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Silent Hill Origins

System:
Sony Playstation 2

Genre:
Horror-Adventure

Note: 3+
SILENT HILL ORIGINS

Schon merkwürdig: Manchmal stößt man durch Zufall auf ein Spiel, von dem man zuvor noch nie was gehört hat, obwohl man sich geradezu brennend dafür interessiert. So ist es mir im Fall von Silent Hill Origins ergangen. Ich bin ein Fan dieser Spielserie (außer Teil 4) und habe immer Ausschau nach neuen Titeln gehalten. Die Veröffentlichung dieses Spiels für Playstation Portable (PSP) im November 2007 ist aber ebenso komplett an mir vorbeigegangen wie die PS2-Portierung im Mai 2008.

Wie alle anderen Teile zuvor kann man zwar auch Silent Hill Origins dem so genannten "Survival Horror" - Genre zurechnen. Mit der pausenlosen Action und dem "Fun-Splatter" anderer Titel hat das Spiel aber nicht viel gemein. Es wird mehr auf Rätsel, vor allem aber auf Atmosphäre gesetzt, und das funktioniert erneut ganz hervorragend.

Story

Travis Grady ist mit seinem Truck unterwegs und nähert sich der Kleinstadt Silent Hill. Im letzten Moment kann er einem kleinen Mädchen ausweichen, das plötzlich vor ihm auf der Straße erscheint und dann im Nebel verschwindet. Als er ihr folgt, gelangt er zu einem brennenden Haus. Travis rettet das Mädchen aus dem Feuer, aber ihr Körper ist schwer verbrannt. Sie scheint das Opfer eines grausamen Rituals zu sein. Travis verliert das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, findet er sich in Silent Hill wieder. Die scheinbar menschenleere Stadt ist von dichtem Nebel eingehüllt. Travis stellt fest, dass er Silent Hill nicht wieder verlassen kann – alle Straßen enden vor einem Abgrund. Doch damit nicht genug: Abscheuliche Ungeheuer machen die Stadt unsicher und immer wieder gelangt Travis in eine bizarre Alternativwelt. Während Travis versucht, das Mädchen wieder zu finden und der Stadt zu entkommen, erinnert er sich mehr und mehr an seine eigene Vergangenheit. Travis war schon als Kind in Silent Hill und hatte hier ein mehr als nur traumatisches Erlebnis...

In diesem Prequel geht es um die Vorgeschichte des ersten Teils der Silent Hill – Spielserie. Man erfährt mehr über Alessa, deren Reinkarnation (Cheryl) auch mit Heather aus Teil 3 identisch ist. Es wird klarer, was Dahlia und Konsorten mit Alessa vor hatten, warum ihr Ritual schief gegangen ist und wie das "andere" Silent Hill (die Parallelwelt) entstehen konnte. Man muss sich so manches aus gefundenen Notizen, mitgehörten Dialogfragmenten und Flashbacks in Travis Gradys Vergangenheit zusammenreimen. Sahnehäubchen sind einzelne kurze CGI-Filme gegen Ende des Spiels. Die Handlung ergänzt die Teile 1 und 3 sinnvoll, die Teile 2 und 4 hatten ja mehr oder weniger eigenständige Storys.

Atmosphäre / Grafik

Wer nach Silent Hill kommt, befindet sich auf dem direkten Weg in die Hölle. Die scheinbar vertraute Realität verwandelt sich immer wieder in einen Alptraum, eine schreckliche, dunkle und verdrehte Parallelwelt, in der man von bizarren Kreaturen bedrängt wird und durch labyrinthartige, verfallene und verrottende Korridore irren muss. Gequälte, zerfetzte Leichen hängen in blutüberströmten Gitterkäfigen, Blutspuren ziehen sich über den Boden, unerklärliche Geräusche zerren an den Nerven. Wo vorher ganz normale Flure waren, sind plötzlich rostige Metallplatten und finstere Abgründe. Irgendwann trifft man auch in der "Realität" unversehens auf die Ungeheuer, denen man in der "anderen" Welt begegnet ist...

Die verstörende Atmosphäre des Unheimlichen, Unerklärlichen, Morbiden und Okkulten der Silent Hill – Spiele war schon immer etwas Besonderes, und auch wenn in Origins hauptsächlich bekannte Elemente verwendet, aber kaum neue hinzugefügt werden, so wird man doch wieder sehr schnell merken, wie sich der Puls beschleunigt und wie man sich vor dem zu fürchten beginnt, was wohl hinter der nächsten Tür auf einen warten mag. Der schräge Industrial-Soundtrack trägt wie immer ganz wesentlich zu dieser Atmosphäre bei, ebenso wie der Nebel und die allgegenwärtige, vom dürftigen Schein der Taschenlampe nur punktuell erhellte Dunkelheit.

Natürlich darf man bei einem PS2-Spiel, das noch dazu die Umsetzung eines PSP-Spiels ist, keine Grafik-Wunder erwarten. Alles ist relativ detailarm, die Figuren sehen etwas eckig aus. Die alles andere als flüssigen Animationen wirken nur bei den Monstern gut, die sich ja sowieso immer abgehackt bewegen. Im Fall von Travis hätte ich mir etwas realistischere Bewegungsabläufe gewünscht. Die Grafik erfüllt aber durchaus ihren Zweck, und das "grobkörnige" Bild ist nicht etwa ein Fehler, sondern so gewollt. Dieser "schmutzige" Look ist ja ein typisches Merkmal der Silent Hill – Serie. Mit "Bildstörungen" wird bewusst gearbeitet: Wenn sich z.B. ein Monster nähert, treten Risse wie in einem alten Film auf. Insgesamt kann man mit der Grafik wirklich zufrieden sein, wenn man nicht auf die Idee kommt, sie mit modernen PS3-Spielen zu vergleichen. Wie immer ist die "andere" Realität besonders interessant – mit Blut und zerstückelten Leichen wird hier nicht gegeizt, so dass die Alterseinstufung (keine Jugendfreigabe) angemessen ist.

Gameplay

Ihr steuert Travis in der 3rd-Person-Perspektive, wobei die Kamera nicht frei beweglich ist. Die Kamera wird stets automatisch positioniert, und nicht jeder Blickwinkel ist ideal. Ihr habt dann nur die Möglichkeit (auch das nicht immer), die Kamera hinter Travis' Rücken zu zentrieren. Der Ablauf ist so linear, wie man ihn aus den ersten drei Teilen kennt. Ihr sucht verschiedene Schauplätze nach Hinweisen ab, wobei ihr diesmal neuerdings selbst bestimmen könnt, wann ihr zwischen der "Realität" und der "anderen Seite" wechseln wollt: Wenn ihr einen Spiegel berührt, könnt ihr hin und her reisen. Natürlich gibt es nur wenige Spiegel, die stets so platziert sind, dass ihr nur durch den Wechsel zwischen den Welten im Spiel weiterkommt. Für die meisten Areale findet ihr sehr bald eine Karte, auf der alle wichtigen Hinweise, verschlossene/unpassierbare Türen usw. automatisch eingezeichnet werden, sobald ihr sie entdeckt habt. Ab und zu gibt es mehr oder weniger knifflige Rätsel zu lösen, damit verschlossene Bereiche sich öffnen, wichtige Objekte verfügbar werden und ähnliches. Die Rätsel bleiben stets logisch, es gibt immer genug Hinweise darauf, was zu tun ist. Sie sind auch recht abwechslungsreich; mal muss eine Art Puzzle gelöst werden, dann wieder müssen Scheinwerfer mit Glühbirnen der richtigen Wattzahl bestückt oder eine Waschmaschine korrekt eingestellt werden...

In jedem Schauplatz gibt es einen "finalen Raum", der erreicht werden muss. Dort warten ein Endgegner-Kampf, ein Bruchstück des Flauros-Objekts und eine Begegnung mit Alessa auf Travis. Danach verliert er das Bewusstsein und muss sich dann durch die monsterverseuchten Straßen Silent Hills zum nächsten Schauplatz durchschlagen. Das geht meist nur über Umwege, denn viele Straßen enden ja im Nichts. In den Straßen und natürlich auch in den Schauplätzen selbst gibt es diverse Waffen und Hilfsmittel zu finden. Mir scheint, dass Munition diesmal weit großzügiger verteilt ist, von den Nahkampfwaffen ganz zu schweigen. Ein altes Ärgernis findet sich auch in Origins wieder: Man muss immer im richtigen Winkel vor einem Objekt stehen, damit Travis damit interagiert. Zum Glück richtet er beim Vorübergehen den Blick auf interessante Dinge, denn sonst würde man so manches wegen der schon erwähnten ungünstigen Kameraperspektiven glatt übersehen.

Monster / Kampf / Waffen

Natürlich habt ihr es nicht nur in den Straßen der Stadt, sondern auch in den einzelnen Schauplätzen mit verschiedenen seltsamen Kreaturen zu tun. Es gibt auch ein Wiedersehen mit den allseits beliebten Zombie-Krankenschwestern. Die Monster-Vielfalt lässt zwar etwas zu wünschen übrig, die Gegner sind aber wieder so bizarr, wie es sich für Spiele dieser Reihe gehört. Die Kämpfe, selbst mit den Endgegnern, fallen recht einfach aus. Besondere Strategien sind nicht erforderlich, es reicht, die Endbosse mit Blei voll zu pumpen und ihren Angriffen zu entgehen. Die meisten Gegner sind so langsam, dass man ihnen leicht ausweichen oder davonlaufen kann. Was diese verrückten Gestalten im Einzelnen darstellen sollen, kann man sich meist kaum vorstellen – die Entwickler haben auch hier mal wieder eine recht merkwürdige Phantasie bewiesen.

Da man verschiedene Schusswaffen mit viel Munition findet, und da Travis immer automatisch das nächstgelegene Ziel ins Visier nimmt, ist der Kampf ein weit geringeres Problem als in den älteren Spielen. Da kann man sich dann auch mal an den Nahkampf wagen. Man findet im Verlauf des Spiels Dutzende verschiedener Hieb- und Stichwaffen. Die Bandbreite ist enorm: Vom einfachen Messer oder Hammer über Speere und Katanas bis hin zu ausgefalleneren Objekten wie Lampenständern, Fernsehern oder Toastern ist alles dabei, womit man ein Monster zu Brei hauen kann. Alle Nahkampfwaffen nutzen sich mit der Zeit ab und zerbrechen irgendwann, aber es gibt ja wie gesagt mehr als genug Nachschub und mit dem Steuerkreuz kann man schnell "frische" Waffen auswählen.

Neu ist, dass manche gegnerischen Attacken geblockt werden können, so dass Travis keinen Schaden davonträgt. Manche Gegner versuchen Travis zu packen. Man muss dann im richtigen Moment auf eine bestimmte Taste einwämsen, die auf dem Bildschirm angezeigt wird. Macht man es schnell genug und richtig, stößt Travis das Monster weg.

Umfang / Sonstiges

Die meiste Zeit werdet ihr im Krankenhaus, in einer Nervenheilanstalt, in einem Theater und in einem Motel verbringen. Es gibt zwar noch andere, kleinere Gebäude, die man betreten kann, aber das sind meist nur Durchgangsstationen. Die Stadt Silent Hill ist also keineswegs ein Ort, an dem man –zig verschiedene Gebäude erkunden kann; die Auswahl ist begrenzt. Es dauert wegen der teilweise recht weiten Wege, die man von Ort zu Ort und auch innerhalb der genannten Gebäude zurücklegen muss, zwar schon eine Weile, bis man alles untersucht hat, dennoch lag die gespeicherte Spielzeit bei mir unter neun Stunden. Natürlich habe ich "brutto" länger gespielt, aber sehr viel mehr kann das auch nicht gewesen sein. Der relativ geringe Umfang wird aber durch den Preis ausgeglichen: Origins kostet nur halb so viel wie ein normales PS2-Spiel.

Allerdings lohnt es sich, das Spiel ein zweites Mal anzufangen. Je nachdem, wie man sich verhalten hat, bekommt man nämlich eines von zwei verschiedenen Enden zu sehen. Ich weiß aber nicht, was man tun (oder unterlassen) muss, um das "schlechte" Ende zu sehen. Außerdem winken nach dem erstmaligen Durchspielen je nach den erzielten Erfolgen verschiedene Belohnungen. Abhängig davon, wie viele Objekte man eingesammelt hat, wie die Gegner bekämpft wurden usw. erhält man mehrere neue Outfits für Travis sowie eine besondere Nahkampfwaffe. Außerdem erhält man einen Schlüssel, mit dem sich eine beim erstmaligen Durchspielen verschlossen gebliebene Tür im Motel öffnen lässt. Der Besuch dieses Raums führt zu einem dritten alternativen Ende.

Speichern könnt ihr jederzeit und so oft ihr wollt – allerdings nur an bestimmten Punkten, die aber fair verteilt sind. Das Inventar ist unbegrenzt. Die Sprachausgabe ist englisch, deutsche Untertitel sind vorhanden.

Fazit

Silent Hill Origins ist ein würdiger Bestandteil der Silent Hill - Familie. Die Spielzeit ist zwar etwas kurz ausgefallen, die Steuerung ist gewohnt unkomfortabel, die Grafik entspricht natürlich nicht mehr aktuellen Standards und revolutionäre Neuerungen gibt es nicht. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb macht Origins richtig Laune. Jedenfalls fühlt man sich als Fan der älteren Spiele sofort heimisch, und ich bin froh, dass die Änderungen des 4. Teils nicht übernommen wurden. Origins vermittelt genau jene Gänsehaut-Atmosphäre, die ich bei einem Spiel dieser Serie erwarte. Die Story fügt sich sehr gut in die bisherigen Ereignisse ein, dabei werden aber nicht einfach nur alte Ideen neu aufgewärmt. Die Story ist ebenso eigenständig wie das Spiel selbst.

Die Note 3 hat Origins locker verdient, als Fan der Serie möchte ich sogar noch ein Plus dranhängen.

J. Kreis, Dezember 2008

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