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17.11.2013: Kringels Rote Liste 4: Sendeschluss

Die ununterbrochene Ausstrahlung aller möglichen (und unmöglichen) Sendungen auf hunderten von Fernsehkanälen ist heute Standard. Selbst wer keinen Kabel- oder Satellitenanschluss hat und nur die öffentlich-rechtlichen Programme sehen kann, wird rund um die Uhr bespaßt. Ihr werdet es vielleicht nicht glauben, liebe Kinder, aber das war früher anders! Irgendwann um die Mitternachtsstunde gab es noch einmal Nachrichten, Kulenkampffs "Nachtgedanken" und die Nationalhymne. Dann war Schluss, und bis zum nächsten Tag war nur noch "Schnee" zu sehen, oder höchstens ein Testbild.



Testbild


Ältere Semester werden sich noch daran erinnern, damals vor dem Fernseher eingeschlafen und dann vom Piepen, mit dem dieses Bild unterlegt war, wieder aufgeweckt worden zu sein… Viele Jahre lang ging das Programm erst am frühen Abend des nächsten Tages wieder los. Irgendwann wurde der Beginn immerhin vorverlegt, dann konnte man schon am Nachmittag Programmvorschauen und ähnliches sehen. Eine Ausnahme war das Wochenende. Sonntags wurde zum Beispiel der "Internationale Frühschoppen" mit Werner Höfer ausgestrahlt, aber selbst der fing erst um 12:00 Uhr mittags an! Klingt unglaublich? Es geht sogar noch besser: Es gab Zeiten, da wurden stundenlang Schachturniere gezeigt. Und Telekolleg-Sendungen, mit deren Hilfe man Sprachen, Physik, Mathematik usw. lernen konnte. Der Bildungsauftrag des Fernsehens wurde eben noch groß geschrieben! Werbung durfte aus diesem Grund nur im Vorabendprogramm gezeigt werden. Vorher und nach 20:00 Uhr gab es keine Werbepausen. Das wäre natürlich ganz schlecht für all jene an Aufmerksamkeitsdefiziten leidenden Gegenwartsmenschen, die sich immer nur fünf Minuten am Stück auf dieselbe Sache konzentrieren können.

Unfassbare Zustände waren das damals! Was haben wir nur mit all der Zeit angefangen, die wir nicht mit TV-Unterhaltung verschwenden konnten, weil einfach rein gar nichts in der Glotze kam? Welche Panik würde heute wohl ausbrechen, wenn sämtliche Fernseher von 24:00 Uhr bis 17:00 Uhr nur noch das Testbild zeigen würden? Die Leute sind es doch gar nicht mehr gewöhnt, sich mit sich selbst oder ihren Mitmenschen beschäftigen zu müssen! Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn man sich nicht mehr permanent durch das Fernsehprogramm vom Nachdenken, vom Ehepartner oder von den Nachbarn ablenken könnte. Dann müsste man ja feststellen, dass im eigenen Hirn nur gähnende Leere herrscht, oder dass einem die Mitmenschen unglaublich auf die Nerven gehen. Da ist es wohl besser, wenn es bei der Dauerberieselung bleibt!

Oder würde das Gegenteil eintreten? Würden wir plötzlich unsere eigene Kreativität wiederentdecken, mehr Zeit miteinander statt mit bunten Pixeln verbringen, womöglich sogar ernsthaft über all die Probleme nachdenken, die uns sonst durch Nachrichten, Boulevardmagazine usw. in komprimierter, aufbereiteter, gefilterter und manipulierter Form inklusive vorgefertigter Stammtischmeinung mundgerecht präsentiert und dann sofort wieder abgehakt werden, weil danach gleich die nächste Castingshow, Quizsendung, Scripted-Reality-Soap oder Endlos-Serie anfängt? Das wäre doch mal ein tolles Experiment. Alle Sender sollten übereinkommen, eine Woche lang täglich bis zum frühen Abend nur das obige Testbild zu senden. Das könnte wirklich spannend werden.

Weitere Einträge in der Roten Liste:

APS-Kameras und –Filme
MusiCassetten und Kassettenrecorder
Big Jim



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