Zurück zu den Spielen

Heavy Rain

System:
Sony Playstation 3

Genre:
Adventure

Note: 3
HEAVY RAIN

Ich mag keine "Quick Time Events" (QTEs). Und dieses Spiel, das man im Grunde eher als interaktiven CGI-Film bezeichnen könnte, besteht praktisch nur aus QTEs! Dass ich es trotzdem gekauft und sogar bis zum Ende durchgehalten habe, liegt hauptsächlich an der...

...Story

Der Architekt Ethan Mars ist glücklich verheiratet und hat zwei Söhne: Jason und Shaun. Eines Tages soll Ethan in einem Einkaufszentrum auf Jason aufpassen, während seine Frau mit Shaun unterwegs ist. In einem Moment der Unachtsamkeit verliert er Jason aus dem Blick. Verzweifelt sucht Ethan nach seinem Sohn. Als er sieht, wie das Kind auf die Straße läuft, springt er hinterher - doch zu spät: Jason wird von einem Auto erfasst und getötet. Ethan selbst erleidet Schädelverletzungen. Sechs Monate später erwacht Ethan aus dem Koma. Er wird immer wieder von seltsamen Blackouts geplagt. Seine Ehe zerbricht, er quält sich mit Selbstvorwürfen und fürchtet, ein schlechter Vater für seinen jüngeren Sohn Shaun zu sein, der sich ihm immer mehr entfremdet.

Eines Tages verschwindet Shaun spurlos. Ethan hat einen furchtbaren Verdacht: Das Kind könnte zum Opfer des so genannten Origami-Killers geworden sein. Dieser Serienmörder entführt Kinder, die nach einigen Tagen tot aufgefunden werden. Alle bisherigen Opfer sind in Regenwasser ertrunken. Ihre Leichen werden aber nicht im Wasser, sondern an einem anderen Ort gefunden - mit einer Origami-Figur in der Hand und einer Orchidee auf der Brust. Nachdem er die Polizei um Hilfe gebeten hat, erhält Ethan Botschaften in Form mehrerer Origami-Figuren von einem Unbekannten. Jede Botschaft enthält eine Aufgabe, die er an einem bestimmten Ort erfüllen muss. Zur Belohnung erhält Ethan jedes Mal einen Teil der Adresse des Ortes, an dem Shaun gefunden werden kann. Dazu gehören Videobotschaften, in denen zu sehen ist, dass Shaun in einem Loch gefangen ist, das sich wegen des unaufhörlich niederprasselnden Regens allmählich mit Wasser füllt.

Während Ethan eine Aufgabe nach der anderen absolviert und dabei selbst zum Verdächtigen wird, ermittelt der Privatdetektiv Scott Shelby auf eigene Faust. Er befragt die Familien der früheren Opfer. Madison Paige, eine attraktive Journalistin, interessiert sich ebenfalls für den Origami-Killer, und schließlich wird auch das FBI eingeschaltet. Norman Jayden, ein junger Profiler, unterstützt die lokale Polizeidienststelle mit modernster Technologie, die es ihm ermöglicht, selbst kleinste Spuren zu sichern und online mit den Datenbanken der Bundespolizei abzugleichen.

Allmählich wird klar, was der Origami-Killer will. Ethan soll beweisen, dass er buchstäblich zu allem bereit ist. Und so muss er sich nicht nur selbst verstümmeln und einen Mord begehen, sondern am Ende das denkbar größte Opfer bringen, um Shaun zu retten.

Kapitel, Entscheidungen und Blickwinkel

Wie schon gesagt ist Heavy Rain eher ein interaktiver Film, d.h. ein Großteil des Geschehens besteht aus CGI-Filmen, die der Spieler nur sehr begrenzt über QTEs beeinflussen kann (siehe Kapitel "Steuerung"). Während die meisten anderen Games viel Gameplay und wenig Story bieten, ist es bei Heavy Rain genau andersrum: Das Spiel besteht praktisch nur aus Story, der Spieler hat wenig zu tun. Ihr betrachtet also einen Film und dürft lediglich bestimmen, wie bestimmte Schlüsselszenen ablaufen. Das Ganze ist in einen Prolog und sechs Kapitel mit mehreren Unter-Kapiteln unterteilt. Da eure Entscheidungen sehr weitreichende Auswirkungen haben können - jede der Hauptfiguren kann im Spielverlauf sterben, und es steht keineswegs fest, dass Shaun gerettet wird - kann das Spiel ganz unterschiedlich verlaufen. Ein Beispiel von unzähligen: Madison versucht herauszufinden, wer eine Wohnung gemietet hat, in der Ethan eine der vom Origami-Killer gestellten Aufgaben absolvieren musste. Zu diesem Zweck sucht sie einen zwielichtigen Arzt auf, der ihr einen Drink anbietet. Trinkt sie das Zeug, so verliert sie das Bewusstsein und findet sich im Keller des Arztes auf eine Liege geschnallt wieder, denn der Typ führt gern Operationen ohne Narkose durch. Lehnt sie (bzw. ihr) ab, kann sie den unheimlichen Kerl austricksen. Dann bekommt ihr die Sequenz im Keller gar nicht erst zu sehen.

Die Geschichte wird aus dem Blickwinkel der vier im Kapitel "Story" genannten Protagonisten erzählt. Der Spieler schlüpft abwechselnd in die Identität all dieser Personen, d.h. die Handlungsebenen wechseln immer wieder - ein vor allem in Romanen sehr beliebtes Stilmittel zur Spannungssteigerung, das auch in Heavy Rain bestens funktioniert. Jede Hauptfigur hat ihren eigenen Charakter, alle haben Ecken und Kanten, finstere Seiten und nicht von Anfang an klar erkennbare Interessen. Der von Depressionen und Selbstvorwürfen zerfressene Ethan glaubt irgendwann selbst, der Killer zu sein. Madison hat unerklärliche Schlafstörungen und Alpträume, Shelby spricht allzu gern dem Whiskey zu und Jayden ist drogensüchtig. Er gerät immer wieder mit seinem neuen Partner, einem brutalen Schlägertypen, aneinander. Diese Charakterzeichnung ist hervorragend gelungen!

Stirbt eine Hauptperson, dann ist das Spiel nicht etwa zu Ende, sondern wird mit den verbliebenen Hauptfiguren und den entsprechenden Konsequenzen weitergeführt. Die vier Handlungsstränge können sich - je nach euren Entscheidungen - begegnen, d.h. Ethan und Madison können ein Paar werden, Madison und Agent Jayden können Ethan beim Kampf gegen den Origami-Killer unterstützen. Wie es sich für einen guten Thriller gehört, tappt man lange Zeit im Dunkeln. Der Verdacht wird gezielt auf die falschen Verdächtigen gelenkt - jeder, auch die vier Hauptpersonen, könnte der Täter sein. Die Auflösung ist überraschend, wird aber glaubwürdig vermittelt. Es gibt einzelne Kapitel, in denen der Spieler in die Kindheit des Killers versetzt wird, ihn sogar selbst steuert und dadurch begreift, welche Motivation ihn antreibt. Die Identität des Killers bleibt aber bis zum Ende ein Geheimnis. Dieser ständige Wechsel in der Perspektive eröffnet zwar interessante dramaturgische Möglichkeiten, verhindert aber auch, dass man sich mit einer einzigen Person identifiziert.

In den Dialogen kann man in der Regel unter verschiedenen Antworten wählen. Diese Antworten schwirren der Spielfigur dann buchstäblich um den Kopf herum, man muss einfach den angezeigten Button des Gamepads drücken, um die Antwort auszuwählen. Wenn der Protagonist aber aufgeregt ist, sich in einer Stresssituation befindet und dergleichen, dann zittert der Text oder verschwimmt und ist schlecht zu lesen - entscheidet man sich nicht schnell genug für eine der möglichen Antworten, verschwinden alle Optionen und das Spiel wählt selbst eine aus. So wird auch im Spieler der zur Situation passende Stress erzeugt. Woran die Figur gerade denkt, wird durch Betätigen der L2-Taste sichtbar. Diese Gedanken enthalten meist Tipps zur Bewältigung der aktuellen Aufgabe.

Aufgrund der vielen verschiedenen Lösungswege müsste man Heavy Rain x-mal durchspielen, um alle möglichen Handlungsverläufe und Enden sehen zu können. Natürlich hat nicht jede Entscheidung, die man im Verlauf des Spiels trifft, wirklich weitreichende Auswirkungen. Aber man weiß es eben nie vorher, so dass man nie das Gefühl hat, es sei völlig egal, welche Option man auswählt. Man muss übrigens nicht immer wieder ganz von vorn beginnen, sondern kann in jedem beliebigen Kapitel aufsetzen. Ich muss aber sagen: So spannend die Story auch sein mag - mir hat das einmalige Durchspielen gereicht.

Grafik, Soundtrack

Damit Heavy Rain als Film funktioniert, müssen Optik und Soundtrack hohen Anforderungen genügen, und das tun sie auf jeden Fall - besser hätte auch ein CGI-Kinofilm kaum inszeniert werden können. Vor allem die Gesichter der virtuellen Protagonisten gefallen mir sehr gut, aber auch die detailreichen, fast fotorealistischen Umgebungen können sich sehen lassen. Die Animationen sind eher suboptimal. Auf der einen Seite bewegen sich alle Figuren ein wenig steif und staksig, andererseits ist Madisons Hüftschwung etwas zu übertrieben... Aber insgesamt kann man mit der Grafik sehr zufrieden sein; die Atmosphäre eines "schmutzigen" Psychothrillers wird perfekt getroffen. Nach den hellen, farbenfrohen Eröffnungsszenen (aus der Zeit vor Jasons Tod) herrschen Finsternis, Zerfall und natürlich der allgegenwärtige Regen vor. Unterschiedliche Kameraperspektiven und geteilte Bildschirme werden recht oft und sehr effektvoll eingesetzt. Parallel verlaufende Ereignisse werden nebeneinander montiert. So steuert man in einem Frame z.B. Madison, die Ethan untergehakt hat und vor der Polizei flieht, in mehreren anderen Frames sieht man die Fortschritte der Verfolger.

Die Atmosphäre wird durch den fantastischen orchestralen Soundtrack noch unterstützt. Er passt stets zur Situation, d.h. in Actionszenen wird er immer dramatischer. Die Musik ist so eingängig, dass ich die Titelmelodie noch immer im Ohr habe. Es kommen offensichtlich professionelle Sprecher zum Einsatz, was auch sehr wichtig ist, denn in diesem Spiel geht es um Gefühle, und die müssen richtig vermittelt werden. Man kann jederzeit zwischen verschiedenen Sprachen wählen, und ich muss sagen, dass mir die englischen Sprecher besser gefallen haben als die der deutschen Synchronisation.

Heavy Rain ist übrigens das erste mir bekannte Spiel, in dem es Szenen mit "Full frontal nudity" zu sehen gibt. Normalerweise werden die "naughty bits" immer kaschiert, hier aber nicht...

Steuerung

Die Steuerung ist der Knackpunkt an Heavy Rain. In der Regel werden die Figuren nicht direkt gesteuert, sondern über die schon zu Beginn erwähnten QTEs. Typisches Beispiel: Es kommt zu einem Zweikampf, den man in Form einer Filmsequenz verfolgt. Dabei erscheinen Symbole für die verschiedenen Tasten und Sticks des Gamepads auf dem Bildschirm, die in der richtigen Reihenfolge, meist auch innerhalb eines kurzen Zeitlimits, gedrückt werden müssen. Macht man das richtig, kann die Spielfigur gegnerischen Schlägen ausweichen und zurückschlagen. Verfehlt man die Tasten, so steckt die Figur nur Prügel ein und verliert den Kampf. Dummerweise sind die Symbole nicht immer gut genug zu sehen, manchmal werden sie von den Figuren sogar ganz verdeckt!

Auch die Sixaxis-Steuerung des PS3-Pads kommt zum Einsatz. So muss man das Pad z.B. heftig schütteln, um an Fesseln zu rütteln, das Lenkrad eines Autos herumzureißen usw., man fuchtelt also heftig mit dem Ding herum. Meist muss immer nur eine Taste nach der anderen betätigt werden, aber es kommt auch vor, dass man mehrere gleichzeitig gedrückt halten muss - und in der einen oder anderen Szene (zum Glück nur selten) kann das dazu führen, dass man gar nicht genug Finger zur Verfügung hat oder sich die Hände verknoten müsste. Ich muss gestehen, dass ich einmal die Nasenspitze zu Hilfe genommen habe...

Nur außerhalb der vielen selbstablaufenden Filmszenen können die Figuren direkt gesteuert werden, und diese Steuerung ist leider äußerst hakelig und ungenau. Die Figuren gehen los, wenn man die R2-Taste drückt. Mit dem linken Stick bestimmt man ihre Blick- und Bewegungsrichtung. Die Kameraperspektive kann mit der L1-Taste nur leicht verändert werden, frei umsehen kann man sich nicht. Leider ist es gar nicht so einfach, die Figuren dazu zu bringen, sich in die richtige Richtung zu bewegen, außerdem bleiben sie dauernd irgendwo hängen. Nähern sie sich einem interaktiven Objekt, erscheint wiederum ein Symbol auf dem Bildschirm - so muss man meist den rechten Stick nach oben, nach unten oder kreisförmig bewegen, um Türen/Schubladen usw. zu öffnen oder Geräte zu bedienen. Andere Interaktionsmöglichkeiten gibt es nicht, Rätsel müssen so gut wie nie gelöst werden. Die Figuren können keine Gegenstände aufsammeln, ein Inventar ist nicht vorhanden.

Im Fall des FBI-Agenten kommt eine Besonderheit hinzu. Der Spieler kann nämlich Jaydens Spezialausrüstung einsetzen: Eine Brille, die Spuren sichtbar macht und eine Art virtuelles Büro, in dem er (vor phantastischen Landschaftsbildern) diese Spuren auswerten kann. Die VR-Brille steht aber nicht immer zur Verfügung, sondern nur in einzelnen vorgegebenen Szenen.

Sonstiges

Man kann den Spielstand nicht jederzeit sichern, das geschieht automatisch. Die Speicherpunkte sind aber sehr fair verteilt, das ist also kein Problem.

Das Spiel wird auf der PS3-Festplatte installiert. Während des Installationsprozesses kann man sich die Zeit mit dem Falten einer Origami-Figur vertreiben, die der Verpackung beiliegt.

Nach und nach wird Bonusmaterial freigeschaltet: Bildergalerien mit Konzeptkunst, außerdem mehrere Featurettes, die das Casting der Hauptfiguren, das Motion-Capturing, die Entstehung des Soundtracks usw. zeigen.

Fazit

Heavy Rain versucht den Spieler emotional zu beteiligen, und das gelingt auch. Allerdings ist alles auf die Rettung Shauns ausgerichtet, und dummerweise entsteht keine richtige Bindung zu ihm, weil man vor seiner Entführung kaum etwas mit ihm zu tun hat. Will sagen: Es ist mir relativ egal, ob Shaun am Ende gerettet wird oder nicht - die von mir gesteuerten Hauptfiguren liegen mir mehr am Herzen. Da aber auch sie immer wieder in Gefahr geraten (auch und gerade durch Entscheidungen des Spielers), wird man quasi an den Bildschirm gefesselt und möchte nur noch schnell das nächste Kapitel abschließen, um zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht. Und dann das übernächste... und das über-übernächste...

Die tolle Atmosphäre, die spannende, klasse inszenierte Kriminalgeschichte und die sehr nette Grafik machen Heavy Rain zu einem eindrucksvollen Erlebnis. Der Spielspaß wird durch die schwammige, ungenaue Steuerung leider nicht unerheblich getrübt und letzten Endes fehlt mir einfach der spielerische Tiefgang. Das Gameplay gibt nicht genug her, zu oft hatte ich trotz der vielen Entscheidungsmöglichkeiten das Gefühl, am Gängelband durch die Handlung gezogen zu werden. Deshalb bin ich hin- und her gerissen: Einerseits ist Heavy Rain ein fesselnder interaktiver Film, andererseits aber keine spielerische Herausforderung. Deshalb entscheide ich mich schweren Herzens für die Note 3.


J. Kreis, 30.03.2010
Seitenanfang