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Crysis

System:
PC DVD-ROM

Genre:
Egoshooter

Note: 3+
CRYSIS

Und wieder mal: Ein lange herbeigesehntes Spiel, das viele Vorschusslorbeeren erhalten und einen ziemlichen Hype losgetreten hat, erweist sich als optisches Blendwerk und spielerisches Mittelmaß. Diesmal gepaart mit den aktuell (Januar 2008) krassesten Hardware-Anforderungen, die dazu führen, dass man das Spiel nicht mal als optischen Hochgenuss bezeichnen kann, sofern man nicht über einen High-End-PC mit DirectX 10 - fähiger Grafikkarte verfügt. Aber eins nach dem anderen.

Wie immer vorab: Das Spiel bietet zwar Online-Features, aber die nutze und bewerte ich als eingefleischter Singleplayer nicht.

Story

Ausgestattet mit einem so genannten Nanosuit, der ihm verschiedene Spezialfähigkeiten verleiht, springt der vom Spieler gesteuerte Charakter "Nomad", Soldat einer geheimen Spezialeinheit, per Fallschirm über einer Pazifikinsel ab. Der Auftrag lautet, Kontakt mit einer verschollenen Forschergruppe aufzunehmen und herauszufinden, was die Koreaner bei Bergbauarbeiten auf dieser Insel entdeckt haben. Als andere Mitglieder der Spezialeinheit von einem seltsamen, unheimlich schnellen Objekt angegriffen und getötet werden, steht fest, dass außer den Koreanern noch andere Gegner auf der Insel unterwegs sind, die Nomad das Leben schwer machen. Was er in jenem Berg entdeckt, in dem die Koreaner offenbar zu tief gegraben haben, stellt sich schnell als globale Bedrohung durch Außerirdische heraus.

In Zwischensequenzen mit Spielgrafik sowie per Funk und mit diversen NPCs geführten Gesprächen (die von selbst ablaufen, d.h. man kann keinen NPC gezielt ansprechen) wird diese ziemlich dünne Geschichte weitergesponnen. Spannung kommt kaum auf, denn man weiß praktisch schon von Anfang an, was auf der Insel los ist und kann sich ausmalen, was noch geschehen wird. Egal – letzten Endes ist die Story sowieso zweitrangig, wichtig ist ja der Spielspaß, und den kann man auch ganz ohne Geschichte haben. Allerdings hat die Geschichte ein offenes Ende, und das mag ich gar nicht.

Gameplay

Steuerung, Speichern usw. funktionieren so, wie man es von vielen anderen Egoshootern kennt. Auch spielerisch herrscht Egoshooter-Standard: Einen Zielort nach dem anderen abklappern, unterwegs mit unterschiedlichen Waffen Feinde bekämpfen, Waffen (die mehrfach modifiziert und aufgerüstet werden können) und Munition aufsammeln, Objekte sprengen oder Schalter umlegen, ab und zu ein Fahrzeug steuern. Differenziertere Missionsziele gibt es nicht, alles läuft sehr linear ab, vieles wiederholt sich. In der Regel rennt ihr einfach von einem Zielort zum anderen, unterwegs tauchen dann plötzlich aus dem Nichts diverse Gegner auf. Am Ziel geschieht genau das gleiche, man muss dann die Stellung halten, bis das Spiel entscheidet, dass man genug Gegner besiegt hat. Wenn man alle Gegner eliminiert und den Zielpunkt erreicht hat, geht's weiter: Das nächste Ziel wird bekannt gegeben (über Helmfunk oder durch einen Kameraden vor Ort). All das ist ziemlich undramatisch inszeniert – kein Vergleich mit der packenden Dynamik z.B. von Call of Duty 4. Dafür kann man sich in "Crysis" soviel Zeit nehmen, wie man will, was bei CoD4 meist nicht möglich ist.

In "Crysis" seid ihr meistens allein unterwegs, und zwar vorwiegend im Freien. Genauer gesagt: Die gesamte Insel, auf der die Außerirdischen gefunden wurden, steht euch offen. Ihr könnt also theoretisch quer über die von dichtem Dschungel bedeckte Insel laufen – diese an und für sich sehr schöne Bewegungsfreiheit bringt euch aber nur bedingt was, denn ihr müsst ja bestimmte Stellen erreichen, und anderswo gibt es ganz einfach nichts zu tun und nichts zu entdecken. Außer noch mehr Dschungel. Man ist aber auch mal in einem schwankenden Schiff, in den Höhlen der Außerirdischen usw. unterwegs. In letzteren Bereichen ist die Schwerkraft aufgehoben, dort schwebt man zwischen bizarren Maschinen und immateriellen Strukturen herum. Hier gibt es erstaunlich wenig zu tun – man muss nur den Ausgang finden und darf unterwegs die zugegebenermaßen recht phantasievolle und sehr weitläufige Alien-Technologie bewundern.

Die einzige Entscheidungsfreiheit, die ihr habt, besteht in der Art, wie ihr die Zielpunkte erreichen wollt. Man kann zu Fuß über die Insel latschen oder mit dem Schlauchboot drumherum fahren, meist stehen auch Jeeps oder andere Autos in der Gegend herum. Ihr könnt praktisch jedes Fahrzeug benutzen, das ihr seht und das nicht schon von Gegnern besetzt ist. Einmal dürft ihr euch auch ans Steuer eines Panzers und eines Senkrechtstarters setzen. Alle Fahrzeuge sind bewaffnet und haben nur eine begrenzte Panzerung, können also auch zerstört werden. Ob ihr quasi mit der Tür ins Haus fallt und wild um euch ballert, ob ihr lieber auf die Pirsch geht und die Gegner aus dem Hinterhalt erledigt (der Dschungel bietet viele Deckungsmöglichkeiten) oder euch kampflos über einen Umweg an den Gegnern vorbeischleicht, bleibt euch überlassen. Zu Beginn habt ihr es hauptsächlich mit unterschiedlich bewaffneten koreanischen Soldaten und Helikoptern zu tun, erst relativ spät machen euch nur noch die sehr widerstandsfähigen, verschieden großen Außerirdischen das Leben schwer. Selten taucht mal ein besonders starker neuer Gegnertyp auf, der Endkampf geht gegen ein Ding, das dem Begriff "groß" eine neue Dimension verleiht.

Nanosuit

Eine Besonderheit von "Crysis" ist der bereits erwähnte Nanosuit: Ein besonderer Kampfanzug, durch den ihr Spezialfähigkeiten erhaltet. Ihr könnt euch unsichtbar machen sowie eure Panzerung, Stärke oder Laufgeschwindigkeit erhöhen. Hierfür steht nur sehr begrenzt Energie zur Verfügung, man kann also z.B. nicht etwa unbegrenzt mit Supergeschwindigkeit laufen. Lebensenergie und Panzerung erneuern sich stets sehr schnell von selbst, wenn man nicht mehr unter Beschuss steht bzw. keine Spezialfähigkeit des Nanosuit nutzt. Dadurch wird das Spiel fast schon zu leicht, man muss einfach ein wenig in Deckung gehen und kann dann fröhlich weiterkämpfen.

Spielentscheidend sind diese Spezialfähigkeiten nur insoweit, als man bestimmte Stellen, die man erreichen muss, nur durch die höhere Sprungweite erreichen kann, die mit der Kraftverstärkung möglich ist, oder dass man Feindbeschuss nur mit der verbesserten Panzerung übersteht – da hätte ich mir eine sinnvollere Einbindung ins Spielgeschehen gewünscht. Genauer gesagt: Ich habe die meisten Möglichkeiten, die der Suit mir bietet, überhaupt nicht genutzt (zumal mir das Aktivieren der Spezialfähigkeiten nicht schnell genug geht) und konnte das Spiel trotzdem problemlos beenden.

KI

Ihr könnt jederzeit erkennen, wie deutlich ihr für eure Gegner sichtbar seid und ob sie euch evtl. schon wahrgenommen haben. Wenn sie euch sehen, schlagen sie Alarm und greifen an. Alarmierte Gegner nähern sich euch meist im Team, wobei sie geschickt alle Deckungsmöglichkeiten ausnutzen und ausschwärmen, um euch in die Zange zu nehmen. Manchmal rufen sie auch Luftunterstützung herbei. Wenn ihr euch gut verstecken könnt, verlieren sie schnell das Interesse. Geraten sie unter Beschuss, versuchen sie zu fliehen.

Ich habe den Eindruck, dass die Gegner nicht mehr so sorgfältig suchen wie in Far Cry. Da war es mir sogar einmal passiert, dass ein Gegner um eine ganze Insel herumgerannt war, um mir in den Rücken fallen zu können – das ist in "Crysis" nie vorgekommen. Mir scheint, dass sehr viel gescriptet ist, so dass die Gegner einfach auf einer bestimmten Position stehen bleiben und abwarten, bis sie euch wieder sehen. An herumliegenden Leichen scheinen sie sich auch nicht besonders zu stören: So könnt ihr euch z.B. hinter einer Tür auf die Lauer legen und einen Gegner nach dem anderen ausschalten – dass die Toten sich dort stapeln, interessiert niemanden.

Grafik

Hier kann "Crysis" wirklich punkten. Noch nie zuvor hat man eine so dichte, üppige, bis ins kleinste Detail modellierte Vegetation gesehen, bei der jedes einzelne Blatt sich bewegt und Schatten wirft, und die man auch noch physikalisch korrekt zerlegen kann. Man achte mal auf Pflanzen in der Nähe einer Explosion: Hier werden Druckwellen-Effekte dargestellt. Ich glaube nicht, dass es das je zuvor in einem PC-Spiel gegeben hat. Die Fernsicht ist einfach phänomenal, und es kommen Effekte zum Tragen, die ich so noch nicht kannte: Weiter entfernte Objekte sind unschärfer, visiert man sie aber z.B. über Kimme und Korn an, dann werden sie in einem eng begrenzten Ausschnitt schärfer. Es gibt einen Tag-Nacht-Wechsel und das Wetter ändert sich: Mal strahlender Sonnenschein, mal diesiges Licht… Die Landschaft auf der Insel ist sehr abwechslungsreich, man sieht immer wieder etwas anderes. Allerdings gibt es im Dschungel auffallend wenig Getier, d.h. außer ein paar Kröten, Krebsen und anderem Kleinkram lebt dort offenbar nichts. Okay, ein paar Hühner laufen auch rum...


Crysis

(Screenshot 1: Es grünt so grün...)


Auch all die anderen Objekte, Fahrzeuge und Figuren sehen toll aus, die Außerirdischen (von denen es nur drei oder vier verschiedene Typen gibt, wenn man vom Endgegner absieht) wirken sehr "fremd" und sind recht beeindruckend. Das gilt ebenfalls für die "Innen-Levels", insbesondere für die "Alien-Welt": Halbtransparente Energiefelder, leuchtende Bedienelemente, gewaltige sich bewegende Maschinen – einfach klasse. Herumliegende Objekte können aufgenommen und geworfen werden, man kann bei Fahrzeugen die Reifen zerschießen, bei entsprechend schwerem Beschuss brechen auch mal Wellblechhütten zusammen – dann kann man sogar von den Trümmern erschlagen werden. Wasser-/Flammen-/Lichteffekte sorgen immer wieder für herunterklappende Kinnladen. An der Grafik gibt es also nichts auszusetzen.


Crysis

(Screenshot 2: Beeindruckende Fernsicht)


Wie ich oben schon schrieb: Wenn ihr die ganze Grafikpracht genießen wollt, braucht ihr einen Rechner, der die empfohlenen Hardwarevoraussetzungen komplett erfüllt. Mit den Minimal-Anforderungen ist "Crysis" zwar auf niedrigsten Details spielbar, sieht aber geradezu grausig aus (schlechter als "Far Cry", meine ich) und läuft trotzdem nicht flüssig. Wagt ihr es, die Details hochzustellen, dann müsst ihr euch an regelmäßige Abstürze gewöhnen, wenn ihr das Spiel überhaupt noch starten könnt. Bei hohem Gegneraufkommen ruckelt es stark, erst recht, wenn gleichzeitig Explosionen oder dergleichen dargestellt werden müssen.

Fazit

"Crysis" sieht einfach toll aus, da gibt es nichts dran zu deuteln. Spielerisch werden zwar keine neuen Maßstäbe gesetzt, aber es wird solide Egoshooterkost geboten. Der Nanosuit ermöglicht einige Variationen, eine Neuerfindung des Rades stellt er aber auch nicht dar. Insgesamt muss ich sagen, dass das Spiel zwar keineswegs enttäuschend ist, dass ich aber weniger mitgerissen war als vom bereits erwähnten Konkurrenztitel "Call of Duty 4". "Crysis" hat eine etwas längere Spieldauer, das ist aber meiner Meinung nach nur deshalb so, weil man sich mehr Zeit lassen kann, um sich z.B. die schöne Landschaft genauer anzusehen. Nach 15 bis 20 Stunden hat man's aber auch durch.

Obwohl "Crysis" durchaus Spaß macht, ist das Spiel bei weitem nicht der Überflieger, als der es gehandelt wurde und wird. Es verdient deshalb nur die Note 3 + wobei ich das "Plus" ausschließlich für die geniale Grafik vergebe – sollte euer Rechner nicht alles darstellen können, dann müsst ihr euch dieses Plus wegdenken.

J. Kreis, 03.01.2008

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