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Colin McRae Dirt

System:
Sony
Playstation 3

Genre:
Rally-Rennspiel

Note: 3
COLIN McRAE DIRT

Colin McRae ist am 15.09.07 bei einem Unfall mit seinem Hubschrauber ums Leben gekommen. Die PS3-Version von Colin McRae Dirt ist am Tag davor erschienen (die PC-Version ist noch drei Monate älter). Deshalb findet sich in diesem Spiel keine Widmung an den langjährigen WRC-Piloten und einmaligen Rally-Weltmeister – aber möglicherweise wird dies das letzte Spiel der Reihe sein. Ich muss sagen, dass ich nichts dagegen hätte, denn Dirt weicht so sehr vom Spielprinzip der älteren Titel ab, dass es nicht mehr "mein" Spiel ist. Obwohl es, wie ich zugeben muss, durchaus Spaß macht.

Vorab wie immer: Das Spiel ermöglicht Multiplayerspiele (auch online), aber diese Optionen nutze und bewerte ich nicht.

Gameplay

Neue Rennmodi und Fahrzeuge

Neue Rennveranstaltungen sollen vermutlich mehr Abwechslung ins Spiel bringen, mich stören sie aber nur. Dazu gehören Rallycross- und Rally-Raid-Langstreckenrennen, bei denen man gegen bis zu neun Konkurrenten antritt, außerdem Buggy-Rennen und Bergrennen sowie Crossover-Strecken, bei denen man nur einen Gegner hat. Letztere entsprechen den Super Special Stages bei einer echten Rally. Viele dieser Rennen finden auf Offroad-Strecken statt (daher wohl der Name des Spiels), die meist immer im Kreis herum führen, d.h. wenn so ein Rennen aus mehreren Runden besteht, fährt man immer die selbe Strecke – und da die Vielfalt dieser Strecken nicht gerade groß ist, kann man sie schon bald nicht mehr sehen.

Man ist nicht nur mit den guten alten Rally-Cars unterwegs, sondern auch mit verschiedenen Trucks, Pick-Ups und Buggys. Ein Beifahrer ist hier meist nicht mit dabei. Viele dieser Fahrzeuge (insgesamt gibt es über 40) sind mir zu "hochbeinig". Man hüpft und schlingert derart über die natürlich aus genau diesem Grund besonders hügelig designten Offroad-Strecken, dass von Kontrolle keine Rede mehr sein kann.

Karrieremodus

Kern des Spiels ist der Karrieremodus, und der hat praktisch nichts mit dem zu tun, was man aus den älteren Spielen kennt. Anstatt an den Wertungsprüfungen der internationalen Weltmeisterschaftsläufe teilzunehmen, hakt man einfach ein Einzelrennen nach dem anderen ab. Alle o.g. Rennmodi sind dabei vertreten. Die einzelnen Rennen (insgesamt an die 70) sind in einer Pyramide mit 11 Stufen gruppiert, die nacheinander freigeschaltet werden. Erst in höheren Stufen bestehen die Rennen aus mehreren Etappen. Die Fahrzeugklassen sind immer vorgegeben, man hat aber stets mehrere Modelle einer Klasse zur Auswahl.

Für die Freischaltung der nächsten Renn-Events benötigt man Punkte, die man durch Siege einheimst, zum Erwerb neuer Autos braucht man Geld, das man ebenfalls durch Siege verdient (der Betrag variiert nach gewähltem Schwierigkeitsgrad, der für jedes Rennen verändert werden kann). Diese Art der Präsentation mag für Einsteiger angenehm sein, weil man nach Belieben unter den freigeschalteten Rennen wählen kann, als Rally-Purist kann ich damit aber wenig anfangen.

Meisterschafts-Modus

Einer richtigen Rally kommt man bei den Meisterschaften schon ein wenig näher. Hier fährt man ausschließlich allein (gegen die Zeit) auf "richtigen" Rally-Strecken innerhalb eines Landes. Zu den Wertungsprüfungen kommt dann jeweils noch eine Super Special Stage hinzu. Hier stehen alle Fahrzeuge zur Verfügung, die man im Karrieremodus freigespielt hat. Zu Beginn stehen nur die Wertungsprüfungen in jeweils einem Land zur Auswahl. Erst wenn man dort aufs Podium gekommen ist, kann man eine Rally fahren, die sich über mehrere Länder erstreckt – und nur dann, wenn man es dort wiederum unter die ersten drei geschafft hat, kann man eine internationale Rally mit allen im Spiel vorhandenen Strecken beginnen. Das ist ein recht ärgerliches in-die-Länge-ziehen des Spiels, denn man fährt ja immer wieder die gleichen Wertungsprüfungen...

Ein Problem, das es in Colin McRae Rally 3 noch gab, nervt jetzt wenigstens nicht mehr. Damals konnte man nämlich teilweise erst nach dem Ende einer Wertungsprüfung sehen, wie gut man im Verhältnis zu den anderen Fahrern abgeschnitten hatte. Das erkennt man jetzt jederzeit an einer eingeblendeten Fortschrittsanzeige, es ist also wieder so wie bei den ersten beiden Titeln der Reihe. Das ist auch gut so, denn speichern kann man erst nach jeder zweiten Wertungsprüfung.

Rennstrecken

Dirt enthält Rennstrecken aus 10 Ländern (u.a. Deutschland, Australien, England, Japan). Wobei wir beim nächsten Kritikpunkt wären: Es sind nicht alle Länder enthalten, die an der World Rally Championship teilnehmen. Finnland und Schweden sucht man z.B. vergebens, und man wird in Dirt kein einziges Rennen auf Schnee oder Eis fahren, denn diese Umgebungen gibt es schlicht und ergreifend nicht. Das ist extrem schade! Stattdessen werden die bereits erwähnten Offroad-Kurse geboten, bei denen man durch ziemlich öde Wüstengegenden brettert. Nett anzuschauen ist immerhin das Bergrennen am Pike’s Peak, welches in voller Länge über eine ganz ordentliche Distanz führt.

Die Rennstrecken und ihre Umgebung beeindrucken durch eine enorme Weitsicht (und wohlgemerkt: Das sind nicht nur Kulissen – man kann auch schon mal einen sehr weit entfernten Abschnitt der Rennstrecke sehen, den man demnächst erreichen wird) und einen hohen Detailgrad. Zunächst mal sind die Strecken selbst nicht einfach nur platte Straßen mit ein paar Hügelkuppen, vielmehr spürt man jede Unebenheit, jeden Graben und jeden Stein. Das wirkt alles schön realistisch, aber Nässe ist nicht so gut dargestellt; die Strecken sehen dann aus wie Spiegel. Als störend empfunden habe ich die übertriebenen Weichzeichnereffekte: Sand und Staub wirken meist eher wie glühendes Plasma. Wechselnde Wetter- und Lichtverhältnisse gibt es nicht, auch keine Regenrennen oder Rennen in Dunkelheit.

Hinzu kommen sehr abwechslungsreiche Elemente am Streckenrand: Verkehrsschilder, Begrenzungspfähle, Pfosten, Gebäude usw., natürlich auch die ganze üppige Palette von Büschen, Bäumen und Gräsern. Alles ist zerstörbar (es sei denn, es ist widerstandsfähiger als das Fahrzeug...). Schilder und Pfähle knicken ab, aber das kennt man ja schon aus älteren Spielen. Man kann auch durchs Buschwerk pflügen – früher sind diese Objekte einfach weggeclippt, in Dirt sieht man, wie sie abknicken. Oft bevölkern auch Zuschauer den Streckenrand, und die sind in 3D dargestellt, manche bewegen sich auch.

Man kann sich jedes Rennen vollständig in einer Wiederholung ansehen, bei der man nicht nur vor- und zurückspulen sowie pausieren und die Perspektive wechseln kann – diesmal ist auch eine Zeitlupenfunktion enthalten. Man könnte sich praktisch das gesamte Rennen in Zeitlupe ansehen. Nur speichern kann man die Wiederholungen nicht. Warum eigentlich? Hat die PS3 nicht eine Festplatte mit mehr als genug Speicherplatz?

Fahrzeuge

An den Fahrzeugmodellen gibt es kaum etwas auszusetzen. Sie sind wunderbar detailreich designt, auch kleine Objekte wirken sehr echt. Hinzu kommt das umfangreiche Schadensmodell. Das geht mit Lackkratzern, Rissen in den Scheiben und Dreckspuren los und führt über deformierte oder abgerissene Karosserieteile und abgebrochene Räder bis hin zum Totalschaden. Man kann jedes Auto praktisch komplett zerlegen. Für die Reparatur steht dann allerdings nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Repariert man nichts, dann hat man mit deutlichen Leistungseinbußen zu kämpfen, es sei denn, man hat einen niedrigen Schwierigkeitsgrad gewählt – dann sind die Schäden nur "kosmetisch". Auch im Inneren der Autos tut sich einiges: Die Insassen werden ordentlich durchgeschüttelt, auch sie sind klasse dargestellt. Der Fahrer schaltet, der Beifahrer, auf dessen Ansagen man tunlichst achten sollte, blättert sein "Gebetbuch" um und dergleichen mehr.

Man kann die Fahrzeugeinstellungen beliebig verändern und vor jedem Rennen in einer Probefahrt austesten. Allerdings ist es bis in die hohen Schwierigkeitsgrade hinein nicht erforderlich, sich diese Mühe zu machen – ich bin mit den Standard-Einstellungen immer gut gefahren. Gegen Bares kann man zwischen verschiedenen Lackierungen wählen, und wenn man sich (wie ich) bemüht, jedes Rennen auf Platz 1 abzuschließen, dann hat man immer genug Geld dafür zur Verfügung.

Jedes Fahrzeug fährt sich anders. Klar, eine riesige Zugmaschine ist natürlich viel schwerfälliger als ein Fronttriebler-Leichtgewicht, und ein Hillclimb-PS-Monster ist schwerer zu beherrschen als beispielsweise ein Subaru Impreza. Aber auch innerhalb der verschiedenen Fahrzeug-Kategorien gibt es z.T. deutliche Unterschiede. Der Fahrzeugsound ist gut gelungen, die Umgebungsgeräusche klingen jedoch manchmal etwas seltsam, sie passen nicht immer zu den Bodenverhältnissen.

Sonstiges

Die Steuerung ist in Ordnung, aber insgesamt habe ich doch den Eindruck, dass auch hier ein Schritt weg von der Simulation und hin zu "Arcade" gemacht wurde. Manche Fahrzeuge lassen sich zu schnell zum Stehen bringen, dafür kommt es für meinen Geschmack viel zu leicht zu Überschlägen und wilden Drehern. Das Spiel läuft sehr flott und flüssig, nur in den Wiederholungen kommt es manchmal zu ganz kurzen "Hängern".

Man wird von einem Kommentator durch die Karriere geführt, der auch nützliche Tipps zu den Events, den Fahrzeugen und den Einstellungen gibt.

Die Ladezeiten sind erstaunlich lang. Während des Ladevorgangs werden statistische Daten eingeblendet, die man in den Menüs auch manuell aufrufen kann: Durchschnitts-/Höchstgeschwindigkeit, Anzahl der Totalschäden, Gesamtdistanz, Höchster Sprung usw. usw.

Fazit

Es macht, wie ich schon sagte, durchaus Spaß, mit den verschiedenen Fahrzeugklassen durch die Gegend zu brettern. Durch den jederzeit änderbaren Schwierigkeitsgrad bleibt das Spiel immer fair und aufgrund der großen Anzahl an Events hat man ziemlich viel zu tun, bis man die ersehnten 100% im Karrieremodus erreicht hat. Die Motivation bleibt wegen des Abwechslungsreichtums bis zum Schluss hoch. Zur Belohnung erhält man dann übrigens ein neues Fahrzeug. Optisch ist Dirt bis auf die seltsamen Weichzeichner-Effekte, an die ich mich erstmal gewöhnen musste, ein echter Genuss – selbst in den Wiederholungen steigt bei den schnellen Rennen der Adrenalinspiegel.

Dennoch gefällt das Spiel mir nicht so recht. Von Colin McRae-Rally wünsche ich mir, die World Rally-Championship nachspielen zu können – und das wird diesmal ganz einfach nicht geboten. Ich habe schlicht und ergreifend keine Lust, immer nur im Kreis zu fahren oder mich von Gegnern anrempeln zu lassen, und so kann ich den neuen Rally-Varianten, die das Spiel bietet, nichts abgewinnen. Deshalb erhält es nur die sehr subjektiv geprägte Note 3.

J. Kreis, 16.12.2007

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