte Schatten in den Dunst, der an manchen Stellen von ihr aufsteigt. So wirkt die Dunkelheit jenseits des Zaunes nur noch tiefer.

In der Ferne glitzert die Kuppel der Stadt. Eine Insel in einem See der Schwärze, eine letzte Oase im Nichts...

Die U-Bahnstation nimmt mich auf, mit ihren typischen Gerüchen nach Öl, menschlichen Ausscheidungen und Kunststoff. Nicht viel los hier, die Meisten arbeiten entweder durch bis zum lichtlosen Morgen oder gehen wesentlich früher - ich dagegen vertreibe mir in der Fabrik nur die Zeit, bis in der Nacht meine eigentliche Arbeit beginnt! Die U-Bahn ist der einzige zivil nutzbare Weg aus der Stadt hinaus und in sie zurück. Jedenfalls der einzige sichere Weg. Außer den Fabrikarbeitern verspürt allerdings kaum noch jemand das Bedürfnis, die Stadt jemals zu verlassen...

Draußen beginnt es zu regnen. Nichts wie weg vom Eingangsportal, bevor die Säure mir noch die Lederkutte zerfrißt, mein Zeichen der Zugehörigkeit zur Bruderschaft!
Kaum jemand in den mit Graffiti überzogenen Waggons. Erst in den inneren Bezirken wird es voller werden. Es ist immer das gleiche: Keiner verläßt gerne die Stadt - sie könnte dichtgemacht sein, wenn man wieder zurück will. Und außerhalb, jenseits der Fabriken, die die Stadt wie ein Ring umgeben, da herrscht das Chaos, wenn man den Trivideonachrichten glauben will. Und das tut heute jeder. Deshalb gibt es in den Fabriken ausschließlich Spitzenlöhne. Wenn man die Arbeit lange genug überlebt, kann man stinkreich werden - und beides habe ich vor.

Ich lasse mich auf einen rissigen Plastiksitz fallen. Drei Bänke weiter kauert ein alter Typ. Ein Kahler. Er macht dem Namen seiner Gattung alle Ehre: Man kann jedes einzelne Melanom auf seinem Schädel sehen. Hohlwangig und blauweiß im Neonlicht ist sein Gesicht. Seine Augen starren stumpf, wie tot. Fischaugen. Selbst schuld - wer freiwillig so alt wird, muß damit rechnen, daß die Strahlung ihn langsam auffrißt. Es ist asozial, sich den Wiederverwertungsanlagen so lange vorzuenthalten. Das bringt man uns in der Schule bei. Wozu soll man das verstrahlte Fleisch am Ende noch gebrauchen? In der Symmetrie der Entstellungen des Kahlen liegt eine gewisse Schönheit, die mich veranlaßt, ihn mit dem Zeichen zu ehren. Die wimpernlosen, wäßrigen Augen des Kahlen bekommen prompt einen furchtsamen Ausdruck. Befriedigende Reaktion. Hastig verzieht er sich in ein anderes Abteil, so daß ich nunmehr wenigstens meine Ruhe habe, bis der Zug die Stadtgrenze erreicht.

Dort, wie üblich, ein lästiger Aufenthalt. Kontrolle. Die Posten kennen mich schon. Einer macht das Zeichen, das ich zurückgebe wie es sich gehört. Selbst in Zeiten wie diesen findet man überall Brüder...
Der Kahle wird aus dem Zug gezerrt. Ich beobachte durch die säurezerfressenen Scheiben, wie eine Streife ihn wegbringt. Wahrscheinlich ins Niemandsland, denn für die Wiederverwertung ist er in seinem Zustand wie gesagt nicht mehr zu gebrauchen. Sein Gezeter geht bis in die höchsten Tonlagen. Dann ein dumpfer Schlag. Endlich ist es still.

Der Hauptbahnhof.
Menschenmassen wälzen sich über die Plattformen, gesichtslos wie Ameisen. Hier brodelt und dröhnt noch das Leben.
In den Ecken hängen Junks herum. Einige von ihnen zeigen wirklich interessante Abarten der landläufigen Drogenkrätze. Pech für euch, Jungs, nächstesmal wißt ihr es besser und spritzt euch keine Herbizide mehr! Auf dem Bahnhofsvorplatz warten schon Maschine, Nob und Hulk. Mein Trupp. Die Nieten an ihren Kutten glänzen im bunten Schein der Neonlichtreklame. Ihr Zeichen kommt präzise gleichzeitig und zackig. So muß es sein! Maschine, wie immer kahlgeschoren (auch Augenbrauen, Wimpern und alles andere läßt er dabei nicht aus), kichert sein irres Hyänenkichern. Er freut sich wie ein Kind auf die Arbeit und er zeigt es - von seinen spitz zugefeilten Zähnen spritzt der Geifer.

Unserer Gruppe wurde für diesen Abend die 42. Straße zugeteilt. Dort hat ein neuer Laden aufgemacht, den wir bisher noch nicht von innen gesehen haben. Ein unhaltbarer Zustand für den Bürger von Welt, meint das einladende Neonschild über dem Eingang.
Der Türsteher macht Arger, obwohl man ihm das Unbehagen ansehen kann, welches ihn beim Anblick von Hulk beschleicht. Unsere Kutten scheint er wenigstens erkannt zu haben. Ein Punkt für ihn. Also gebe ich Hulk ein Signal; er soll sanft sein. Hulk grunzt eine Zustimmung und lächelt den Bodybuilder auf seine kindlich-zarte Art an. Gleichzeitig rammt er ihm das Knie in die Hoden (fast meint man es knacken zu hören). Der Türsteher krümmt sich vor Schmerz, sein Gesichtsausdruck verdient Applaus! Er hat nun keine Einwände mehr, also: Hinein in den Nobelschuppen!

Chrom und Leder überall, Holos und nervtötende Amboßmusik aus zugegebenermaßen erstklassigen Lautsprechertürmen. Wir gehen an die Theke, indignierte Blicke ignorierend. Nob macht einen Witz über die Frauen hier und ihre mehr oder weniger männliche Begleitung. Hulk brüllt vor Lachen (ein bemerkenswertes, selbst die Musik noch übertönendes Geräusch), Maschine kichert, bis seine Stimme sich überschlägt, während ich cool bleibe - als Truppführer habe ich eine gewisse Würde zu wahren.
Der Barmann scheint nervös zu sein. Hulk tätschelt ihn und er beruhigt sich blitzartig. Nob schwingt sich derweil über die Theke und löst den Mixer ab, der - flink und umsichtig wie ein Wiesel - schon längst das Weite gesucht hat.
Während wir uns erfrischen, beobachten wir die Verrenkungen der Tänzer.
"Na ja", meint Nob, während er etwas Gin auf dem flauschigen Teppich vor der Bar verteilt, "jeder auf seine Art, was?"
Hulk grunzt nur, das ist sein ganzes Vokabular.
Hier wäre einiges zu tun für uns, aber das sparen wir uns für ein andermal auf, heute wollen wir nur die Lage sondieren. Das Revier ist noch relativ neu für uns und wir kennen noch nicht jeden.

Doch da - kommt da nicht der Türsteher (noch etwas unsicher auf den Beinen) mit zweien seiner Fitnesscenter-Freunde angestapft? Das Trio bemüht sich, entschlossen dreinzublicken. Das war zu erwarten. Warum auch nicht? So bietet sich eine uns eine gute Gelegenheit zum aufwärmen. Nob kommt auch schon hinter der Theke hervor, die klauenbewehrten Finger klappern fröhlich.
Die drei Amphetaminschlucker bauen sich vor uns auf, oberschenkeldicke Arme in die Seiten gestemmt. Wie unästhetisch! So mustern wir uns, während sich die Musik durch ein paar weitere Takte schleppt. Die Tänzer sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, man beachtet uns nicht. Das soll sich ändern!
Der mittlere Rausschmeißer setzt zu irgendeiner Rede an, die er nie beenden wird, denn auf mein Signal beginnen vier Ketten aus rostfreiem Stahl zu wirbeln. Die Kugelglieder reißen eigentlich keine Wunden, aber nach einigen fast beiläufigen Schlägen platzt auch die dickste Schwarte auf -und die Muskelmänner besitzen eine ausgesprochen zarte Babyhaut...
Jetzt haben wir die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden - ein erhebendes Gefühl! Augen und Münder werden aufgerissen, die grellgeschminkten Weiber kreischen, einige purzeln gar ohnmächtig zu Boden. Einfach herzig! Man hat keinen Blick für die hohe Kunst des Zurichtens in diesem Laden. Dabei geben wir uns echte Mühe, so daß die drei bald einer surrealistisch verfremdeten Darstellung ihrer selbst gleichen. Einschließlich der Leblosigkeit.

Das weite Rund unseres Publikums hält vorsichtigen Abstand.
Wir verbeugen uns. Aus purem Übermut zertrümmern Nob und Hulk noch schnell die Bar, während Maschine unserem Kunstwerk den letzten Schliff verleiht. Mit einem Wort: Die Gruppe bringt sich in die richtige Stimmung für diesen weihevollen Abend und nimmt der sündigen Gesellschaft gleichzeitig die Buße ab.
Ich behalte die Menge im Auge. Niemand versucht uns Einhalt zu gebieten. Wer wäre auch so dumm? Endlich zeigen sich echte Gefühle in den Augen der Menschen, endlich werden sie aus ihrem dumpfen Alltagstrott herausgerissen. An diesen Abend werden sie sich noch lange erinnern. Ich spüre, wie das alte Wohlgefühl mich durchströmt - nach dem langen Tag in der Fabrik bin ich wieder in meinem Element.
Schließlich beende ich das fröhliche Treiben. Ein knapper Befehl genügt und die Ketten verschwinden wieder in den Gürteln. Anderswo gibt es noch viel Arbeit für uns! Die Menge macht uns hastig Platz, als wir hinausgehen. Einige Blicke zeigen trotz aller Angst auch Abscheu (hätten wir genug Zeit, würden wir uns das nicht bieten lassen) - in manchen Gesichtern sieht man jedoch auch offene Bewunderung. Das ist nichts neues für uns. Wer wäre nicht gern einer unserer Brüder? Teilhaftig der Macht und der Größe unserer Truppe? Das Zeichen allerdings macht hier niemand.

Auf der Straße dampfen die Gullys. Wer weiß, welche Chemikalien sich da wieder vermischt haben - wer weiß überhaupt, was in den unabschätzbaren Meilen von Kanalisation und Untertunnelung vorgeht?
Seit die Kuppel errichtet wurde, gibt es kaum mehr Autos auf den Straßen der Stadt. Auch Fußgänger sieht man selten. Die meisten Bürger sind vernünftig genug, Untergrund- oder Schwebebahn zu nehmen, deren Ausgänge direkt in Wohnsilos, Vergnügungs- und Einkaufszentren, Büros, Fabriken und so weiter münden und schwer bewacht sind. Nur wenige Orte der Stadt sind noch ausschließlich über die Straßen zu erreichen - für unsere Arbeit reicht es.
Hoch über uns sehen wir die Kabinen einer Schwebebahn zwischen den monolithischen Wohnsilos hindurchflitzen wie kleine, bunte Kometen. Der Asphalt glitzert vor Feuchtigkeit, offenbar ist die Stadt gerade künstlich beregnet worden. Angeblich kommt das Wasser von Draußen - wenn das stimmt, wird man den Straßenbelag bald erneuern müssen. In den Pfützen spiegelt sich das grelle Licht eines Vergnügungstempels. Junks und Penner in zahlreichen finsteren Ecken setzen einen reizvollen Kontrapunkt dazu.
Aus der Ferne nähert sich Sirenengeheul. Hat jemand in dem Laden hinter uns soviel Mut aufgebracht, die Cops zu rufen? Ich mache mir keine Sorgen wegen der Polizei. Die Streife wird uns genug Zeit lassen zu verschwinden. Noch nie ist ein Bruder nach getaner Arbeit von einem Gesetzeshüter aufgegriffen worden - die Cops haben klare Anweisungen von den Stadtvätern. Wir sind das kleinere Übel. Wir halten die Ratten ruhig.

Wie Schatten tauchen wir in die stinkende Dunkelheit einer verfallenen Seitenstraße ein, nicht weit von den zerschmolzenen und verbogenen Überresten der Universität. Maschine geht vorsichtig voraus, sein künstliches linkes Auge ist infrarotempfindlich. Er ist der ideale Spürhund.
"Vorn links, fünfzig Meter, zwei Stück", zischt er seine Meldung. So unzurechnungsfähig er sonst auch ist, seit ihn die Bruderschaft aus der verkeilten U-Bahn herausgezerrt hat, in der er zwei Nächte lang eingeschlossen war; im Einsatz zeigt er genausoviel Disziplin wie alle anderen.
Wir erreichen die beiden Objekte. Harmlose Bürger, so meint man beim ersten Blick. Wir wissen es besser.
Die Arbeit beginnt.

Nach drei Stunden haben wir den uns zugeteilten Sektor bis auf einen Block gesäubert.
Nur einer der alten Sünder denen wir begegnet sind, ist starrköpfig geblieben. Ein komplett Wahnsinniger? Nein, es war leicht zu erkennen, daß er aus den Reihen der Verblendeten, unserer erbitterten Feinde, kam. Hulk, erzürnt von der unglaublichen Frechheit des Mannes, UNS von seinen verrückten Überzeugungen überzeugen zu wollen, hat ihm den Hals gebrochen als wäre es ein dünnes Ästchen.
Das war ein äußerst ärgerlicher Zwischenfall. Dabei war es vorher so gut gelaufen! Dieser Mißerfolg wird sich störend auswirken, wenn bei der nächsten Großen Zusammenkunft die Einsätze aller Brüder besprochen werden. Natürlich sind wir jetzt gereizt, die gute Stimmung im Trupp ist verloren. So etwas darf nicht wieder vorkommen.
Zwischen den größtenteils verlassenen Häusern der Altstadt, die sich wie Pilze um die Sockel der gigantischen Wohnsilos scharen, nähern wir uns dem letzten Abschnitt unseres heutigen Einsatzes. Ein Betrunkener kommt uns aus dem Eingang eines uralten Ladens entgegen. Keiner für uns: An Dropouts wie ihn verschwenden wir nicht unsere Zeit. So rasiert Nob ihm im vorbeigehen nur kurz ein bißchen Haut vom Gesicht. Nur zum Spaß. Ich lasse Nob gewähren, er muß bei Laune gehalten werden. Steht immer unter Strom. Manche haben behauptet, er sei nur bei der Bruderschaft, um seinen abartigen Neigungen nachzugehen. Wen kümmert es? Solange er gute Arbeit leistet, kann das einem Truppführer egal sein.

"Da ist einer", sagt plötzlich Maschine. Er kann es förmlich riechen, wenn etwas für uns auftaucht.
Tatsächlich, da überquert ein dunkler Schatten die glitschige Straße.
Blitzschnell sind wir dran und kreisen ihn ein. Ein bleiches, verschrecktes Gesicht starrt uns verständnislos an in dem spärlichen Licht, das aus der Welt der Lebenden bis in diese Regionen herabdringt. Wer weiß, was der Kerl hier verloren hat, aber es spielt auch keine Rolle.
Nob zerrt den Burschen am Kragen seiner Jacke zu sich hin. "Na", flüstert er sanft, "welcher Tag ist heute?"
Der Fremde reagiert nicht. Die Panik hat ihn fest im Griff, wahrscheinlich nimmt er uns gar nicht richtig wahr. Speichel läuft ihm über das Kinn. Nob schüttelt den Burschen ein wenig.
"Aufwachen!"
Es ist ganz klar, daß wir es mit einem typischen Bürger zu tun haben. Aus irgendwelchen Gründen einmal nicht in der Sicherheit der Wohnsilos, ist er völlig hilflos, desorientiert, und wie gelähmt. Bis zu diesem Augenblick hat er wahrscheinlich die üblichen Bürger-Gedanken gedacht: Wie morgen wohl die Arbeit werden wird, was heute im Trivideo zu sehen ist... und genau das ist der Grund, warum wir ihn gegriffen haben. Schließlich gibt es - gerade heute - viel wichtigere Dinge, mit denen man sich beschäftigen soll!
Maschine dauert alles zu lange. Der unglückliche Verlauf des Abends hat ihn nervös gemacht. Er schnappt sich das Bündel Elend, bleckt seine Nadelzähne und läßt seine Kette kreisen - im nächsten Moment steht der Fremde mit einem Ohr weniger da.
Der Schmerz läßt den Mann aufwachen. Jetzt erst sieht er, mit wem er es zu tun hat, sein Mund öffnet sich zum Schrei, eine Hand fährt hoch zu seinem verletzten Kopf. Die Augen sind groß und rund, vorwurfsvoll und angsterfüllt wie die eines Kindes - oder eines Schlachtopfers.
"Aber, aber", säuselt nun wieder Nob und klatscht den Fremden gegen eine Wand, so daß sein Atem pfeifend entweicht und der Kopf mit einer nickenden Bewegung auf das Mauerwerk prallt. Jetzt können wir mit der Befragung anfangen.

Aber es läuft nicht. Der Kerl will einfach nicht antworten. Vielleicht begreift er auch gar nicht, um was es hier geht. Ich sehe schon, daß es mit ihm nicht einfach werden wird...
Nach einiger Zeit löst Hulk Nob ab. Sorgfältig setzt er nach jeder meiner Fragen seine Fäuste, Stiefel und ein paar andere einfallsreiche Werkzeuge ein, um das schlaffe Bündel ein bißchen in Gang zu bringen. Nachdem er all sein Können eingesetzt hat, kommen endlich auch die ersten nuschelnden Antworten! Wie ich es mir dachte: Ein typischer Bürger ohne jeden inneren Wert. Leider ist er bald in einem Stadium, in dem er keine Antworten mehr geben kann, also lassen wir von ihm ab, beenden die Beichte. Jetzt kommt Maschines Teil der Arbeit. Ein wenig nervt mich Maschines hyänenähnliches Lachen schon...
Nachdem die Injektionsnadel weggepackt ist, verzieht sich Maschine in das tiefere Dunkel einer Hofeinfahrt. Wir anderen wollen ihn nicht stören bei seiner Art, das Erlebte zu verarbeiten. Der Fremde wird in genau einer Stunde sterben, nach einem Todeskampf, der ihm zeigen wird, was ihm im Jenseits erwartet!
Qualvoll krümmt sich die Gestalt am Boden. Nob und Hulk beobachten ihn teilnahmslos, dann wenden sie sich zum gehen, während ich mit der routinemäßigen Durchsuchung beginne.
Als ich allein mit dem zerschundenen Ding bin, öffnet sich langsam sein verbliebenes rechtes Auge. Blutumrandet starrt es mich an. Langsam kriecht die rechte Hand andeutungsweise zu seiner Stirn, dann führt er sie zum Herzen und auf die rechte Seite.
Ich fahre zurück. Automatisch erwidere ich das Zeichen.
Was bedeutet das? Sollten wir uns so geirrt haben? Ist er doch von der richtigen Seite? Schnell erteile ich ihm Kraft meines Amtes als Truppführer die Absolution, dann durchtrenne ich mit einem kurzen Schnitt die Halsschlagader, um seine Leiden zu beenden - sollte er einer von uns gewesen sein, dann soll er nicht länger gequält werden!

So ist es, überlege ich, während ich zusehe, wie das Leben des Fremden schäumend auf die Straße sprudelt. Auch ein Mann der Kirche ist nicht unfehlbar. Welcher Mensch wäre auch so vermessen, derartiges von sich zu behaupten? Der Kampf für den Rechten Glauben ist nun einmal nicht einfach, schon gar nicht an einem Tag wie heute.
Nun folge ich meinen Mitbrüdern. Gedankenverloren spiele ich mit den Stahlkugeln meines Rosenkranzes.
Auf einmal spüre ich eine große Zufriedenheit in mir. Mit eigener Hand habe ich einen Akt der Barmherzigkeit verübt an jemandem, der es verdient. Und paßt dies nicht zum heutigen Abend, diese heilige Nacht? Schließlich feiern wir das Fest der Liebe...





Copyright (c) by Johannes Kreis. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie gewerbsmäßige Weiterverbreitung jeglicher Form nur mit meiner vorherigen Zustimmung. Ähnlichkeiten mit Institutionen, lebenden oder verstorbenen Personen usw. sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Seitenanfang