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deus_ex2

System:
Microsoft
X-Box

Genre:
Egoshooter

Note: 3
DEUS EX 2 - INVISIBLE WAR

Die Handlung von Deus Ex 2 beginnt 20 Jahre nach den Ereignissen, die Thema des Originals waren (kurze Review siehe hier). J.C. Denton hatte damals die globalen Kommunikationsnetzwerke zum Zusammenbruch gebracht und damit die Zivilisation der Menschheit um Jahre zurückgeworfen. 20 Jahre nach dem "Kollaps" betritt J.C.s Klon Alex Denton die Bildfläche. Wie sein Vorfahr ist er so etwas wie ein durch Nanotechnologie aufgemotzter Cyborg. Er wird zum Streitobjekt im Ränkespiel verschiedener Machtgruppierungen. Man muss sich deshalb im Verlauf des Spiels des Öfteren entscheiden, für wen man arbeiten möchte: Die WTO als Verfechterin der Technologie, des Kapitalismus und des Überwachungsstaats? Oder die Kirche der Ordnung, welche genau entgegengesetzte Ziele verfolgt? Aber auch andere verfeindete Gruppen, z.B. die Templer, spielen eine wichtige Rolle. Zu Beginn des Spiels blickt man noch kaum durch und hat keine Ahnung, wem man denn nun glauben soll. So hakt man einen Auftrag nach dem anderen ab, wobei man durchaus gleichzeitig mehreren "Herren" dienen kann, und erfährt dadurch nach und nach mehr über die Hintergründe der verzwickten Story – die aber trotz aller Liebe zum Detail eigentlich immer Nebensache bleibt… Mir hat von Anfang an die klare Linie in der Story gefehlt. Es bleibt eigentlich bis zum Schluß unklar, wer denn nun Freund und wer Feind ist – die Entscheidung, für welche Seite man kämpfen soll, bleibt daher eigentlich überflüssig.

Man spielt Deus Ex 2 zwar aus der Egoperspektive, aber eigentlich handelt es sich weniger um einen klassischen Egoshooter und mehr um ein Action-Adventure. Man rennt nicht stumpf durch irgendwelche Levels und ballert alles nieder, was einem begegnet, nur um das einzige Ziel – den Ausgang zum nächsten Level – zu finden. Man erkundet stattdessen die 6 verschiedenen Schauplätze (u.a. reist man sogar nach Trier!), spricht mit den Leuten dort und erhält von diesen Aufträge, die man entweder erfüllen muss, damit die Story weitergeht, oder die man optional erfüllen kann, um Geld zu verdienen oder nützliche Gegenstände zu erhalten. Leider ist die Motivation, diese Subquests zu erfüllen, nicht allzu groß, denn Geld hat man meistens eh schon genug und irgendwann braucht man einfach keine Biomod-Implantate mehr, weil man alles schon auf Maximum hochgelevelt hat. Diese Aufträge laufen nicht gänzlich linear ab, d.h. es gibt immer verschiedene Wege, die zum Ziel führen. Letztendlich ist die Entscheidungsfreiheit aber doch bei weitem nicht so groß, wie die Coverwerbung des Spiels uns einreden will – eigentlich hat man immer nur die Wahl, ob man quasi mit der Tür ins Haus fallen und jeglichen Widerstand niederkämpfen will oder ob man sich lieber auf Heimlichkeit verlassen möchte. Angeblich kann man das ganze Spiel durchzocken, ohne eine einzige virtuelle Person zu töten, aber ehrlich gesagt: Das dauert mir zu lang und so wähle ich meistens den "direkten" Weg.

Im Vergleich zum Vorgänger gibt es sowohl Verbesserungen als auch Verschlechterungen. Letztere betreffen hauptsächlich das Fähigkeitensystem – das wurde nämlich komplett ausgebaut. Einzig die Entwicklung bestimmter Skills (15 an der Zahl in je drei Ausbaustufen plus eine standardmäßig bereits zu Anfang installierte Modifikation) mit Hilfe von Nano-Implantaten ist noch vorhanden. Findet oder erwirbt man solche Biomods, kann man spezielle nützliche Modifikationen an Alex vornehmen, so dass er danach z.B. in der Lage ist, gegnerische Roboter, Geschütze und Kameras umzupolen, sich für Menschen oder Bots unsichtbar zu machen, besonders schnell zu rennen und so weiter. Die Palette dieser Fähigkeiten wurde etwas ausgeweitet, diesmal stehen auch "illegale" Biomods zur Verfügung, die natürlich am coolsten sind – eine davon lässt Alex zu einer Art Vampir mutieren, er kann dann nämlich toten oder bewusstlosen Personen Blut aussaugen, um seine eigene Gesundheit zu verbessern. Das Inventar, in dem Alex seine Waffen (die alle die gleiche Munition verbrauchen), Granaten, Medipacks und sonstige Items mit sich herumschleppt, ist leider begrenzt, nur 12 Gegenstände können mitgenommen werden. Will man was anderes aufheben, muss man erst einen Inventarslot leeren. Sehr schade, wo es doch ein ganzes Arsenal von netten Feuerwaffen und Bömbchen gibt, die alle ganz unterschiedlich funktionieren und teilweise sogar mit Modulen (Schalldämpfer, Reichweitenerhöhung usw.) verbessert werden können. Leider darf man jede Waffe nur mit zwei Upgrades versehen, die man auch nicht wieder deinstallieren kann.

Besser als im Vorgänger sind auf jeden Fall Grafik- und Physik-Engine. Besonders die realistischen Licht-/Schatten-Effekte sind Hingucker. Auch die Texturen sind teilweise sehr detailreich, wenn auch alles recht dunkel und farblich etwas eintönig aussieht, aber das passt durchaus zum düsteren Szenario des Spiels. Auch die Personen und Roboter sind sehr schön gestaltet. Man muss sich einfach mal die Zeit nehmen und sich alles in Ruhe angucken, da entdeckt man immer wieder was Neues. Wohlgemerkt: Das bezieht sich auf die X-Box-Version, will sagen: Für Konsolenverhältnisse ist die Grafik gut, auf dem PC-Sektor ist man da inzwischen weit besseres gewöhnt (siehe Far Cry). Alle Objekte weisen ein physikalisch korrektes Verhalten auf. Ich habe dadurch ein neues Hobby entdeckt: Leichen-Weitwurf. Man kann nämlich jeden leblos herumliegenden Körper (wie auch jedes andere Objekt) aufheben und durch die Gegend pfeffern, bei menschlichen Körpern schlenkern dann die Gliedmaßen herum. Die armen Toten purzeln auch gerne mal Treppen runter oder kippen über Geländer in die Tiefe…

Genau wie im Vorgänger liegen überall Bücher herum, in denen man lesen kann und es gibt öffentliche Nachrichtenterminals, die weitere Informationen liefern und zusammen mit den vielen kleinen interaktiven Nebensachen, die fürs Gameplay eigentlich gar nicht gebraucht werden, eine fesselnde Atmosphäre erzeugen. Auch hier muss man aber wieder sagen: In Teil 2 gibt es praktisch von allem weniger als im Vorgänger. Stellenweise hat man den Eindruck, dass die Großstädte, in denen man sich bewegt, nur aus ein paar wenigen Gassen und Hinterhöfen bestehen, in denen nur einzelne Gestalten herumstehen – das Ganze wirkt einfach nicht lebendig genug.

Man kann bei Deus Ex 2 jederzeit beliebig oft speichern und während des Spiels alle Optionen – sogar den Schwierigkeitsgrad – verändern. Diesem großen Pluspunkt steht auf der Minusseite gegenüber, dass man alle paar Meter, wenn man neue Abschnitte der gar nicht mal so großen Areale betreten will, durch Ladezeiten genervt wird. Zum Glück ist Deus Ex 2 kein "richtiger" Egoshooter, denn die Steuerung "flutscht" nicht so, wie es für ein solches Spiel nötig wäre. Sie reagiert träge, die Framerate ist während des ganzen Spiels niedrig und bricht gerade bei Feuergefechten enorm ein. Immerhin: Es ist eine automatische Zielfunktion (abschaltbar!) vorhanden, durch die solche Mankos ausgeglichen werden, und die Gegner-KI bewegt sich – leider oder zum Glück? – durchweg auf dem Niveau eines Grillhähnchens. Die deutsche Sprachausgabe (mit Untertiteln) ist ordentlich, die Musik ist etwas eintönig – ich habe sie gleich abgeschaltet.

Die Spieldauer ist zwar nicht so lang wie beim Vorgänger, aber wenn man alle Subquests erfüllt und sich in Ruhe alle Areale anschaut, alle Bücher liest und alle Personen anspricht oder ihren Gesprächen lauscht, hat man durchaus einige Wochen lang was zu tun. Deus Ex 2 ist ein solides Spiel, das sich durchaus von der Shooter-Masse abhebt, aber auch einige Schwächen aufweist. An den Vorgänger kommt es von Gameplay und Umfang her bei weitem nicht heran, die Story ist aber genauso geheimnisvoll und vor allem ist die Grafik um einiges schöner anzuschauen.

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