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Metropoliade 1



Schweißgebadet fahre ich aus tiefem Schlaf hoch, weiß im ersten Moment nicht wo ich bin. Der Alptraum (fast jede Nacht quält er mich) hat mich noch immer im Griff, kaum konnte ich mich überhaupt aus ihm lösen. Langsam orientiere ich mich im Halbdunkel, finde mich selbst im zerwühlten Bett wieder. Ich stelle fest, daß ich bolzengerade dasitze, starr vor Panik. Erleichtert, daß ich wieder nur geträumt habe, lasse ich mich zurücksinken und atme tief durch, um mein wie rasend klopfendes Herz zu beruhigen. Vom großen Fenster her fällt das Licht der anderen Wohntürme herein, so daß das Chaos im Zimmer größtenteils in gnädige Dunkelheit gehüllt bleibt. Irgendwie bin ich in den letzten Wochen nicht dazu gekommen hier aufzuräumen, oder auch nur den Abfall zum Konverter zu bringen. Gedämpft höre ich sich näherndes Sirenengeheul, dann huschen die wirbelnden Warnlichter des Flugstreifenwagens am Fenster vorbei - ein Anblick, an den ich mich schnell gewöhnt habe, seit ich hier lebe. In dieser Gegend sind die Flugstreifen ein ebenso normaler Anblick wie anderswo Arbeitsandroiden oder Videofonzellen.

Allmählich normalisiert sich mein Herzschlag. Meine Gedanken beschäftigen sich jedoch immer noch mit dem Traum. Es ist fast jede Nacht derselbe. Ich kann nicht einmal mehr sagen, wann ich ihn zum ersten Mal hatte - fast kommt es mir so vor, als sei ich nie ohne ihn gewesen. Er fängt immer ganz harmlos an. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit, in der Röhrenbahn, oder unterwegs zur wöchentlichen Hygieneuntersuchung oder zum Einkaufen. Ich verhalte mich wie alle anderen und werde nicht weiter beachtet. Plötzlich fühle ich mich angestarrt - es ist wie ein Kribbeln im Nacken - und wenn ich aufblicke, meine ich aus den Augenwinkeln noch zu sehen, wie alle schnell ihren Blick abwenden. Ich habe das Bedürfnis, so schnell wie möglich wegzukommen, ins Büro oder, noch besser, in meine Wohneinheit. Aber ich scheine den Weg verloren zu haben, befinde mich in einer ganz unbekannten Gegend und weiß nicht, wohin ich gehen soll. Allmählich werden die Blicke der Fremden unverschämter, sie machen sich nicht einmal mehr die Mühe so zu tun, als ob sie mich nur zufällig angesehen hätten. Ich meine dem Ausdruck ihrer Gesichter immer mehr Abscheu entnehmen zu können, gleichzeitig fühle ich mich eingekreist, drängen sich die Fremden immer näher heran, bis ich keine Luft zum Atmen mehr habe! Es gelingt mir nicht, aus dem Kreis der starrenden Gesichter zu entkommen, werde umhergestoßen, bis ich mich nicht mehr bewegen kann. Und immer diese furchtbaren, riesigen, starrenden Augen! Was wollen sie von mir? Warum lassen sie mich nicht in Ruhe? Ich kann nicht erkennen, warum ich ein derartiges Aufsehen errege. Im selben Moment, in dem ich auf dem Boden zu liegen scheine und die erbarmungslosen Augen mich erdrücken wollen, erwache ich jedesmal. Ohne erfahren zu haben, was nicht gestimmt hat.

An Schlaf ist jetzt nicht mehr zu denken. Also erhebe ich mich und hole mir ein Glas Wasser. Ich trinke langsam, während ich aus der Fensterwand sehe. Es ist etwa vier Uhr in der Nacht. Man hat schon einen sehr guten Blick aus dieser Höhe... nur nach Westen versperren die anderen Wohntürme des Komplexes die Sicht. Ihre Lichter glänzen (offenbar scheint auch die anderen Menschen der Schlaf zu fliehen) mit den gigantischen Neon-Billboards um die Wette. Weiter unten, wo die Wohngegenden billiger und vor allem dunkler werden, durchziehen die hellen Arterien der Röhrenbahn die Stadt. Hier und da flitzen die Lichtpunkte von privaten Gleitern zwischen den Hochhäusern dahin, bis auf die Höhe der Wohntürme kommen jedoch nur die Maschinen der Flugstreife. Die Stadt erinnert mich bei Nacht immer an einen unermeßlich weiten Sumpf, in den jemand wahllos Bündel von Zaunpfählen gerammt hat. In einem solchen Zaunpfahl lebe ich, verschafft hat mir dieses Privileg mein Job beim Konzern Lobart & Wyrner. Der gesamte Wohnturmkomplex gehört L & W, jeder einzelne Einwohner arbeitet für den Konzern. Je höher die Wohnung liegt, desto besser ist die Position bei L & W... ich habe es bis auf die vor- vor- vorletzte Etage geschafft, worauf ich mir einiges einbilde! In weiter Ferne kann man die Komplexe erkennen, die den anderen Konzernen gehören. Und jenseits davon, mehr zu erahnen als wirklich zu sehen, ist der matte Schimmer der Kuppel, die sich über die ganze Stadt spannt, aufrecht gehalten allein von mächtigen, unsichtbaren Energiefeldern, die von Generatoren am Stadtrand projiziert werden, welche gewaltiger sind als ein herkömmliches Hochhaus. Man denkt besser nicht darüber nach, was geschehen könnte, sollten diese Generatoren eines Tages einmal ausfallen...

*

Am nächsten Morgen gehe ich zur Arbeit wie immer. Auf mittlerer Höhe des Wohnturms liegt eine Röhrenbahnstation, die eigens für Beschäftigte von L & W eingerichtet wurde. Die Röhrenbahn verbindet die Wohntürme des südlichen Komplexes mit der Konzernspyramide. Östlich, westlich und nördlich jenes gigantischen Molochs ragt je eine weitere Wohnturmgruppe empor, so daß alle Beschäftigten von L & W sich ständig der Nähe desjenigen bewußt sind, der ihnen die relative Sicherheit ihrer Existenz garantiert - von den Vorzügen eines regelmäßigen Einkommens ganz abgesehen.
Ich bin spät dran. Natürlich ist die Station zu dieser Stunde hoffnungslos überfüllt, obwohl auf fünf Ebenen je drei Bahnen gleichzeitig verkehren. Nur knapp erwische ich die Sieben-Uhr-Bahn, in einer Ecke ist gerade noch Platz für mich und meinen Aktenkoffer.
"Na, wenn das kein Zufall ist", dröhnt da im Rücken eine Stimme, die ich weder jetzt noch jemals sonst zu hören gewünscht hätte, "Schönen guten Morgen, Beagle, alter Junge!"
Ich verdrehe die Augen, doch dann drehe ich mich ergeben um. "Morgen", antworte ich kurz, und ärgere mich wieder einmal über die Verballhornung meines Namens. Auch wenn ich ihn nicht zurechtweise, weiß der widerliche Fettkloß von Marlow, der mich über seinen unförmigen Ellenbogen hinweg angrinst, daß ich mich ärgere. Daher spare ich mir den Hinweis auf meinen richtigen Namen (Paul Beggle) und versuche den penetranten Schweißgestank zu ignorieren, den Marlow wie immer ausströmt - erst recht, wenn er sich wie jetzt an einem über Kopf angebrachten Griff festhält...

"Warum sind Sie denn nicht zum Rennen gekommen vorige Woche", will Marlow wissen, "wir hatten einen Mordsspaß! Smythe hat seine ganzen Einsätze der letzten Monate wieder reingeholt! Ein Glück hat der Mann - setzt auf den absoluten Außenseiter und sahnt voll ab."
"Ich hatte etwas anderes vor", entgegne ich, obwohl ich genau weiß, daß Marlow den wahren Grund kennt. Ich will mit den Kollegen außerhalb der Pyramide einfach nichts zu tun haben. Es genügt mir, sie jeden Tag von morgens bis abends ertragen zu müssen - da muß ich mich nicht noch in meiner Freizeit mit ihnen abgeben.
"Na, wie auch immer", dröhnt Marlow, "es war ein starker Abend: Den Gewinn haben wir natürlich alle im Neurostim verpraßt. Das war ein Ding, kann ich Ihnen sagen, die Programme dort werden immer ausgefallener. Mit den neuen Synapsenverbindungen, die die dort jetzt haben, kann man absolut keinen Unterschied mehr zur Realität erkennen. Abrams hatte nachher sogar blaue Flecken, weil er sich wieder das SM-Programm reingezogen hat..."

Ich höre schon gar nicht mehr hin, nicke nur ab und zu und lasse Marlows Redeschwall von mir abprallen. Der Mann arbeitet nur beim Sicherheitsdienst und wohnt noch nicht einmal im oberen Drittel, trotzdem bringt er es jedesmal fertig, daß ich mich unterlegen fühle. Die Schilderungen seiner Ausschweifungen zusammen mit den anderen Kollegen interessieren mich zwar nicht im Mindesten. Aber vielleicht ist mein mangelndes Interesse an derartigen Betätigungen und die Tatsache, daß ich nicht mit solchen Dingen prahlen kann, gerade der Grund für Marlows Überlegenheit: Jeder gibt sich heutzutage regelmäßig Neurostim-Orgien hin, jemand wie ich, der solchen vorgegaukelten Erlebnissen (so realistisch sie erscheinen mögen) nichts abgewinnen kann, muß sich da ja schon als Außenseiter fühlen.
Wieder einmal verfluche ich die Politik der Konzernleitung, die keinen Unterschied zwischen Führungspersonen und normalen Mitarbeitern macht. Offiziell heißt es, dadurch solle das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt werden, jedoch werde ich den Verdacht nicht los, daß es zur Demütigung der höheren Positionen dienen soll: Man soll nicht vergessen, daß man selbst nur ein kleines Rad im großen Getriebe ist... Und so muß ich immer wieder diese unmögliche Person ertragen. Jedenfalls solange, bis wir in der Pyramide sind.

Die Bahn hält an einer weiteren Station, und obwohl sie bereits überfüllt ist, drängen sich noch einige Fahrgäste herein. Marlow wird noch enger an mich herangepreßt. Seine Ausdünstung ist so intensiv, daß ich sie fast schmecken kann - nur mühsam kann ich meinen Ekel unterdrücken. Ich kann jedes einzelne Härchen und jede Hautunreinheit auf Marlows aufgeschwemmtem Gesicht erkennen, jeden Raucherfleck auf den Zähnen hinter den sich ununterbrochen bewegenden wulstigen Lippen.
"Im Zentrum werden jetzt neue Bungalows gebaut, heißt es", sagt Marlow gerade. Die Bemerkung weckt doch noch mein Interesse.
"Im Zentrum? Ich dachte, der Bebauungsplan sei schon erschöpft?"
"Offenbar nicht, oder besser, er wurde erweitert. Wie ich gehört habe, sind ein paar angrenzende Stadtbezirke planiert worden, um Platz für die neuen Projekte zu schaffen." Ich kann Marlows feistem Gesicht ansehen, daß es ihn diebisch freut, über Informationen zu verfügen, die mir noch neu sind.
"Es war gar nichts in den Trivideonews über eine Umsiedlung", bemerke ich, obwohl ich mir die Antwort schon denken kann.
"Es waren natürlich Slums", entgegnet Marlow, "da gibt's nicht viel umzusiedeln. Der Wohnraumbedarf für die Chefetage geht ja auch vor, oder?"
"Wieso denn Wohnraumbedarf?"
Prompt erscheint wieder dieses unangenehme Grinsen auf Marlows Gesicht, das ich zu verabscheuen gelernt habe.
"Das wußten Sie noch nicht?", fragt er scheinheilig, zufrieden, daß er mir seine guten Beziehungen zur Personalabteilung unter die Nase reiben kann, "da ist ein ganz großes Ding im Gange, tiefgreifende Umstrukturierungen auf höchster Ebene, in allen Konzernen, wie man hört. Das soll mit mancherlei Beförderungen verbunden sein. Ich dachte, Sie seien darüber bereits informiert. Wundert mich ein wenig, daß man Sie noch nicht darüber informiert hat", fügt er mit einem merkwürdigen Blick hinzu.

Zum Glück erreicht die Bahn jetzt die Station, an der Marlow aussteigen muß.
"Wiedersehen", ruft er, während er seine Leibesfülle durch die Menge quetscht, "vielleicht sehen wir uns ja doch noch im Neurostim, dann können wir mal länger reden."
"Was der Himmel verhüten möge", knurre ich, als er draußen ist. Was Marlow angesprochen hat, beschäftigt mich stärker, als ich ihm gegenüber zugeben wollte. Wahrscheinlich weiß er ohnehin Bescheid: Wenn es um das Stadtzentrum geht, ist bei mir ein Punkt erreicht, an dem das logische Denken aussetzt. Das Stadtzentrum... dort wohnen die wirklich Reichen. Dort, wo die Kuppel am höchsten ist, hat man den ganzen Beton, der die Erdoberfläche überall sonst wie eine dicke Kruste überzieht, abgeräumt, alle alten Gebäude gesprengt und einen weiten, lichten Park angelegt. In diesem Park verstreut wurden dann die Luxusvillen und -bungalows für all jene errichtet, die durch ihre Macht und ihren Reichtum an der Spitze aller Bürger stehen. Also wohnen dort ausschließlich die Konzernchefs sowie die höchsten Beamten der Stadt - im Vergleich zu ihnen erscheinen die Unterscheidungen, die wir normalen Bürger zwischen Bewohnern normaler Stadtviertel und denen machen, die es bis in die Wohntürme geschafft haben, geradezu lächerlich. Niemand den ich kenne hat den Park je von innen gesehen. Soweit ich weiß, kommt man noch nicht einmal bis in Sichtweite des Parks, denn dieser ist weiträumig von bewaffneten Sicherheitskräften abgeriegelt. So dringen nur Gerüchte über die dortigen Verhältnisse an die Außenwelt - aber diese haben genügt, in mir das Bild eines sonnendurchfluteten Paradieses zu erschaffen, in dem es weder Verschmutzung noch Kriminalität gibt...

Natürlich wünscht sich jeder Bürger, dort wohnen zu dürfen, aber nur ganz wenige bringen genug Ehrgeiz auf, dieses Ziel jemals zu erreichen. Ich habe mir jedoch fest vorgenommen, eines Tages - sei es durch Fleiß, durch Beziehungen oder durch ein Verbrechen - dort hinzugelangen. Für nichts anderes arbeite ich Tag und Nacht, aus keinem anderen Grund verzichte ich auf alle Vergnügungen und kapsele mich von den Kollegen ab. Nichts soll mich behindern auf meinem Weg nach oben...
Und jetzt spricht Marlow plötzlich von Beförderungen, von neuem Wohnraum im Park. Hat er nicht so getan, als müßte jeder schon Bescheid wissen über diese Entwicklung? Und erfährt nicht derjenige, der davon betroffen ist, immer als letzter davon?

Diese Gedanken beschäftigen mich auf dem ganzen Weg zu meinem Büro, kaum nehme ich etwas von meiner Umwelt wahr. Erst vor der Tür zu meinen Arbeitsräumen (Paul Beggle, Leiter Abt. Forschung + Entwicklung, steht in goldenen Lettern darauf) komme ich wieder zu mir, als eine meiner Sekretärinnen mich anspricht.
"Mr. Beggle, da war ein Anruf für Sie, jemand aus Mr. Wyrners Büro. Eine Frau, eine Mrs. Demmers. Sie machte es sehr wichtig. Sie wünschte noch heute vormittag zurückgerufen zu werden. Ich habe Ihnen eine Bildschirmnotiz geschrieben." Die Frau wirkt sichtlich beeindruckt.
"Danke", erwidere ich geistesabwesend und betrete mein Büro. Meine Gedanken überschlagen sich. Mrs. Demmers - das ist die Vorstandsvorsitzende des Konzerns! Noch nie hat eine so wichtige Persönlichkeit hier angerufen! Es würde auch jetzt kein Anlaß dafür vorliegen, außer... ich wage nicht, diesen Gedanken zu Ende zu führen. Man soll sich keine voreiligen Hoffnungen machen.

Auf dem Schreibtisch liegen einige Papiere, die ich jedoch ignoriere. Nachdem ich das Terminal aktiviert und meine persönlichen Codes eingegeben habe, schalte ich als erstes eine Verbindung zu der Nummer, die meine Sekretärin gespeichert hat. Meine Hände zittern so sehr, daß ich langsam eine Taste nach der anderen drücken muß, um keinen Fehler zu machen. Mehrmals räuspere ich mich, während die Verbindung hergestellt wird. Das Gesicht einer jungen Frau verdrängt das Konzernsymbol vom Bildschirm, welches anzeigt, daß man einen Anschluß der höchsten Ebene angewählt hat.
"Ja?", fragt die blonde Frau nur, sie weiß, daß niemand auf den Gedanken käme, diese Nummer zu wählen, ohne einen wichtigen Grund zu haben.
"Beggle, F + E", melde ich mich. "Mrs. Demmers wollte mich sprechen."
"Einen Augenblick." Sie verschwindet vom Bildschirm, wieder erscheint das Konzernslogo: Hammer und Zahnrad, jene uralten Symbole für eine der mächtigsten Firmen in der Geschichte der Menschheit.
Meine Geduld wird auf eine harte Probe gestellt und ich kann meine Enttäuschung kaum verbergen, als die Frau mir mitteilt, daß Mrs. Demmers sich in einer kurzfristig anberaumten Besprechung befindet, die sie für mich nicht unterbrechen kann.
"Mrs. Demmers will Sie heute abend in Ihrer Wohnung anrufen", werde ich getröstet, "Ihre Privatnummer liegt uns vor."
Damit wird die Verbindung unterbrochen.

*

Nur mühsam gelingt es mir, mich nach diesem Erlebnis noch ausreichend auf die Arbeit zu konzentrieren. Ständig kreisen meine Gedanken um dasselbe Thema, ununterbrochen muß ich mir vorstellen, ich könnte zu den Auserwählten gehören, die in die höchsten Führungspositionen aufsteigen. Ohne falsche Bescheidenheit muß ich sagen, daß mir eine solche Beförderung auch zustehen würde. Die Leistungen, die ich gezeigt habe, seit ich zu Forschung + Entwicklung versetzt worden bin, dürften für sich sprechen. Zudem habe ich immer meine Loyalität zum Konzern bewiesen und private Interessen zurückgestellt, wenn es zum Wohle der Firma erforderlich war.
Allein die Erfolge, die meine Abteilung auf dem Gebiet der Außenforschung erzielt hat, stellen alles in den Schatten, was anderswo erreicht worden ist. Ich habe der Konzernsleitung vor wenigen Wochen eine Studie vorglegt, in der ich nachweise, daß es in wenigen Jahren möglich sein müßte, die Kuppel ohne schwere Schutzausrüstung zu verlassen. Was das für die Rohstoff- und Baulanderschließung bedeutet, läßt sich jetzt noch gar nicht ermessen!
Vielleicht war ich ein wenig egoistisch und habe mich unkollegial gegenüber meinen Mitarbeitern verhalten, als ich die Forschungsergebnisse der einzelnen Gruppen unter Verschluß gehalten und ohne ihre Beteiligung ausgewertet habe. So konnte keiner meiner Untergebenen selbst die richtigen Schlüsse ziehen und mir zuvorkommen. Natürlich habe ich den Sachverhalt in meiner Studie ein wenig anders dargestellt... schließlich muß jeder sehen, wo er bleibt, jeder andere hätte an meiner Stelle genauso gehandelt.

Ein Summton macht mich darauf aufmerksam, daß ein Besucher vor der Tür steht. Ich schalte eine Verbindung zu einer meiner Vorzimmerdamen.
"Mr. Jackels läßt fragen, ob Sie heute Zeit für ihn haben", meldet sich eine untersetzte Frau, die ich noch nie gesehen habe. Bin ich bei ihrer Einstellung etwa übergangen worden?
"Darf ich zunächst einmal fragen, wer Sie überhaupt sind? Wo ist Mrs. Chalmer?"
"Oh", lächelt die Frau, "Mrs. Chalmer ist krank geworden, ich bin ihre Vertretung. Ich dachte, Sie seien schon darüber informiert worden."
Das muß ich mir heute schon zum zweiten Mal sagen lassen. Offenbar werde ich jetzt schon nicht mehr gefragt, wenn es um die Belange meiner eigenen Abteilung geht!
"Schicken Sie Jackels herein", ordne ich leicht gereizt an. Ich nehme mir vor, ein ernstes Wort mit der zuständigen Personal-Subabteilung zu sprechen. Mich bei einer Neueinstellung zu übergehen, ist schon ein starkes Stück!

Jackels betritt das Büro wie der typische Bittsteller. Er hält sogar einen Hut mit beiden Händen vor der Brust fest, den er unablässig knetet. Wenn man bedenkt, daß das Büro etwa doppelt so groß ist wie die seinem Stand entsprechende Wohnzelle, ist seine Unsicherheit durchaus verständlich.
"Was gibt es denn heute", frage ich gelangweilt und lehne mich in die Polster meines bequemen Sessels zurück.
"Mr. Beggle, es ist mir ja sehr peinlich", beginnt Jackels. So pflegt er jede Unterhaltung mit Vorgesetzten einzuleiten. "Sie wissen ja, wie das mit meinem Vater ist. Er sieht einfach nicht ein, daß er schon vor Jahren in die Wiederverwertung gemußt hätte, tja, und jetzt haben wir doch unsere zweite Tochter bekommen..."
"Kurz gesagt, Sie brauchen einen Gehaltsvorschuß, damit Sie sich den Zwangsabholdienst leisten können", unterbreche ich, "warum nicht. Melden Sie sich bei Mrs. Chalmer - oder bei der Vertretung, was weiß ich wie die Frau heißt - dann geht das klar."
"Oh, ah", macht Jackels, etwas scheint ihn verwirrt zu haben, "ich, äh, es ging mir eigentlich um etwas anderes, also, ich dachte mehr an eine Gehaltserhöhung, dann könnten wir uns vielleicht eine größere Wohnzelle leisten, in der Platz genug für uns alle ist!"
Leicht indigniert hebe ich eine Augenbraue; fast hatte ich vergessen, was für anachronistische Vorstellungen der Laborant Jackels hat... sein Vater entzieht sich schon seit geraumer Zeit der Wiederverwertung, und Jackels unterstützt das noch. Was für eine Verschwendung von Wohnraum und Ressourcen! Jeder sollte selbst wissen, daß es Zeit ist zu gehen, wenn man keine Leistung mehr für die Stadt erbringen kann und die Gesellschaft durch die eigene Hilfsbedürftigkeit belastet!
"Die letzte Erhöhung ist ja nun auch schon so lange her", fügt Jackels noch hinzu, als ich nicht gleich antworte.
"Gut, ich will sehen, was sich machen läßt", erwidere ich und winke den kleinen Mann, der zu einer überschwenglichen Dankesrede ansetzt, hinaus. Als die Tür hinter ihm ins Schloß fällt, mache ich mir eine Notiz: Bei nächster Gelegenheit wird der Konzern selbst die Zwangsabholung verständigen. Immerhin wohnt Jackels' Vater in einem konzernseigenen Gebäude! Die Ausgaben für die Einsatzgruppe, die den alten Mann zu den Konvertern bringen wird, können ja schließlich auch steuerlich abgesetzt werden.

*

Es ist mir letztlich doch noch gelungen, mich voll auf die Arbeit zu konzentrieren. Es ist mir auch noch mehrmals aufgefallen, daß in den Räumen meiner Abteilung Mitarbeiter herumlaufen, die ich zuvor noch nie gesehen habe. Über den mangelnden Informationsfluß, der wohl dafür verantwortlich zu machen ist, daß mir von all diesen Neueinstellungen nichts bekannt geworden ist, habe ich mich mehr als nur gewundert!
Aber das lasse ich hinter mir, als ich aus der Bahnstation in meinem Wohnturm trete. Natürlich habe ich es sehr eilig, zu meiner Einheit zu gelangen: Jeden Moment kann der Anruf kommen, der vielleicht mein ganzes Leben verändert!
Zunächst bringe ich etwas Ordnung in das Chaos meiner Wohnung - seit Fiona mich verlassen hat, lasse ich vieles schleifen. Heute jedoch muß ich einen guten Eindruck machen. Wenn Mrs. Demmers anruft, kann ich schließlich nicht einfach auf Nur-Ton-Übertragung schalten.

Ich muß nicht lange auf den ersehnten Anruf warten. Schon nach dem ersten Summton des Viditels bin ich dort und schalte mich ein. Das Gesicht einer älteren, jedoch sehr attraktiven Frau, die einen äußerst gepflegten Eindruck macht, erscheint auf dem Bildschirm. Ihre Augen sind von einem feinen orangefarbenen Netzwerk überzogen, was auf den regelmäßigen Konsum einer geriatrischen und leicht stimulierenden Droge hinweist, die zur Zeit sehr beliebt ist und unter dem Namen Breeze massiv beworben wird. Für den Normalbürger ist Breeze natürlich absolut unerschwinglich. Die schneeweißen Haare der Frau sind zu einer kunstvollen Frisur aufgetürmt. Ihr freundliches Lächeln kommt mir ein wenig zu aufgesetzt vor, doch derartige Feinheiten sind jetzt wohl nebensächlich.

"Ich grüße Sie im Namen der Konzernsleitung", beginnt Mrs. Demmers und diese sehr offiziell klingende Einleitung läßt mein Herz bereits höher schlagen. "Leider war ich heute unabkömmlich. Die Angelegenheit, wegen der ich Sie anrief, ist jedoch zu wichtig, als daß sie bis morgen ruhen könnte. Vielleicht ahnen Sie schon, worum es geht?"
"Nun, guten Abend Mrs. Demmers, vermutlich handelt es sich um meine jüngste Studie?"
"In der Tat! Ihre Ausführungen waren für uns wirklich außerordentlich interessant. Wir sind der Ansicht, daß wir darüber ein ausführliches persönliches Gespräch mit Ihnen führen sollten. Darüber und über einige andere Dinge, die uns noch am Herzen liegen... ich lade Sie deshalb offiziell zu einer kleinen Zusammenkunft ein. Würde es Ihnen morgen passen?"
"Oh, natürlich", stammle ich überrascht, der Verlauf dieses Gesprächs hat mich völlig überrumpelt. Ich hatte nicht damit gerechnet, daß es so schnell gehen würde. "Wo soll ich mich melden?"
"Sie werden dann abgeholt. Halten Sie sich für neun Uhr vormittags bereit. Bis dann, Mr. Beggle, wir sehen uns morgen!"
"Bis dann", sage ich zu dem bereits dunklen Bildschirm. Ich bin völlig überfahren. Nachträglich fallen mir noch tausend Fragen ein, die ich der Frau stellen wollte, aber dazu hat sie mir gar keine Zeit gelassen. Nun, das werde ich wohl morgen nachholen können!
Wahrscheinlich werden Mr. Wyrner und Mr. Lobart jr. selbst zugegen sein, dazu vielleicht noch einige andere jener fast legendären Persönlichkeiten, die man nie zu Gesicht bekommt.

Allmählich gerate ich in Hochstimmung. Dies ist ein Tag zum Feiern! Ich weiß auch schon, wie ich diesen Tag angemessen beschließen werde. Jeder andere würde sich eine längere Sitzung im Neurostim gönnen, zu den Rennen oder den Kampfspielen gehen, doch das ist nichts für mich, denn wo viele Menschen zusammenkommen, habe ich mich noch nie wohlgefühlt.
Ich hole ein Bündel Bargeld, das ich für solche Gelegenheiten immer bereithalte, aus dem Wandtresor, werfe einen Mantel über und mache mich auf den Weg. Mit dem Fahrstuhl lasse ich mich bis ins Erdgeschoß befördern.
Im weitläufigen Foyer hält sich kaum ein Mensch auf, nur einige Techniker und natürlich das Wachpersonal. Da sich die öffentlichen Röhrenbahnanschlüsse weiter oben im Turm und im achten Tiefgeschoß befinden und mit den Aufzügen direkt erreichbar sind, kommt hier nie jemand her. Wer käme auch auf den Gedanken, die Ausgangstür zu benutzen, welche zur Straße hinausführt? Zwar trägt jeder Bewohner des Turmes einen Code als unsichtbare Tätowierung auf dem Handgelenk, der als Schlüssel zu dieser Tür dient, die meisten haben seine Existenz jedoch längst vergessen.

Ich achte darauf, daß mir niemand über den Weg läuft, als ich mich zum Ausgang begebe. Natürlich ist mir klar, daß meine Anwesenheit hier nicht unbemerkt bleibt, sind doch in jeder Ecke Videokameras angebracht, die alles aufzeichnen und in die Zentrale der Turmwächter übertragen. Es gibt aber auch kein Gesetz, das mir verbietet, den Turm auf diesem Wege zu verlassen. Ich muß lediglich die Sicherheitsbestimmungen beachten. So muß ich zunächst abwarten, bis die schweren Riegel des inneren Stahltores wieder eingerastet sind, ehe ich das elektronische Schloß der Außentür öffne. Schmatzend schiebt sich die dick gepanzerte Tür, die wie das Schott eines Raumschiffes wirkt, in den Gummidichtungen zur Seite.
Feuchtkalte Luft strömt in den Windfang und läßt mich trotz des warmen Mantels frösteln. Es ist schon dunkel draußen und der künstliche Wind treibt ebenso künstliche Regenschauer vor sich her. Ich schlage den Kragen hoch und trete ins Freie - sofort schließt sich die Tür hinter mir, was mir wie immer ein leicht unbehagliches Gefühl des Ausgeschlossenseins vermittelt. Ich kenne meinen Weg und schreite zügig aus, denn selbst in unmittelbarer Nähe des Komplexes aus Wohntürmen und Konzernspyramide ist es nicht ratsam, einen unentschlossenen Eindruck zu machen: Obwohl man sie nicht sieht, lauern die menschlichen Ratten überall und warten nur auf ein Opfer, das eine Schwäche zeigt. Ich umklammere krampfhaft den kleinen Schocker in der Manteltasche. Es ist doch immer wieder ein Abenteuer, die Sicherheit des Turms zu verlassen.

Zwischen dem Konzernskomplex und den niedrigeren Hochhäusern Stadt verläuft ein etwa hundert Meter breiter Streifen mit Versorgungsgebäuden, Lagerhallen, Energieerzeugern und ähnlichem, der von einer breiten Rampe durchquert wird. Die Rampe war wohl einst durch einen dreifach mannshohen Zaun gesichert, doch da niemand sich in den letzten Jahrzehnten um die Instandsetzung gekümmert hat, ist der Zaun an vielen Stellen zusammengebrochen und stellt für mich kein Hindernis dar. Sobald ich ihn passiert habe, bin ich in den nicht unmittelbar von den Konzernen kontrollierten Bereichen der Stadt und damit gewissermaßen in Feindesland!
Trotz des verwahrlosten Zustands des um den Konzernkomplex herum verlaufenden Versorgungsstreifens ist der Unterschied zur Stadt selbst sehr kraß. Das ganze Areal der Versorgungsgebäude ist, zumindest was die Bausubstanz angeht, einwandfrei. An vielen Stellen funktioniert sogar noch die reguläre Außenbeleuchtung. Hier draußen jedoch habe ich immer das Gefühl, in einem anderen Land zu sein. Die Gebäude stammen durchweg aus dem vergangenen Jahrhundert und sind, da das Geld zur Restaurierung fehlt, auch in einem entsprechenden Zustand. Die Straßen, deren Belag an vielen Stellen aufgebrochen ist und die Kanalisation oder Kabelschächte sehen läßt, sind an den Häuserfronten mit herabgefallenem Schutt und Müll bedeckt, den die Menschen aus den Fenstern geworfen haben. Aus den Nachrichten weiß ich, daß es auch andere Stadtgebiete gibt, in denen die Verhältnisse besser sind und wo sich die Bürger auch auf die Straßen wagen, hier aber ist alles verlassen, die Türen verrammelt, die Fenster verbarrikadiert. Nur über die Rohrbahnstationen, welche vorwiegend mehrere Stockwerke hoch über oder weit unter dem Bodenniveau liegen, verlassen die Bürger ihre Hochhäuser. Ganz selten verirrt sich, aus welchem Grund auch immer, ein normaler Bürger auf die Straße.

Die Nacht ist erfüllt mit den typischen Geräuschen der Stadt: Ständig heulen irgendwo Polizei- oder Ambulanzsirenen, die Schwebebillboards, die hier bestimmt niemand beachtet, verbreiten von weit oben grelles Licht und Lärm, manchmal dringt aus den Hochhäusern Musik. Menschliche Stimmen jedoch hört man nicht...
Ich beeile mich, diesen Stadtbezirk hinter mir zu lassen, haste an den Wänden vorbei, auf die in wilder Graffiti die Revierzeichen der vielen Banden gesprüht sind. Allmählich wird die Gegend merklich besser: Weniger Müll liegt herum, die Fassaden wirken nicht mehr so abweisend, auch werden die Straßen breiter - und belebter. Rot beleuchtete Eingänge, jeder einzelne von bulligen Türstehern bewacht, bunte Plakate und verhängte Fenster laden zum Verweilen ein. Die Frauen, Knaben und Mädchen spazieren auf der Straße hin und her, gelegentlich gesellt sich einer der wie beiläufig erscheinenden Passanten zu ihnen, dann verschwindet das Paar schnell in einem der Eingänge. Ich bin am Ziel. Was ich hier tue, ist zwar nicht illegal. Im Zeitalter der Neurostimulation, der künstlichen Erlebniswelten und der zahlreichen neuen Krankheiten sind reale Erfahrungen dieser Art jedoch verpönt, geradezu mit einem Tabu belegt. Viele verdrängen die Existenz dieser Stadtbezirke einfach. Andere halten den Verkehr mit menschlichen Partnern für abartig. Daher findet man solches nicht in den Hochhäusern, den Wohtürmen und den Vergnügungscentern. So muß jeder, den es wie mich zu zwar anonymen, aber lebendigen Partnern zieht, den beschwerlichen und gefährlichen Weg durch die Straßen der Slums zurücklegen. Und selbstverständlich zahlt man hier nicht mit dem Kreditimplantat, sondern bar. Allein die Beschaffung von Bargeld ist ein Abenteuer!
Bald finde ich, wonach ich gesucht habe. Der Knabe hat weiches, gewelltes Haar und duftet nach exotischen Parfums. Wie sich die Zeiten doch ändern: In früheren Tagen hätte man mich verurteilt, weil ich eine Vorliebe für minderjährige Jungen habe, heute würde man mich nur deshalb für pervers halten, weil er ein Mensch ist und kein Computerprogramm...

*

Ich erwache durch meinen eigenen Schrei noch bevor der Weckruf kommt. Wieder dieser Traum! Diesmal hörte er nicht an der gleichen Stelle wie sonst auf. Diesmal hat auch das Gefühl des Beobachtetwerdens viel früher begonnen, eigentlich schon in der Wohnzelle! Wieder wurde ich von den erbarmungslosen Blicken zu Boden gezwungen. Dann, an der Stelle, an der der Traum sonst immer abbricht, rückten die Augen so nahe heran, bis sie alles andere verdrängten. Ein Sog ging von ihnen aus, etwas Forderndes, dem ich nichts entgegenzusetzen hatte. Ich stürzte in die bodenlosen Schächte, zu denen die Augen geworden waren - und da wachte ich auf.

Wie immer muß ich minutenlang um meine Fassung ringen, bis ich auch nur aufstehen kann. Ein Glas Wasser genügt mir jetzt nicht; ich hole eine Flasche mit Wodka aus dem Schrank und mache mir nicht erst die Mühe, nach einem Glas zu greifen. So stehe ich vor der Fensterwand und ignoriere den Weckruf, als er dann endlich kommt. Es dämmert bereits, doch unter der Kuppel hat sich schmutziger Dunst angesammelt, den die Kunstsonnen nicht durchdringen können. In diesem Zwielicht erscheint alles noch viel schäbiger und trostloser als sonst. Angewidert wende ich mich ab. Da ertönt der Türmelder.
Erschrocken zucke ich zusammen - Besuch? Das wäre nun wirklich ein unerhörtes Ereignis. Aber nein, ich sollte ja abgeholt werden. Das hatte ich über dem furchtbaren Traum ganz vergessen. Ich öffne die Tür nur einen Spalt weit.
"Mr. Beggle?" zwei Männer in der Uniform des Sicherheitsdienstes stehen vor der Tür.
"Sie sind früh dran", erwidere ich, "bin noch nicht ganz fertig."
"Es ist genau neun Uhr", lächelt der jüngere, schlankere der beiden Uniformierten. "Aber lassen Sie sich ruhig Zeit, wir kommen schon noch rechtzeitig. Wir warten solange hier draußen."
Die beiden verhalten sich sehr zuvorkommend. Wenn meine Vermutungen zutreffend sind, ist das aber auch selbstverständlich!
Hastig schließe ich die Tür, werfe mich in den besten Anzug, den ich in der Eile finden kann, und versuche etwas Ordnung in meine Frisur zu bringen. Glücklicherweise habe ich gestern noch daran gedacht, alle Unterlagen vorzubereiten, so muß ich nur noch den Aktenkoffer greifen. Die beiden Uniformierten geleiten mich dann zu einer Aufzugtür, die mir bis heute nie aufgefallen ist. Der Fahrstuhl bringt uns zum Dach des Wohnturms, auf dem sich, wie ich jetzt zum ersten Mal erfahre, ein Landefeld für Fluggleiter befindet. Eine einzige schlanke Maschine ohne Zulassungsplakette oder sonstige Identifizierungskennzeichen steht dort für uns bereit.
Während des Fluges sprechen die beiden Männer sowie der Pilot, von dem ich nur den Rücken zu sehen bekommen habe, kein Wort. Ich fühle mich etwas unbehaglich wegen des überhasteten Aufbruchs. Konnte mich nicht so vorbereiten, wie ich es eigentlich gewünscht hätte. Schließlich halte ich das Schweigen nicht mehr aus.
"Wohin geht denn die Reise", frage ich den schlanken Sicherheitsoffizier, "ist das Büro von Mr. Lobart und Mr. Wyrner denn nicht in der Pyramide?"
"Wer sagt, daß wir dort überhaupt hinwollen?" Der Mann lacht. Es klingt spöttisch.
"Sie werden's schon sehen", wirft der andere ungefragt ein.

Im Moment sehe ich nicht viel. Der Gleiter bewegt sich durch den Dunst, der sich unter der Kuppel gesammelt hat und nur langsam abgesaugt wird. Wir fliegen offenbar ferngesteuert. Plötzlich setzt die Maschine zu einem Sturzflug an - ich kann es im Magen spüren, es ist, als fahre man in einem Turbolift - und stößt aus dem Dunst hervor. Gerade noch kann ich aus den Augenwinkeln etwas wie eine grüne Wand jenseits der grauen Gebäudemassen erkennen, dann stürzt der Gleiter durch ein weit geöffnetes Tor und schießt im nächsten Moment mit derart irrwitziger Geschwindigkeit durch einen engen Tunnel, daß von den Wänden nichts anderes zu erkennen ist als ein verwaschener Schemen.
Unwillkürlich wische ich mir den Schweiß von der Stirn, als der Gleiter in einer weiten hellen Halle mit Höchstwerten verzögert und schließlich zum Stillstand kommt.
"Da wären wir", kommentiert mein schlanker Begleiter überflüssigerweise und hält mir die Tür auf.
Die Halle wirkt wie eine vergrößerte - und sehr saubere - Ausgabe einer Röhrenbahnstation. Im Hintergrund bewegen sich undeutlich erkennbare Gestalten in einer gläsernen Kontrollkabine. Aus einem Seitengang nähert sich eine Gruppe von Menschen, die wahrscheinlich genau das darstellt, wonach sie aussieht: Ein Empfangskommittee.
Es sind drei äußerst dezent gekleidete Herren sowie Mrs. Demmers, deren Lächeln in der Realität noch unechter aussieht als auf dem Videoschirm. Vielleicht rührt dieser Eindruck auch von den verfärbten Augen her. Ich störe mich jedenfalls nicht weiter daran.
Der Reihe nach stellt Mrs. Demmers mir die Herren vor, denen ich ernst die Hände schüttle. Die Namen vergesse ich in dem Augenblick bereits wieder, in dem sie mir genannt werden. Ich glaube auch nicht, daß ich jetzt schon den eigentlichen Hauptpersonen gegenüberstehe, zu sehr machen sie den Eindruck von nachgeordneten, wenn auch weit über mir stehenden Bediensteten.

"Folgen Sie uns jetzt bitte", sagt der älteste der drei Männer, ein ausgezehrter Herr mit silberweißem Haarschopf, nach der Begrüßung, "Sie werden bereits erwartet. Es gibt wichtige Dinge zu besprechen."
Ein jüngerer Mann im modischen Einteiler klopft mir jovial auf die Schulter (sobald ich es mir erlauben kann, werde ich ihm klarmachen müssen, daß ich für solche Vertraulichkeiten nicht zu haben bin). "Sie haben ja ganz ordentlich für Wind gesorgt! Auf höchster Ebene wird seit Tagen nur noch von Ihnen gesprochen. Ich denke, man darf Ihnen jetzt schon gratulieren - oder was meinen Sie, Mrs. Demmers?"
"Wir wollen nicht voreilig sein", schränkt Mrs. Demmers ein, "nichtsdestotrotz ist heute sicher ein großer Tag für Sie, Mr. Beggle. Sie werden heute Mr. Lobart jr. und Mr. Wyrner II. sowie den Stadtvätern gegenüberstehen. Diese Ehre wird nur wenigen Bürgern jemals zuteil - ich hoffe, Sie sind sich dessen bewußt."
"Sicher, sicher", erwidere ich leicht zerstreut, denn ich werde das Gefühl nicht los, es im Augenblick mit Handlangern zu tun zu haben, die gar nicht wissen, um was es eigentlich geht!

Wir bewegen uns über Laufbänder durch endlose weiße Korridore. Meine vier Begleiter reden ununterbrochen, doch ich höre schon nicht mehr zu. Nachdem wir mehrere Sicherheitskontrollen passiert haben, in denen wir alle nur erdenklichen Untersuchungen über uns ergehen lassen müssen, stehen wir endlich vor einer Tür (schon eher einem Portal) aus massivem, in Gold gefaßtem Holz. Vermutlich handelt es sich um echtes Holz. Das wäre dann wertvoller als die Fassung aus Edelmetall. Schwer bewaffnete Sicherheitsdienstler sind zu beiden Seiten der Tür postiert, kleine Öffnungen über dem goldenen Türsturz weisen auf zusätzliche kybernetische Wächter hin.
"So", macht der Mann mit dem silberweißen Haar, "jetzt müssen wir Sie sich selbst überlassen - hier haben wir keinen Zutritt. Machen Sie's gut!"
Erneut schütteln alle mir nacheinander die Hand und verschwinden um die nächste Gangbiegung. Etwas verwirrt stehe ich nunmehr allein vor dem Portal. Soll ich mich jetzt selbst anmelden? Die Wachen verharren stumm und bewegungslos neben der Tür. Sie scheinen keine Notiz von mir zu nehmen.
Unwillkürlich weiche ich um einen Schritt zurück, als sich ein Flügel des Portals lautlos in die Wand schiebt.
Eine sonore Stimme erklingt aus dem Raum dahinter: "Bitte treten Sie ein, Mr. Beggle!"
Etwas zögernd folge ich der Aufforderung. Im ersten Moment kann ich in dem Raum hinter der Tür nichts erkennen, da meine Augen noch an das helle Licht des Korridors gewöhnt sind und hier nur ein gedämpftes, dämmeriges Licht herrscht. Allmählich erkenne ich jedoch zumindest, woher die geringe Helligkeit kommt: Einige Dutzend Schritte weit im Innern des Raumes sind halbkreisförmig um eine wuchtige Konsole herum, auf der bunte Lichter in einem verwirrenden Muster blinken, fünf übermannshohe Glasbehälter aufgestellt. Diese sind mit einer grünlichen, schwach leuchtenden Flüssigkeit gefüllt. Undeutlich sind Schatten in der Flüssigkeit zu erkennen.
Ich habe vielleicht drei Schritte in den Raum hinein gemacht. Die Tür ist längst hinter mir zugefallen - das Geräusch hatte etwas beängstigend Endgültiges. Schweigen herrscht, dennoch ist der Raum von Geräuschen erfüllt: Das elektronischen Flüstern der Konsole und eine Art matschiges Gurgeln, das ich nicht zuordnen kann. Es ist kalt, mich fröstelt in meinem dünnen Anzug. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll und stehe nur dumm herum - wo ist der Sprecher, der mich hereingebeten hat?

Da erklingt die Stimme wieder, und sie scheint von überallher zu kommen. "Treten Sie ruhig näher, Mr. Beggle, seien Sie unser Gast. Wir haben eine Kleinigkeit für Sie vorbereitet."
Bei diesen Worten versinkt ein Teil des Bodens unweit der Konsole, an seiner Stelle steigt ein Metalltisch empor. Mehrere Bildschirme sind auf dem Tisch installiert und auf jedem läuft eine andere Szene ab. Unwillkürlich trete ich hinzu - und mir stockt der Atem.
"Wir hoffen, daß unser kleines Buffet Ihren Geschmack trifft."
Ich bin wie vor den Kopf geschlagen, zu keinem klaren Gedanken fähig; es kommt mir so vor, als sei ich wieder in meinem Alptraum gefangen: Einer der Bildschirme zeigt mich in dem schäbigen kleinen Zimmer von gestern Nacht, ein anderer stellt eine ähnliche Szene her, die jedoch Jahre zurückliegt - ich sehe darin sehr viel jünger aus. Auf dem dritten Bildschirm ist meine Wohn- zelle zu sehen, auf dem vierten meine Arbeitsräume, auf zwei anderen sehe ich mich selbst in der Röhrenbahn oder auf den Korridoren... Auf dem letzten Schirm sind endlose Zahlenkolonnen und Tabellen dargestellt. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Tritt in den Unterleib. Mein ganzes Leben lang, zumindest jedoch seit der Zeit meines Einzugs in den Wohnturm, bin ich von unsichtbaren Augen beobachtet worden, wurde jede meiner Bewegungen aufgezeichnet und für andere zugänglich gemacht. Ich komme mir unsäglich erbärmlich und erniedrigt vor. Es ist genau wie in meinem Alptraum.
"Wie Sie sehen, kümmern wir uns ständig um das Wohl unserer Mitarbeiter", fährt die gnadenlose Stimme fort, "aber darüber wollen wir uns nicht weiter unterhalten. Sie sollen nur wissen, wo Sie stehen. Eigentlich geht es uns um etwas anderes. Warum setzen Sie sich denn nicht ein wenig zu uns?"
Inmitten des Halbkreises der Glasbehälter schiebt sich eine Sitzgelegenheit aus dem Boden. Willenlos gehe ich darauf zu und setze mich. Jetzt kann ich auch erkennen, was sich im Inneren der Behälter befindet: In der zähen Flüssigkeit, mit der die Behälter angefüllt sind, schweben fünf menschliche Gestalten - oder, besser gesagt, die Überreste von fünf Wesen, die vor langer Zeit einmal menschlich gewesen sein mögen. Sie müssen unglaublich alt sein. Die Haut, die sich wie dünnes, fast durchsichtiges Pergament über die dürren Glieder spannt, ist stellenweise zerfressen oder zerfallen, so daß man freiliegende Knochen und Sehnen erkennen kann. Die Körper wirken deformiert, als ob sie zerbrochen und falsch wieder zusammengesetzt worden wären, Schläuche und Kabel verbinden sie mit Boden und Decken der Behälter. Von den Schläuchen kommt das gluckernde Geräusch, das ich nicht einordnen konnte, wahrscheinlich wird die grünliche Flüssigkeit ständig ausgetauscht. Die Augen der Wesen, soweit sie noch erkennbar sind, leuchten in einem intensiven Orange - schlagartig wird mir klar, das es sich bei der grünlichen Flüssigkeit nur um hochkonzentriertes Breeze handeln kann. Die Füllung eines einzigen Behälters muß mehr wert sein, als ich in meinem ganzen bisherigen Leben verdient habe! Obwohl die Gestalten völlig nackt sind, kann ich kein Geschlecht unterscheiden. Sie bewegen sich gelegentlich, jedoch eher unwillkürlich, wie in Zuckungen. Nur das Wesen im mittleren Behälter hebt jetzt unendlich langsam den Kopf und starrt mich mit seinen gelb-orangefarbenen, tief in den Höhlen liegenden Augen an. Und da erklingt auch wieder die Stimme. Allerdings ohne daß das Wesen seinen Mund bewegt. Vermutlich wird sie künstlich von den Geräten erzeugt, die ihn auch am Leben erhalten.
"Ich darf mich übrigens vorstellen: Danforth Lobart jr. ist mein Name. Der Herr zu meiner Linken ist mein guter Freund Ezechiel G. Wyrner II., bei den weiteren Anwesenden handelt es sich um einige Stadtväter, deren Namen Sie jetzt nicht zu interessieren brauchen."
In der Pause, die nun folgt, ordne ich meine Gedanken und versuche mir darüber klar zu werden, was mich jetzt erwartet. Ich kann mir nicht vorstellen, daß mir aus meinen etwas unzeitgemäßen privaten Vergnügungen ein Strick gedreht werden soll, oder daß sie irgendeine Entscheidung der Konzernsleitung beeinflussen würden - schließlich sind sie den Leuten, wie ich jetzt weiß, nicht erst seit heute bekannt, außerdem hat wohl jeder irgendeinen dunklen Fleck in seiner Vergangenheit. Vermutlich soll mir nur einmal mehr meine totale Abhängigkeit vom Konzern klargemacht werden. So lege ich es mir zurecht. Über die Monstrositäten vor mir, die sich selbst offenbar noch für ganz normale Menschen halten, mache ich mir keine weiteren Gedanken. Die nächsten Worte des Dings, das sich Danforth Lobart nennt und damit der Gründer des Konzerns L & W höchstpersönlich wäre, scheinen meine Überlegungen zu bestätigen. Doch bald merke ich, daß es hier um mehr geht...

"Ihre Studie haben wir mit Interesse zur Kenntnis genommen", führt Lobart aus, "Sie haben da wirklich ganz hervorragende Arbeit geleistet. Ihre Beförderung zum Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung war also objektiv gesehen eine richtige Maßnahme. Sie werden sich vermutlich denken können, daß wir in irgendeiner Weise auf Ihre Studie reagieren müssen."
"Sie können voll über mich verfügen", wage ich einzuwerfen.
"Oh, das werden wir", entgegnet Lobart und seine Stimme klingt leicht amüsiert, "das werden wir mit Sicherheit. Ich sollte Ihnen aber nicht vorenthalten, daß Sie nicht der erste sind, der zu diesen Ergebnissen kommt. Ihr Vorgänger hat uns seinerzeit eine ähnliche Arbeit vorgelegt. Schade, daß wir uns danach so abrupt von ihm trennen mußten..."
Es überläuft mich kalt. Mein Vorgänger? "Ich dachte, Mr. Herne sei in die Führungsschicht aufgestiegen? Wohnt er nicht im Park?"
"Im Park!" Ein ekelerregendes Geräusch erfüllt den Raum, als der verformte Körper sich in dem Behälter zu bewegen beginnt und die Flüssigkeit in Unruhe gerät. "Im Park, was? Beggle, es ist an der Zeit, ein paar Ihrer falschen Vorstellungen auszuräumen. Der Park existiert nicht. Er ist nur eine Wunschvorstellung der Bürger, die von uns ein wenig durch Pseudo-Informationen und gefälschte Videobilder genährt worden ist. Es gibt weder die berühmten Bungalows noch das süße Leben ihrer Bewohner. Das scheint Sie zu schockieren?"
Lobart legt eine Pause ein. Ich krümme mich wie unter körperlichen Schmerzen. Die Vorstellung, daß der Park, jenes Paradies meiner Träume, das Ziel aller meiner Ambitionen und all meiner Arbeit, nur ein Hirngespinst sein soll, eine einzige Lüge, ist für mich wie ein Axthieb auf den Schädel! Nun wird mir klar, daß heute alles geschehen kann. Danach wird nichts mehr so sein wie früher. Aber auf eine ganz andere Weise, als ich es mir vorgestellt habe.

"Nein", fährt Lobart fort, "der gute Mr. Herne lebt keineswegs in irgendeinem Park."
"Aber ich habe doch vorhin selbst die Bäume gesehen..."
"Sie haben etwas grünes gesehen", werde ich unterbrochen, "aber keine Bäume. Frei lebende Pflanzen würden unter der Kuppel niemals überleben. Sie wissen gar nicht, wie gut Sie als typisches Kind Ihrer Zeit an die Umweltverhältnisse hier angepaßt worden sind, wie viele Medikamente Ihnen täglich durch die synthetische Nahrung und über das Trinkwasser zugeführt werden!"
"Was ist mit Herne geschehen?"
"Wie gesagt, wir mußten uns von ihm trennen. Auch Ihnen sollte allmählich klar werden, daß wir Sie mit dem Wissen, über das Sie jetzt verfügen, nicht frei herumlaufen lassen können."
"Aber meine Arbeit...", stottere ich, "meine Studie‚ die Möglichkeiten, die sich für uns alle ergeben könnten..."
"Sparen Sie sich das", ruft die körperlose Stimme. "Glauben Sie, wir hätten ein Interesse daran, die Bürger nach draußen zu lassen? Was denken Sie wohl, worauf sich unsere Macht stützt? Auf das Wohlwollen der Bevölkerung? Nein, nur hier unter der Kuppel können wir die totale Kontrolle ausüben, die unsere Existenz sichert! Wir wissen schon seit langer Zeit, daß es bald nicht mehr gerechtfertigt sein wird, die Menschen weiterhin hier drinnen gefangenzuhalten. Aber was würde geschehen, wollten wir den Pöbel aus unserer Obhut entlassen? In all der Zeit haben sie verlernt, selbst Verantwortung zu übernehmen! Sie würden sich selbst und alles andere vernichten." Lobart macht eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. "Oder wissen Sie, wie es vorher war, als es die Kuppel noch nicht gab? Haben Sie überhaupt eine Ahnung, aus welchem Grund sie errichtet wurde?"

Ich antworte nicht. Selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte nichts dazu sagen können. Niemand weiß, wie lange die Stadt schon überkuppelt ist. Der unmittelbare Grund ist klar: Die Welt außerhalb ist tödlich; verstrahlt, vergiftet und verseucht. Wenn dort draußen noch etwas lebt, was ich nicht glaube, muß es monströs sein und absolut unberechenbar. Nur - wie es dazu gekommen ist - daran erinnert sich kein Mensch.
"Nun, soll ich Ihnen etwas sagen? Wir wissen es auch nicht", lacht die körperlose Stimme. "Ist es überhaupt von Bedeutung? Für uns, die wir die Fäden der Macht in Händen halten, bietet die Stadt ideale Lebensbedingungen. Sie müssen einsehen, daß wir eine Gefährdung dieser Bedingungen durch übereifrige Wichte wie Sie nicht dulden können."
"Was haben Sie mit mir vor? Mich umbringen?"
"Ah, wäre das Ihre Art, ein solches Problem zu lösen? Aber nein. Eine derartige Maßnahme wäre unangebracht, obwohl sie nicht unmöglich wäre. Nein, wir wollen, daß die Realität zumindest in einem kleinen Teil mit dem übereinstimmt, was in den Nachrichten verlautbart wird. Sie wollten doch dorthin, wo all diejenigen, die den - wie Sie es nennen - Absprung zu den oberen Zehntausend geschafft haben, ihre wohlverdiente Ruhe genießen? Nun: Das können Sie haben."
Damit verstummt das ausgezehrte, zerfetzte Ding, und die fünf Glasbehälter versinken mit sanftem Summen im Boden. Der Belag schließt sich fugenlos über den Öffnungen. Panik überkommt mich, als auch der letzte Rest von Licht verschwindet und totale Dunkelheit mich umfängt. Plötzlich verliere ich den Boden unter den Füßen, kurz darauf löscht ein furchtbarer Aufprall mein Bewußtsein für eine nicht näher bestimmbare Zeitdauer aus.

*

Schneidende Kälte und ein brennender Schmerz, der meine Lungen bei jedem Atemzug zu zerreißen droht, bringen mich wieder zu Bewußtsein. Pfeifender Wind jagt über mich hinweg, und als ich mich aufrichte, peitscht mir Feuchtigkeit ins Gesicht. Schreiend reiße ich die Arme hoch, um meine Augen zu schützen; es kommt mir vor, als sei ich in Säure gebadet! Sind die Sprinkleranlagen unter der Kuppeldecke defekt oder bin ich in die Straßenreinigung geraten?
Blinzelnd richte ich den Blick nach oben und glaube meinen schmerzenden Augen nicht trauen zu dürfen: Über mir ist - nichts! Die Kuppel ist verschwunden!

Ich falle platt auf den Boden, der so glatt ist, als sei er gefroren oder glasiert. Ich bin überwältigt von der unfaßbaren Leere über mir und allmählich wird mir klar, was geschehen ist: Ich bin nach draußen geschleudert worden, liege ungeschützt unter dem freien Himmel, der in jeder Sekunde weitere Tropfen zweifellos hochgiftigen Regens über mich gießt!
Schon bekomme ich kaum noch Luft. Vermutlich sind meine Lungen bereits teilweise verätzt. Mit einer letzten Kraftanstrengung quäle ich mich in eine halbwegs sitzende Position und drehe mich um. Tatsächlich, dort hinten liegt sie, die Stadt, nur verschwommen erkennbar im jagenden Nebel. Damit ist mein Schicksal besiegelt...

Der Wind zerrt an meinen Haaren und dem viel zu dünnen Anzug, der schon ganz durchnäßt ist. Meine Hände, mit denen ich mich vergeblich bemühe, zurück zur Kuppel zu kriechen, spüre ich nicht mehr, und allmählich verwirrt sich auch mein Denken. Ich bemerke es fast nicht, als ich entkräftet umkippe und zur Seite rolle. Wie durch einen dichten Schleier erkenne ich aus dieser Lage niedrige, dunkle Pflanzen, die plötzlich in zitternde Bewegung geraten. Kleine Tiere, vielleicht Insekten oder Nager, möglicherweise auch etwas völlig anderes, kriechen aus Höhlen zwischen den Pflanzen hervor, starren mich an... mit meinen letzten Atemzügen stoße ich ein keuchendes, bitteres Lachen aus, als ich endlich verstehe: Dies muß der Ort sein, von dem alle Bürger so oft sprechen, obwohl sie etwas ganz meinen - der Park!

Teilnahmslos sehe ich den seltsamen Tieren zu, wie sie über die zu meinen Füßen liegende Aktentasche klettern, sie beschnuppern und beknabbern, dann dasselbe mit meinen Beinen tun, aus denen längst alle Gefühle gewichen sind. Die Tiere umringen mich und starren mich mit ihren kalten Augen an. Dieser Anblick, der schon langsam verschwimmt, vermag mir keine Angst mehr einzuflößen, denn er ist mir aus so vielen Nächten schon bekannt...



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