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Der Kater


"Oh Gott."

Phil meditierte mindestens zehn Minuten lang über den Nachhall dieser Gedanken in seinem Kopf (oder in dem Körperteil, den er momentan für seinen Kopf hielt, wenn dieser sich auch eher wie ein Hammerwerk anfühlte) er hätte aber nicht beschwören können, daß die Todesqual seiner Neuronen bei diesem Gedanken sich nicht länger oder weniger lange hinzog als zehn Minuten, denn sein Zeitgefühl war nur ein kleiner Teil dessen, was er verloren zu haben schien. Mit seinen Erinnerungen war es genauso.

Was zum Beispiel war nur mit dem vergangenen Abend? Und den Abenden davor? Dem Lärm nach zu urteilen, den das Hammerwerk in seinem Kopf produzierte, konnte es nur eine Kneipentour mit irgendwelchen Freunden gewesen sein, höchstwahrscheinlich Chris und Alex, die ihn jedesmal unter den Tisch tranken, wenn er so unvernünftig war, sich mit ihnen anzulegen.

Dieser Gedankengang warf zwei interessante Fragen auf: Aus welchem Anlaß sollte er sich derart betrunken haben? Soweit er sich erinnern konnte, war das sonst nicht unbedingt seine Art. Die zweite Frage sprach er laut aus: "Verdammt, was für ein Tag ist heute?"

Phil zuckte unwillkürlich zusammen beim Klang dieser Stimme. So ungefähr mußte es sich anhören, wenn zwanzig frisch manikürte Wildkatzen mit Inbrunst über eine uralte Schiefertafel kratzten. Ein mißtönendes Husten folgte. Phil hatte bis zu diesem Augenblick nicht gewußt, daß seine Kehle in der Lage war, derart abstoßende Geräusche zu erzeugen. Der Geschmack, der sich in Phils Mund ausbreitete weckte einerseits lebhafte Erinnerungen an eine Chemielektion, in der es um toxische Industrieabfälle gegangen war, und andererseits den Wunsch nach etwas trinkbarem. Ein einfaches, großes Glas Wasser wäre jetzt himmlisch gewesen. . .oder vielleicht ein Bier, denn er hatte gehört, dies sei die beste Medizin für einen Kater.

So weit, so gut! dachte Phil. Langsam und unendlich vorsichtig öffnete er sein linkes Auge gerade so weit um feststellen zu können, daß in dem Raum in dem er sich befand (er lag, wie er befremdet bemerkte, nahezu nackt auf einer Couch), eine angenehme Dunkelheit herrschte, die nur von ein paar Lichtstrahlen, welche durch zugeklappte Fensterläden fielen, zerschnitten wurde.

Phil vermied es, in die Richtung der Fenster zu sehen und drehte mit geradezu mikrochirurgischer Behutsamkeit seinen Kopf um zu nachzuforschen, ob derjenige, der offenbar in weiser Voraussicht die Läden geschlossen hatte, auch für etwas Aspirinähnliches in seiner Nähe gesorgt haben mochte.

In diesem Moment begann in unmittelbarer Nähe seines rechten Ohres ein Telefon zu schrillen. Mit einer blitzschnellen Bewegung, deren blinde Zielsicherheit Phil bewies, daß er sich in seiner eigenen Wohnung befand, knallte er mit zusammengebissenen Zähnen eine Hand auf das Telefon, das dicht neben dem Kopfende der niedrigen Couch auf dem Boden stand und riß den Hörer von der Gabel. Er hielt den Hörer, umsichtig wie er war, nicht direkt ans Ohr und krächzte etwas, das man mit einiger Phantasie als "Hallo" interpretieren konnte.

"Mann, Phil, bist du schon wieder bei dir!?" plärrte unverkennbar die Stimme von Chris - Phil hielt den Hörer noch ein wenig weiter vom Kopf weg. Glücklicherweise fiel so langsam ein Preßlufthammer nach dem anderen in Phils Kopf aus. Andächtig lauschte er dem, was Chris von letzter Nacht zu erzählen hatte, denn dies trug nicht unwesentlich zu seiner Ernüchterung bei.

"Du warst echt gut drauf", quakte Chris fröhlich, "du hast eine Runde nach der anderen geschmissen! Die Jungs bei Pete haben sich riesig gefreut. Und dann dein Schleiertanz!" Pete, so erinnerte sich Phil, war der Besitzer der Stammkneipe, in der er sich fast jeden Abend mit Chris, Alex und mindestens zehn weiteren Leuten vom Campus traf. Phil begann unwillkürlich nach seiner Brieftasche zu tasten hatte aber nur wenig Erfolg, da er immer noch außer verkehrtherum angezogenen Shorts nichts trug.

"Erzähl doch weiter", bat er mit kaum wiedergewonnener Stimme.
"Klar, Junge! Das war vielleicht 'ne Party! Laßt uns mal so ordentlich auf die Kacke haun, hast du nach dem ersten Liter gesagt, man kriegt ja nicht alle Tage einen Doktortitel. Na, und das haben wir dann auch getan, oder? Mein lieber Alter, daran wird sich Pete's Pub noch nach Generationen erinnern!"

Erster Liter von was, Doktor von was, grübelte Phil unablässig. Auf die Kacke haun - gehörte das zu seinem
Repertoire?
"Ach ja", fuhr Chris fort, "von Charlene soll ich dir sagen, daß du sie jederzeit besuchen kannst, du weißt schon, wegen dem Tantra, das sie dir erklären sollte." Phil wußte es NICHT. Wer um Gottes Willen war Charlene und was hatte er ihr nur erzählt? Er beschloß, fortan nie mehr auch nur eine Weinbrandbohne anzurühren.
"Jedenfalls haben wir deinen Erfolg gebührend begossen." grölte Chris abschließend. "Wir seh'n uns dann heute Abend wieder bei Pete. Und richte Veronica 'n schönen Gruß von Alex aus, er will sie nie mehr wiedersehen. Dir ist er aber nicht böse, sagt er." Damit legte Chris auf.

Veronica. Der Name weckte gewisse weitere Erinnerungen in Phil. Er richtete sich in eine halbwegs sitzende Position auf, bekämpfte ein paar Sekunden lang das Schwindelgefühl, das ihn angesichts des schrecklich weit entfernten Fußbodens überkam, dann schwang er seine Beine todesmutig von der Couch und machte sich an's aufstehen. Irgendwo trat er auf einen seiner Socken und zog ihn an. Er war feucht. Mittlerweile hatten sich seine Augen einigermaßen an das Zwielicht gewöhnt, er erkannte in dem Raum sein Appartement wieder - ach ja, fiel ihm wieder ein, die Universität von San Diego, wo er - ja, was? - bis vor kurzem studiert hatte.

Das Sofa stand an der den Fenstern gegenüberliegenden Wand, malerisch im Raum verteilt waren Bücherregale, ein Glastischchen auf dem zwei (zwei?) Gläser und eine leere Flasche Sekt standen, Plüschsessel, ein Schreibtisch, ein Kleiderschrank, mehrere wild auf dem Boden verstreute Textilien unbekannter Herkunft, die Stereoanlage, die Giger-Drucke, und - in der Mitte des großen Raumes - das breite Bett. Es war ziemlich zerwühlt, die dünne Bettdecke bildete an einer Stelle einen nicht zu der Harmonie des Gesamtbildes passenden Hügel. Phil taumelte auf das Bett zu, verfehlte es um Haaresbreite und driftete in Richtung der Fenster ab. Die Scheiben waren schon (von wem auch immer) nach oben geschoben worden, deshalb stieß er unabsichtlich mit seiner haltsuchenden Hand die Läden vollends auf, herein strömte zusammen mit der frischen Morgenluft gleißend helles kalifornisches Frühmorgenlicht.

Phil kniff die Augen zusammen, ignorierte die wieder aufgenommenen Bauarbeiten zwischen seinen Gehirnwindungen so gut es ging und drehte sich um. Seine Benommenheit wegblinzelnd sah er, wie sich der Hügel auf dem Bett plötzlich zu bewegen begann und sich schließlich aufrichtete. Phils Augen wollten aus ihren vertrockneten Höhlen treten, als das Betttuch von einer sparsam bekleideten jungen Frau herabglitt. Beim Anblick des blonden Mädchens, das die Arme über den Kopf reckte und ausgiebig gähnte, fiel Phil alles wieder ein.
Sein Name war Philip Goddard, frischgebackener Biochemiker, das hübsche Mädchen, das ihn vom Bett aus leicht verschlafen anlächelte, war Veronica Tempest, die mehr oder weniger feste Freundin von Alexander Phelps, Quarterback der Universitäts-Footballmannschaft. Seine Ex-Freundin, korrigierte Phil sich gleich darauf leicht unbehaglich.

Veronica stand auf und kam auf Phil zu, der jetzt wußte, wo all die Dessous auf dem Boden herkamen und unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Veronica legte ihm die Arme um den Hals und fuhr ihm mit der Nase über die mit Bartstoppeln bedeckten Wangen.
"Guten Morgen", flüsterte sie und biß ihm sanft in's linke Ohrläppchen, "was ist das für eine Art, sich aus dem Bett zu schleichen?"
Um davon abzulenken (er konnte sich nicht erinnern, aus welchem Grund er auf der Couch geschlafen hatte), versuchte Phil, ob er mit seinem ausgetrockneten Mund noch küssen konnte.
"He", kicherte Veronica, "bringen sie euch sowas eigentlich in euren Anatomiekursen bei?"
Phil begann mit seinen zurückkehrenden Erinnerungen an die vergangene Nacht zu verstehen, was sie damit sagen wollte. "Ich war mal auf Urlaub in Indien bei einem Guru", erklärte er deshalb, wofür er mit einem glockenhellen Lachen belohnt wurde. Seltsam - sein gemarterter Kopf schmerzte gar nicht bei dem Klang ihrer Stimme! Phil dachte flüchtig an den muskelbepackten Footballspieler Alex, der in diesem Augenblick wahrscheinlich ebenfalls mit einer neuen Eroberung beschäftigt war. Daß er ihm wegen Veronica nicht böse war konnte Phil sich vorstellen; Alex pflegte seine Freundinnen schneller zu wechseln als seine Trainer - manchmal reichte er abgelegte Gespielinnen auch an Kommilitonen weiter, oder an Chris Shwartz, der bei seiner Tätigkeit als Reporter für CTV wenig Zeit für langwierige Dates hatte.

Veronica machte sich mittlerweile an dem Schleifchen von Phils Shorts zu schaffen. Phil verglich seinen Kater mit dem Gefühl, das seine Hände, die über Veronicas Hüften strichen, ihm vermittelten, und kam zu dem Ergebnis, daß hier ein deutliches Ungleichgewicht bestand. Er erinnerte sich jetzt sogar an Charlene, die Literatur studierte und überall durch ihre ungewöhnliche Art des Umgangs mit altindischem Schriftgut für Aufsehen sorgte. In den nächsten Stunden hatte Phil ausreichende Gelegenheit herauszufinden, daß Veronica, die Sportlehrerin an einer Highschool war, auf solche literarischen Hilfestellungen nicht angewiesen war.

*

Als Phil später am Vormittag mit Veronica in einem Straßencafe frühstückte, quälte ihn immer noch eine Gedächtnislücke, die sich partout nicht schließen wollte. Es hatte irgendetwas mit einem gescheiterten Experiment zu tun, welches zum Thema seiner Doktorarbeit hätte werden sollen. Er hatte es nicht beenden können und seine Arbeit dann über genetisch veränderte Sojabohnen geschrieben. Es wollte ihm einfach nicht einfallen, was das für ein Experiment gewesen war.
Phil schob seine Überlegungen beiseite, um sich nicht den schönen Tag zu verderben. Am Abend landeten er und Veronica nach einem Trip durch die Clubs entgegen Phils Gewohnheiten nicht bei Pete, sondern im Bett. Phil fand dies allerdings auch nicht weiter bedauerlich. Als sie in der Dunkelheit nebeneinanderlagen, murmelte Veronica: "Ich wünschte, dies würde nie aufhören." Sie strich über seine Brust und küßte ihn. Bei ihren Worten keimte eine erste, schwache und irgendwie unangenehme Erinnerung an die Einzelheiten seines Experiments in Phil auf. Bevor er aber vollends durch den Schleier dringen konnte, entglitt ihm alles wieder...

*

"Oh, Gott."

Phil meditierte mindestens zehn Minuten lang über den Nachhall dieser Gedanken in seinem Kopf (oder in dem Körperteil, den er momentan für seinen Kopf hielt, wenn dieser sich auch eher wie ein Hammerwerk anfühlte) er hätte aber nicht beschwören können, daß die Todesqual seiner Neuronen bei diesem Gedanken sich nicht länger oder weniger lange hinzog als zehn Minuten, denn sein Zeitgefühl war nur ein kleiner Teil dessen, was er verloren zu haben schien. Mit seinen Erinnerungen - halt, er erinnerte sich doch!? - war es genauso.

Was zum Beispiel war nur mit dem vergangenen Abend? Und den Abenden davor? Dem Lärm nach zu urteilen, den das Hammerwerk in seinem Kopf produzierte konnte es nur eine Kneipentour mit irgendwelchen Freunden gewesen sein...
Nein völlig falsch! Er und Veronica hatten Pete's Pub doch sorgfältig gemieden!
Mit einer ungeheuren Willensanstrengung gelang es Phil, sich aus dem Strom, der seine Gedanken in eine bestimmte Richtung drängen wollte, herauszureißen. Wurde er jetzt langsam verrückt (war der letzte Vollrausch doch einer zuviel gewesen?)? Aber sein Kopf schmerzte genauso wie - gestern? Kam es ihm nicht eher so vor, als wäre gestern heute - oder, besser gesagt, umgekehrt?

Im Zimmer sah es genauso aus wie an dem Morgen nach der Fete (jedenfalls kam es Phil im Halbdunkel des Raumes so vor): Die Sektflasche und die Gläser, die Fensterläden, das zerwühlte Bett mit Veronica darin und er - seltsamerweise - auf der Couch!
Und da klingelte auch schon wieder das Telefon.
"Hallo", meldete Phil sich, obwohl er sich fest vorgenommen hatte, irgendetwas anderes zu sagen.
"Hallo Phil." Es war Chris (natürlich) aber was er sagte, klang irgendwie nicht richtig. "Ich hoffe, du hast keinen Kater", fuhr Chris fort. "Du erinnerst dich doch noch an dein Experiment?"
Das tat Phil nicht. Jedenfalls fehlte ihm (immer noch? Schon wieder?) eine Winzigkeit, die gerade außerhalb seines Erinnerungsvermögens herumzuzappeln schien. Eine entscheidende Winzigkeit.
"Die Zeitviren, Mann!" drängte Chris, und jetzt überfiel Phil die ganze Erinnerung mit der Wucht einer Dampframme. Ja, natürlich! Zeitreiseprobleme hatten ihn schon immer interessiert, und so war er schließlich auf den Gedanken gekommen, daß all die Science Fiction - Autoren (von einigen ernsthaften Wissenschaftlern ganz abgesehen) die Frage der Zeitreise immer falsch angegangen waren. Wie sollte eine Zeitmaschine jemals funktionieren? Was sollte sie beeinflussen, wo man Zeit doch weder sehen noch fassen konnte? Wenn man selbst sich in der Zeit bewegen wollte, mußte man doch eher mit der eigenen Körperchemie anfangen! Von diesem Gedanken ausgehend hatte Phil die Zeitviren entwickelt. Nach seinem letzten Tierversuch hatte er die Viren sorgfältig isoliert: Die Maus, der er sie injiziert hatte war verendet, nachdem sie sich einige Tage lang äußerst seltsam verhalten hatte. Chris und Alex, beide in Phils Theorie eingeweiht, hätten eigentlich Zeugen seines Erfolges sein sollen. Stattdessen hatten sie ihn ausgelacht. Der Anblick der Maus, die in ihrem Käfig herumschlich als hätte sie eine durchzechte Nacht hinter sich, war zu amüsant gewesen - jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als sie damit angefangen hatte, sich in qualvollen Todeskrämpfen zu winden! Das Experiment war ein Mißerfolg gewesen, der umso bitterer schmeckte, weil Phil schon überall herumposaunt hatte, daß Lösung des Zeitreiseproblems das Thema seiner Doktorarbeit sei...

Chris' Stimme unterbrach Phils Gedankenstrom: "Das Alarmsystem im Labor hat angesprochen. Es muß auch einen Brand gegeben haben. Der Campus wimmelt nur so vor Cops und Feuerwehr! Ich rufe von dort aus an, bin mit dem Übertragungswagen vor Ort. Phil, der Alarm war in DEINEM Labor! Irgendetwas stimmt nicht mit diesen verdammten Viren!"
Phil überlief es kalt. Wenn die Viren in die Umwelt gelangt waren - das wäre eine Katastrophe! Die ganze Stadt konnte mittlerweile verseucht sein, und er - Phil Goddard - wäre der Verantwortliche für den Tod von Tausenden von Menschen. Er wußte noch nicht einmal, WAS die Viren eigentlich verursachten - oder ob es ein Gegenmittel gab!

Oder war das Experiment doch erfolgreich gewesen? War er etwa in der Zeit gereist? Das würde seine seltsamen Erinnerungsprobleme zumindest teilweise erklären. Phils Verwirrung nahm noch um einige Grade zu. Zudem spürte er, wie es ihm mit jeder Sekunde schwerer fiel, sich auf das Gespräch mit Chris zu konzentrieren. Was dieser zu sagen hatte, schien völlig unwichtig und unpassend zu sein. Phil mußte ständig darüber nachgrübeln, daß er in der Nacht nach seiner Abschlußfeier eigentlich gar nicht das Gefühl gehabt hatte, betrunken zu sein, geschweige denn sich in dem Zustand zu befinden, dem unweigerlich ein Kater folgt! Und war er nicht trotzdem irgendwann in der Nacht von einem starken Übelkeitsgefühl aufgewacht, welches ihn veranlaßt hatte, das warme Bett zu verlassen und zur Toilette zu gehen? Wie war es dann weitergegangen? Seine Erinnerung drohte ihn erneut im Stich zu lassen. Hatte er es nicht lediglich bis zu der Couch geschafft und war dort kraftlos zusammengeklappt? Es war Phil unmöglich, sich vollständig zu erinnern. Und war es überhaupt von Bedeutung? Er beschloß, einfach den Hörer aufzulegen und wieder zu Bett zu gehen - doch selbst das gelang ihm nicht.

"Erzähl doch weiter", bat er mit kaum wiedergewonnener Stimme.
"Klar, Junge! Das war vielleicht 'ne Party! Laßt uns mal so ordentlich auf die Kacke haun, hast du nach dem ersten Liter gesagt..."

*

Irgendwo, an einem anderen Ort und in einer völlig anderen Zeit - möglicherweise später, vorher oder im selben Augenblick - betrat Martha Gryme, Reinemachefrau und aktives Mitglied der Tierschutzorganisation von San Diego, in eindeutig vorschriftswidriger Weise, aber mit besten Absichten, ein verschlossenes Labor. Mit dem Generalschlüssel war das kein Problem, jedoch hatte Martha es nicht auf die ohnehin recht dünne Staubschicht abgesehen, die sich in den Ecken des Raumes abgelagert hatte, sondern auf den Inhalt der Käfige, welche in langen Reihen an einer Wand standen. Ihre Augen blitzten kämpferisch und ihre Wangen waren vor Erregung leicht gerötet, als sie einen Käfig nach dem anderen öffnete und all die Mäuse, Hamster, Kaninchen und Ratten freiließ, die darin eingesperrt waren.

Martha mochte Tiere. Der Gedanke, daß diesen armen kleinen Pelzwesen Krebszellen injiziert, giftige Dämpfe in die Augen gesprüht oder Sonden in den Kopf getrieben werden könnten, erfüllte sie mit Abscheu.
Es ist doch zum Wohle der Menschheit, hatte ihr Boß ihr erklärt, doch das hatte sie nicht überzeugt. Für Menschen hatte sie ohnehin nicht halb so viel übrig wie zum Beispiel für Bono, ihren kleinen Hauskater - umgekehrt war es ihrer Ansicht nach genauso: Niemand außer ihrem Kater konnte sie leiden.

"Von mir aus könnt ihr alle zum Teufel gehen", teilte sie dem Rest der Welt mit, während sie beobachtete, wie die Tiere durch die offenstehende Labortür strömten und sich im ganzen Gebäude verteilten. Dann schickte sie sich an, wieder zurück an die Arbeit zu gehen. Als sie an einem hohen Regal vorbeikam wurde sie von einer befreiten Ratte angesprungen, die dort auf sie gewartet hatte. Das Tier krallte sich an dem über Marthas üppigen Busen befestigten Button (STOPPT TIERVERSUCHE) fest und quiekte wie von Sinnen - es wollte gefüttert werden.
Martha stolperte vor Schreck einen Schritt zur Seite und verlor das Gleichgewicht. Mit einer Hand hielt sie sich an einer Tiefkühlbox fest und versuchte gleichzeitig, das rasende Tier mit der anderen Hand von sich abzustreifen. Die Box und Martha kippten um. Aus der aufklappenden Tür der Box fielen etliche kleine Glasbehälter und zerbrachen klirrend auf dem Boden.

Die außergewöhnlich resistenten und mobilen Viren, die in diesen Behältern gefangen gewesen waren, schwärmten aus und begannen sofort damit, sich exponentiell zu vermehren, da ihnen jetzt nicht nur viel mehr Raum, sondern auch Wirtskörper zur Verfügung standen. Ein Teil der Viren, die in Interaktion mit der DNA eines Wirtskörpers diesen zwangen, alles zu wiederholen, was er in den letzten vierundzwanzig Stunden vor der Übernahme getan hatte, ließ sich in der strampelnden Putzfrau und der hysterischen Ratte nieder. Der andere, weitaus größere Teil, breitete sich, von einem warmen Luftstrom getragen, durch die Entlüftungskanäle in die klare Mitternachtsluft über dem Campus aus. In der Nähe lagen die Studentenwohnheime...

Die Viren, Ergebnis eines fehlgeschlagenen Experiments, waren noch weit von der Perfektion entfernt. Die Kontrolle eines übernommenen Wirtskörpers war deshalb in der Anfangsphase zwangsläufig unvollständig, eigenständiges Handeln des Wirts konnte für eine kurze Zeit nicht ausgeschlossen werden. Das Gesamtbild der sich wiederholenden Abläufe wurde dadurch jedoch nicht beeinträchtigt.
Und die Viren verbesserten ihr genetisches Programm in einem geeigneten Wirtskörper mit jeder Generation selbst, bis früher oder später die von ihnen hergestellten Verbindungen zwischen den einzelnen Hirnzellen komplettiert waren. Die Hirnzellen wurden bei diesem Prozeß natürlich nach und nach zerstört, was mit Anfangs leichten kopfschmerzartigen Begleiterscheinungen verbunden war. Beim Tod eines Wirtes waren die Viren jedoch in der Lage, für eine ausreichend lange Zeit in dessen Überresten oder auch in der freien Luft zu überleben, bis sie von einem neuen Wirt aufgenommen wurden. Der Bestand war also gesichert...

*

So kam es, daß der Arbeitstag einer Putzfrau immer wieder mit dem Kampf gegen eine Ratte endete und ein daß junger Biochemiker immer wieder mit einem mörderischen Kater aufwachte und neben dem warmen Körper eines Mädchens einschlief - jedenfalls eine Zeitlang...





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