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22.08.2011: If I could turn back Time...

Wenn ihr eine einzige Erfindung der Weltgeschichte rückgängig machen könntet: Was würdet ihr auswählen? Die Atombombe? Schießpulver? Drogen? Ich hätte da einen ganz anderen Vorschlag: Mobiltelefone! Denn nichts nervt mehr als endlose Handytelefonate. Vor allem bei Bahnreisen. Ich habe ja überhaupt nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand vom Zug aus kurz anruft, um Bescheid zu sagen, dass er abgeholt werden möchte. Oder wenn jemand mal eben schnell ein Hotelzimmer reserviert, sich zum Abendessen verabredet oder was auch immer. Alles kein Problem. Aber muss man stundenlang intimste Beziehungsprobleme durchhecheln (eigene, fremde und eingebildete)? Muss man die gesamte Verwandtschaft durchtelefonieren und jedem lang und breit erzählen, was man gerade macht, am Wochenende gemacht hat oder morgen machen wird? Muss man unterwegs irgendwelche Geschäftsabschlüsse tätigen, Präsentationen planen oder die Sekretärin zur Schnecke machen, weil sie nicht die richtigen Unterlagen in die Laptoptasche gepackt hat? Müssen Bundeswehrsoldaten immer wieder die immer gleichen Phantasiegeschichten über amouröse Wochenendabenteuer und Alkoholexzesse zum Besten geben? Und das alles in der Öffentlichkeit? Und zwar so laut, dass es auch wirklich noch der in der am weitesten entfernten Reihe des Großraumabteils sitzende Fahrgast Wort für Wort verstehen kann? Leute, haltet ihr euch für so superwichtig, dass ihr mit eurem Gelaber nicht bis zu Hause warten könnt und glaubt ihr etwa, eure Mitmenschen würden sich für euren verbalen Dünnpfiff interessieren?

Manchmal habe ich ja den Verdacht, dass diese Schlipsträger / Studenten / sonstigen Wichtigtuer gar nicht wirklich telefonieren, sondern einfach so sehr in den Wohlklang ihrer eigenen Stimme verliebt sind, dass sie Telefonate simulieren - nur um alle Welt an ihrem Gequatsche teilhaben lassen zu können. Ob das auch für die tränenreichen Selbstzerfleischungen enttäuschter Liebespärchen gilt? Wie auch immer: Wann ist der Menschheit eigentlich das Bedürfnis nach Ruhe und Abgeschiedenheit für solche Krisengespräche abhanden gekommen? Von der Rücksichtnahme auf andere Menschen, die eigentlich selbstverständlich sein sollte, mal ganz abgesehen? Und warum wissen so wenige Leute, dass eine schlechte Verbindung nicht dadurch besser wird, dass man ins Telefon brüllt? Noch schöner sind ja die Reaktionen, die man erhält, wenn man solche Labertaschen bittet, etwas leiser zu reden. Oder wenn man sie fragt, ob sie nicht meinen, dass zwei Stunden endlos im Nichts kreisenden Gefasels über lächerliche Nichtigkeiten vielleicht mal genug sind. Entweder wird man völlig ignoriert, oder man wird angepflaumt. Alles schon erlebt.

Ich würde die Installation von Störsendern in Zügen der Deutschen Bahn befürworten. Dafür würde ich sogar gern einen höheren Fahrpreis in Kauf nehmen. Man könnte ja spezielle Waggons einrichten, in denen telefoniert werden darf - und nur dort! Die wären dann sozusagen das Lärmschutz-Äquivalent von Raucherbereichen. Aber ich fürchte, das wird ein frommer Wunsch bleiben. Es wird eher immer schlimmer. Denn seit man mit diesen verfluchten Smartphones über Außenlautsprecher Musik hören und Videospiele spielen kann, muss man sich auch noch nervtötendes Gedudel anhören und in Deckung gehen, wenn der Sitznachbar etwas zu eifrig mit der Bewegungssteuerung umgeht...



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