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01.04.2013: Ein Ostermärchen

Es war einmal ein Winter, der dauerte so lang, dass selbst im April noch strenger Frost herrschte. An Ostern fiel Schnee, so dass alles in Wald und Flur unter einer weißen Decke lag. Kein frisches Grün zeigte sich an den Bäumen, keine Blume blühte, die Vögel wollten nicht brüten. Den Osterhasen gefiel das alles gar nicht. Manche beschwerten sich darüber, dass sich der Schnee klumpig im Fell festsetzte, manche jammerten, weil ihre empfindlichen Pfoten vom Streusalz verätzt wurden, und alle litten unter der bitteren Kälte. Bei diesem Wetter hatte natürlich kein Osterhase Lust, Eier, Süßigkeiten und Geschenke zu verteilen, obwohl sie ein schlechtes Gewissen hatten, wenn sie an die traurigen Gesichter der Kinder dachten, die an Ostersonntag nur leere Nester vorfinden würden.

Die Klagen seiner Vasallen kamen schon bald dem alten Ober-Osterhasen zu Ohren (groß genug waren diese ja), aber er wollte nicht glauben, was er da hörte.

"Verweichlichtes Pack", knurrte er, "alles muss man selber machen!"
Dann streckte er die Nase aus dem Ober-Osterhasen-Palast hinaus, um sich ein Bild von der Lage zu verschaffen. Sofort bildete sich ein Eiszapfen am beachtlichen Zinken des Hasenherrschers, so dass er sich schnell wieder in die warmen Tiefen des unterirdischen Baues zurückzog und nun doch einsah, dass seine Untergebenen nicht ganz Unrecht hatten. Was war zu tun? Dem Ober-Osterhasen fiel keine Lösung ein, deshalb ließ er den Nagerrat antreten.

Ängstlich scharten sich der Weise Rammler und die Karnickelratgeber um den Ober-Osterhasen, der für sein ungnädiges Temperament bekannt war. "Es ist zu kalt für Osterhasendienste", verkündete der betagte Potentat und knirschte zur Verdeutlichung des Ernsts der Lage mit den vergilbten Nagezähnen, "welche Vorschläge habt ihr zu machen?"

Eine längere Stille folgte. Die ratlosen Karnickelratgeber traten unschlüssig von einer Pfote auf die andere. Der Weise Rammler murmelte halbherzig etwas von "Ostern an die Süßwarenindustrie outsourcen", und "in den Mai verlegen", verstummte dann aber brummelnd und hüstelnd.

Die Augen des Ober-Osterhasen funkelten vor Zorn. Seine langen Löffelohren verknoteten sich und die wenigen verbliebenen Schnurrhaare begannen zu zucken ein sehr schlechtes Zeichen! Die verschüchterten Ratsmitglieder fürchteten um ihr Leben.

"Kyberschokonetik!" ließ sich da ein dünnes Stimmchen aus dem Hintergrund vernehmen. Alle drehten sich konsterniert um. Der Sprecher, ein mageres Schlappohr mit dicker Hornbrille, grinste verlegen, fügte aber gleich eine Erklärung hinzu: "Unsere neueste Erfindung in der Osterwerkstatt. Robot-Osterhasen aus magischer Schokolade mit widerstandsfähiger, aber flexibler Goldhülle. Die fühlen die Kälte gar nicht! Außerdem können sie nach getaner Arbeit vernascht werden!"

Der Ober-Osterhase ließ sich sogleich in die Osterwerkstatt führen und nahm die bereitstehende Heerschar identischer Schoko-Metall-Hasen skeptisch in Augenschein. Der junge Hornbrillenträger legte einen Hebel um. Prompt setzten sich die Goldhasen in Bewegung. Jeder einzelne schnappte sich eines der unzähligen bereitstehenden Körbchen voller Eier und Süßigkeiten. Dann verharrte die ganze Armee still in Erwartung neuer Befehle.

Die Augen des Ober-Osterhasen funkelten immer noch, jetzt jedoch vor Begeisterung. "An die Arbeit!" sagte er nur, dann verschwand er zufrieden mümmelnd im Thronsaal.

Und so wurde Ostern 2013 doch noch gerettet.



01.04.2013


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