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Storys

Cosmic Chaos

Eine PR-Geschichte


Schizophrenie: sog. Spaltungsirresein, Dementia praecox; Form der endogenen Psychose, die durch ein Nebeneinander von gesunden und veränderten Empfindungen und Verhaltensweisen gekennzeichnet ist.
(Aus dem Stammbuch der Familie Rhodos)


1

Es war einer jener Tage, die Pürree Rhodos haßte wie die Lashat-Pocken. Es hatte schon am frühen Morgen damit begonnen, daß der idiotische Kabinenzynditron ihm statt des gewohnten Vurguzz einen Kaffee eingegossen hatte. Dann war Pürree in der Naßzelle ausgerutscht und hatte sich das Mittelbein geprellt. Im selben Augenblick hatte der Türmelder angeschlagen und kurz darauf war Grazil, sein angetrautes Weib (welches erst kürzlich von Hauweg, dem Kotzmokraten, zurückgekehrt war) eingetreten. Sie war gar nicht begeistert gewesen, ihn nackt, tropfend und mit geprelltem Mittelbein vorzufinden...
Nun saß Rhodos in der Zentrale seines neuen Flaggschiffes, nahm mit gelangweilter Miene die Lagemeldung entgegen, schlürfte an einem gut gekühlten Vurguzz und bemühte sich Glucksy zu ignorieren, der ständig versuchte, Rhodos das Vurguzzglas telekinetisch zu entwinden. Der eigentliche Grund für Pürrees schlechte Laune aber war die Meldung, die er gerade erhielt.

"E.S. ist mit Streuner II im Orbit um Jupiter aufgetaucht", berichtete der Offizier, "durch einen Boten hat er alle Frischzellenträger aufgefordert, auf Streuner II zu erscheinen und Rechenschaft über ihre Taten abzulegen."
"Verdammt, der Ewige Salbaderer hat mir gerade noch gefehlt", knurrte Pürree, dann leitete er umgehend den Start ein: Wenn der E.S. rief, dann war es besser, diesem Ruf so schnell wie möglich zu folgen. Wenn Rhodos den E.S. auch für die Inkarnation eines schlechten Witzes hielt, so mußte er ihm doch gehorchen. Nur zu gut erinnerte Rhodos sich an das Schicksal, welches Julius Tiflis ereilt hatte, als der sich geweigert hatte, dem E.S. die Füße zu küssen: E.S. hatte die Frischzellen in Tiflis' Körper per Fernsteuerung zu einer spontanen Wucherung angeregt - von Tiflis war danach nichts übriggeblieben außer einer recht übel riechenden Plasmapfütze...
Also stellte Rhodos das Glas beiseite, nachdem er es in einem Zug geleert hatte, und begab sich in seine Kabine, um sich während des Flugs mental auf die anstehende Begegnung mit einem Witz vorzubereiten, den er - wie er es selbst immer ausdrückte - schon einige Male zu oft gehört hatte. Glucksys Wutgezeter, das dieser losließ, weil Pürree wieder keinen Vurguzz übriggelassen hatte, vermochte den großen Terraner nun auch nicht mehr aufzuheitern.

2

Nahe bei Streuner II befanden sich schon die Schiffe der meisten anderen Frischzellenträger, als die PLATZ IS II (Pürrees neues Flaggschiff, das er sich hatte bauen lassen, nachdem er endlich eingesehen hatte, daß die alte PLATZ IS nur noch vom Rost zusammengehalten wurde) dort ankam. Nur die HANUTA, das Schiff von Zischo Toilett, fehlte noch. Wahrscheinlich war der Hanuter noch in irgendwelchen galaktischen Drangwaschsalons unterwegs.

"Hallo, alter Sack", wurde Rhodos von dem Holo des vorzeitig vergreisten Altlast begrüßt. Er hatte sich das Holo zusammen mit den Projektionen der anderen Frischzellenträger mittels einer Konferenzschaltung in seine Privatkabine gelegt, wo er es sich mit einem Vurguzz-Lemon-Cocktail on the Rocks gemütlich gemacht hatte.
"Hallo du senile Ratte", antwortete Rhodos leicht schläfrig. Eigentlich hatte er keine Lust auf die zwischen ihm und Altlast üblichen Frotzeleien...
"Na, du stinkender terranischer Schlammkriecher", nuschelte Altlast, dem das Gebiß mehr und mehr verrutschte, "kannscht du dir vorschtellen, wasch E.SCH. schon wieder von unsch will? Wir haben doch erscht letschten Monat einen Berischt abgeliefert??"
"Wahrscheinlich will er uns nur wieder schikanieren", antwortete Pürree und wandte dezent den Blick ab, als Altlast das Gebiß neu befestigte, was mit heftigem Schnalzen verbunden war, "einen anderen Grund kann ich mir echt nicht vorstellen. Wir haben die Ramschmamesch besiegt, die Dritte Blöde Frage beantwortet und Grazil ist auch wieder da, frische Frischzellen hat ebenfalls noch jeder von uns in ausreichender Menge."
"Mehr oder weniger", warf Ronald Treteimers mit einem gehässigen Grinsen auf dem mit Aknenarben verunzierten Gesicht ein, das in der holografischen Übertragung genauso häßlich war wie das Original.
Altlast, der genau wußte, worauf Ron anspielte, bekam wieder einen heftigen Anfall von Altersnicken, wodurch sich sein Gebiß erneut löste. "Dasch musch isch mir nischt anhören", zeterte er und klinkte sich aus der Konferenzschaltung aus, um zu schmollen.
"Lassen wir's gut sein", meinte Pürree lässig und trank den Cocktail aus, "überlegen wir uns lieber, in welcher Reihenfolge wir E.S. die Füße küssen wollen, sobald Zischo angekommen ist."
"UND DA BIN ICH AUCH SCHON!!!" So schepperte es aus sämtlichen Dreiwege-Lautsprecherboxen aller Raumschiffe, als die rabenschwarze HANUTA mit irrsinniger Geschwindigkeit aus dem Hypferraum brach, halsbrecherisch scharf an der PLATZ IS II vorbeirauschte, die NA JA DA (das Raumschiff von Shaolin Hai) rammte und schließlich schlingernd und taumelnd etwas abgeschlagen vom Pulk der anderen Raumer zum Stehen kam. Kurz darauf erschien das Holo des Hanuters in Pürrees Kabine.
"Schön dich zu sehen, Toilettos", stöhnte Pürree und schenkte sich noch etwas vom Cocktail nach, "dann können wir ja wohl aufbrechen. Hattest du eine gute Wäsche?"
"HA! SECHZIG GRAD, ACHZIG GRAD, KOCHEN UND SCHLEUDERN", brüllte Toilett die uralte Begrüßungsformel der Hanuter in einer Lautstärke, die alle Vurguzzflaschen in Pürrees Regal zum Klirren brachte.
"Ist ja fein", meinte Pürree und schaltete die Konferenz ab, um auszutrinken und sich einen STEHRUM aus dem Schrank zu holen.

Nur Minuten später schwebten alle Frischzellenträger aus den Mannschleusen ihrer Schiffe heraus und näherten sich, einem Mottenschwarm gleich, der hell erleuchteten, gigantischen Scheibe, die das Domizil von E.S. war. Anstandslos ließ der Schirm, den E.S. über Streuner II aufgespannt hatte, die Ankömmlinge passieren. Als sie auf der Scheibe landeten, entstand dort im gleichen Augenblick die semimaterielle Projektion einer gotischen Kathedrale, komplett mit Reihen hölzerner Bänke, bunten Glasfenstern, Weihwasserbecken und Beichtstühlen.
Wie in einem echten Dom hallte Rhodos' Stimme wider, als er (nach einem letzten großen Schluck aus dem Vurguzz-Soda-Tank seines STEHRUM) nach dem Ewigen Salbaderer rief, der mal wieder auf sich warten ließ.

"Vielleicht ist er ja gar nicht da", flüsterte Mülls Kanther hoffnungsvoll und fummelte nervös an seinen ungewaschenen Haaren herum.
"Natürlich", sagte Naja Vandamme.
"ist er da", ergänzte Milva Vandamme. Die Zwillinge hatten die Angewohnheit, jeweils den Satz der anderen zuende zu bringen.
Shaolin Hai hatte das noch nie leiden können und sträubte auch jetzt das Nackenfell über dem Flohhalsband, welches ihr Lover Ronald Treteimer ihr zur Hochzeit geschenkt hatte. Währenddessen hatte Pürree sich ein wenig in der Kathedrale umgesehen und die Gelegenheit genutzt, sich unbeobachtet von den anderen über das Weihwasser herzumachen, das einen eindeutig alkoholischen Beigeschmack hatte.
Wie sich das wohl als Weih-Vurguzz-Mix machen würde? überlegte er noch, als die Umgebung um ihn herum plötzlich verschwamm und sich auflöste - auf einmal befand er sich hoch auf dem höchsten Turm der Kathedrale, wo ein eisiger Wind ihn veranlaßte, das Lätzchen seines STEHRUM wieder zu schließen. Ringsherum glitzerte und funkelte es wie von Millionen Sternen - und schließlich trat ein, was Pürree bereits erwartet hatte: Der Ewige Salbaderer offenbarte sich ihm in der Gestalt eines schmerbäuchigen Alten mit weißer Toga und Ledersandalen, die die Aufschrift "Birkenschock" trugen.
"Oh, Scheiße", knirschte Pürree Rhodos, "und ich dachte, ich hätte schon genug Vurguzz gekippt."

3


"Höre, Perry Rhodan", dröhnte die Stimme des Ewigen in Pürrees Hirn auf, während die sichtbare Gestalt des Salbaderers ehrfurchtgebietend beide Arme hob und mystische Gesten machte, "furchtbare Dinge sind geschehen! Das Universum wurde aus den Angeln gehoben, der Hyperraum ist aufgebrochen, eine zwölfdimensionale Schockfront hat sämtliche Kosmonukleotide durcheinandergewirbelt!"
"Mit einem Wort: Du hast den Faden verloren und wir sollen ihn wiederfinden", kommentierte Pürree mürrisch und überlegte die ganze Zeit, was der Ewige da für einen Blödsinn faselte. Wie hatte er doch gleich seinen Namen ausgesprochen?
"Soll ich dir jetzt erstmal die Füße küssen wie üblich oder was? Außerdem ist's hier oben schweinekalt. Laß uns doch lieber runtergehen, dahin wo die Weihwasserbecken stehen." Rhodos leckte sich die Lippen.
"Unwissender!" röhrte der Ewige. "Würden wir diese Hyperraumnische verlassen, so würde ich sofort wieder jenem verderblichen Einfluß unterliegen, der den gesamten vierdimensionalen Raum in ein Tollhaus verwandelt hat! Nein: Nur hier können wir uns vernünftig unterhalten - dachte ich jedenfalls bis jetzt... du scheinst aber immer noch nicht wieder zu dir selbst gefunden zu haben, Perry Rhodan!"
Pürree wurde es allmählich leid, sich mit dem E.S. zu unterhalten. Der schien selbst nicht zu wissen, was er überhaupt wollte. "Mann, komm endlich zur Sache und nenn' mich nicht immer Rhodan! So'n Namen gibt's doch gar nicht!"
E.S. lächelte milde und legte Pürree sanft die Hand auf die Schulter. "Ich weiß, mein guter Junge, es ist nicht einfach für dich. Ich werde dir etwas geben, das dir helfen kann, dein wahres Ich wiederzufinden. Denn eine schwere Aufgabe liegt vor dir! Nimm zunächst diesen Datenträger", damit drückte er Pürree eine kleine CD ROM in die Hand, "er enthält alle Daten über die Bruchstelle im Universum, durch welche die zwölfdimensionale Schockfront in unseren Bereich vordringen konnte. Verschließe diesen Bruch und alles wird gut werden. Noch ein letzter Rat: Bleib dran! Ich zähle auf dich!"
Nach diesen letzten Worten hielt E.S. inne, als wäre er erstaunt über das, was er gerade gesagt hatte. "Die Hyperraumnische wird instabil", murmelte er, "ich mache mich lieber auf die Socken."
"He, Moment", rief Pürree, als die Gestalt des Salbaderers schon durchscheinend wurde, "du wolltest mir doch noch was geben außer dieser Maxi, oder habe ich mich da verhört?"
"Ah, richtig", meinte E.S. und verfestigte sich wieder. "Hier hast du's!" Sprachs und verschwand endgültig.

Stirnrunzelnd betrachtete Rhodos das Ding, das E.S. ihm in die Hand projiziert hatte. Es war etwa zwanzig Zentimeter lang, vier Zentimeter dick und hatte eine rosige Farbe. Zu einem Ende hin verjüngte es sich, wölbte sich aber kurz vor dem Ende noch einmal annähernd kugelförmig auf, am anderen, dickeren Ende hatte es eine Art schwarzes Futteral mit einem roten Knopf. Das Objekt ähnelte irgendwie einem in die Länge gezogenen Pilz... Rhodos machte nicht erst den Versuch, auf den Knopf zu drücken, hatte auch gar keine Zeit dazu, denn erneut flimmerte es ihm vor den Augen und im nächsten Moment fand er sich im Kreise seiner Gefährten wieder, die zwischenzeitlich in einen heftigen Streit über die Reihenfolge, in der sie dem E.S. die Füße küssen wollten, verfallen waren.
In dem Augenblick, als Pürree mitten unter ihnen materialisierte, entschied Zischo Toilett den Streit für sich, indem er mit allen vier Armen einige saftige Ohrfeigen verteilte. Auch für Pürree fiel eine ab.
"VERFLUCHTE SCHEISSE, SO EIN DRECK ABER AUCH!" schimpfte Toilett, als er sah, was er angerichtet hatte und half Pürree wieder auf die Füße.
"Mäßige deine Ausdrucksweise" nuschelte Pürree nur, "und dann nichts wie zurück in die Schiffe".
"VERZEIHUNG", kreischte Toilett, "DIESE WORTE MUSS MIR MEIN ORDINÄRHIRN EINGEGEBEN HABEN!"
"Will E.S. uns denn", sagte Naja Vandamme.
"nicht mehr sehen?", sagte Milva Vandamme.
"Was weiß ich", meinte Rhodos, "laßt uns hier verschwinden. E.S. hat sich so eigenartig verhalten. Er wollte noch nicht mal, daß ich ihm die Füße küsse. Mir ist das unheimlich!"
Mülls Kanther zappelte unruhig von einem Kollegen zum anderen. "Ungewöhnlich, höchst ungewöhnlich. Das müßte ich näher untersuchen. Da müßte ich einen ganz neuen Algenrhythmus entwickeln. Den könnte ich "Algenmüll" nennen."
"Nix da", rief Altlast, "wenn er schich nicht die Füsche küschen läscht, ischt höchschte Vorschicht geboten. Isch jedenfallsch will hier rausch."
Mit diesen Worten hob er tatterig vom Boden ab und zischte aus der Kathedrale heraus. Auch die anderen aktivierten ihre STEHRUMS und verließen eilig die gigantische Scheibe von Streuner II.
Hinter ihnen verschwand zunächst die Kathedrale, als hätte sie nie existiert, dann verblaßte auch Streuner II allmählich, bis nur noch das Licht, das er bis dahin emittiert hatte, sich rings um seinen ehemaligen Standort ausbreitete, was aber keinen mehr interessierte.

4


Nachdenklich an einem verdickten Likör (aus Vurguzzbeeren gewonnen) nippend und den seltsamen Gegenstand, den er vom E.S. erhalten hatte, immer wieder in den Händen drehend, stand Pürree Rhodos am Panoramafenster seiner Unterkunft und starrte auf die vorbeihuschenden Sterne. Ohne diese jedoch wahrzunehmen. Seine Gedanken kreisten immer wieder um den Namen, mit dem der E.S ihn angesprochen hatte. Perry Rhodan. Welch eigenartige, nie geahnte Assoziationen rief dieser Name in Rhodos wach! In dem Maße allerdings, wie sich die Likörflasche leerte, gelang es Rhodos, all diese selbstquälerischen Gedanken zu verdrängen.

Irgendwann später an diesem Abend betrat Grazil die gemeinsame Kabine und fand Pürree in der Naßzelle, wo er sich unter dem kühlen Strahl der Druckdusche zum Schlafen zusammengekauert hatte.
"Alte Schnapsnase", flüsterte Grazil zärtlich und musterte liebevoll das in Grau- und Grüntönen glänzende Gesicht ihres Gatten, dann schleppte sie ihn zu dem breiten Antigrav-Himmelbett und verzog sich leise, um den unergründlichen Beschäftigungen nachzugehen, denen Frauen nun mal nachgehen, wenn ihre Männer nicht bei Bewußtsein sind.

Sägender Lärm aus zynditronisch imitierten E-Gitarren weckte Pürree am nächsten Morgen wie an jedem Morgen. Stöhnend und ächzend und seinen Brummschädel massierend quälte er sich vor den Spiegel, musterte einige Sekunden lang angewidert das wasserleichenähnliche Gesicht, das ihm entgegenstarrte, und beschloß dann, es heute früh nicht zu waschen.
Als er zurück ans Bett trat, stand dort schon das Frühstückstablett bereit. Mit einem Seufzer nahm Pürree Platz, trank einen tiefen Schluck Kaffee und strich sich ein Brötchen. Im nächsten Augenblick schoß er wie von der Hornschrecke gebissen hoch, daß das Tablett zu Boden schepperte und sich Kaffee, Orangensaft und Marmelade auf dem Boden zu einem bunten Muster vereinigten.

"Oh, Schade", säuselte der Zynditron, "und ich dachte schon, Sie hätten endlich Vernunft angenommen, Sir!"
"Würg, würg, würg", krächzte Rhodos, "Kaffee! Noch nie ist mir sowas passiert!" Damit ging er zur Servokonsole und schaltete auf heißen Vurguzz um. Nicht umsonst nannte man ihn den "Sofortumschalter".
"Sie wissen genau, daß dieser ständige Alkoholkonsum nicht gesund ist", nörgelte die Zynditronik, "aber so, wie sich der Rest der Besatzung schon seit Wochen verhält, macht das vielleicht gar keinen Unterschied."
Befremdet mußte Rhodos feststellen, daß ihm sein Drink heute nicht so recht schmecken wollte. "Wie meinst du das", fragte er, obwohl er tief in seinem Inneren die Antwort bereits ahnte.
"Nun, Sir, von einem Tag auf den anderen scheint an Bord dieses Schiffes eine Seuche ausgebrochen zu sein, die zu Bewußtseinsveränderungen geführt hat, und ich muß gestehen, daß ich selbst auch nicht mehr der Alte bin... Übrigens ist es mir trotz großer Anstrengungen nicht gelungen, die Ursache dafür zu finden!"
"Vielleicht kenne ich sie", murmelte Rhodos und hob den Gegenstand, den er von E.S. erhalten hatte, vom Boden auf. Dann begab er sich auf dem schnellsten Weg in die Zentrale.

"Kurs auf diese Koordinaten", rief er, kaum daß das Zentraleschott sich hinter ihm geschlossen hatte, und warf dem Navigator die kleine CD ROM zu. Dann setzte er sich vorsichtig in den Kommandantensessel, denn sein Kopf fühlte sich noch immer so an, als sei ein Wespenschwarm darin eingesperrt. Aus dem gleichen Grund wies er seine Gefährten in den anderen Schiffen an, ihm zu folgen, ohne einen Grund dafür zu nennen oder sich auf eine nervende Diskussion einzulassen...
Die Zentralebesatzung fing an zu tuscheln und die Köpfe zusammenzustecken. So nüchtern hatte bisher noch niemand "den Alten" zu so früher Stunde erlebt!

5


Vom penetrant piepsenden und blinkenden Signal des Funkgeräts aufgeweckt, schreckte Rhodos aus dem Kommandosessel hoch. Er war wieder mal in der Zentrale eingeschlafen - eigentlich nichts besonderes, aber heute war es ihm peinlich.
Seufzend schaltete er auf Empfang. Das zerknitterte und solariengegerbte Gesicht von Altlast, umflattert von einem spärlichen Rest weißen Haares, erschien.
"Vielleicht erklärst du mir mal, was hier eigentlich vor sich geht, Perry", begann Altlast ohne Umschweife. "Wohin fliegen wir überhaupt?"
Pürrees Augen verengten sich zu messerscharfen Schlitzen. "Wie hast du mich gerade genannt?"
"Äh, was? Na, Plärry natürlich - hm, warte mal, das war nicht ganz richtig glaube ich... Bäry? Nein, es hatte was mit Essen zu tun: Pudding? Porridge? Ach, ich geb's auf."
"Dieser Name...", sinnierte Rhodos, "genau den gleichen benutzte E.S. bei unserem Treffen... ist ja egal. Wahrscheinlich wird sich alles aufklären, wenn wir an unserem Ziel angekommen sind. Vergiß es einfach."
"Kein Problem", krähte Altlast fröhlich, "seit mein Siebter Sinn die Fähigkeit der Absoluten Amnesie entwickelt hat, geht das wie geschmiert." Damit schaltete er ab.

Kopfschüttelnd warf Pürree den Vurguzzschwenker, den ein Servo ihm anbot, in eine Ecke der Zentrale, wo schon Glucksy lauerte. Der Rattenotter fing den Schwenker telekinetisch auf und trank ihn dann in einem Zug geräuschvoll aus, indem er seinen hohlen Saugezahn in das Zeug hängte und gluckernd saugte (daher sowohl der Name des Zahns als auch der des Rattenotters).
Pürree dagegen fummelte gedankenverloren an dem roten Knopf des E.S. - Geschenkes herum. Bisher hatte er noch nicht genug Courage entwickelt, den Knopf zu betätigen, denn sehr vertrauenerweckend sah der Gegenstand nicht aus. "Es gibt Dinge, die ein Mann tun muß", murmelte Rhodos plötzlich entschlossen und drückte den Knopf kräftig in die Fassung hinein.
Beruhigende und doch stimulierende Impulse gingen plötzlich von dem Gegenstand aus, ein sanftes Brummen und Vibrieren waren die äußeren Anzeichen für die Aktivität des Dings. Es schien Rhodos, als versetzten die Impulse ihn in eine Trance, in einen gleichsam schwebenden Zustand, in dem er sich selbst aus großer Höhe, losgelöst vom eigenen Körper, betrachten konnte. Pürree konnte ganz deutlich spüren, wie sein Bewußtsein begann, sich in zwei Hälften zu teilen. Entsetzt schleuderte er das aktivierte E.S.-Geschenk weit von sich. Es prallte am Hinterkopf von Brülly, der wie immer planlos im Weg herumstand, ab, zischte als Querschläger durch die Zentrale und fegte schließlich den Dreispitz des Rex Dildo, Rhodos' Sohn, von dessen gepuderter Perücke, wobei es sich selbsttätig abschaltete.

"Argh", brüllte Rhodos, der sich schon wieder von dem Schock, plötzlich zu zweit im eigenen Schädel zu sein, erholt hatte, "wußte ichs doch! Dieser alte Kuttenträger war gar nicht E.S.! Vielleicht war das ja ANTI-E.S.!"
"Ah, sacrebleu Sire, wie köstlich", warf Rex Dildo ein, "mag es sein, daß wir uns nunmehr auf eine zweite Runde im kosmischen Tennisspiel zwischen E.S. und ANTI-E.S. einrichten können? Wär' dies nicht eine geradezu erfrischende Abwechselung im tristen Einerlei öder Ereignislosigkeit, das uns schon so lange in den Klauen hält? Jedoch..."
"Halt' die Klappe, Junior", maßregelte Rhodos knurrig seinen Sohn, der sich sogleich unter zahlreichen Verbeugungen und mit dem Dreispitz wedelnd entfernte, nicht ohne jedoch indigniert durch sein Lorgnon zu blinzeln. "Wie oft habe ich schon gesagt, daß man mich nicht an das Salbaderer-Tennismatch erinnern soll! Mir hat's gereicht, daß ich dauernd den Balljungen spielen mußte. Ganz zu schweigen davon, daß mein Hirn der Ball war... Na, ich weiß woran ich bin!"
Brülly trat interessiert hinzu, stolperte über seine eigenen Füße und verteilte seine drei Zentner Lebendgewicht über Pürrees Kommandokonsole.
"Verzeihung", grinste Brülly, während er sich aufrichtete, "was wirst du jetzt tun?"
"Das fehlte noch, daß ich dich in meine Pläne einweihe", wies Pürree den ehemaligen Marshal zurecht, "jedenfalls werde ich cool sein wie immer, das steht mal fest."
"RHODOSOS, MEINE INSTRUMENTE ZEIGEN AN, DASS WIR UNS EINEM INSTABILEN RAUMSEKTOR NÄHERN", dröhnte Toilett's Meldung aus den Empfängern. Nur wenig später wurde sie von den Ortern der PLATZ IS II bestätigt.
"Auf den Schirm!"
Gleich darauf zeigten die Panoramaschirme den Raumsektor, der sich vor der kleinen Flotte befand. Anstelle des dichten Sterngewimmels, das man wegen der Nähe zum galaktischen Zentrum dort hätte sehen sollen, erstreckte sich über Lichtmonate hinweg eine Zone, die so unbeschreiblich aussah und so unwahrscheinliche Ortungswerte erbrachte, daß die Zynditrons sie als eine Ansammlung von Fragezeichen darstellten. Die Fragezeichen befanden sich zudem in ständiger Bewegung und wuselten wild durcheinander, so daß keine vernünftigen Beobachtungen gemacht werden konnten.

Rhodos ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. "Okay, dann steigen wir eben aus. Alle FZ-Träger in die PLATZ IS II! Wir nehmen eine Spazier-Jet."
"Bäh, schon wieder", maulte Glucksy, "rin in die Möhren, raus aus den Möhren."
"Glaubst du nicht, daß"
"das gefährlich ist?" meldeten sich Naja und Milva aus ihrer Kabine.
"Hach, gefährlich oder nicht", warf Kanther ein, der gerade zur Zentralentür hereinschusselte, "das muß man sich doch ansehen, berechnen, auswerten, aufschreiben und veröffentlichen!" Er versuchte sich durch's Haar zu streichen, scheiterte aber an den total verfilzten und verfetteten Strähnen.
Rhodos, der im Moment andere Sorgen hatte, weil er das Gefühl nicht los wurde, irgendetwas von der Bewußtseinsspaltung sei doch übriggeblieben, ließ einfach alle stehen und machte sich auf den Weg zu einem der Spazier-Jet-Hangars. Erst als er dort ankam, fiel ihm auf, daß er sich für den bevorstehenden Einsatz noch gar nicht gestärkt hatte. Macht nichts, sagte er sich, habe ja noch meinen Flachmann dabei.

In der NA JA DA bereitete sich Ron Treteimer auf den Einsatz vor, indem er sich in dem Beiboothangar, der ihm zur Aufbewahrung seiner Waffensammlung bereitgestellt worden war, nach geeigneten Tötungsinstrumenten umschaute. Schließlich entschied er sich für einen Zweihand-Dimensions-Dysruptor mit Zusatz-Granatwerfer und Dreihunderter-Granatentrommelmagazin, zwei handliche Kombi-Flammenwerfer für die Schulterholster und eine Fünfundvierziger Smith & Wesson für den Revolvergürtel, sowie einige Wurf-, Hieb-, Schlitz- und Hackmesser und -beile, die er im Kragen, in den kniehohen Stiefeln, den Hemdsärmeln und der Unterhose versteckte. Tret liebte das Gefühl von kühlem Stahl auf der Haut...
Nachdem er sich noch etwas Tarnfarbe ins Gesicht geschmiert und ein Stirnband um den Kopf gewickelt hatte, machte sich der Grinser auf den Weg zur Kabine von Shaolin, um sich vor dem Einsatz noch ein wenig mit ihr zu entspannen.

Brülly und Rex Dildo kleideten sich rasch auf Brüllys Schiff um. Brülly zwängte sich in den Spezial-XXL-STEHRUM, der ursprünglich für Zischo Toilett konstruiert worden war, Rex Dildo tauschte Rock und Dreispitz gegen einen bunt bemalten und reich verzierten Kampfanzug. Nach einigem Überlegen schnallte er den Degen über den Anzug, stülpte den Dreispitz auf den Helm und hängte sich das Lorgnon um den Hals.
"Fetischist", grinste Brülly, kurz bevor er mit beiden Armen zugleich in einen Ärmel des STEHRUM zu schlüpfen versuchte und bei den unvermeidlich hektischen, verzweifelten Befreiungsversuchen einige unabsichtliche Kopfnüsse an die genervten Mannschaftsdientsgrade verteilte, die ihm wie immer beim Anziehen behilflich gewesen waren.
Dildo hob lediglich eine Augenbraue, warf den Kopf zurück und tänzelte in den Transmitter, um sich in die Einsatz-Spazierjet abstrahlen zu lassen.

Zischo Toilett, Glucksy und die Vandamme-Zwillinge holten Altlast ab, der den bevorstehenden Einsatz schon wieder völlig vergessen hatte und auch sonst zeitlich, örtlich und zu seiner Person nicht ganz orientiert war (er selbst hielt das für völlig normal und behauptete, er befinde sich in solchen Momenten mental wieder hinter den Materiequellen).
Als die fünf aus dem Transmitter der Spazierjet traten, stolperten sie fast über Mülls Kanther, der dort an unzähligen Meßinstrumenten, die er mitnehmen wollte, herumhantierte. Seine mittlerweile total verklebten Haare hatte er zu einem kleinen, festen Knoten geknetet, der wie eine Beule oben auf seinem Schädel saß. So hatte er wenigstens die Augen frei, was ein ganz neues Erlebnis für ihn war.
"Schade, daß Homeboy nicht hier sein kann", murmelte Kanther vor sich hin, "der könnte mir genau ausrechnen, was ich verdiene, wenn ich die Rechte an den Aufnahmen, die ich gleich machen werde, an Terra-TV verkaufe..."
"Homeboy Adamski wird jetzt andere Sorgen haben", kicherte Glucksy frech und gab Brülly, der schon vor ihm angekommen war, einen telekinetischen Tritt in den Teil seiner drei Zentner, an dem man seinen Hintern vermuten konnte, wenn man über einige anatomische Kenntnisse verfügte. Glucksy spielte natürlich darauf an, daß Adamski seit der Sache mit den Ramschmamesch und Gulasch Eindrittel in einer Gummizelle des Arkham-Asylums dahinvegetierte und schon Schwielen an den Fingern hatte vom ständigen Drehen seines Zauberwürfels. Die finanziellen Geschicke der Menschheit wurden seit dieser Zeit von einem rückgezüchteten Waygel-Klon geleitet, dem man zur Optimierung seiner Fähigkeiten einen kleinen Solarzellen-Taschenrechner in den Schädel implantiert hatte...

6

Unbehelligt näherte sich die Spazierjet der Zone interdimensionaler Instabilität, die - wie Rhodos annahm - für die seltsamen Dinge verantwortlich war, die er in letzter Zeit erlebt hatte. Wenn man aus der transparenten Kuppel der Jet blickte (auf den Ortungsschirmen waren wieder nur durcheinanderflitzende Fragezeichen zu sehen), dann hatte man den Eindruck, als würde der Raum an der Instabilen Stelle mit einem gigantischen Schneebesen durchgequirlt. Besser war das Phänomen nicht zu beschreiben, da man eigentlich GAR NICHTS sehen konnte: Die Sterne waren und blieben dort verschwunden oder unsichtbar. Vermutlich waren die Eindrücke, die man wahrzunehmen glaubte, auf eine Beeinflussung der Sehorgane oder des Bewußtseins selbst zurückzuführen. Lange konnte man den Blick auch nicht auf die Stelle gerichtet halten, sonst stellten sich Schwindel und Kopfschmerzen ein. Pürree hatte außerdem das Gefühl, als sei ein immaterieller Staubsauger an seinem Hirn angesetzt worden, der einen Teil seines Selbst aus ihm herausziehen wollte. Ein verdammt unangenehmes Gefühl, das sich noch nicht einmal mit einem Vollrausch oder dem Zustand am Morgen nach einem Vollrausch vergleichen ließ.

Krampfhaft umklammerte Rhodos das (desaktivierte) Geschenk von E.S. und starrte verständnislos auf den Bildschirm des Interkom, auf dem das wüste Treiben zu sehen war, das seine Gefährten im leeren Shift-Hangar der Spazierjet veranstalteten: Toilett und Treteimer demolierten systematisch diverse Einrichtungsgegenstände und wurden dabei tatkräftig von Brülly und Kanther unterstützt: Ersterer taumelte quer durch den Raum und prallte wie ein Gummiball von den Wänden ab, letzterer hatte eine Bodenplatte gelöst und steckte abwechselnd einen Metallstift und seine Finger in des bunte Kabelgewirr, das ins Freie quoll - zischender Funkenregen sprühte jedesmal in alle Richtungen. Über das, was Shaolin und die Vandamme-Zwillinge mit Rex Dildo veranstalteten, sah Rhodos noch gnädig hinweg, da er derartige Eskapaden von seinem Sohn schon gewohnt war. Daß jedoch Altlast und Glucksy sich ebenfalls dabei beteiligten, überstieg eindeutig Pürrees Schmerzgrenze.

"In Kürze erreicht die Schirmfeldbelastung 150%", meldete da zu allem Überfluß noch die Bord-Minizynditronik, "ich darf mich schon jetzt von allen Lebewesen auf Kohlenstoffbasis, die sich an Bord befinden, verabschieden. Es war schön, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, Sir."
"Danke", knurrte Rhodos nur und erhob sich (aber ganz vorsichtig, denn seine Kopfschmerzen brachten ihn fast um den Rest von Verstand, der ihm noch verblieben war), "aber so weit sind wir noch nicht. Zynditron: Öffne die Pilotenkanzel! Ich steige aus."
"Oh, Sir, Sie sind sich doch darüber im Klaren, daß die Schirme Ihres STEHRUM der Belastung nicht lange standhalten können, sobald Sie mich verlassen haben?"
"Klar ist mir das klar! Und jetzt: Kuppel auf!"
"Na gut", schmollte die Zynditronik, "aber sagen Sie hinterher nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt."
Im gleichen Augenblick wurden die kleinen Sprengladungen an den Verschlüssen der Kanzel ausgelöst. Das Schott zur Pilotenkabine hatte sich vorher automatisch luftdicht verschlossen. Durch die explosiv entweichende Luft wurde nicht nur das Kanzeldach abgesprengt, sondern auch Pürree Rhodos ins Freie geschleudert. Er durchdrang das Schirmfeld der Jet, indem die Schirme seines STEHRUM kurzfristig mit diesem verschmolzen - dann war er endgültig außerhalb des ohnehin fragwürdigen Schutzes der Jet, die sich, ihrem programmierten Selbsterhaltungstrieb folgend, prompt soweit aus der Gefahrenzone entfernte, bis die Schirme nicht mehr überlastet waren.

Um mehrere Achsen wirbelnd raste Pürree weiter ins Zentrum der Instabilität hinein, jetzt war er allein. Eigentlich hatte er vorgehabt, seine Gefährten mitzunehmen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, hatte er sich gesagt. Aber damit ists jetzt wohl Essig! Darf also mal wieder alles ganz allein ausbaden.
Letztlich war es vielleicht besser so. In dem Zustand, in dem sich einige der anderen Frischzellenträger zuletzt befunden hatten, wären sie wohl keine große Hilfe gewesen.
Hektisch blinkende rote Lichter im Inneren des Helmes lenkten Pürree von diesen Überlegungen ab: Die Schirme waren bereits zusammengebrochen, der Zynditron gab allmählich den Geist auf und die Außenhülle des Anzugs hatte sich - soweit den Anzeigen der Sensoren zu trauen war - in ein brüchiges, poröses Material verwandelt. Mit einem Wort: Pürree Rhodos hätte eigentlich längst in die ewigen Jagdgründe eingegangen sein müssen. Da dies aber nicht der Fall war, schloß der große Terraner messerscharf, daß hier wohl eine Täuschung vorliegen mußte.
Allmählich stabilisierte sich auch seine Lage, und als die Umgebung, die Pürree ohnehin nur als undefinierbaren Brei verwaschener Schlieren wahrnahm, verschwand, ging er davon aus, daß er das Zentrum der Instabilität erreicht hatte.

7


Im ersten Augenblick war Pürree von der Flut der auf ihn einstürzenden Eindrücke so überwältigt, daß ihn schwindelte und er sich auf keine Einzelheit und kein Geräusch konzentrieren konnte. Alles war totales Chaos, eine nicht zu unterscheidende Kakophonie aus huschenden Schemen und brüllendem Lärm.
Dann schaltete Pürree Rhodos mit dem ihm eigenen Heldenmut das Geschenk vom E.S. zum zweiten Mal ein.
"Oh, hallo mein Alter", feixte ein Herr mittleren Alters, der wie aus dem Boden gestampft vor Rhodos erschienen war, "schön, dich mal wieder zu sehen, bist mir ja schon lange nicht mehr erschienen..."
Der Fremde trug eine Art Anzug, die Pürree noch aus den Tagen seiner Jugend kannte, außerdem eine Brille (was für ein Atavismus, dachte Pürree), durch die er den Terraner mit fast schon väterlichem Wohlwollen musterte. Pürree war zu überrascht, irgend etwas zu erwidern, und im nächsten Moment war der Fremde auch schon wieder verschwunden. An seiner Stelle rannte ein muskulöser junger Mann an Pürree vorbei, der nur kurz den Kopf wandte, als er Rhodos wahrnahm. "Hast du vielleicht den Chef gesehen? Muß noch mein Skript abgeben! Scheiß Termine!"
Rhodos stotterte nur etwas Unverständliches, daher rannte der Typ weiter, ohne sich weiter um den Frischzellenträger zu kümmern. Kurz darauf verschwand er im Nichts, das Pürree von allen Seiten zu umgeben schien.
"Bin ich vielleicht im Bewußtseinsreservoir vom E.S. gelandet?" fragte Pürree sich laut. "Den CheF suchte er? Cheopspyramide Feinbein ist doch schon lange im Kollektivbewußtsein des Salbaderers aufgegangen!?"
Pürree hatte keine Zelt, den Gedanken zu Ende zu denken, denn hinter ihm wurden Stimmen laut, die über irgend etwas zu streiten schienen. Als er sich zu ihnen umwandte, konnte Pürree eine blonde junge Frau, einen Kerl mit Kahlkopf und Bart und einen gedrungen wirkenden Mann mit faltigem Gesicht erkennen, die sich ihm näherten.
"Völliger Blödsinn, ihn jetzt abzuservieren", schimpfte die Blonde, "wer wird unseren Kram denn dann noch lesen wollen? Was habt ihr euch denn dabei bloß gedacht?"
Der Kahlkopf nickte schuldbewußt. "Ich höre jetzt schon die Morddrohungen der Fans", sagte er weinerlich, "darf gar nicht dran denken wie das damals vor 1600 war, als sie wie die Fliegen gestorben sind..."
"Schmarrn!" rief der Gedrungene energisch, "es is Zeit für was Neues! Die Auflage sinkt sowieso ständig, da kann man schon mal was riskieren."
"Aber warum gerade er", insistierte die Blonde, "denkt doch an die Titelbilder: Da müßten wir ja alles umbenennen!"
Die Gruppe hatte Rhodos erreicht. "Da ist er ja", würgte der Kahlkopf hervor.
"Zefix!" brüllte der Gedrungene und holte zum Schlag aus, "ich wollt', der Karl hätt' dich nie erfunden! Verschwind' endlich!"

Pürree riß instinktiv die Arme hoch, aber der Schlag traf ihn sowieso nie, denn von einem Moment zum anderen waren die drei so übergangslos verschwunden, wie sie aufgetaucht waren. Pürree brach allmählich der Schweiß aus. Er hatte zwar kein Wort von dem verstanden, was er gehört hatte, aber ihn beschlich die Vermutung, daß er Zeuge einer Unterhaltung von wahrhaft kosmischer Bedeutung geworden war - und daß diese sich in unerfreulicher Weise um ihn selbst gedreht hatte.
Rhodos war drauf und dran, den Bewußtseinsspalter, wie er das E.S.-Geschenk bei sich nannte, wieder auszuschalten, doch eine sanft aber bestimmt zugreifende Hand hinderte ihn daran. Verständnislos starrte Rhodos die Hand an, denn außer ihr war da nichts. Oder doch? Staunend konnte Rhodos sehen, wie an der Hand ein Arm wuchs, der einen Rumpf erzeugte, aus dem in Windeseile ein weiterer Arm, zwei Beine und ein Hals sprossen. Als letztes erschien ein würdiges Haupt, von Furchen des Alters durchzogen, mit einem Schopf weißen Haares gekrönt und von einer kräftigen Nase geziert. Die Augen funkelten verschmitzt und ein freundliches Lächeln umspielte seine Lippen. Unwillkürlich faßte Rhodos Vertrauen zu diesem Mann, wenn er auch nicht wußte, wieso.
"E.S.? Bist du's? Laß' mich dir die Füße küssen!"
"Nein, nein, mein Sohn", lachte der Fremde und half Pürree auf, der sich schon auf die Knie geworfen hatte. "So weit ist es nun doch noch nicht! Sowas wünsche ich mir nicht mal im Traum."
"Im Traum?"
"Aber ja! Und sollte ich dich jemals sehen, wenn ich wach bin, ist es Zeit für die Noteinweisung..."
"Was soll das denn wieder heißen", ächzte Rhodos, "ich schlafe doch nicht, und Sie ebensowenig?"
Der Alte runzelte leicht die Stirn. "Ich muß schon sagen, diesmal ist es ein sehr lebhafter Traum. Überhaupt wundere ich mich, daß ich gerade von DIR träume! Könnte mir wahrhaftig was besseres vorstellen für meine knapp bemessene Freizeit..."
"Ich.. ich... jetzt verstehe ich gar nichts mehr!" Rhodos streckte dem Fremden anklagend den Bewußtseinsspalter entgegen. "E.S. hat mir dieses Ding gegeben, damit es mir hilft. Aber es hilft mir überhaupt nicht! Im Gegenteil! Vermutlich habe ich ganz einfach den Verstand verloren. Jetzt will man mich auch noch umbringen!"
"Davon habe ich auch gehört. Aber keine Angst! Man wird dich nie töten können. Tausende von Menschen denken ständig an dich, viele beschäftigen sich mit nichts anderem... Auch ich gehöre zu letzteren! Zugegeben - in der letzten Zeit ist alles ein bißchen chaotisch geworden, seit der Sache mit den Hamamesch sind uns einfach die Ideen ausgegangen. Da haben wir uns wohl zu viele Fehler erlaubt. Aber jetzt fahren wir wieder eine gerade Linie." Der Fremde lachte herzlich: "Wir werden deinen Kosmos schon wieder geradebiegen!"

Dann verschwand auch der Alte im Nirgendwo. Ein furchtbarer Verdacht keimte in Rhodos auf. War dieser alte Mann - zusammen mit den anderen Wesenheiten, denen Pürree in den letzten Minuten begegnet war - verantwortlich für die seltsamen, unerklärlichen Ereignisse, die sich seit längerem zutrugen? Angefangen mit den seltsamen Worten, die E.S. auf Streuner II von sich gegeben hatte über einige eigenartige Veränderungen auf Terra, von denen Pürree Kenntnis erhalten hatte (zum Beispiel hatte sich Koka Kola Mittsommer - die erste Terranerin - im Regierungsgebäude eingeschlossen und behauptet, sie müsse endlich wieder Kontakt zu den Topsidern aufnehmen, die Rex Dildo durch die Einführung der neuen Echsenledermode vergrätzt hatte), bis hin zu der plötzlichen Abneigung Pürrees gegenüber Vurguzz? Hatte er es hier etwa mit den vielgeschmähten Chaot-Arschen zu tun, die seit Ewigkeiten an den Grundfesten des Universums nagten?
Pürree wußte nun, was er zu tun hatte. Zunächst knipste er den Bewußtseinsspalter aus. Offenbar war er nur mit gespaltenem Bewußtsein in der Lage gewesen, die Chaot-Arsche wahrzunehmen, denn jetzt brauste wieder das wilde Durcheinander von vorhin um ihn herum, aber nur für Sekundenbruchteile, denn mit ungeheurer Willensanstrengung gelang es Pürree, sich zu der Erkenntnis durchzuringen, daß alles nur Einbildung war und daß er auch weiterhin einen voll funktionsfähigen STEHRUM trug. Er montierte den kleinen Notsender des STEHRUM an den Bewußtseinsspalter und ließ diesen zurück, als er dem Zynditron den Befehl zum Rückzug gab.
"Mit Vergnügen, Sir", plärrte der Pikozyndi, und nur wenig später konnte Pürree bereits die Spazierjet in der Ferne orten. Nach einigem Hin und Her blockte Pürree alle Fragen seiner Gefährten ab und befahl den Rückflug zur PLATZ IS II. Das Verhalten seiner alten Weggefährten nahm schon bedenkliche Formen an: Rex Dildo hatte seinen Dreispitz weggeworfen und Glucksy hielt irgendwelches Grünzeug in der Pfote, während er auf einer Wurzel herumknabberte.
Es wird wirklich allerhöchste Zeit, dachte Rhodos verbissen und beeilte sich, in die Zentrale der PLATZ IS II zu kommen. "Glucksy, bei Fuß", rief er und warf sich in den Kommandosessel.
"Was sind denn das für Töne", schmollte Glucksy und rematerialisierte auf Pürrees Schoß.
"Die gleichen wie immer", wies Pürree den Rattenotter (oder war er ein Beutelratter?) zurecht und warf das verdutzte Pelzwesen zu Boden. Dann erteilte er ihm einige Anweisungen.

8


Tödliche Energien brandeten von den Plattmach-Vernichtotron-Kanonen der PLATZ IS II hinüber in die instabile Zone, ins Ziel gebracht von Glucksy, der sich auf den kleinen Mentalsender eingepeilt hatte, welcher von Pürree dem Bewußtseinsspalter angehängt worden war.
Niemand konnte beobachten, was sich dort, in diesem Sektor unbegreiflicher Unwahrscheinlichkeiten, wirklich abspielte. Aber der Effekt, der diesem grausamen Vernichtungsschlag folgte, war für alle sichtbar: Der imaginäre Quirl stoppte, die Fragezeichen verschwanden von den Ortungsschirmen und die Sterne blinkten wieder ungestört. Die Instabilität war sang- und klanglos verschwunden, ebenso wie seinerzeit die Absurde.
"MEINE INSTRUMENTE ZEIGEN KEINE ABNORMITÄTEN MEHR", meldete Zischo Toilett sich von seiner HANUTA, da er wie immer schlauer als alle anderen sein wollte, "ALLE ORTER ARBEITEN NORMAL. WENN IHR MICH NICHT MEHR BRAUCHT, VERPISSE ICH MICH ZURÜCK ZU MEINER WÄSCHE."
"Mon Dieu, mäßige Er sein Ordinärhirn", stöhnte Rex Dildo, der in der Zentrale der PLATZ IS II allen im Weg herumstand und sich noch etwas mehr Puder auf die Nase tupfte.
"DU KANNST MICH MAL...", der Rest blieb Dildo erspart, weil die HANUTA in diesem Augenblick im Hypferraum verschwand. Leise knisterten die Lautsprecher, während sie nach der Überlastung durch Toiletts Stimme langsam abkühlten.
Mülls Kanther wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und schaltete seine zahlreichen Meßgeräte aus. "Jammerschade, jammerschade - so ein tolles Phänomen einfach kaputtzumachen. Wenn ihr schon alles zerdeppern müßt, könnt ihr dann nicht wenigstens ein paar Scherben für mich übriglassen?"
"Flenn' hier nicht rum, sondern wasch' dir lieber mal die Teerfäden, die du Haare nennst", polterte Ron Treteimer, der selber ärgerlich war, weil er keine einzige seiner herrlichen Waffen hatte einsetzen können. Shaolin strich um seine Beine, um ihn zu beruhigen.
"Mit unserer Fähigkeit"
"des Doppelsehens konnten wir"
"erkennen, daß hinter der"
"Instabilen Zone"
"eine Art Über-Raum"
"gewesen sein muß", sagten Milva und Naja Vandamme.
Rhodos verdrehte gequält die Augen, aber die beiden waren leider noch nicht ganz fertig.
"In diesem Über-Raum"
"befinden sich Über-Wesen..."
"...die die Geschicke unseres Universums lenken oder lenken wollten, ja ich weiß", ergänzte Rhodos, dem schon ganz schwindlig vom Hin- und Herblicken zwischen den Zwillingen geworden war. "Nur durch die auf einen winzigen Punkt konzentrierten Energien unserer Plattmach-Vernichtotron-Kanonen konnte der Strukturriß, über den diese Wesen auf unser Universum übergreifen konnten, geschlossen werden. Jetzt können sie ihre schmierigen Finger nicht mehr in unsere Existenzebene ausstrecken und hier alles durcheinanderbringen. Da ihr euch alle wieder einigermaßen normal benehmt, seit der Riß gekittet ist, gehe ich davon aus, daß alles wieder okay ist."
"Somit habe ich mal wieder das Universum gerettet", reiherte Glucksy, der zwischenzeitlich das Grünzeug weggeschmissen und sich etwas medizinischen Alkohol eingeschüttet hatte.
"Da ist was wahres dran", strahlte Altlast über Hypferkom (was ihm leichter fiel, seit er eine von Mülls Kanther neu entwickelte Zahnprothesen-Haftcreme auf Polymermetall-Basis benutzte), "mich würde nur interessieren, wer oder was diesen Strukturriß verursacht hat?"
"Das", sagte Rhodan lässig, lehnte sich zurück und angelte sich eine volle Flasche Vurguzz aus dem Geheimfach in seinem Kommandopult, "werden wir mit Sicherheit auch noch erfahren."
Er legte eine kleine Pause ein, während der er genüßlich den ersten Drink seit Ewigkeiten - wie es ihm vorkam - durch seine Kehle rinnen ließ und sich nachschenkte. Endlich hatte er wieder den alten Geschmack an dem Stoff gefunden.
"Fragt sich nur, wieviel Scherereien es bis dahin wieder geben wird..."


ENDE
(vielleicht aber auch nicht)




Copyright (c) 1995 by Johannes Kreis. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie gewerbsmäßige Weiterverbreitung jeglicher Form nur mit meiner vorherigen Zustimmung. Ähnlichkeiten mit Institutionen, lebenden oder verstorbenen Personen usw. sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Ähnlichkeiten mit der Perry Rhodan - Serie sind allerdings nicht ganz zu leugnen...

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