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05.09.2004: Gesindel – Teil 4

"Ich liebe meine Mitmenschen!"

Das muss man sich immer wieder einreden, insbesondere dann, wenn man oft und auf langen Strecken mit der Bahn fährt. Die Freaks, denen man auf Bahnreisen unausweichlich begegnet, haben alle eine Gemeinsamkeit: Sie leben in der Überzeugung, allein auf der Welt zu sein oder sich immer noch im heimischen Wohnzimmer zu befinden, wo es ja niemanden stört, wenn sie sich wie die Primaten benehmen, die sie trotz Jahrmillionen der Evolution immer noch sind. Allein an diesem Wochenende traf ich folgende Zeitgenossen:

DIE BREITMACHER. Unabhängig von Gewicht und Körperumfang haben diese possierlichen Gesellen nie genug Platz, nachdem sie sich mit voller Wucht auf den Sitz neben meinem Platz geworfen haben. Deshalb rammen sie mir den Ellenbogen in die Seite, stoßen mir ihre Zeitung ins Auge oder lehnen sich mit der Schulter rüber, so dass ich ihnen gerne anbieten möchte, mich in der Mitte durchzureißen und die eine Körperhälfte aus dem Fenster zu werfen, damit sie mehr Platz haben, um sich noch etwas breiter zu machen. Aber leider geht das ja nicht, weil man die Fenster im Intercity nicht öffnen kann.

DIE LAUTHÖRER. Eigentlich frage ich mich, warum manche Leute sich überhaupt Kopfhörer aufsetzen, wenn sie die Musik derart aufdrehen, dass auch ein Ghettoblaster nicht lauter sein könnte. Vielleicht sind sie ja bereits schwerhörig – wenn nicht, werden sie es bald sein...

DIE TELEFONIERER. Von denen gibt es zwei Unterarten, nämlich die, die eine Verbindung mit ihrem Handy kriegen, und diejenigen, die keine kriegen. Erstere lassen mich in epischer Breite und voller Lautstärke an ihren Beziehungsproblemen, religiösen Zweifeln und an jedem beliebigen anderen Aspekt ihres Lebens teilhaben, der mich nicht im Mindesten interessiert. Letztere haben zwar nichts anderes zu sagen als "Hallo? Hallo? Ich versteh dich nicht! Ich bin im Zug! Hallo?", aber auch ein solches sinnfreies Telefonat kann sich schon mal über Stunden erstrecken.

DIE FRESSER. Ein Geräusch, bei dem sich mir wirklich die Nackenhaare sträuben, ist das Geschmatze und Gesauge, mit dem gewisse Typen hingebungsvoll und lautstark irgend einen Fraß in sich hineinschlingen, gerne gefolgt von Magenwinden, die wahlweise den oberen oder den unteren Ausgang nehmen, und dem Schnalzen, mit dem nach vollendetem Mahl Essensreste zwischen den kariösen Zähnen hervorgeholt werden müssen.

DIE BWler. Wehrdienstleistende jeglicher Couleur sind immer wieder gern gesehen, wenn es darum geht, mich mit erfundenen amourösen Abenteuern vom Wochenende, legendenhaften Alkoholexzessen, gegrölten Partyliedern und sonstigen Peinlichkeiten zu belästigen. Funktioniert aber nur, wenn sie in einer Herde auftreten, Einzelwesen sind meistens harmlos. Was haben die überhaupt im IC verloren? Gibt es heutzutage keine Viehtransporte mehr?

Seltener (zum Glück) begegnet man enthemmten Sekretärinnen-Reisegruppen, Kegelvereinen, selbstvergessen knutschenden Pärchen, überforderten Eltern mit wie am Spieß kreischenden Kleinkindern, deren Windeln gewechselt werden müssen, Karnevalisten, kompletten Fußball-Fanclubs und ähnlichem Gelichter. Wenn man anfangen würde, sich richtig über all diese Leute aufzuregen… au weia!

Also: "Ich liebe meine Mitmenschen! Ich liebe meine Mitmenschen! Ich liebe meine Mitmenschen!"


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