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25.08.2015: Albig

Heute möchte ich euch zeigen, wo ich aufgewachsen bin. Lasst uns einen kleinen Rundgang durch Albig machen, ein Weindorf in Rheinhessen - also nicht etwa in Hessen oder im Rheinland, sondern in Rheinland-Pfalz, ungefähr auf halbem Weg zwischen Mainz und Worms. Mit (aktuell) ca. 1600 Einwohnern ist das Dorf zwar vergleichsweise klein, aber immerhin hat es ein eigenes Wappen.



Albig

(Bild 1: Der Albiger Dorfbrunnen mit Wappen)


Albig befindet sich mitten im Herzen der so genannten "Rheinhessischen Schweiz", genauer gesagt im Alzeyer Hügelland. Das ist eine uralte Kulturlandschaft; in Albig haben vermutlich schon in der Jungsteinzeit Menschen gelebt und meine Eltern haben erzählt, Albig sei eine alte keltische Siedlung. Fest steht, dass Albig vor über 1200 Jahren erstmals urkundlich erwähnt wurde, also sicherlich noch viel älter ist.

Albig liegt inmitten von Weinbergen und Kornfeldern. Die Monokulturen werden praktisch nur durch Grünstreifen meist an den Rändern der Feldwege aufgelockert. Gut, wir haben hier das eine oder andere Mini-Wäldchen, zudem ist nicht jeder unserer vielen Hügel auch ein Wingert. Die landwirtschaftliche Nutzung ist aber allerorten unübersehbar. Trotzdem kann man die Natur noch spüren. Wenn ich früh morgens zur Arbeit fahre, sehe ich oft Rehe auf den Feldern. Spaziere ich durch die Weinberge, dann erschrecke ich manchmal, weil Rebhühner im letzten Moment direkt vor meinen Füßen aufflattern. Feldhasen liefern sich Boxkämpfe, ein Kuckuck ruft in der Ferne ...

Jedenfalls gehört die Region zu den waldärmsten Gebieten Deutschlands. Möchte man einen ausgedehnten Waldspaziergang machen, ohne gleich wieder im nächsten Weinberg zu stehen, dann muss man von meinem jetzigen Wohnort aus gut 14 Kilometer weit ins Vorholz fahren. Und das ist nicht mal ein natürlich gewachsener Wald. Im Sommer und Herbst ist das nicht weiter tragisch. Goldene Weizenfelder in der Sommersonne, das herbstlich bunte Laub der Weinberge - das sind schöne Anblicke und während der Weinlese wird zusätzlich der Geruchssinn angesprochen, wenn es in den Dörfern nach Most und Wein duftet. Vom Gehör gar nicht zu reden! In den Weinbergen knallen dann nämlich die Schussapparate, mit denen die Stare vertrieben werden sollen. Wer das nicht kennt, könnte glauben, dass die Bundeswehr Manöver veranstaltet. Im Winter sieht die Gegend dagegen eher trostlos aus. Aber heute, bei unserem Rundgang in Albig, ist schönes Wetter. Wir nähern uns dem Dorf vom Sumborn aus, einem der besagten Hügel.



Albig

(Bild 2: Albig mit katholischer Kirche links und evangelischer Kirche rechts)


Bild 2 ist absolut typisch: Im Hintergrund ein Hügel mit Feldern und Windrädern - die stehen hier wirklich überall herum - im Vordergrund ein Weinberg, dazwischen ein kleines Dorf und ein wenig Baumbestand. So ähnlich sieht es bei mir zu Hause überall aus!

Schauen wir uns zunächst die Kirchen Albigs an. Die evangelische Kirche ist weit über 1000 Jahre alt. Hier wurde ich getauft und konfirmiert, danach habe ich sie nicht mehr so oft besucht ...



Albig

(Bild 3: Albiger Liebfrauenkirche)


Die katholische Kirche ist eine Besonderheit. Ich habe mir sagen lassen, dass es in Rheinhessen nicht viele Dörfer gibt, in denen beide Gemeinden eine eigene Kirche haben - und tatsächlich haben die Katholiken auch in Albig keine. Stattdessen wurde für sie erst im 18. Jahrhundert eine Kapelle im Erdgeschoss des Rathauses eingerichtet. Diese Rathauskirche wird bis heute genutzt. Im Boden des Bürgermeisterbüros ist eine Öffnung für die Glockenseile, die nach oben zum Türmchen laufen.



Albig

(Bild 4: Albiger Rathauskirche von hinten, rechts der Eingang zum Pfarrhaus. Der Eingang zur Kapelle befindet sich an der Vorderseite)


Die katholische und und die evangelische Kirche liegen nahe beieinander. Geht man von der Liebfrauenkirche weiter am Friedhof vorbei und nach rechts durch das "Neubaugebiet" - in meiner Jugend nannte man diesen Ortsteil so, und daran hat sich nichts geändert, obwohl das Jahrzehnte her ist - dann kommt man schon bald zur Grundschule, in der euer kleiner Kringel als Abc-Schütze die Schulbank gedrückt hat. Hier findet ihr ein Foto von meinem ersten Schultag.



Albig

(Bild 5: Die Grundschule sieht heute noch fast genauso aus wie vor 40 Jahren)


Wenn wir noch etwas weiter in die Vergangenheit gehen, kommen wir zur Kindergartenzeit. Praktischerweise befindet sich der Kindergarten direkt gegenüber meines Elternhauses. So war es damals und das ist auch jetzt noch so. In Bild 6 seht ihr das heute als Kindergarten genutzte Haus. Vor meiner Zeit war das eine Schule, zu meiner Zeit befand sich der Kindergarten in einem Nebengebäude. Auf dem Vorplatz stehen zwei prächtige Lindenbäume, die schon in meiner Kindheit alt waren. Diese Bäume sind so groß, dass nur Seitenäste auf das Bild gepasst haben; die mächtigen Stämme sind hier nicht zu sehen. Die Linden haben meine ganze Jugend geprägt, und das nicht nur deshalb, weil ich im Herbst Unmengen von Laub wegkehren musste!



Albig

(Bild 6: Der Kindergarten, heutzutage sogar mit eigener Bushaltestelle)


So manches Gebäude steht aber schon nicht mehr, zum Beispiel die alte Turnhalle, in der immer Kinderfastnacht gefeiert wurde. Dort gab es auch eine Bühne für Theatervorführungen. Wie haben uns manchmal hinter den Vorhang geschlichen - das war besonders spannend!

Als Hauptstraße von Albig gilt die Langgasse. Das folgende Bild zeigt einen für Albig und andere Dörfer dieser Region ganz typischen Anblick, nämlich ein Weingut, das von außen nicht unbedingt erkennen lässt, wie ausgedehnt die ganze Anlage wirklich ist. Hinter den Toren verbirgt sich in der Regel ein großer Hof, der sich bestens für Dorffeste eignet. Darum herum sind mehrere Wohn- und Wirtschaftsgebäude angeordnet. So ist es auch hier. Der heutige Chef des Weingutes war übrigens im selben Grundschuljahrgang wie ich und wir waren befreundet. Ich habe ihn recht oft besucht und kann mich noch gut an das historische Kreuzgewölbe erinnern, das sich, wenn ich mich nicht irre, im Gebäude rechts vom Hoftor befindet. Ich habe mir immer vorgestellt, das sei ein Rittersaal. In Wahrheit war es früher wohl ein Stall, der aber schon seit langer Zeit anders genutzt wird. Am linken Bildrand: Die Front der Rathauskirche, deren Rückseite auf Bild Nr. 4 zu sehen ist.



Albig

(Bild 7: Langgasse)


Auch anderswo in Albig stehen schöne Fachwerkhäuser, wie sie auf Bild 8 zu sehen sind.



Albig

(Bild 8: Hintergasse)


In Albig gibt es aber nicht nur Gassen und Straßen, sondern auch die so genannten Reilchen. Das sind Fußwege, die um das Dorf herum oder zwischen den Häusern hindurchführen. Befahrbar ist keines dieser Reilchen - höchstens mit dem Fahrrad - und manche sind so schmal, dass breitschultrige Menschen nur seitlich hindurchpassen.



Albig

(Bild 9: Ein Reilchen)


Solche "Geheimgänge" waren bei uns Kindern natürlich besonders beliebt. Ich kannte all diese Schleichwege in- und auswendig! Was ich nicht wusste: Die Reilchen am Ortsrand sind aus einer nicht mehr existierenden Graben- und Wallanlage hervorgegangen. So steht es jedenfalls auf der Homepage der Ortsgemeinde Albig. Die Alzeyer Pforte, also die Straße, an der mein Elternhaus steht, war vor Jahrhunderten tatsächlich eine "Pforte", nämlich ein Walldurchgang. Dieser Zugang soll sich dort befunden haben, wo sich heute noch ein kleiner Hügel (von den Albigern "Hewwel" genannt) erhebt.



Albig

(Bild 10: Der Hewwel an der Alzeyer Pforte)


Als ich klein war, hat der Hewwel ganz anders ausgesehen als heute. Er war nicht so schön angelegt, stattdessen war da einfach nur ein von Bäumen und Gebüsch bestandener Buckel, auf dem wir Kinder unbeobachtet spielen konnten. Wo wir schon in der Alzeyer Pforte sind, gehen wir doch einfach noch ein Stückchen weiter. So kommen wir zu meinem Elternhaus. Früher war das der Ortsrand, heute hat sich Albig weiter ausgedehnt. Im folgenden Bild seht ihr einen kleinen Teil des Gartens, in dem ich heute immer noch regelmäßig zugange bin: Rasen mähen, Hecken schneiden, Efeu ausreißen, Bäume stutzen ...



Albig

(Bild 11: Vor dem Garten meines Elternhauses)


Ich wohne zwar schon lange nicht mehr in Albig, fühle mich meiner alten Heimat aber immer noch sehr verbunden. Bis heute bin ich froh, in dieser ländlichen Umgebung aufgewachsen zu sein und nicht etwa in der Stadt. Wenn mich das zum Landei macht, dann soll es eben so sein. Jedenfalls möchte ich die Naturverbundenheit, die ich als Kind und Jugendlicher mit allen Sinnen in mich aufgenommen habe, nicht missen. Ich find's schön hier!

31.05.2016

Vor einem Jahr habe ich euch zu einem kleinen Rundgang in Albig und Umgebung mitgenommen. Neulich war ich dort noch einmal unterwegs, und so gibt es jetzt einen kurzen Nachtrag.

Albig liegt am Schnittpunkt zweier Autobahnen. Die A63 verbindet Mainz und Kaiserlautern. Auf der A61 kommt man im Süden bis Hockenheim, im Norden bis nach Köln und in die Niederlande. Wenn man in Albig wohnt, hat man das Autobahnkreuz Alzey quasi direkt vor der Haustür.



Albig

(Bild 12: Die A63 mit Abfahrt zur A61. Albig hat sogar eine eigene Auffahrt an der A63)


Das ist einerseits sehr praktisch, denn über die Autobahnen kommt man schnell nach Mainz und Worms, andererseits muss man mit dem Verkehrslärm leben. Je nach Windrichtung hört man die Autos deutlicher als einem lieb ist. Aber was soll’s – dort wo ich jetzt wohne, haben wir stattdessen Fluglärm, das ist auch nicht besser. Die im obigen Bild zu sehenden Strommasten sind in unserer Region übrigens auch ein allgegenwärtiger Anblick. Wenn man direkt unter diesen Leitungen steht, kann man hören, wie sie knistern.

Ich kann mich noch gut an den Bau der Autobahnen erinnern. Das hiesige Teilstück der A61 wurde laut Wikipedia im Jahre 1975 fertiggestellt, das der A63 im Jahre 1978. Wenn ich mich nicht irre, sind wir damals vor der Einweihung auf den Autobahnen spazieren gegangen. Einen Bahnhof hat Albig auch. Regionalbahnen fahren nach Norden und Süden.

Wenn wir schon bei den Verkehrsverbindungen sind, darf der "Promilleweg" nicht unerwähnt bleiben. Das ist ein Wirtschaftsweg, der entlang der Bahnlinie zur benachbarten Kreisstadt Alzey führt. Es handelt sich nicht um eine Bundes-, Kreis- oder Landstraße, aber auch nicht um einen für PKW unpassierbaren Feldweg.



Albig

(Bild 13: Der Promilleweg mit Blick auf ein Albiger Neubaugebiet)


Soweit ich weiß, war der Weg schon zu meiner Zeit nur für land- und forstwirtschaftlichen Verkehr sowie für Fahrräder freigegeben, nur hat das niemanden interessiert. Der Weg wurde vermutlich gern von Leuten genutzt, die etwas zu tief ins Glas geschaut hatten und nicht riskieren wollten, von der Polizei kontrolliert zu werden – daher der Name, den der Weg im Volksmund hat. Bei meinem Spaziergang konnte ich feststellen, dass auf dem Promilleweg auch heute noch Fahrzeuge unterwegs sind, die dort eigentlich nichts verloren haben! Diesen Weg habe ich in meiner Jugend unzählige Male zurückgelegt. Damals sind nicht annähernd so viele Züge zwischen Albig und Alzey gefahren wie heute, und wenn ich zum Beispiel sonntags ins Kino wollte, dann habe ich mich eben zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf den Promilleweg begeben.

Um zu unserem nächsten Ziel zu gelangen, müssen wir die A63 überqueren. So erreichen wir einen kleinen Aussichtsturm, der laut Inschrift auf der Infotafel im Jahre 2001 errichtet wurde. Anlass war der Abschluss der jahrzehntelangen Flurbereinigungen rund um Albig. Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Seinerzeit wurden viele kleine Parzellen zusammengelegt, nicht zuletzt weil die Weinberge längst nicht mehr wie noch in den Siebzigern und teils in den Achtzigern durchweg von Hand abgeerntet werden, sondern mit Maschinen. Und mit so einem riesigen Ding durch einen Mini-Wingert zu fahren ist ziemlich sinnlos.



Albig

(Bild 14: Turm auf dem Fels)


Das Türmchen steht auf dem so genannten "Fels". Das ist eigentlich nur ein bescheidener, heutzutage dicht mit Buschwerk und kleinen Bäumen bestandener Erdhügel. Zu meiner Zeit war der Bewuchs noch nicht so stark und man konnte eine Art Abbruchkante erkennen, um die sich Geschichten rankten, die uns von unseren Eltern vermutlich zur Abschreckung erzählt wurden, damit wir beim Spielen vorsichtig waren. Der Legende nach soll es dort früher eine Höhle gegeben haben, in der angeblich jemand (ein Kind?) bei einem Erdrutsch ums Leben gekommen ist. Der Teil mit der Höhle scheint zu stimmen, aber ich konnte heute nicht mehr herausfinden, ob an der Sache mit dem Todesfall etwas Wahres dran ist.

Der Fels gehört zur Weinlage "Albiger Hundskopf", und so steht man hier mal wieder zwischen Reben.



Albig

(Bild 15: Weinberg-Idyll)


Wie ich weiter oben schrieb, gibt es neben all den landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen immer wieder kleine grüne Refugien für Flora und Fauna. Bei meinem Spaziergang am Fels sind mir zahlreiche Kaninchen über den Weg gelaufen! Heutzutage stört sich niemand mehr an dem, was man zu meiner Zeit als Unkraut betrachtet und erbarmungslos gerodet oder gar mit der Giftspritze vernichtet hat.



Albig

(Bild 16: Blütenpracht am Wegesrand)


Damit soll's für heute schon wieder genug sein. Vielleicht finde ich ja irgendwann mal die Gelegenheit, die Albiger Kirchen, das Rathaus und andere Gebäude von innen zu knipsen. Das wäre dann ein Anlass für einen weiteren Nachtrag.


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