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Gothic

System:
PC DVD-ROM

Genre:
RPG

Note: 2
GOTHIC (FAN EDITION)

Es kann eine heilsame Erfahrung sein, mal ein älteres Computerspiel zu spielen. Durch den direkten Vergleich mit aktuellen Titeln merkt man dann erst so richtig, welche Fortschritte in den letzten Jahren vor allem in Sachen Grafik gemacht worden sind. Dass eine tolle Grafik aber kein Muss ist, kann man am Beispiel des im Jahre 2001 erschienenen Action-Rollenspiels "Gothic" sehr gut erkennen. Im Gegenteil: "Gothic" ist, vor allem im Vergleich mit der aktuellen Fortsetzung (Gothic 3) der Beweis dafür, dass man auch ohne State-of-the-Art-Grafik auskommt, wenn Story, Atmosphäre und so weiter stimmen. Ich gehe deshalb auch gar nicht weiter auf die Grafik ein. Schaut euch die Screenshots ganz unten am Ende des Texts an, dann wisst ihr, was euch erwartet.

Story

Rhobar II., König von Myrtana, führt Krieg gegen die Orks. Rhobar droht zu unterliegen, aber Waffen aus magischem Erz könnten die entscheidende Wende bringen. Dieses besondere Erz wird nur im Minental auf der Insel Khorinis gefunden, und da immer mehr davon benötigt wird, nimmt die Anzahl derjenigen zu, die auf die Insel verbannt werden schon bei geringfügigen Vergehen wird man zur Zwangsarbeit in den Minen verurteilt. Das Tal soll durch eine magische Barriere abgeriegelt werden, aber bei der Errichtung dieser Barriere durch die besten Magier des Landes geht etwas schief: Die Barriere dehnt sich weiter aus als erwartet, so dass auch die Magier im Inneren gefangen sind. Prompt kommt es zu einem Gefangenenaufstand. Die Wachen werden besiegt, und künftig beherrschen die Gefangenen das Tal. Erzlieferungen nach draußen sind aber ebenso möglich wie das Durchqueren der Barriere nach innen, und da die Gefangenen auf Versorgungsgüter von außerhalb angewiesen sind, bauen sie das Erz weiterhin für den König ab.

Der Spieler übernimmt die Rolle eines namenlosen Helden, der in die Barriere geworfen wird. Man gibt ihm einen Brief mit, den er dem obersten Feuermagier überbringen soll. Sein Ziel ist natürlich die Flucht aus der Barriere. Als Neuling muss er aber erst einmal seinen Platz in der Gesellschaft des Minentals finden und sich durchsetzen, was ihm wegen der dort herrschenden rauen Umgangsformen nicht leicht fällt. Im Minental herrscht das Recht des Stärkeren, und so muss der Held sich entscheiden, welcher der drei großen Gruppierungen er sich anschließen will: Dem Alten Lager, in dem all diejenigen leben, die sich mit dem König arrangiert haben? Dem Sumpflager, in dem Sektierer das beliebte Sumpfkraut anbauen und für die Wiederkehr eines Gottes beten, den sie als "Schläfer" bezeichnen? Oder dem Neuen Lager, in dem die Wassermagier Unmengen des Erzes sammeln, um mit dessen Hilfe die Barriere zum Einsturz zu bringen?

Steuerung / Gameplay

Wenn ihr meine Reviews zu Gothic 2 (incl. Add-On) und Gothic 3 gelesen oder euch selbst schon in diesen virtuellen Welten aufgehalten habt, dann wisst ihr, wie "Gothic" sich spielt alle wesentlichen Eigenheiten der Charakterentwicklung mit Lernpunkten, der Steuerung usw. wurden beibehalten. Allerdings spielt man "Gothic" vorwiegend mit der Tastatur, die Maus wird nur zum Umsehen und zum Bestimmen der Bewegungsrichtung verwendet. Objekte werden immer mit der Steuerungs- und den Pfeiltasten verwendet. Das ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig, man hat den Bogen aber schnell raus.

Das Inventar ist zwar in mehrere Kategorien eingeteilt und der beste Gegenstand steht immer oben, unübersichtlich ist es dennoch. Das Inventar öffnet sich nämlich als "Säule" am rechten Bildschirmrand, alle Gegenstände stehen in einer Zeile untereinander. Weil viele Gegenstände (vor allem Waffen) nicht "gestapelt" werden, kann man schnell mal den Überblick verlieren. Der Handel verläuft noch unübersichtlicher. Es ist zwar ganz nett, dass man alle Gegenstände tauschen kann (ansonsten ist Erz die gängige Währung), aber bis man die gewünschten Sachen aus dem eigenen Inventar und dem des Händlers ins Handels-Menü gezogen hat, kann schon eine Weile vergehen. Außerdem müssen die Beträge immer genau aufgehen, Differenzen müssen mit Erz ausgeglichen werden, sonst kommt der Handel nicht zustande.

Spielwelt / Atmosphäre

Wie ihr der Story schon entnehmen könnt, ist die Welt von "Gothic" recht komplex. Es gibt eine ganze Reihe rivalisierender Fraktionen, selbst innerhalb der einzelnen Gruppen kommt es immer wieder zu Interessenskonflikten. Praktisch jeder innerhalb der Barriere kocht sein eigenes Süppchen. Es geht ganz schön zur Sache, wie dem Spieler gleich klar wird, wenn er das Alte Lager betritt. Dort wird er nämlich "freundlich" darauf hingewiesen, dass er unter dem Schutz der Gardisten steht wenn er sie bezahlen kann. Schutzgelderpressung auf der einen Seite also, Nettigkeiten wie Drogenkonsum (Sumpfkraut) auf der anderen. Das lässt schon erahnen, dass man sich in einer relativ "erwachsenen" Welt befindet. Die Dialoge sind eine Sache für sich. Da wird nicht mit deftigen Kraftausdrücken gegeizt, wie es dem ruppigen Umgangston in der Gefangenenkolonie entspricht. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, etwa wenn der Held genervt reagiert, wenn er wieder einmal irgendwo Informationen sammelt und zu x-ten Mal zu hören bekommt, dass das eine "lange Geschichte" ist... Man muss sich für eines der Lager entscheiden und kann diese Entscheidung dann nicht wieder rückgängig machen. Das erhöht einerseits den "Wiederspiel-Wert", andererseits weckt es natürlich auch ein Zugehörigkeitsgefühl. Dass man im Verlauf der Story evtl. doch das Lager wechselt, tut dem keinen Abbruch.

Obwohl die Welt des Minentals im Vergleich zu den Bereichen, die man in den Fortsetzungen erkunden kann, relativ klein ist, bietet sie doch genug Abwechslung. Außerdem werden die oberirdischen Areale durch ausgedehnte unterirdische Anlagen (die Minen und der Schläfertempel) erweitert. Auch wenn es nicht unbedingt ein optischer Genuss ist, durch die Wälder, Siedlungen und Gebirge zu laufen, weil die Vegetation nicht gerade üppig aussieht das gilt auch für die Landschafts- und Gebäude-Details so hat man doch den Eindruck, sich in einer lebendigen Welt zu befinden. Dass die NPCs einen wenigstens rudimentär erkennbaren "echten" Tagesablauf haben und nicht immer nur am gleichen Fleck stehen, trägt dazu ebenso bei wie der Tag-Nacht-Wechsel und die unterschiedlichen Wetterbedingungen.

In "Gothic" kann man noch deutlich erkennen, dass die Charakterentwicklung wichtig ist. Die Gegner "leveln" nämlich nicht mit. Zu Beginn des Spiels merkt man sehr schnell, welche Gegenden man tunlichst meidet und vor welchen Monstern man lieber Reißaus nimmt. Umso schöner ist es, wenn man die Eigenschaften des Helden ein wenig verbessert hat und dann feststellt, dass man auch diesen Gegnern jetzt allmählich gewachsen ist erst recht, wenn man nach langer Spieldauer so viel gelernt hat, dass man einst überstarke Monster praktisch im Vorbeigehen schnetzeln kann.

So entstehen eine glaubwürdige, fesselnde Atmosphäre und eine schöne Spielwelt, in der man gerne auch mal länger verweilt, als es das Questlog erfordert.

Sonstiges (Bugs, Besonderheiten der "Fan Edition")

Die Fan-Edition ist überall für einen Spottpreis zu haben. Sie enthält bereits die aktuellsten Patches; allerdings läuft das Spiel auch damit noch nicht hundertprozentig fehlerfrei. Abgesehen von üblen Clipping-Fehlern an manchen Stellen hatte ich das eine oder andere Mal auch mit Abstürzen zu kämpfen. An einer besonderen Stelle im Schläfertempel kam ich erst weiter, als ich das Spiel ein zweites Mal installiert hatte...

Außerdem in der Fan-Edition enthalten: Eine Weltkarte zum Ausfalten (sehr nützlich), eine spielbare Demo von "Gothic 2", "Gothic 3" Trailer, Screensaver und Hintergrundbilder. Außerdem kann man auch die englische Sprachversion installieren und zum Spielen muss die Disc nicht im Laufwerk liegen.

Die Fan-Edition hat aber zwei Mängel: Das Handbuch liegt nur im PDF-Format auf der DVD vor, nicht in gedruckter Form. Außerdem wurde der Auftritt der Band "In Extremo" aus lizenzrechtlichen Gründen aus dem Spiel entfernt.

Fazit

Es ist schon erstaunlich, wie viel Spaß "Gothic" trotz der vielen Schwächen und der unansehnlichen Grafik noch macht. Mich hat es jedenfalls weit mehr gefesselt als "Gothic 3"! Natürlich kann ich heute nicht mehr die Höchstnote verteilen, es reicht aber immer noch locker für die Note 2.

Screenshots:

Am Eingang zum neuen Lager:

Gothic


Palaver mit einem Ork-Schamanen, im Hintergrund die Barriere:

Gothic


Kringel hat mal wieder den Herrscherthron usurpiert:

Gothic


J. Kreis, 31.01.2008
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