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08.06.2015: Kringel und John Sinclair


"Geisterjäger John Sinclair" dürfte eine der erfolgreichsten und langlebigsten deutschen Heftromanserien sein. In den fast ausschließlich von Helmut Rellergerd alias Jason Dark geschriebenen Romanen kämpft John Sinclair, Oberinspektor einer Spezialabteilung von Scotland Yard, in aller Welt gegen Geister und Dämonen. Besonders mächtige Widerlinge wie der Schwarze Tod sind John Sinclairs Erzfeinde. Sogar gegen Asmodina, die Tochter des Teufels, muss der Geisterjäger antreten. Sie alle haben sich seine Vernichtung auf die Fahnen geschrieben, scheitern dabei aber mit schöner Regelmäßigkeit, denn John steht nicht allein. Seine Freunde Suko, Bill Connolly, Jane Collins und Will Mallmann (Kommissar beim BKA) sowie Myxin, der Magier, stärken ihm den Rücken. Außerdem verfügt John über ein umfangreiches Waffenarsenal. Die mit geweihten Silberkugeln geladene Beretta steckt im Schulterhalfter, das mächtige Silberkreuz mit den Symbolen der Erzengel hängt an einer Kette um den Hals, der Rest - magische Kreide, eine gnostische Gemme, die Dämonenpeitsche und andere Utensilien - wird im besonders gesicherten Einsatzkoffer verwahrt. Im Büro, wo Johns Sekretärin Glenda Perkins köstlichen Kaffee kocht und Superintendent Sir James Powell auf Berichte wartet, hält sich John selten auf. Lieber fährt er mit seinem silbermetallicfarbenen Bentley durch die Lande und macht das, was er am besten kann: Dämonen vernichten und zurück in die Hölle schicken, wo sie auf ewig im Reich des Spuks gefangen sind!



Kringel und John Sinclair


Ich weiß nicht mehr, welches mein erstes Heft dieser Serie war. Ich muss irgendwann um 1979/1980 herum eingestiegen sein, da war ich 12 oder 13 Jahre alt. Vampire, Skelette, Zombies, Werwölfe und andere furchteinflößende Kreaturen, die von heldenhaften Kämpfern mit den verschiedensten Gadgets vernichtet werden - das fand ich in diesem Alter toll. Ich habe die Romane nur so verschlungen, aber das musste ich heimlich tun, denn meine Eltern waren dagegen. Natürlich ist man mir irgendwann auf die Schliche gekommen. Solch unchristliches Zeug, bei dem die verschiedensten Religionen, Mythen, Legenden und historischen Begebenheiten sowie Grusel-Versatzstücke anderer Werke des Genres fröhlich vermischt und verfremdet werden, durfte nicht im Haus bleiben. Die unausweichliche erzieherische Maßnahme bestand deshalb darin, dass ich die gesamte Sammlung wegwerfen musste! Das war bitter, zumal ich einen beträchtlichen Teil meines Taschengelds hineingesteckt hatte. Ich bin dann im Jahre 1982 auf Perry Rhodan umgestiegen. Das durfte ich lesen - und welches Licht diese Tatsache auf die PR-Serie wirft, müsst ihr euch selbst zusammenreimen.

Vor ein paar Jahren habe ich mir die ersten 200 John-Sinclair-Hefte erneut zugelegt, sie sind in Online-Antiquariaten erhältlich. Zugegeben: Ein bisschen Trotz war dabei, schließlich bin ich jetzt schon groß und darf selbst entscheiden, was ich lese! Aber vor allem wollte ich wissen, warum mir die Serie damals so gut gefallen hat und ob das heute immer noch möglich ist. Das ist tatsächlich der Fall, aber mit großen Einschränkungen heute würde ich einem hypothetischen dreizehnjährigen Sohn die Lektüre wahrscheinlich selbst nicht erlauben, wenn auch aus anderen Gründen. Das geht schon mit den Storys los. Aktuelle Sinclair-Romane kann ich nicht beurteilen, aber in denen, die ich bis jetzt gelesen habe, ist der Aufbau fast immer derselbe. Ein neuer Dämon taucht auf, richtet einigen Schaden an, tötet ein paar Leute und bereitet weiteres, noch größeres Unheil vor. John erfährt von der Angelegenheit, fährt hin, schaut sich die Sache an. Er selbst und/oder seine Freunde geraten in Gefahr. Der Dämon stößt finstere Drohungen aus, wird aber auf den letzten zwei bis drei Seiten sehr schnell und mehr oder weniger spektakulär entsorgt. In der Regel übernimmt John das persönlich. Nächstes Heft - neuer Dämon - gleicher Ablauf.

Der Stil ist teilweise simpel und holprig. Schmaler Wortschatz, Klischees ohne Ende, unzählige Textfehler. Manche Textpassagen wiederholen sich gefühlt in jedem Heft, das sind dann meist die kargen Momente der Figurenzeichnung oder andere Beschreibungen, die jenen (vermutlich sehr zahlreichen) Lesern geschuldet sind, die nicht die gesamte Serie verfolgen, sondern nur ab und zu ein Einzelheft herauspicken. Wenn Jane Collins auftaucht, fühlt sich John beim Anblick ihrer Haarpracht stets an "reifen Kansas-Weizen" erinnert, auf Sir Powells Schreibtisch steht immer ein Glas "Magenwasser", Glendas Figur wird gepriesen und John ruft sich in Erinnerung, dass Affären im Büro nie gut enden. Überhaupt war ich erstaunt, wie viele eindeutig zweideutige Anzüglichkeiten, schlüpfrige Dialoge und Episoden auf Herrenwitz-Niveau enthalten sind. Manches würde man aus heutiger Sicht als frauenfeindlich bezeichnen! An weiblichen Nebenfiguren interessiert sowieso meist nur das hübsche Äußere. Ihre Existenzberechtigung besteht hauptsächlich darin, dass sie vor Untoten und anderen Lüstlingen gerettet werden müssen. Ganz selten darf eine Frau auch mal entscheidend mitmischen. Bei alldem muss man die Zeit berücksichtigen, in der diese Romane erschienen sind - wie es in der Serie heutzutage zugeht, weiß ich wie gesagt nicht.

Trotz allem erfüllen die Romane ihren Zweck. Ich betrachte sie als anspruchslose Unterhaltung für zwischendurch, über die ich nicht näher nachdenken muss und die ich sofort wieder vergessen kann, sobald ich das Heft zugeklappt habe. Das meine ich keineswegs negativ! Leichte Kost dieser Art kann wahrhaft wohltuend sein. Und ich muss zugeben, dass es Jason Dark immer wieder gelingt, eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen, Situationen plastisch zu beschreiben und mich mitzureißen - auch wenn ich Johns Abenteuer weit weniger gruselig finde als so manche Formulierung...



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