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13.01.2013: Kringels Nostalgie-Wahn



Stellt euch vor, es ist ein Samstag irgendwann Ende der Siebziger- oder Anfang der Achtzigerjahre. Ihr seid noch nicht im Teenager-Alter, musstet an diesem Tag nicht zur Schule gehen und habt - nachdem alle Hausaufgaben erledigt waren, das Zimmer aufgeräumt und die Straße gekehrt war - mit euren Freunden in den Feldern Hütten aus Heuballen gebaut, ein Feuerchen im Grünstreifen gemacht und Kartoffeln geröstet, oder ihr seid einfach nur in den Weinbergen herumgewandert und habt euch vorgestellt, ihr wärt fahrende Ritter auf Abenteuersuche. Möglicherweise habt ihr tolle Stunts mit eurem Fahrrad absolviert. Natürlich ohne Helm, so etwas gibt es gar nicht. Oder ihr seid auf der neuen, noch nicht freigegebenen Autobahn Rollschuh gelaufen. Im kleinen Laden an der Ecke habt ihr auf dem Heimweg (es ist langer Samstag, da dürfen die Geschäfte bis 18:00 Uhr geöffnet bleiben) heimlich im Playboy geblättert, ein paar Comics und das neueste Yps mit Gimmick gekauft, dazu ein Eis: Split oder Brauner Bär. Vielleicht war ja schlechtes Wetter und ihr musstet drinnen bleiben. Ihr habt mit Playmobil und Big Jim gespielt, einen Modellbausatz zusammengeklebt und dabei Musik aus dem Radiorecorder gehört, um eure Lieblingslieder auf Musikcassette aufzuzeichnen. Oder ihr habt im Hinterzimmer einer verqualmten Kneipe einen guten Teil eures Taschengelds an Videospielautomaten wie "Asteroids", "Defender", "Galaga", Phoenix, "Frogger" usw. verschwendet.

Jetzt ist es Abend, das Haus ist vom Duft des Kuchens erfüllt, den eure Mutter gerade gebacken hat (Haselnusskranz oder Gewürzkuchen mit Schokoglasur), und ihr sitzt in freudiger Erwartung des Samstagabend-Fernsehprogramms gemütlich mit der Familie im Wohnzimmer. Die letzten Minuten der Tagesschau oder der ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck laufen gerade. Vielleicht müsst ihr nochmal aufstehen, weil euch erlaubt wurde, auf den gewünschten Sender umzuschalten, wo demnächst ein spannender Abenteuerfilm beginnen wird, oder eine Show wie "Am laufenden Band" mit Rudi Carrell, "Einer wird gewinnen" mit Hans-Joachim Kulenkampff, oder "Wetten dass" mit Frank Elstner. Ihr dürft heute länger aufbleiben und morgen ausschlafen. Dann wird sich die ganze Familie zum Mittagessen treffen, danach gibt's das erste Stück des neuen Kuchens. Am Nachmittag wollt ihr zu Fuß zur ein paar Kilometer entfernten Kleinstadt gehen und euch den neuesten Science-Fiction-Film anschauen, dessen Inhalt ihr nur von den Aushangfotos im Kino-Schaukasten kennt. Um zu erfahren, wann der Film anfängt, musstet ihr eine Telefon-Bandansage abhören. Ihr müsst früh dort sein, denn in den Kinos gibt es keine nummerierten Plätze und man kann keine Karten reservieren. Sonntagabend werdet ihr die Sendung "Top Ten" im Radiosender SWF 3 hören, denn ihr möchtet wissen, wie die Titel, für die ihr vorige Woche per Postkarte abgestimmt habt, abgeschnitten haben.

Könnt ihr euch all das vorstellen? Hausaufgaben ohne Internet-Recherche zu erledigen? Nicht permanent an PC / Tablet / Spielkonsole zu sitzen? Den ganzen Tag unbeaufsichtigt irgendwo draußen verbringen zu dürfen, ohne dass eure Eltern die geringste Ahnung davon haben, welchen lebensgefährlichen Tätigkeiten ihr dabei nachgehen mögt? Für eine Mark eine ganze Tüte voller loser Süßigkeiten zusammenzusuchen? Keinen Zugang zu unzähligen Musiktiteln via Internet zu haben (von anderen Dingen ganz zu schweigen), sondern Radiosendungen mitschneiden zu müssen, bei denen der Moderator immer in eure Lieblingstitel reinquatscht? Aus maximal vier Fernsehprogrammen wählen zu können, die frühestens irgendwann am späten Nachmittag mit ihren Sendungen anfangen und nicht lange nach Mitternacht Sendeschluss haben? Zum Umschalten aufstehen zu müssen, weil Fernbedienungen unbekannt sind? Sich auf die Wiederholung uralter Science-Fiction-Filme im Fernsehen zu freuen? Otto Waalkes für den witzigsten Komiker aller Zeiten und Buttons mit Spontisprüchen für gelungene modische Statements zu halten?

Wenn ihr euch das vorstellen könnt, dann wisst ihr, wie es in der irgendwie kleineren, gemütlicheren, einfacheren (natürlich auch bräsigeren, spießigeren, umständlicheren) Welt von Kringels Kindheit war. Verdammt, die Nostalgie hat mich schon wieder gepackt! Das passiert mir in letzter Zeit immer öfter. Also schnell wieder dran denken, wie cool die Gegenwart doch ist - hätte ich damals einen Blick in mein heutiges Leben werfen können, dann wäre es mir vorgekommen wie pure Science Fiction!


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