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farcry

System:
PC DVD-ROM

Genre:
Egoshooter

Note: 2
FAR CRY

Wer einen reinrassigen, geradlinigen Egoshooter ohne nebensächlichen Story-Ballast sucht, der ist mit Far Cry allerbestens bedient, genauso genommen ist dies meiner bescheidenen Meinung nach die beste Wahl, die man zurzeit in diesem Genre treffen kann. Das Spielprinzip ist einfach: Man klappert in unterschiedlichen Arealen verschiedene Aufgaben ab (hier einen Schalter umlegen, dort etwas sprengen usw.) und muss sich gleichzeitig gegen eine Vielzahl von Gegnern wehren, wobei man auf ein reichhaltiges Arsenal an Schusswaffen und Granaten zurückgreift. Die Story ist dünn und somit schnell umrissen: Jack Carver wurde von einer jungen Frau – die natürlich für den Geheimdienst arbeitet – angeheuert, sie mit seinem Boot auf eine Südseeinsel zu bringen. Dort werden die beiden aber angegriffen, Carver ist danach erst einmal auf sich allein gestellt. Hilfe bekommt er nur per Bild-Handy von einem geheimnisvollen Fremden. Es entspinnt sich die altbekannte Geschichte um außer Kontrolle geratene genetische B-Waffen-Experimente, sie wird durch Jacks Gespräche mit seinem Auftraggeber und in wenigen Zwischenseqenzen erzählt und ist eher uninteressant. Dennoch hebt Far Cry sich in mehr als einer Hinsicht angenehm von der sonstigen Shooter-Masse ab.

Was als erstes auffällt, nachdem man das Spiel installiert und zum laufen gebracht hat (auf manchen Systemen macht der Kopierschutz Zicken), ist die so noch nie gesehene Grafik-Pracht. Wer ein ausreichend flottes System sein Eigen nennt, darf wunderschöne tropische Inselparadiese, düstere Fabrikanlagen und geheimnisvolle Tempel-Katakomben bewundern. Mein P4 mit 2,6 GHz, 512 MB Arbeitsspeicher und einer GeForce 4 Ti 4200 ist gerade noch leistungsfähig genug, damit ich die Grafikdetails auf "Hoch" einstellen kann, ohne Einbußen bei der Framerate zu erleiden - aber das ist nicht das Maximum des Möglichen! Man muss sich einfach mal die Zeit nehmen und die genialen Details genießen. Diese Echtzeitschatten von sich im Wind wiegenden Bäumen und Pflanzen – diese extrem detailreichen Charaktermodelle – diese fotorealistischen Oberflächen – diese sanft auf den Strand rollenden Wellen – die Spiegelungen auf der Wasseroberfläche – bunte Papageien, Libellen und sonstiges Getier fliegen um die Wette, Fische tummeln sich im Meer (das beliebte "Handgranatenfischen" funktioniert hier auch!), überall erfüllen die vielfältigen Geräusche des Dschungels die virtuelle Luft… man hat eine unglaubliche Fernsicht… und man kann auch überall hin! Die Außenlevels (20 Levels gibt es insgesamt) sind frei begehbar – wahlweise kann man in manchen Arealen auch schwimmen, verschiedene teils bewaffnete Fahrzeuge und sogar einen Drachenflieger benutzen. Diese Freiheit bedeutet auch, dass man nicht quasi wie an der Leine gezogen durch die Levels geführt wird und den Gegnern auf immer gleiche Weise entgegentreten muss, sondern sich die beste Vorgehensweise selbst aussuchen kann. Ob man brachial ab durch die Mitte geht, lieber durch einen Fluß taucht oder sich durch den Dschungel schleicht, ein Patrouillenboot kapert und das Ufer mit der eingebauten Kanone aus sicherer Entfernung beharkt, die Gegner mit einem Humvee plattfährt – der Phantasie des gewieften Einzelkämpfers sind kaum Grenzen gesetzt. In den Innenlevels schleicht man hauptsächlich durch relativ enge Gänge, Korridore und Räume, es gibt aber auch verwinkelte Hallen mit mehreren Ebenen. Dort ist dann eine ganz andere Kampfstrategie erforderlich als im Freien. Immer gilt: Kopf unten behalten! Ihr werdet in Far Cry viel Zeit mit Schleichen, Spähen und Lauern verbringen, denn im offenen Kampf habt ihr gegen die intelligenten Gegner (siehe unten) nur sehr geringe Chancen. Lustigerweise kann man sogar Steinchen werfen, um die Gegner auf eine falsche Spur zu lenken.

Bei einer solchen Detailflut bleibt es nicht aus, dass auch die Gewaltdarstellung realistischer wird. So sieht man denn in Far Cry nicht nur die Auswirkungen, die z.B. Raketen und Granaten auf einen Sandstrand oder eine Wand haben, sondern auch Einschusslöcher in Körperteilen, Leichen, die Wolken von Blut ins Wasser strömen lassen und – sofern man die englische Version des Spiels besitzt – physikalisch korrekte Reaktionen der menschlichen Anatomie (oder der Anatomie der diversen genetisch veränderten Monster, denen man in Far Cry begegnet) auf Schußwaffeneinwirkung. Dieses "Ragdoll-Verhalten" ist in der seit 16.04.04 erhältlichen deutschen Version nicht mehr enthalten. Die Physik-Engine sorgt auch dafür, dass alle möglichen interaktiven Gegenstände sich realistisch verhalten, wenn man etwa dagegenstößt, auf sie schießt oder ähnliches. Besonders spektakuläre Effekte kann man erzielen, wenn man auf einen Gasbehälter schießt und diesen zur Explosion bringt. Dann fliegen Trümmer und Körper nur so durch die Gegend…

Sehr nette Features sind Fernglas und "CryVision" (eine Art Nachtsichtgerät mit Wärmesensor). Das Fernglas hat einen 24fachen Zoom und ein integriertes Richtmikrofon. Personen/Monster, die man einmal damit erfasst hat, werden als kleine Punkte auf einem links unten im Bild zu sehenden Miniradar dargestellt – je nachdem, wie aufmerksam sie sind, in unterschiedlichen Farben. Kleine Balken zeigen an, wie gut man für die Gegner sichtbar ist. Das sollte man immer im Auge behalten, denn die Gegner-KI ist bei Far Cry exzellent, genauer gesagt: So dynamisch und realitätsnah habe ich das noch in keinem anderen Spiel erlebt. Die Soldaten laufen nicht blind ins Feuer oder bleiben stur stehen, oh nein! Sie rennen feuernd hin und her, nutzen jede Deckung aus, ziehen sich bei Gefahr zurück und rufen sich gegenseitig Befehle zu, die sie dann auch ausführen. So wird man ganz schnell mal von Söldnern in die Zange genommen oder eingekreist, die sich unbemerkt angeschlichen haben. Gut, wenn man dann eine kugelsichere Weste über dem Hawaiihemd trägt – solche Items sowie Munition und Medipacks findet man fair verteilt immer wieder einmal oder erhält sie von besiegten Gegnern. Ein wenig unrealistisch ist nur die Aufmerksamkeit von Soldaten mit Raketenwerfern: Die stehen meist auf irgendwelchen Türmen oder Felsvorsprüngen und können den armen Jack offenbar schon aus weiter Entfernung deutlich erkennen.

Der Schwierigkeitsgrad steigt kontinuierlich an und wird geradezu nervtötend, wenn erst einmal das Monster-Bestiarium auf eurer Spur ist oder wenn ihr es mit ganzen Kompanien von schildbewehrten Elitesöldnern zu tun bekommt. Früher oder später wird euch dann unangenehm auffallen, dass es keine Quicksave-Funktion gibt. Der Spielstand wird lediglich an bestimmten Checkpoints automatisch gesichert – und wenn man zwischendrin das Zeitliche segnet, darf man alles, was man sich bis dahin evtl. mühsam erarbeitet hat, noch mal erledigen! Es gibt aber auch einen Cheat, den ihr ganz unten in dieser Review findet. Es ist keine Schande, diesen Cheat zu benutzen, und ich muss zugeben, dass ich das Spiel wohl aus Frust bald in die Ecke gepfeffert hätte, wenn ich nur auf die Checkpoints angewiesen gewesen wäre.

Ein bisschen genervt war ich auch von der Fahrzeugsteuerung. Während man sonst alles gut im Griff hat, verliert man besonders bei der Fahrt mit Buggy oder Jeep sehr schnell die Übersicht, erst recht, wenn man gleichzeitig schießen will. Da man aber auf die Fahrzeuge nicht angewiesen ist (wie gesagt: Es gibt viele Wege, die zum Sieg führen), ist das nicht weiter schlimm. Leider kann man neben den Granaten (Blend-/Rauch-/Splitter) nur je vier verschiedene Waffen mit sich herumschleppen. Am wirkungsvollsten hat sich für mich die Kombination Scharfschützengewehr – Schrotflinte – Raketenwerfer – und OICW-Sturmgewehr erwiesen. In das tragbare MG habe ich mich zwar spontan verliebt, leider darf man es nicht lange behalten. Darüber hinaus kann man jederzeit stationäre Waffen benutzen, die beispielsweise in Söldnerlagern installiert sind. Auch bei den Waffen ist wieder Realismus angesagt. Um mit dem Scharfschützengewehr überhaupt was zu treffen, muss Jack sich nämlich hinlegen und die Luft anhalten. Auch verziehen alle Waffen bei Dauerfeuer durch den Rückstoß.

Far Cry hat immer den gleichen Effekt bei mir: Ich klebe mit der Nase am Bildschirm und die Maus rutscht mir aus der schweißnassen Handfläche. Eine derart spannende Atmosphäre habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Wenn man nichts ahnend durch einen Korridor läuft und plötzlich von einem pfeilschnellen Trigen-Monster angesprungen wird, dann kann schon mal der Herzschrittmacher durchbrennen! Und derartige Schockeffekte sind in den Innenlevels an der Tagesordnung…

Bestandteil des Spiels ist auch der "Sandbox" - Leveleditor. Das ist das gleiche Tool, mit dem auch die Spielentwickler selbst gearbeitet haben, und so kann man sich leicht vorstellen, daß fleißige Gamer bald diverse Mods fertig haben werden. Allerdings ist die Bedienung alles andere als einfach oder intuitiv, und ein Handbuch gibt es nicht - jedenfalls nicht in deutscher Sprache. Ich nutze den Editor deshalb nicht.

Geniale Grafik, hervorragende K.I., permanente Spannung und eine für einen Egoshooter relativ lange Spieldauer machen Far Cry zu einem absoluten Pflichtkauf. Die mangelnde Speicherfunktion behebt ihr mit folgendem

Cheat: Öffnet die „Konsole“ mit der ^ - Taste und gebt \save_game ein, bestätigt mit ENTER und schließt die Konsole wieder mit der ^ - Taste. So legt ihr manuell einen Speicherpunkt an. Der Backslash liegt übrigens auf der Tabulator-Taste.

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