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16.10.2016: Spaß mit der Deutschen Bahn Teil 28: Mehr Platz, mehr Service, mehr Komfort im Doppelstock-IC ... nicht.

Mehr Platz, mehr Komfort, mehr Service, so jubelt die Deutsche Bahn auf der Seite ihrer Internetpräsenz, mit der sie den neuen Intercity 2 ankündigt. Diese doppelstöckigen ICs sind seit einigen Wochen im Einsatz, jetzt auch auf einer von mir regelmäßig genutzten Strecke. Wenn man die Selbstbeweihräucherung der Bahn liest und dann in einen Doppelstock-IC einsteigt, kann man sich fragen, ob die Autoren dieses Texts überhaupt jemals selbst mit so einem Zug gefahren sind. Bewusste Verhöhnung der Fahrgäste will ich nicht unterstellen, obwohl mir das seit der "Diese Zeit gehört dir"-Werbekampagne nicht mehr ganz leicht fällt.

Mehr Platz? Gelogen ist das nicht. Der Einstiegsbereich ist wirklich geräumiger als bei den alten ICs. Nur – wie lange bleibe ich dort? Zehn Sekunden? Höchstens! Dann komme ich in den Fahrgastbereich, wobei übrigens sowohl auf dem Weg zur unteren als auch zur oberen Etage Treppen überwunden werden müssen, und da sieht es schon ganz anders aus. Als erstes fällt die Gepäckablage auf. Die ist so niedrig, dass kein Koffer hineinpasst, nicht mal eine größere Reisetasche!



16.10.2016

(Meine erste Fahrt im Doppelstöcker und keine Anzeige funktioniert ...)


Für eine Laptoptasche oder eine Jacke reicht's gerade noch, aber wir reden hier bitteschön von Fernverkehrszügen. Wohin also mit dem schweren Gepäck? Dafür gibt es Regale am Einstiegsbereich und mittig in den Waggons. Ob der Stauraum ausreicht, wenn ein Waggon voll besetzt ist? Ich wage es zu bezweifeln. Man muss das Gepäck zudem unbeaufsichtigt lassen. Das ist nicht empfehlenswert, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann. Die Bahn weiß doch selbst, dass immer wieder Diebe durch die Züge wandern und im Vorbeigehen die Hand ausstrecken. Besonders wenn ein Zug im Bahnhof längeren Aufenthalt hat, schnappen sich diese Leute im Durcheinander des Ein- und Aussteigens einfach einen Koffer und steigen gleich wieder aus! Das alles könnte ich noch hinnehmen (ich sichere mein Gepäck mit einem Fahrradschloss, wenn ich es nicht im Blick behalten kann), aber dann gibt es da ja noch die Sitze, und damit wären wir beim nächsten Punkt:

Mehr Komfort? Pustekuchen! Die Bahn behauptet, man hätte Beinfreiheit wie in einem ICE. Auch das ist wieder nicht ganz unwahr, denn der Raum zwischen Sitzfläche und Boden ist größer, das heißt, man könnte die Beine ganz gut unter dem Sitz des Vordermannes ausstrecken. Nur geht das in der Realität leider meistens nicht, denn wo stellen die Leute wohl ihre Reisetaschen hin, wenn die Ablagen über ihnen viel zu niedrig sind? Na klar: Unter den Sitz! Mehr Beinfreiheit hat man aber definitiv nicht, siehe Bild.



16.10.2016

(Ganz normale Beinfreiheit, die Fußstütze kann hochgeklappt werden)


Außerdem finde ich die Sitze unbequem und die Rückenlehne lässt sich nicht verstellen. Auf ein Kissen wurde ganz verzichtet, an der Kopfstütze befindet sich nur eine Art Lätzchen. Schlafen kann man in diesen spartanisch-harten Dingern jedenfalls nicht, zumal es in den Waggons immer sehr hell ist. Individuelle Lampen an den Plätzen gibt es nicht mehr. Abteilplätze sind ebenfalls nicht vorhanden, aber das ist für mich kein Problem, da ich lieber im Großraumwagen fahre.

Mehr Service? Äh ... hat da jemand "Service" gesagt? Ich kann nur vermuten, dass die Deutsche Bahn unter diesem Begriff etwas völlig anderes versteht als ich. Zunächst einmal gibt es in den Doppelstock-ICs weder Bordrestaurant noch –bistro. Zugegeben, das ist in den Zügen, mit denen ich ansonsten fahre, sowieso schon fast der Normalzustand, weil das Bistro aus den verschiedensten Gründen oft nicht betriebsbereit ist (kaputt, kein Personal, der entsprechende Wagen fehlt), aber trotzdem ... Ich habe gelesen, an Samstagen sei "auf ausgewählten Strecken" eine Minibar vorhanden, also ein Verkäufer, bei dem Getränke und kleine Snacks erhältlich sind. An Samstagen. Aha. Wann legen denn die meisten Leute lange Strecken mit der Bahn zurück? Freitags und sonntags, so wie ich. Die sind gut beraten, sich mit ausreichend Proviant einzudecken. Die Ansagen erfolgen jetzt per Computerstimme. Man erfährt also, wohin der Zug unterwegs ist und welcher Bahnhof als nächstes kommt. Das war's! Zu guter Letzt darf man sich über zahlreiche Steckdosen an den Plätzen sowie Mobilfunkverstärker in allen Waggons freuen. Hurra! Jetzt können mich meine Mitmenschen noch viel besser mit ihren Telefonaten in den Wahnsinn treiben!

"Neu" ist nicht immer dasselbe wie "Besser". Im Falle der neuen Doppelstöcker trifft "Schlechter" eher zu. Tatsächlich kann ich kaum noch einen Unterschied zwischen diesen Intercitys und den alten Doppelstock-Regionalzügen erkennen. Wurden die etwa einfach umlackiert? Fahrkarten für letztere sind deutlich billiger und billig wirkt auch der Doppelstock-IC. Wofür also wird der höhere Preis fällig? Für mehr Platz, Komfort und Service ganz bestimmt nicht!

P.S.: Wem leicht schwindlig wird, sollte einen Platz in der unteren Etage wählen. Das Schwanken des Zuges ist im oberen Bereich sehr deutlich wahrzunehmen. Gut festhalten ist die Devise, wenn man dort steht. Man kommt sich manchmal vor wie auf einem Schiff bei schwerer See!

P.P.S. (Nachtrag vom 11.11.2016): Erst hatte ich gedacht, die Zugbegleiter seinen komplett wegrationalisiert worden, aber das stimmt nicht. Einer fährt doch noch mit. Einer! Eine einzige Person soll sich also um dieselbe Anzahl von Fahrgästen kümmern, für die in anderen ICs mindestens vier Zugbegleiter zuständig sind (zumindest in der Theorie. In der Praxis ist man oft verlassen, wenn man sich auf sie verlässt). Da ist es nicht verwunderlich, dass man diese eine Person sehr selten zu sehen bekommt. Ich bin jetzt schon ziemlich oft mit einem Doppelstöcker gefahren. Meine Fahrkahrte wurde nur ein einziges Mal kontrolliert ...



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