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30.03.2008: Gewalt?

Neulich wurde ich gefragt: "Warum guckst du dir so einen Dreck an?"

Es ging um einen Splatterfilm. Ganz unabhängig davon, ob ich der in dieser Frage enthaltenen Wertung zustimme oder nicht, musste ich feststellen, dass ich sie gar nicht so einfach beantworten konnte. Die Frage lautet ja eigentlich: Warum schaut man sich Filme an, in denen Gewalt dargestellt wird? Ergötzt man sich daran, mit anzusehen, wie Menschen getötet, verstümmelt und gequält werden? Schaut man sich die Filme also wegen genau dieser Szenen an? Wünscht man sich gar, Menschen selbst zu quälen und zu töten, und ist man nur einen Schritt davon entfernt, diese Wünsche nicht nur durch das Betrachten von Gewaltszenen auszuleben, sondern in die Tat umzusetzen? Wird man durch Gewaltdarstellung in Filmen also selbst zum Gewalttäter? Glaubt man dem Stammtischgeschwätz, das seit Jahren zu diesem Thema erschreckenderweise nicht nur in der Presse, sondern auch von Politikern verbreitet wird, dann könnte man auf den Gedanken kommen, dass all diese Fragen mit "Ja" zu beantworten seien. Dem ist natürlich nicht so, aber sie können auch nicht einfach nur mit "Nein" beantwortet werden.

Solltet ihr die eine oder andere Filmkritik aus meiner Feder gelesen haben, dann wisst ihr wahrscheinlich, dass ich kein Problem damit habe, wenn so getan wird, als würden Leute auf möglichst interessante Weise in die ewigen Jagdgründe geschickt werden, oder als würden sie wichtige Körperteile und mehr Blut verlieren, als gut für sie ist. "So tun als ob" ist in diesem Zusammenhang die entscheidende Formulierung. Ich bin durchaus in der Lage, Realität und Fiktion auseinanderzuhalten und bin gegen (reale) Gewalt in jeder Form. Einen Film, in dem gezeigt wird, wie Menschen wirklich getötet, verletzt oder gedemütigt werden (oder in denen Tieren ein Leid angetan wird), würde ich mir deshalb niemals freiwillig ansehen. Ich halte übrigens diverse Fernsehsendungen, in denen man sich an den realen Verletzungen real existierender Extremsport-Halbhirne delektieren kann, in denen talentfreie Möchtegern-Superstars vor aller Welt heruntergeputzt werden oder in denen man sich über mäßig amüsante Begebenheiten aus dem Leben irgendwelcher Leute lustig macht (unbeweibte Bauern, erfolglose Auswanderer, überforderte Eltern und deren heillos verzogene Blagen, grenzdebile Talkshowgäste und dergleichen mehr) für größeren Dreck als jeden noch so blutigen Splatterfilm. Seltsamerweise hat man offenbar mit dieser zur besten Sendezeit gezeigten Art von Gewalt und es ist eine Art von Gewalt ebenso wenig ein Problem wie damit, dass Jugendliche hierzulande problemlos an Waffen herankommen können. Aber das nur nebenbei.

Aber zurück zum Thema. Die Frage war ja, warum ich mir "so einen" Film ansehe, wenn ich doch behaupte, dass ich Gewalt ablehne. Tja. Ich mache es aus dem gleichen Grund, aus dem ich gern mal einen Wilsberg-Krimi oder einen Tatort gucke (aber nur, wenn Börne und Thiel mit von der Partie sind). Oder einen alten Western. Oder irgendeinen beliebigen anderen Film. Weil ich spannende Unterhaltung erwarte nicht weil ich erwarte, blutige, gewalttätige Szenen zu sehen. Ich habe, wie gesagt, kein Problem damit, aber ich brauche es nicht. Ich habe nichts gegen Gewaltszenen, wenn sie der Geschichte / der Atmosphäre / der Charakterzeichnung usw. dienen, wenn sie also sinnvoll eingesetzt werden. Wenn ein Film es ganz ohne brutale Szenen schafft, eine spannende Geschichte zu erzählen, eine Atmosphäre der Bedrohung aufzubauen oder einen glaubwürdigen Bösewicht zu erschaffen schön! Dann ist mir das auch recht. Wenn dagegen Gewalt nur Selbstzweck ist, wenn es also nur darum geht, dass jemand gequält oder getötet wird, dann interessiert mich solch ein Film nicht. Mehr noch: Dann lehne ich ihn ab. Man sollte vielleicht auch einen Unterschied zwischen der Darstellung und der Verherrlichung von Gewalt machen. In der öffentlichen Diskussion wird nämlich gern übersehen, dass ersteres durchaus ohne letzteres möglich ist, und dass die Darstellung von Gewalt ganz andere Intentionen haben kann als ihre Verherrlichung.

Ich finde es ziemlich eigenartig, dass die explizite Darstellung von Gewalt in Filmen immer automatisch negativ bewertet wird, die Schilderung von Gewalt in anderer Form, zum Beispiel in der Literatur, dagegen nicht. Man lese nur Homers Ilias, ein Werk, das als künstlerisch wertvoll gilt. Gut, das mag ein etwas abwegiges Beispiel sein, aber da wird bis ins Detail geschildert, wie Troer und Achaier sich gegenseitig niedermetzeln. Da purzeln schon mal Gedärme in den Staub, werden Arme mitsamt den Schultern abgehackt, Schädel bis zum Kiefer gespalten und Augen von Pfeilen durchbohrt. Wo ist der Unterschied zu einem Film? Ich kann nur einen erkennen: Die Visualisierung. Im Film sieht man, was geschieht, beim Lesen eines Buches stellt man es sich selbst vor. Ist die Ilias nicht sogar gewaltverherrlichend, wo doch die Krieger als umso heldenhafter gelten, je mehr Gegner sie schnetzeln? Wo zieht man also die Grenze? Gibt es gar Abstufungen? Ist ein normaler TV-Krimi, in dem ein Mord gezeigt wird, weniger schlimm als ein Splatterfilm? Wie ist es mit diesen alten Bud-Spencer-Terence-Hill-Prügelfilmen, in denen zwar kein Blut fließt, aber wahre Gewaltorgien abgefeiert werden? Was ist mit den diversen Fernsehserien im Vorabend- oder Nachmittagsprogramm, in denen fleißig herumgeballert wird oder in denen coole Autobahnpolizisten fern jeglicher Realität ganze Parkplätze explodieren lassen?

Mir ist klar, dass man sich mit solchen Überlegungen stets auf dünnem Eis bewegt. Und dass man schnell falsch verstanden wird, was möglicherweise jetzt schon geschehen ist. Es gibt auch vieles, was ich zumindest als grenzwertig betrachte, zum Beispiel die Verbindung von Gewalt und Komik oder die Ästhetisierung von Gewalt. Auch damit kann ich allerdings leben, wenn es denn der Sache dient. Ganz klar ist aber: Gewaltdarstellung, egal in welchem Medium, ist nichts für Kinder. Es ist auch nichts für Minderjährige. Und wenn ich mir meine Mitmenschen so anschaue, dann muss ich sagen: Es ist auch nichts für viele Erwachsene. Gemeint sind all jene dem Alter nach als erwachsen geltenden Zeitgenossen, die sich an Gewaltszenen aufgeilen. Ich bin zwar nicht mehr wie noch vor einigen Jahren der Meinung, dass Gewaltdarstellung in Filmen unschädlich ist, d.h. dass niemand durch so etwas zu Gewalttaten angestiftet oder zum Amokläufer wird. Ich sehe das inzwischen etwas differenzierter. Aber man muss sich doch fragen, ob wir nicht in einer Gesellschaft leben, in der nur die Aggressiven erfolgreich sein können. In der Gewalt in verschiedenen Ausprägungen toleriert, gutgeheißen oder geradezu gefordert wird. In der die Eltern sich nicht mehr um ihre Brut kümmern, sondern sie lieber mit dem Fernseher ruhigstellen. Man kann sich auch fragen, was außer "Gewaltfilmen", die meiner Meinung nach eher ein Symptom gesellschaftlicher Probleme als deren Ursache sind, noch so alles zur allgemeinen Verrohung beiträgt.

All das gilt auch für Computer- und Videospiele. Den von diversen Leuten verbreiteten populistischen Unfug über so genannte "Killerspiele" halte ich für unerträglich, vor allem deshalb, weil dadurch von den eigentlichen Problemen abgelenkt wird, und weil es bei der Debatte gar nicht um diese Probleme geht, sondern um Stimmenfang und Einschaltquoten.


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