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01.05.2011: Kringels Rote Liste 2 - MusiCassetten und Kassettenrecorder

Wenn euch Bezeichnungen und Begriffe wie "Agfa Ferrocolor", "BASF Chromdioxid Maxima", "TDK SA-X 90", "Loudness", "Rauschunterdrückung", "Auto-Cueing", "Auto-Reverse" oder "Wiedergabeentzerrung" nichts sagen, dann habt ihr wahrscheinlich auch niemals gespannt vor einem Radiorecorder gesessen, die Finger immer auf den Tasten "Record" und "Play", um eure Lieblingssongs aufzunehmen. Ihr musstet euch nicht darüber ärgern, dass die Radiomoderatoren irgendwann damit angefangen haben, in die Songs reinzuquatschen und sie nicht mehr auszuspielen. Ihr habt keine Titellisten auf Inlays geschrieben, keine eigenen Cover gebastelt und nicht darauf geachtet, die kleinen Plastikzungen an den Schmalseiten der Cassetten sorgfältig herauszubrechen, um ein versehentliches Löschen zu vermeiden. Ihr seid nicht verzweifelt, wenn ein Band gerissen ist oder sich als Bandsalat im Recorder verteilt hat, und ihr habt nicht versucht, die Cassetten durch vorsichtiges Drehen der Spulen unter Zuhilfenahme eines Bleistifts zu retten...

Damals wäre das, was für uns heute alltäglich ist - Musik im Internet herunterzuladen und die gesamte Musiksammlung in einem vergleichsweise winzigen Player zu speichern, der jeden einzelnen Titel per Direktzugriff in kristallklarer Tonqualität abspielt sowie die dazu gehörenden Daten/Cover anzeigt - reine Science Fiction gewesen. Für uns waren Compact-Cassetten, auch als MusiCassetten (MC) bezeichnet, viele Jahre lang der letzte Schrei der Technik. Heute sind sie vom Aussterben bedroht und gehören somit auf Kringels Rote Liste!

Mein erster Kassettenrecorder existiert noch:



Kassettenrecorder


(Bild 1: Ein Bild aus der Steinzeit der Unterhaltungselektronik: Philips N2234)

Da es nicht möglich war, den Fernseher oder den "Musikschrank" (Radio und Plattenspieler in einem) an diesen Recorder anzuschließen, musste ich immer erst für absolute Ruhe sorgen, bevor ich etwas mit dem eingebauten Kondensatormikrofon aufnehmen konnte. Auf diese Weise habe ich so manche von Freunden ausgeliehene Schallplatte überspielt. Genial war auch mein Mitschnitt des Films "Kampfstern Galactica - Angriff der Zylonen". Die Familie war vorm Fernseher versammelt und wurde von mir zu absolutem Stillschweigen verdonnert. Natürlich wurde das nicht eingehalten, es kamen immer wieder dumme Kommentare. Außerdem hat draußen dauernd der Hund gebellt. Das war dann alles in der Aufnahme zu hören, ebenso mein genervtes "Pssst!"

Die Technik machte Fortschritte: Es wurde ein Radiorecorder angeschafft. Endlich waren Aufnahmen direkt vom Radio ohne irgendwelche Störgeräusche möglich! Meine Lieblingssendungen waren die Top Ten mit Frank Laufenberg (Sonntags, SWF3) und die Hitparade International mit Werner Reinke (Samstags, HR3). Die habe ich nach Möglichkeit nie verpasst, denn da wurden alle Hits und Neuvorstellungen gespielt. Die konnte man wunderbar mitschneiden und somit das Geld für die Singles sparen. Schon damals behauptete die Musikindustrie: "Home taping is killing Music" - ein Spruch, der damals genauso wenig zutraf wie heute. Man erstellte schließlich nicht nur eigene MCs, sondern kaufte auch welche. Es gab praktisch jedes neue Album der bekannten Bands auch auf MC. Als dann der Walkman erfunden wurde (meinen ersten habe ich 1986 gekauft), erreichten die Verkaufszahlen von MCs ungeahnte Höhen und Leercassetten gehörten bei mir alljährlich zum festen Bestandteil des weihnachtlichen Gabentisches und der Geburtstagsgeschenke.

Im Laufe der Jahre hat sich ein ganzer MC-Berg angesammelt, alle waren früher fein säuberlich durchnummeriert und in Cassettenkarussells geordnet, die sich bis zur Zimmerdecke stapelten. Da ich mich nur schwer von Sachen trennen kann, besitze ich viele MCs noch heute.



Cassetten


(Bild 2: Ein paar bespielte und unbespielte Cassetten)


Die Cassetten waren natürlich ein beliebtes Medium für private oder unabhängige Händler. Schließlich konnte jedermann ebenso problemlos eigene Zusammenstellungen herstellen, wie man heute eine Wiedergabeliste auf CD brennt. Vielleicht kennt der eine oder andere von euch noch "Tecdance", ein kleines Label, das in den Neunzigern EBM-Sampler auf MC herausbrachte. So etwas gibt es heute nicht mehr. Ganz ausgestorben sind die MCs aber nicht! Leercassetten sind immer noch erhältlich, außerdem haben ältere Autoradios Cassettenlaufwerke, an die man mittels Adaptercassette jeden MP3-Player anschließen kann. Genauso mache ich es, ab und zu schiebe ich auch mal eine der alten MCs mit Radio-Mitschnitten ein. Die Tonqualität ist nach all den Jahren noch überraschend gut.



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