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halflife2

System:
PC DVD-ROM

Genre:
Egoshooter

Note: 2 +
HALF LIFE 2

Die Entstehungsgeschichte von Half Life 2 (HL2) ist eine jahrelange Abfolge von peinlichen Pleiten und Pannen, die ich hier gar nicht wiederholen will. Man wollte es nach all den widersprüchlichen Informationen und Verschiebungen gar nicht so recht glauben, als HL2 dann im November 2004 tatsächlich in den Regalen stand und entsprechend hoch war natürlich meine Erwartungshaltung. Um das Ergebnis dieser Review vorwegzunehmen: Das Warten hat sich zwar auf jeden Fall gelohnt: HL2 ist ein astreiner, sehr unterhaltsamer Egoshooter und ein optischer Leckerbissen. Es bietet aber bei weitem nicht die spielerische Offenbarung, die man bei all den Lobpreisungen der großen Spielezeitschriften erwarten könnte. Darüber hinaus nistet sich zusammen mit dem Spiel ein kleiner Störenfried namens Steam auf eurer Festplatte ein, über den am Ende dieser Review noch die Rede sein wird…

Warnung! Ohne Internetverbindung ist das Spielen von Half Life 2 nicht möglich, auch dazu später mehr.

Diese Review bezieht sich auf die Standard-Version des Spiels. HL2 gibt es in einer ganzen Reihe von anderen Editionen mit unterschiedlicher Verpackung und diversen Extras.

Story

Dr. Gordon Freeman ist wieder einmal in Schwierigkeiten. Nach dem Black Mesa – Zwischenfall, bei dem ein Tor zu einer anderen Dimension geöffnet worden war, strandet er jetzt in einer seltsamen Stadt, in der die Menschen von schwer bewaffneten Polizeikräften, den Combine-Soldaten, unterdrückt werden. Mit Müh und Not schafft er es, sich zu seinen alten Freunden durchzuschlagen, die zu einer Widerstandsbewegung gehören. Natürlich bleibt er auch dort nicht lange in Sicherheit und muss zunächst einmal auf sich allein gestellt herausfinden, was eigentlich los ist, warum die Stadt von Monstern überrannt wird und was es mit der außerirdisch anmutenden Zitadelle auf sich hat, die sich mitten in der Stadt erhebt.

Die Story kommt in diesem Spiel etwas zu kurz. Eine richtige zusammenhängende Handlung ist in den meisten Levels eigentlich überhaupt nicht erkennbar. Man betritt einen neuen Abschnitt, kämpft sich durch und kommt ins nächste Level – die Story wird dadurch aber nicht weitergeführt, viele offene Fragen werden überhaupt nicht erst beantwortet. Und ein richtiges Ende hat die Story in diesem Spiel auch nicht - da muß man wohl auf HL3 warten, wenn man wissen will, was das Ganze jetzt eigentlich bedeuten sollte.

Steuerung / Gameplay

Unter dieser Überschrift kommen wir schon gleich zum ersten Kritikpunkt, der eigentlich gar keiner ist: HL2 bietet spaßige Egoshooterkost – aber fast nichts neues. Wie in jedem anderen Egoshooter auch hat der Spieler die Aufgabe, sich durch ein Areal nach dem anderen hindurchzukämpfen, um den Ausgang zum nächsten Level zu erreichen. Unterwegs findet man nach und nach die üblichen Waffen und muss sich damit gegen verschiedene menschliche und nichtmenschliche Gegner wehren. Die Rätsel, die man unterwegs zu lösen hat, beschränken sich auf das Suchen nach versteckten Schaltern und ähnlichem oder auf das Überwinden von Hindernissen. Mit Medipacks usw., die immer wieder mal offen herumliegen oder in Kisten versteckt sind, frischt man Gordons Lebensenergie und die Ladung seines Schutzanzugs auf. Medipacks und Munition sind meistens in großzügigen Mengen verfügbar.

Man muss nicht etwa verschiedene Missionsziele erledigen, um innerhalb eines Levels weiterzukommen. Es gibt keine komplizierten Rätsel zu lösen und wenn man den Ausgang gefunden hat, ist das Level abgehakt – man muss bzw. kann nicht wieder dorthin zurückkehren. Das klingt bekannt? Genau – den gleichen Text könnte ich zu jedem beliebigen anderen Egoshooter schreiben. Alles läuft sehr geradlinig ab, es ist nicht nötig, die Levels genau zu erforschen, es sei denn, man benötigt dringend Munition oder Health. Richtige Secrets wie besonders schwer zu erreichende Gebiete gibt es kaum. Das ist besonders schade, weil viele Areale wirklich sehr weitläufig sind – wenn man dann aber die weiten Wege zurücklegt, um jeden noch so entlegenen Winkel zu erkunden, und dort rein gar nichts interessantes findet, dann ist das schon enttäuschend. Irgendwelche revolutionären Neuerungen im Gameplay darf man auch bei HL2 nicht erwarten.

Das besondere an HL2 ist (neben der Grafik, siehe unten) die Physik-Engine, die der Realität schon sehr nahe kommt und mit der man herrlich herumspielen kann. Jedes bewegliche Objekt in diesen Spiel verhält sich exakt so, wie es den echten physikalischen Gesetzmäßigkeiten entspricht. Das gab es zwar z.B. in Far Cry auch schon, aber da wurde nicht so viel Gebrauch davon gemacht. In HL2 kann man die Möglichkeiten viel besser ausschöpfen, und zwar vor allem wegen der Gravity-Gun. Das ist eines der witzigsten Features des ganzen Spiels, das auch noch auf sehr originelle Art und Weise vorgestellt wird (wie, will ich an dieser Stelle gar nicht verraten). Mit der G-Gun könnt ihr alles mögliche aus der Ferne zu euch heranziehen, mit euch herumschleppen und mit großer Wucht wieder wegschleudern. So könnt ihr z.B. Stecker für Kraftfelder, die euch den Weg versperren, aus der Ferne herausziehen oder Sägeblätter und explosive Fässer als tödliche Wurfgeschosse verwenden. Überhaupt liegen in HL2 überall die verschiedensten Sachen herum, mit denen man alles mögliche anstellen kann. Aus Ziegelsteinen und Brettern kann man Rampen bauen, mit denen sich Sperren überwinden lassen. Ihr könnt eure Gegner mit Schränken, Heizkörpern oder Kloschüsseln bewerfen – oder mit Farbeimern: Ein weiß getünchter Zombie sieht doch gleich viel netter aus! Spielrelevant sind die Einsatzmöglichkeiten zwar nur selten, weil es meistens auch andere Wege zum Ziel gibt, aber Spaß macht es trotzdem, mit der Engine zu experimentieren. Die Umgebung selbst kann allerdings nicht beeinflusst werden. Es ist also z.B. nicht möglich, Löcher in Wände zu sprengen. Nur Fensterscheiben (aber auch wieder nicht alle) können zerschossen werden und man sieht Einschusslöcher in den Wänden.

Der Spaßfaktor wird nochmals dadurch gesteigert, dass man in HL2 ein Hovercraft und einen Buggy steuern kann. Dann wird der Egoshooter fast zu einem Rennspiel, denn die Lenkung der Gefährte ist sehr eingängig. Die fahrbaren Untersätze sind teilweise sogar bewaffnet. Leider sind die Abschnitte, die man per Boot bewältigen muss, etwas zu lang geraten. Immer wieder gleichzeitig von Soldaten und von schießenden und minenwerfenden Hubschraubern verfolgt zu werden, fängt dann irgendwann an zu nerven.

Die Steuerung ist, wie es sich für einen Egoshooter gehört, schnell gelernt und fehlerfrei, es fehlt nur leider die Möglichkeit, sich hinter einer Deckung hervorzulehnen. Da bei der Standard-Version des Spiels kein Handbuch enthalten ist, sondern nur eine Referenzkarte mit den wichtigsten Hinweisen (!), wäre eine zu komplizierte Steuerung vielleicht auch fatal gewesen.

Schließlich kann man in bestimmten Abschnitten kleine Kampftrupps befehligen. Handelt es sich um Menschen, dann ist meist ein Kamerad dabei, der Medipacks oder Munition verteilt. Man kann sie vorausschicken, damit sie einen Bereich sichern – das funktioniert ganz gut und sieht innerhalb von Gebäuden genau so aus, wie man sich einen echten Häuserkampf vorstellt. Handelt es sich um "Ant-Lions" (käferartige Wesen, die an die Bugs aus dem Film Starship Troopers erinnern), dann kann man diese recht kampfkräftigen Burschen mittels Pheromon-Kapseln auf die Gegner hetzen und sich entspannt zurücklehnen, während die Käfer Hackfleisch aus den Combine-Soldaten machen. Solange man noch nicht über diese Pheromon-Kapseln verfügt, muss man in käferverseuchten Gegenden sehr vorsichtig sein, denn die Biester reagieren auf jede Bodenerschütterung und respawnen immer wieder, egal wie viele von ihnen man zu Chitinbrei zerschießt. An bestimmten Stellen passiert das auch mit menschlichen Gegnern – dann sollte man sich gar nicht mit ihnen aufhalten, sondern einen anderen Weg suchen, um sie zu umgehen.

Grafik / Sound

Jetzt aber erstmal zu dem, was HL2 wirklich aus der Masse anderer aktueller Egoshooter heraushebt: Das Spiel sieht einfach unglaublich gut aus. Schon ganz am Anfang sorgen solch feine Details wie Staub und Dunst, der durch Lichtstrahlen treibt, realistische Spiegelungen im wunderbar animierten Wasser, riesige animierte Videobildschirme und die enorme Sichtweite für Aha-Erlebnisse. Man sieht immer wieder, wieviel Mühe die Entwickler sich mit den Texturdetails selbst der kleinsten, unbedeutendsten Objekte gegeben haben. Geht man näher an größere Objekte (z.B. Gebäude) heran, wird man allerdings sehr oft feststellen, dass man es mit reinen Textur-Tapeten zu tun hat, d.h. die Objekte wurden nicht immer aus besonders vielen Polygonen modelliert. Das Gegnerdesign ist gut gelungen, wenn man auch meist den gleichen Combine-Soldaten, Zombies, Ant-Lions und "Kopfkrabben" begegnet. Manchmal hat man es auch mit recht eindrucksvoll gestalteten größeren Widersachern zu tun, etwa mit hubschrauberähnlichen Maschinen, Mannschaftstransportern oder Ant-Lion-Königinnen. Besonderes Lob haben aber die NPCs verdient. Man erhält beinahe den Eindruck, als habe man es mit virtuellen Schauspielern zu tun, die adäquat auf ihre Umwelt reagieren. Sie verfügen über eine abwechslungsreiche Palette verblüffend lebensechter Gesichtsausdrücke, ihre Lippen bewegen sich beim Sprechen usw. – außerdem gleicht keiner dem anderen. Nur die Effekte von Feuer sowie von Licht und Schatten habe ich anderswo schon besser gesehen. Leider haben die Areale alle fast ein wenig eintönige Farbgebungen. Kein Vergleich z.B. mit dem farbenprächtigen Dschungel von Far Cry!

An den Soundeffekten gibt es nichts auszusetzen. Realistische Waffengeräusche, stöhnende Zombies, quietschende "Kopfkrabben", fette Explosionen – nur die deutsche Sprachausgabe ist mal wieder ziemlich in die Hose gegangen. Die Synchronsprecher klingen so, als hätte man x-beliebige Personen ans Mikro gelassen, die einen ihnen unbekannten Text mit völlig falscher Betonung vorlesen. Es gibt auch den sogenannten "Stotter-Bug", der auch durch einen inzwischen per Steam (siehe unten) verteilten Hotfix nicht völlig ausgeräumt wurde. Betritt man nämlich neue Areale oder betätigt die Quicksave-Taste, kommt es manchmal vor, dass das Spiel "hängt" und die Geräusche in einer Endlosschleife immer wiederholt werden. Das kann dann mitunter einige Sekunden dauern, bevor man endlich weiterspielen kann.

Trotz der genannten Kritikpunkte ist HL2 ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus und steckt die Konkurrenzprodukte Far Cry und Doom III insbesondere in Sachen Detailreichtum locker in die Tasche.

KI / Script-Ereignisse

Wie bereits im ersten Teil stößt man immer wieder auf gescriptete Ereignisse. Plötzlich tauchen Gegner hinter irgendwelchen Ecken auf, Soldaten seilen sich aus Landungsschiffen ab, eine Schlacht zwischen Combines und Widerständlern entbrennt, Zivilisten öffnen für euch Türen zu Fluchtwegen – das alles wirkt sehr eindrucksvoll (jedenfalls beim ersten Mal, bei der x-ten Wiederholung funktioniert es nicht mehr so gut) und vermittelt euch den Eindruck, dass ihr in einer lebendigen Welt umherlauft, in der dauernd irgendwas passiert. Aber wie verhält es sich mit der Interaktion? Wie intelligent reagieren also die Gegner auf euch? Antwort: Gar nicht. Gut, die menschlichen Gegner ziehen sich durchaus mal zurück, wenn sie beschossen werden, und werfen Granaten aus der Deckung heraus. Das ist aber auch schon alles – Einkesselungsmanöver, wie man sie aus Far Cry kennt, wird man hier nicht erleben. Tja, und die nichtmenschlichen Gegner springen, rennen oder schlurfen einfach nur stupide auf euch zu. Eure Team-Mitglieder stellen sich manchmal fast genauso dumm an. Da kann es schon mal vorkommen, dass sie euch den Weg versperren, wenn ihr durch eine Tür gehen wollt, und einfach keinen Platz machen wollen. Von KI kann also keine Rede sein – das hätte man besser lösen können!

Sonstiges / Steam

Was mir sonst noch aufgefallen ist, sind die grauenhaft langen Ladezeiten innerhalb der Levels. Betritt man einen neuen Abschnitt, kann man getrost erstmal zum Kühlschrank oder aufs Klo gehen wenn man nicht gebannt auf den Text "Lade Daten" starren möchte – bis es weitergeht, vergeht durchaus schon mal eine Minute oder mehr! Immerhin wird in solchen Situationen auch der Spielstand automatisch gespeichert. Manuell speichern kann man darüber hinaus glücklicherweise immer und überall. Das Spiel hat einen angemessenen Umfang, 15 – 20 Stunden wird man bis zum Abspann schon brauchen, wenn man sich ein wenig Zeit lässt. Ein Multiplayer-Modus ist in der Standard-Auslieferungsversion nicht vorhanden.

Wie bereits gesagt: Zusammen mit HL2 wird das Programm Steam auf eurer Festplatte installiert. Steam ist eine Plattform für alle Spiele des Entwicklers Valve und wird bei HL2 für die Online-Aktivierung benötigt. Online? Genau! Ihr braucht eine Internetverbindung, um HL2 überhaupt starten zu können. Ihr habt gar keinen Internetanschluss? Nun, dann braucht ihr euch HL2 auch nicht zu kaufen! Steam nimmt Kontakt mit einem Server auf, sobald ihr HL2 installiert habt. Es wird ein Account für euch angelegt und ein Password wird gespeichert. Das ist ein einmaliger Vorgang, danach braucht ihr angeblich keine Internetverbindung mehr, könnt also auch offline spielen. Steam startet aber immer automatisch zusammen mit HL2. Seid ihr also immer mit dem Internet verbunden, nimmt Steam auch immer Kontakt zum Server auf (es sei denn, ihr blockiert es durch eine Firewall) und lädt dann automatisch alle Updates auf euer System, die es für HL2 oder andere Spiele von Valve gibt, die ihr installiert habt. Solltet ihr auf die Idee kommen, diesen Vorgang mal mittendrin abzubrechen, geht euer Password verloren und ihr könnt HL2 nicht mehr starten – bis ihr euch nochmal ganz von vorn eingeloggt habt! Also: HL2 spielen wollen bedeutet: Zwangsregistrierung. Da ich grundsätzlich kein Freund von Zwängen irgendwelcher Art bin, war ich über diese Geschichte recht sauer. Da man nach erfolgter Registrierung aber theoretisch nie wieder online sein muss, um HL2 spielen zu können, war ich wieder etwas versöhnt. Das Problem bei der Registrierung ist nur, dass es bei langsamen Modemverbindungen (wie bei mir) schon mal 2 Stunden dauern kann, bis alles komplett durchgelaufen ist… Und was passiert, wenn ihr HL2 verkaufen wollt, d.h. wenn das gleiche Spiel auf einem anderen Rechner installiert werden soll, kann man nur vermuten!

Außerdem hat Steam bei mir nach ungefähr vier Wochen sozusagen den Betrieb eingestellt. Will sagen: Ich konnte HL2 nicht mehr offline starten, egal was ich auch angestellt habe. Den Endgegnerkampf mußte ich daher mit aktivierter Internetverbindung zocken - nachdem erstmal wieder stundenlang irgendwelche Updates gesaugt worden waren, die ich gar nicht haben wollte...

Fazit

HL2 ist ein packend inszenierter, schnörkelloser, actionorientierter, sehr unterhaltsamer und extrem schicker Egoshooter. Die Story ist nebensächlich, die Atmosphäre ist nicht so düster-klaustrophobisch wie noch im ersten Teil, Rätsel muss man kaum lösen, spielerisch gibt es praktisch nichts neues. Es soll auch nicht verschwiegen werden, daß es in HL2 einige recht unfaire Stellen gibt, bei denen man von Gegnermassen angegriffen wird, mit denen man nur schwer fertig wird. Zum Glück gibt es die Quicksave-Taste...

HL2 hat Spaß gemacht - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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