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Infamous Second Son

System:
Sony
Playstation 4

Genre:
Action-Adventure

Note: 0
INFAMOUS: SECOND SON

Ein halbes Jahr nach Markteinführung der neuen Sony-Konsole habe ich mir die Playstation 4 nun endlich zugelegt. Mein Problem war und ist: Eigentlich interessiert mich keines der aktuellen PS4-Spiele, jedenfalls keines, das nicht auch für die alte PS3 erhältlich wäre. Eine Spielkonsole ohne Spiel ist aber irgendwie sinnlos, deshalb musste irgendwas her. Da der Trailer beeindruckend aussieht, habe ich mich kurzerhand für das PS4-exklusive Infamous: Second Son entschieden. Dabei finde ich weder obercoole Sprayer mit Beanie-Mütze und großem Mundwerk wie den Protagonisten dieses Spiels sympathisch, noch können mich minimal interaktive Welten und redundantes Gameplay begeistern...

Story

Second Son ist der dritte Teil der Infamous-Reihe. Ich kenne die beiden ersten Spiele nicht, deshalb sind mir sicherlich viele Anspielungen und Querverweise entgangen. Trotzdem war es kein Problem, der Story zu folgen, denn sie ist ziemlich simpel. Im 21. Jahrhundert besitzen viele Menschen übernatürliche Fähigkeiten, die an verschiedene Elementarkräfte gebunden sind. Sie nennen sich selbst "Conduits", werden allgemein aber als Bioterroristen bezeichnet, denn man betrachtet sie als Bedrohung. Das Department of Unified Protection (DUP) macht Jagd auf alle Conduits - nicht zuletzt, um sie für DUP-Zwecke einzuspannen und grausame Experimente mit ihnen durchzuführen. Der junge Graffitikünstler Delsin Rowe vom Stamme der Akomish hält sich für einen ganz normalen Menschen, doch eines Tages stellt er fest, dass er die Begabung hat, die Kraft eines jeden Mutanten zu absorbieren, den er berührt. So gerät er in Konflikt mit dem DUP, insbesondere mit Direktorin Brooke Augustine, die ebenfalls Conduit-Fähigkeiten besitzt. Als Augustine Delsins Stammesgenossen attackiert, begibt er sich in die unter Kriegsrecht stehende Stadt Seattle, um das DUP zu besiegen und Augustines Opfer zu retten. Dabei erhält er Hilfe von seinem Bruder Reggie und verschiedenen Conduits, deren Kräfte er übernimmt.




(Bild 1: Hier beginnt alles - das Langhaus der Akomish)


Conduit-Kräfte und Kampf

Der Clou des Spiels besteht in der Anwendung verschiedener Superkräfte. Zunächst einmal hat Delsin ein paar grundlegende Kampffertigkeiten sowie Selbstheilungskräfte. Er steckt Gewehrfeuer für kurze Zeit locker weg und Stürze aus großer Höhe machen ihm nichts aus. Hinzu kommen vier spezielle Fertigkeitenbäume, die nach und nach im Verlauf der Story freigeschaltet werden: Rauch, Neon, Video und Beton. Um diese Kräfte nutzen zu können, braucht Delsin "Energiequellen". Rauch wird Schornsteinen und Autowracks entzogen, Neon kommt aus der Leuchtreklame, Video unter anderem aus Satellitenschüsseln. Die Beton-Kräfte gewinnt Delsin erst beim finalen Bossfight.

Die Bandbreite an Fertigkeiten ist groß. So kann Delsin verschiedene Nah- und Fernkampfattacken ausführen, mit irrsinniger Geschwindigkeit durch die Straßen und senkrechte Wände hinauf laufen, hoch über den Dächern schweben, sich unsichtbar machen, die Zeit verlangsamen, Gegner in einer Energieblase hilflos durch die Luft schweben lassen, feste Hindernisse (wenn auch nicht alle) durchdringen und so weiter.




(Bild 2: Mit der Kraft des Neons schwebt Delsin über den Dingen)


Es macht Spaß, mit all diesen Fertigkeiten zu experimentieren und man kann jederzeit auf eine andere Kraft "umschalten", indem man einfach die entsprechende Energiequelle anzapft.

Die Kräfte werden dringend benötigt, denn Seattle ist voller Feinde. DUP-Truppen haben zahlreiche Basen eingerichtet, die durch Überwachungskameras und automatische Geschütze gesichert sind. Patrouillen in Form von gepanzerten Truppentransportern und Hubschraubern durchstreifen die Stadt. Alle greifen sofort an, wenn Delsin in ihrem Sichtfeld erscheint. Die DUP-Soldaten sind nicht nur mit Schusswaffen ausgerüstet. Die meisten besitzen ebenfalls Conduit-Fertigkeiten, wenn auch längst nicht im selben Ausmaß wie Delsin. Außerdem müssen mehrere Bosskämpfe bestritten werden, bei denen es meist darauf ankommt, die Schwachstelle des Gegners zu finden und innerhalb eines eng begrenzten Areals den gegnerischen Angriffen auszuweichen.

Die Kämpfe können ganz schön haarig werden, denn die normalen Gegner treten meist in großen Gruppen auf, wieseln flink umher und suchen Deckung. Im Kreuzfeuer versagt Delsins Selbstheilungskraft schnell, dann muss man ebenfalls Schutz hinter Wänden usw. suchen oder fliehen. Durch Attacken aus dem Hinterhalt spart man Zeit und Nerven.




(Bild 3: Delsin unter schwerem Beschuss - hier sollte er nicht stehen bleiben!)


Nerven kostet leider manchmal auch die Steuerung, denn insbesondere in den Bosskämpfen sind Schnelligkeit und Geschicklichkeit gefragt, und Delsin reagiert nicht immer so, wie ich es erwarten würde. Nicht selten weigert er sich beharrlich, einen Mauervorsprung oder dergleichen zu packen, sondern springt sinnlos auf und ab oder einfach vorbei. Bei Hindernissen ist die Reaktion unvorhersehbar. Entweder Delsin bleibt dran hängen oder er klettert hoch, obwohl man das gar nicht möchte! Automatisches Ausweichen ist anscheinend nicht vorgesehen. Wenn Delsin z.B. auf einem Balkongeländer steht, muss man erst noch die "Springen"-Taste drücken, damit er weiterläuft, sonst tritt er wie bekloppt auf der Stelle. Die dynamische Kamera tut ein Übriges und verhindert nicht selten präzise Sprünge.

Energiekerne, Energiescherben und Karma

Neue Skills im Fertigkeitenbaum werden durch Energiekerne freigeschaltet. Jedes Mal, wenn Delsin im Verlauf der Story die Kraft eines anderen Conduit abzapft, wird er zu diesen Energiekernen geleitet, zerstört sie und verleibt sich je einen neuen Skill ein. Das kommt mir ziemlich sinnlos vor, d.h. man muss nicht erst nach den Energiekernen suchen oder um sie kämpfen. Sie stehen einfach irgendwo herum, man wird hingeführt, fertig. Da könnten die neuen Kräfte auch gleich von Anfang an zur Verfügung stehen. Sinnvoller ist da schon die Art und Weise, wie die Skills aufgewertet werden. Dazu werden "Energiescherben" benötigt. Man erhält sie, indem man Luftaufklärungs-Drohnen sowie Kontrollposten und Kommandozentren des DUP zerstört. Im Grunde bilden die Scherben also das Äquivalent für die in RPGs üblichen Skillpoints. Allein mit der Jagd auf die Drohnen kann man schon einige Zeit verbringen, gleichzeitig dient sie als Motivation, sich ein wenig in der Stadt umzusehen.




(Bild 4: Eine Drohne)


Delsin steht immer wieder vor der Entscheidung, Gutes oder Böses zu tun. Er kann kapitulierende Gegner sanft unschädlich machen oder exekutieren, verletzte Passanten heilen oder töten, gefangene Verdächtige befreien oder ausschalten, Drogendeals vereiteln oder unschuldige Demonstranten angreifen und vieles mehr. Auch im Verlauf der Story werden ihm solche moralischen Entscheidungen abverlangt. So sammelt sich gutes oder böses Karma an. Hat Delsin genug gutes Karma gesammelt, kann er eine vernichtende Spezialattacke ausführen - eigentlich ein Widerspruch in sich...




(Bild 5: Delsin setzt zur Rauch-Spezialattacke an)


Die Wahl zwischen Gut und Böse ist entscheidend dafür, welche Skills aktiviert werden können und welchen Ausgang die Story nimmt. Man müsste Second Son also zweimal durchspielen, um alles erlebt zu haben. Leider war ich dazu nicht ausreichend motiviert; tatsächlich war ich froh, als endlich der finale Bossfight überstanden war!

Spielwelt und Grafik

Die Handlung findet komplett in der Stadt Seattle statt. Einige Stadtteile werden erst im Verlauf der Story zugänglich, ansonsten ist Seattle völlig offen und kann frei erkundet werden. Ich war noch nie in Seattle und kann also nicht sagen, wie originalgetreu die Stadt nachgebildet wurde. Conduit-Checkpoints und gigantische Basen wie in diesem Spiel wird es wohl eher nicht geben, aber die Space Needle kenne ich! Besonders groß ist das Gesamtareal nicht, dem Vergleich mit den gigantischen Welten von Skyrim und Grand Theft Auto V hält Seattle nicht ansatzweise stand. Allerdings kommt hier die dritte Dimension hinzu - OK, auch in GTA V kann man sich in die Lüfte erheben, aber Delsin braucht dazu keinen Hubschrauber (er kann sowieso keine Fahrzeuge übernehmen), und die Action spielt sich mindestens ebenso oft auf den Dächern der Stadt ab wie in den Straßen.




(Bild 6: In luftiger Höhe - es geht aber noch viel höher!)


Richtig fliegen kann Delsin nicht, aber er kann schweben und akrobatisch springen. Mit entsprechend ausgebauten Conduit-Kräften kann man sich ganz wie Spider-Man fühlen, senkrecht die Wände hinaufgehen und von Dach zu Dach hüpfen. Es ist schon sehr cool, durch die Häuserschluchten zu flitzen und Gegner aus dem Hinterhalt oder von hoch oben anzugreifen, bevor man gesehen wird! Aber Vorsicht: Viele Gegner springen ebenso gut wie Delsin. Man ist also nie ganz in Sicherheit, sobald man entdeckt wurde.

Die Stadt ist in mehrere Bezirke unterteilt. In jedem Bezirk befindet sich ein DUP-Kommandozentrum. Es muss zerstört werden, denn einige Story-Missionen bleiben gesperrt, solange die Basis im entsprechenden Bezirk noch existiert. Nach der Zerstörung werden außerdem Kartenmarkierungen sichtbar, über die man Zugang zu optionalen Nebenmissionen erhält. Man kann dann versteckte Kameras aufstöbern und zerstören, getarnte DUP-Agenten anhand eines Fotos identifizieren und ausschalten, oder Graffiti an Wände sprühen. Dann mutiert der Controller zur Spraydose incl. Sprühgeräusch aus dem integrierten Lautsprecher! Mit jeder absolvierten Nebenmission verliert die DUP immer mehr die Kontrolle über diesen Bezirk, bis endlich ein Endkampf verfügbar wird. Ist dieser überstanden, wird ein Schnellreise-Wegpunkt freigeschaltet und es sind keine feindlichen Patrouillen mehr unterwegs. Da habe ich mich doch gleich an Far Cry 3 erinnert gefühlt, denn dort geschieht im Prinzip dasselbe.




(Bild 7: Ein DUP-Kommandozentrum)


Das Problem dabei ist: Alles wiederholt sich in jedem Bezirk, man muss immer und immer wieder dasselbe machen, Überraschungen bleiben aus. Da man keine entscheidenden Vorteile davon hat, jeden Bezirk zu säubern, habe ich mich bald darauf beschränkt, nur die Energiescherben einzusammeln und mit den Hauptquests weiterzumachen - und dann war das Spiel schon sehr schnell zu Ende, denn in Seattle sind zwar viele Autos und Passanten unterwegs, trotzdem ist in der Stadt wenig los. Es lohnt sich nicht, jede Seitengasse und jeden Hinterhof zu erkunden, es sei denn, man möchte ein bisschen Sightseeing betreiben. Wertvolle versteckte Gegenstände? Zufallsbegegnungen? Witzige Gespräche mit NPCs? Minispiele? Gibt's alles nicht.

Grafisch ist Second Son eine Wucht. Die liebevoll designte Stadt ist schon ein Hingucker, auch die detailreichen Autos und Figurenmodelle sind super gelungen. Details wie in Pfützen fallende Regentropfen und Echtzeit-Spiegelungen sind wunderbar anzuschauen und wenn es im Kampf richtig zur Sache geht, dann fliegen einem die Flammen und Trümmer nur so um die Ohren. Besonders in den Cutscenes darf man sich über lebensechte Mimik und so winzige Details wie Bartstoppeln, kleine Fältchen usw. freuen. Noch spektakulärer wirken natürlich die Conduit-Kräfte. Seien es die Partikeleffekte im mit Funken durchsetzten Rauch, das pink pulsierende Neon, das Fraktalmuster der Videokraft, die totale Vernichtung nach dem Einsatz der Spezialattacken - wow! Das Wetter wechselt recht oft, wobei ich den Eindruck hatte, dass es in Seattle meistens regnet. Ist das in der Realität auch so? Ein echter Tag-Nacht-Rhythmus ist nicht vorhanden, aber manche Story-Missionen finden in der Nacht statt. Dann wirkt die dynamische Beleuchtung nochmal um Klassen schöner.




(Bild 8: Ein DUP-Checkpoint bei Nacht)


Fazit

Im Grunde ist Second Son kaum mehr als ein Jump and Run in dreidimensionaler Umgebung. Natürlich macht es Spaß, mit den immer neuen Superkräften zu experimentieren und es richtig krachen zu lassen. Spielerisch gibt Second Son aber einfach zu wenig her. Der Ablauf ist in jedem Stadtbezirk immer derselbe, die an sich schöne Stadt lädt nicht wirklich zum Erkunden ein. Die Story ist nicht der Rede wert, die Antagonistin hat zu wenig Bösewicht-Potential und die Hauptfigur ist mir schlicht unsympathisch.




(Bild 9: Keine Angst - ich mag Delsin nicht, aber ich lasse ihn schon nicht in den Tod stürzen!)


Touchpad, Controller-Lautsprecher und Sixaxis-Steuerung werden eingesetzt, aber das wirkt ein bisschen aufgepfropft. Man hätte das Spiel genauso gut auch ohne diese Gimmicks im Griff. Nur in Punkto Grafik kann Second Son hundertprozentig überzeugen. Eine Note vergebe ich nicht. Das wäre unfair, denn unter normalen Umständen hätte ich dieses Spiel nie gekauft!


J. Kreis, 03.06.2014





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