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17.11.2009: Gesindel Teil 7: Das Recht des Stärkeren

Die allermeisten Fernfahrer sind nette, verantwortungsbewusste Menschen, denen das Wohlergehen der anderen Verkehrsteilnehmer weit wichtiger ist als die Profitgier ihrer Arbeitgeber. Die beachten alle Tempolimits, achten auf Sicherheitsabstand, verstauen ihre Ladung so sicher wie möglich, kümmern sich peinlich genau um die Wartung ihrer Fahrzeuge und halten stets ihre Ruhepausen ein. Daran glaube ich ganz fest.

Nur - warum habe ich es so oft mit denen zu tun, die vermutlich von sklaventreiberischen Spediteuren mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen werden, sich absolut rücksichtslos zu verhalten? Die mit einem Affenzahn in Staus hineinrasen, so dass man sich und das eigene Auto im Geiste schon zu einem handlichen Würfel zusammengequetscht sieht? Die sich gar nicht erst umsehen, geschweige denn einen Blinker setzen, bevor sie plötzlich auf die Überholspur ziehen, um dann stundenlang mit 51 km/h einen mit 50 km/h vor ihnen her tuckernden anderen Brummi zu überholen? Die gerne auch mal ihren Sattelschlepper mitten auf der Straße stehen lassen, um in aller Seelenruhe nach dem Weg zu fragen oder sich in der nächsten Bäckerei was zu mampfen zu holen? Die auf der Autobahn mit auf dem Lenkrad ausgebreiteter Zeitung dahingondeln, einen Kaffee-to-go-Becher in der einen, das Handy in der anderen Hand? Die immer weiter über die Mittellinie driften, wenn man sie überholt? Mit dem Recht des Stärkeren und ich-weiß-nicht-wie-vielen Tonnen unter dem Arsch kann man sich solche Scherze natürlich erlauben, ohne etwas zu riskieren. Das jedenfalls scheinen manche Leute zu glauben. Und - wohlgemerkt - ich erfinde das alles nicht. Das sind alltägliche Erlebnisse.

Ich würde mich gar nicht so sehr darüber aufregen, wenn mich solche Leute in den letzten 14 Tagen nicht zweimal in Situationen gebracht hätten, in denen ich schon zu sehen glaubte, wie sich der seit Jahren auf meine Seele wartende Höllenfürst kichernd die Hände reibt. Der eine LKW-Fahrer war einer von denen, die ich oben erwähnt habe. Ich stand im Stau, er kam von hinten angeschossen. Man konnte sehen, wie das Führerhaus kippte, als er dann doch noch bremste. Na, aufgewacht? Als ich in der Heckscheibe nur noch einen riesigen Kühlergrill sehen konnte, kam er zum Stehen. Der Mann hatte entweder hervorragendes Augenmaß, oder mein chronisch überarbeiteter Schutzengel hat sich ihm todesmutig entgegengestellt und wurde zwischen der LKW-Front und meinem Heck zerquetscht.

Der andere war noch besser. Der benahm sich ungefähr so wie dieser geheimnisvolle Truckpilot in "Duell", dem ersten Film von Steven Spielberg. Ähnliche Situation wie im anderen Fall: Wie üblich ging's auf der Autobahn mal wieder nur im Schritttempo voran. Ein LKW näherte sich mir von hinten. Der fing sofort an, mich mit seinen Scheinwerfern anzublinken, dann hupte er auch noch. Das hörte gar nicht mehr auf. Ich dachte: "Mist, ist mein Rücklicht kaputt?", aber das war nicht der Fall, ich habe später nachgesehen. Ich ließ dann bei einer Auffahrt ein Auto vor mir rein - prompt wurde ich wieder angeblinkt und angehupt. Kein Scherz: Das ging einige Kilometer lang so weiter. Dann lief der Verkehr ein bisschen schneller - wenige Minuten später kam er wieder ganz zum Stehen. Ihr erratet bestimmt, was mein Freund machte? Genau: Blenden und Hupen. Was sollte ich tun? Über die Autos vor mir drüberfahren? Mein Auto, das ihm den Blick auf den schönen Straßenbelag versperrte, in den Graben steuern? Dem Typen ging es einfach nur nicht schnell genug, und ich hatte zufällig das Pech, derjenige zu sein, an dem er seinen Frust auslassen konnte. Eine andere Erklärung habe ich nicht. Der Vormittag war damit für mich gelaufen, denn über so etwas rege ich mich immer derart auf, dass es keine Skala gibt, die dann meinen Blutdruck messen könnte...



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