Zurück zu den Spielen

Risen 2

System:
Sony
Playstation 3

Genre:
RPG

Note: 3
RISEN 2 - DARK WATERS

Risen 2 ist der neueste Streich derselben Softwareschmiede, die uns den Rollenspiel-Klassiker Gothic beschert hat. Tja, und genau wie beim ersten Risen gilt: Wo Risen draufsteht, ist Gothic drin. Diesmal allerdings mit ein paar Unterschieden, vor allem im Szenario, denn den namenlosen Helden verschlägt es zu den Piraten!

Story

Die Vernichtung des Feuertitans hat keineswegs für Ruhe gesorgt. Im Gegenteil: Das alte Königreich versinkt im Chaos, so dass die Menschen nach Süden ausweichen müssen. Unter dem Schutz der Inquisition gründen sie neue Siedlungen an der Schwertküste und auf den vorgelagerten Inseln, was zwangsläufig zum Konflikt mit den Eingeborenenstämmen und mit der Titanengöttin Mara führt, zu deren Territorium die Inselwelt gehört. Mara hetzt einen gigantischen Kraken auf die Schiffe der Inquisition, so dass die Schifffahrtswege nicht mehr sicher sind. Zu allem Überfluss wird die Neue Welt auch noch von Piraten unsicher gemacht.

Der namenlose Held ist bei der Inquisition geblieben und gibt sich in Caldera, einer der letzten bewohnten Städte des Königreiches, dem Müßiggang hin. Eines Nachts wird ein Piratenschiff vor der Küste vom Kraken versenkt. Nur Patty, die alte Freundin des namenlosen Helden, überlebt und erreicht Caldera. Sie sucht ihren Vater, den Piratenkapitän Stahlbart, der Kenntnis von einer mächtigen Waffe gegen die Titanen haben soll. Inquisitionskommandant Carlos wittert eine günstige Gelegenheit. Der namenlose Held soll sich bei Stahlbarts Piraten einschleichen und die Titanenwaffe für die Inquisition beschaffen. Schon bald wird dem Helden klar, dass er wieder einmal zwischen allen Stühlen sitzt. Um Mara zu bezwingen, muss er sich entscheiden, ob er weiter für die Inquisition arbeiten oder den unterdrückten Eingeborenen beistehen soll...

...und das ist auch schon die einzige wirklich wichtige Entscheidung, die man in Risen 2 treffen muss. Sie wirkt sich allerdings nur auf eine geringe Anzahl von Nebenquests aus, die man ausschließlich von einer der beiden Fraktionen erhält. Die Hauptquest nimmt unabhängig von der Fraktionszugehörigkeit immer denselben Verlauf. Wichtiger ist da schon, dass man nur bei den Eingeborenen Voodoo-Magie erlernen kann, während es nur bei der Inquisition möglich ist, Musketen zu kaufen und den Umgang damit zu trainieren.

Die Story ist eine direkte Fortsetzung des ersten Risen. Sie enthält die eine oder andere überraschende Wendung und bietet genau die Mischung aus raubeinigem Zynismus und schwarzem Humor, für die ich schon Gothic geliebt habe. Kernige Dialoge sowie Gags und Anspielungen lockern das Geschehen auf, wie es sich für Spiele aus dieser Reihe gehört. Die Story ist in sich stimmiger als im ersten Risen. Hauptfiguren wie Chani (eine Eingeborene), Patty, Stahlbart und die anderen Piratenkapitäne sind besser in die Handlung eingebunden. Der typische Gothic-Humor spiegelt sich auch in so mancher Quest wieder. So muss man zum Beispiel die "Piraten-Olympiade" gewinnen, die aus einem Duell, einem Schießwettkampf und einem zünftigen Besäufnis besteht. Letzteres ist ein Minispiel, das man beliebig oft absolvieren kann, und es ist gar nicht so einfach: Man muss Flaschen zu packen bekommen und dabei schneller als der Gegner sein, während die Steuerung bei steigendem Alkoholpegel immer ungenauer wird! Auch sonst haben die Quests oft eine amüsante Hintergrundgeschichte.

Kämpfe / Charakterentwicklung

Moment mal - Voodoo? Musketen? Genau! Die aus den früheren Spielen bekannten Magieschulen spielen keine Rolle mehr. In der Neuen Welt gibt es nur noch die Voodoo-Magie. Sie ermöglicht es unter anderem, die Kontrolle über NPCs zu übernehmen (das ist nur mit einzelnen, ganz bestimmten NPCs möglich), Gegner zu verfluchen, Tränke zu brauen und dergleichen. Außerdem wurde das Schießpulver erfunden! Das ist offenbar noch nicht lange her, man begegnet dem Erfinder in Caldera. Und so werden in Risen 2 nicht mehr Pfeil und Bogen bzw. Armbrust eingesetzt, sondern Pistolen und Musketen! Hinzu kommen Wurfgeschosse wie Speere, Dolche, Bomben und anderes. Das Kampfsystem ist komplexer als früher. Beim Fechten kann man Combos, Blocks, Paraden, Konterparaden und "schmutzige Tricks" (dem Gegner eine Nuss an den Kopf werfen, ihm Salz in die Augen streuen usw.) einsetzen. Das ist auch nötig, denn die menschlichen Gegner fechten recht geschickt. Der namenlose Held kann sich meistens von jemandem aus der Besatzung seines Schiffes begleiten lassen. Sie kämpfen an seiner Seite und besitzen spezielle Fähigkeiten. Besonders nützlich ist Chani, denn die kann die Gesundheit des namenlosen Helden wiederherstellen.

Die Charakterentwicklung weicht ein wenig vom gewohnten RPG-Standard ab. Levelaufstieg mit damit verbundener automatischer oder manueller Verbesserung von Attributen und Fähigkeiten? Das gibt's in Risen 2 nicht. Für besiegte Gegner und erfüllte Quests erhält man Ruhmpunkte. Hat man genügend Punkte beisammen, kann man jederzeit die fünf grundlegenden Attribute des Helden aufwerten: Klingen, Feuerwaffen, Härte, Gerissenheit und Voodoo. Dadurch werden gleichzeitig je drei Talente pro Attribut verbessert. So wird der Held zu einem besseren Dieb, kann Stichwaffen besser führen, wird besser im Umgang mit der Pistole, kann NPCs einfacher einschüchtern und so weiter. Um ein Attribut auf den Maximalwert zu bringen, müssen mehrere zehntausend Ruhmpunkte gesammelt werden. Wenn ihr berücksichtigt, dass man für den Sieg über normale Gegner gerade mal 50 bis 100 Ruhmpunkte erhält, und dass man als Questbelohnung auch nicht wesentlich mehr Punkte einheimst, könnt ihr euch vorstellen, wie viel ihr erledigen müsst, um den Helden wirklich mächtig werden zu lassen. Durch bestimmte Waffen, Kleidungsstücke und andere Gegenstände können Attribute und Talente über den Maximalwert hinaus verbessert werden.

Darüber hinaus kann der Held zahlreiche Fähigkeiten erlernen. Dazu werden keine Ruhmpunkte benötigt, sondern Gold und ein Trainer, der euch die Fähigkeiten beibringt. Voraussetzung hierfür ist nicht selten, dass ihr dem Trainer einen Gefallen tut oder zu seiner Fraktion gehört. Außerdem wird für höherwertige Fähigkeiten auch ein hohes Attributlevel benötigt. Das Training ist sehr teuer! Das viele Gold muss man erst mal zusammenkratzen. Zum Glück kann man unzählige Kisten plündern (man muss lernen, wie man Schlösser knackt - dazu ist dann ein Minispiel zu absolvieren), Schätze heben, Häuser ausräumen und so weiter. Pflanzen, Tierfelle usw. lassen sich ebenfalls versilbern. Gut, dass das Inventar unbegrenzt und nach Kategorien sortierbar ist! Die Hitpoints (hier: Blut) können nicht auf diese Weise gesteigert werden. Der Held hat nur 100 Blutpunkte, und erst gegen Ende des Spiels können die mit Hilfe eines NPC ein wenig erhöht werden, sofern das Attribut "Härte" bereits auf einem hohen Level ist.

Diese Art der Charakterentwicklung ist nicht gerade einsteigerfreundlich. Es dauert sehr lange und kostet tonnenweise Gold, bis man die Attribute und Talente auf ein akzeptables Level gebracht hat. Aber es lohnt sich, denn nach derart harter Arbeit macht es umso mehr Spaß, im Handumdrehen mit Gegnern fertig zu werden, die euch früher das Fürchten gelehrt haben!

Spielwelt / Grafik

Zwar steht euch nicht die gesamte Spielwelt von Anfang an offen, aber es dauert nicht allzu lange, bis ihr das Kommando über ein eigenes Schiff übernehmen, Besatzungsmitglieder anheuern und frei von Insel zu Insel reisen könnt. Die Inseln sind recht weitläufig und lassen das Entdeckerherz höher schlagen - nicht nur, weil die Landschaft schön abwechslungsreich ist und mit viel Liebe zu kleinen Einzelheiten gestaltet wurde, sondern auch, weil es überall was zu finden gibt. Wenn man eine abgelegene Gegend durchsucht oder sich bis ins tiefste Innere einer Höhle durchgekämpft hat, dann kann man sicher sein, dass dort ein wertvoller Gegenstand, eine seltene Pflanze, ein "legendärer Gegenstand" (dadurch werden Attribute dauerhaft verbessert) oder vielleicht ein neuer Questgeber wartet.

Der Dschungel der südlichen Inselwelt ist so richtig dicht und üppig. An den Stränden kommt erst recht Südsee-Atmosphäre auf. Da meint man die tropische Hitze fast selbst zu spüren. Verschiedene Wetterverhältnisse und der Tag-Nacht-Wechsel sind gut gelungen. Auch die Siedlungen und Schiffe sind wunderbar detailreich designt. Man geht zum Beispiel bei Nacht durch den bedrohlich düsteren Urwald. Insekten und Nachtvögel sind zu hören. Plötzlich sieht man die bunten Lampions eines Gnomendorfes durchs Unterholz schimmern - da entsteht eine ganz besondere Stimmung. Die Piratennester scheinen aus alten Schiffswracks erbaut zu sein, düstere alte Grabkammern erwarten den Abenteurer und es ist sogar möglich, in die optisch leicht verfremdete Welt der Toten überzuwechseln.

Es tummelt sich allerlei aggressives Viehzeug in der Welt von Risen 2. Das sind einerseits ganz normale Tiere wie Affen (auch Gorillas!), Raubkatzen, Wildschweine und Alligatoren, aber auch ausgefallene Kreaturen wie Riesentermiten, monströse Grabspinnen, Feuervögel, Ghuls usw., selbst die aus dem ersten Teil bekannten Gnome sind wieder mit von der Partie. Diesmal sind sie allerdings friedlich! Sie bewohnen die Insel der Diebe und helfen dem namenlosen Helden, als er dort ausgesetzt wird. Einer von ihnen schließt sich sogar seiner Besatzung an. Tiere wie Truthähne, kleine Äffchen (die man sogar dressieren kann) und Fische sind ebenfalls nicht aggressiv. Die Abwechslung ist also okay, und das gilt auch für die NPCs. Die Leute von der Inquisition tragen Uniform, die Eingeborenen haben interessante Körperbemalungen (ansonsten kleiden sie sich sehr freizügig), die Piraten tragen typische Piratenkluft...

Leider klingt das alles besser, als es wirklich ist. Denn so liebevoll alles designt sein mag, so durchwachsen ist die Grafik letztlich doch. Manche Texturen sind sehr schwammig, alles flackert und flimmert, Polygone erscheinen und verschwinden, Objekte / NPCs ragen durch Wände und Böden, Dinge in gar nicht mal so weiter Entfernung verschwinden in dichter werdendem Nebel. Die NPCs wirken klotzig, die Animationen sind eckig. Beim Arealwechsel (man kann zwischen bestimmten Orten teleportieren) fehlen erst mal alle Texturen, sie erscheinen erst nach und nach. Und die Framerate geht regelmäßig ganz furchtbar in die Knie.

Bugs

Leider sind die Grafikbugs nicht die einzigen Fehler in Risen 2. Das Spiel hat sich bei mir einige Male komplett aufgehängt, und zwar ausgerechnet auch nach dem Endkampf gegen Mara. Da sollte dann eigentlich eine Endsequenz starten, aber das geschah nicht! Zum Glück gibt's Youtube, da kann man sich den Film anschauen.

Außerdem bin ich auf einen Storybug gestoßen. Wenn man Kapitän Garcia zu früh entlarvt (er gibt sich als Inquisitor aus und versteckt sich in einem Eingeborenendorf), dann kann die Hauptquest nicht auf normalem Weg fortgesetzt werden. Normalerweise sollte man mit Garcia zum Feuertempel gehen und dort nach einem Kampf einen Questgegenstand von ihm erhalten. Hat man seine Betrügereien aber schon vorher durchschaut, dann ist das nicht mehr möglich. Man kann Garcia zwar ansprechen, aber es kommt sofort zum Kampf, was dazu führt, dass man von all seinen Getreuen und allen Eingeborenen des Dorfes angegriffen wird! Mit einigen Tricks und Kniffen ist es mir gelungen, dieses Gemetzel zu überleben. Danach konnte ich dem toten Garcia den Questgegenstand doch noch abnehmen, aber der ganze Handlungsabschnitt mit dem Feuertempel incl. dazu gehörender Videosequenz ist mir entgangen.

Fazit

Ich kann nicht anders: Ich muss Risen 2 als Bestandteil der Gothic-Reihe betrachten. Die Ähnlichkeiten sind trotz des erfrischend anderen Szenarios einfach zu groß. Das ist aber kein Mangel, ganz im Gegenteil! Es macht Spaß, sich als Undercover-Pirat in der bunten Inselwelt zu bewegen, die finstersten Winkel zu erkunden und der Geschichte zu folgen. Die vielen Grafikfehler haben dieses Vergnügen nicht so sehr getrübt wie befürchtet. Ich war bis zum Schluss, der nach ca. 40 Stunden erreicht war, noch motiviert, alles zu sehen und jede einzelne Quest zu absolvieren. So muss es sein!

Weil die Story, die Figurenzeichnung und das Kampfsystem überzeugender sind als im ersten Teil, wäre ich eigentlich geneigt, dem Spiel eine bessere Note zu geben als Risen. Dieses Spiel hat aber schon die Note 2 erhalten, und eine 2+ oder eine 2 wäre denn doch zu stark geschmeichelt für Risen 2. Die störenden Bugs (und damit meine ich nicht die Grafikfehler) lassen meiner Meinung nach nur ein "Befriedigend" zu.

J. Kreis, 05.11.2012





Gastkommentare


Neueste Kommentare stehen oben.


Gastkommentare werden nicht von J. Kreis verfasst und dürfen nicht auf anderen Homepages oder in Printmedien weiterverwendet werden.


Noch keine Gastkommentare vorhanden!


Deine Meinung?

(Bei Klick auf diesen Button öffnet sich ein Kontaktformular in einem gesonderten Fenster)




Seitenanfang