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10.10.2012: Konsumfrust, oder: Von der Schwierigkeit, als Erwachsener einen nicht jugendfreien Artikel zu kaufen

Jugendschutz ist zweifellos wichtig. Was mit einer armen Kinderseele geschieht, wenn ihre Entwicklung durch nicht jugendfreie Games und Filme beeinträchtigt wird, kann man an meinem Beispiel gut erkennen. Ich habe so viele Spiele gezockt, die man damals für gewaltverherrlichend gehalten hat (heute sind einige davon jugendfrei), und ich habe so viele Filme gesehen, in denen hilflose Jungfern von vermoderten Untoten zerfleischt wurden (oder umgekehrt), dass aus mir ein zutiefst traumatisierter seelischer Krüppel geworden ist - ein unzurechnungsfähiger Misanthrop, der Nachbarn, Kollegen und Passanten in der Fußgängerzone nur deshalb noch nicht niedergemetzelt hat, weil hierzulande so schwer an automatische Waffen und Munition heranzukommen ist.

Das will doch niemand. Nein, die Kids sollen sich gefälligst solange mit dem für ihr Alter geeigneten Schund befassen, bis sie 18 sind. Eine sehr willkürlich und ziemlich optimistisch gewählte Altersgrenze übrigens, denn sie sagt nichts über die Mündigkeit oder geistige Reife des Menschen aus. Wenn ich mir manche der wahlberechtigten mentalen Mikrokosmen so anschaue, dann wünsche ich mir die Wiedereinführung der Volljährigkeitsgrenze von 21 Jahren, die bis 1975 gegolten hat. Aber ich schweife ab. Zum Glück bin ich ja schon seit ein paar Jahrzehnten volljährig. Obwohl ich mich seit dem 15. Lebensjahr nicht signifikant weiterentwickelt habe, was die geistig-moralische Reife angeht, darf ich hemmungslos alles konsumieren, wonach mir der Sinn steht.

Soweit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus. So werden in Deutschland oft nur verstümmelte Versionen von Filmen und Games herausgebracht, weil sich die Verleiher / Publisher lieber im vorauseilenden Gehorsam selbst zensieren, als eine 18er-Freigabe zu riskieren und somit auf die große Käuferschicht der Minderjährigen verzichten zu müssen. Von den drohenden Indizierungen von Titeln, die keine 18er-Freigabe erhalten, ganz zu schweigen. Praktischerweise gibt es andere deutschsprachige Länder, in denen genau dieselben Filme und Games ungeschnitten verkauft werden. Kein Wunder, dass die Bevölkerung dieser Länder täglich durch Amokläufer dezimiert wird, während so etwas in Deutschland, wo wir einen derart tollen Jugendschutz haben, bekanntlich rein gar nicht vorkommt. Aber ich schweife schon wieder ab.

Jedenfalls kann man die ab 18 Jahren freigegebenen Produkte hierzulande problemlos bei Online-Versandhändlern bestellen. Die Betonung liegt auf bestellen, denn die Lieferung ist ein ganz anderes Thema. Artikel ohne Jugendfreigabe müssen vom volljährigen Kunden eigenhändig in Empfang genommen werden. Nur ich persönlich, sonst niemand, darf das Ding erhalten, und selbst ich, der ich angesichts mangelnder Haarpracht sowie zahlreicher Sorgenfalten schon optisch nicht mehr mit einem Teenager verwechselt werden kann, muss dabei stets durch Vorzeigen des Personalausweises beweisen, dass ich schon älter als 18 bin. Das war bisher kein Problem. Der Online-Versandhändler mit dem Namen, der sowohl an einen tropischen Regenwald als auch an ein legendäres Volk stolzer Kriegerinnen erinnert, hat den "Spezialversand für Artikel ohne Jugendfreigabe" bis vor einiger Zeit immer über DHL abgewickelt. War ich nicht zu Hause, dann wurde das Päckchen zur nächsten Postfiliale gebracht. Dort konnte ich es abholen, wann es mir beliebte. Dieser "Spezialversand" kostet fünf Euro extra - nur weil das Päckchen ausschließlich mir ausgehändigt werden darf. Ist das etwa aufwändiger als der "normale" Versand? Aber egal, es hat immer funktioniert. Früher.

Das Verfahren wurde geändert. Der Spezialversand kostet immer noch fünf Euro, wird jetzt aber nicht mehr ausschließlich von DHL, sondern auch von einem Paketdienst abgewickelt, der den Namen des Götterboten aus der griechischen Mythologie trägt. Bei der Bestellung kann man vorher nicht erkennen, welcher Paketdienst die Auslieferung übernehmen wird! Mit dem neuen Paketdienst läuft die Lieferung nicht wirklich gut, wie ich in zwei Fällen erleben musste. Erster Fall: Der Paketbote hat an drei aufeinander folgenden Tagen bei mir geklingelt. An Wochentagen. Vormittags. Dass jemand, der älter als 18 ist, um diese Zeit womöglich nicht zu Hause hockt, sondern arbeiten muss, dürfte doch einleuchten? Soweit aber noch akzeptabel. Bei jedem vergeblichen Zustellversuch hat der Bote einen Zettel in meinen Briefkasten geworfen. Darauf stand, dass er an einem bestimmten Tag bei mir war. Sonst nichts. Weder stand drauf, wann er wiederzukommen beabsichtigte, noch war eine Telefonnummer vermerkt. Nach dem dritten fehlgeschlagenen Zustellversuch konnte ich in der Online-Paketnachverfolgung (und nur dort! Allein das ist schon eine Unverschämtheit) nachlesen, dass die Sendung nicht zugestellt werden konnte und ich mit dem Paketdienst Kontakt aufnehmen solle. Eine Hotline-Nummer stand jetzt endlich mal dabei. Ich rief da an. Mir wurde gesagt, es sei unmöglich, das Päckchen in einem der vielen Shops, die der Paketdienst betreibt, zu hinterlegen. Ebenso unmöglich sei es, einen Liefertermin zu vereinbaren - Tag ginge noch, Uhrzeit aber nicht. Noch nicht mal eine Einschränkung auf den Vor- oder Nachmittag sei möglich. Soll ich mir also einen ganzen Tag frei nehmen, nur um solange in der Wohnung herumzusitzen, bis der Bote sich bequemt, mir das Päckchen zu bringen? Geht gar nicht. Der Artikel wurde automatisch retourniert, wurde also vom Paketdienst an den Online-Versandhändler zurückgegeben. Der hat mir den Kaufpreis immerhin anstandslos erstattet.

Beim zweiten Fall war ich schon schlauer. Diesmal war auf dem Benachrichtigungszettel aber irreführenderweise angekreuzt, das Paket sei bei Nachbarn abgegeben worden. Bei welchen? Das stand da nicht! Ein Blick in die Online-Paketnachverfolgung brachte Klarheit: Der Bote hatte sich beim Ankreuzen vertan, der Zustellversuch war fehlgeschlagen. Aber ich hatte ja noch die Telefonnummer vom ersten Fall. Ich rief wieder mal an und konnte - man höre und staune - einen alternativen Liefertermin (natürlich nur den Tag) und eine andere Adresse vereinbaren. Für letzteres nahm ich meine Arbeitsstelle, was ich noch nie zuvor gemacht habe und auch nie wieder tun möchte. So klappte die Zustellung. Mit einiger Verzögerung natürlich. Konsequenz für mich: Ich bestelle nichts mehr, was nicht in die Packstation geliefert werden kann. Auf diesen Heckmeck habe ich keine Lust.



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