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The Wicker Man The Wicker Man - Special Edition (GB, 1973)

DVD - Regionalcode 2, Kinowelt
FSK: 16
Laufzeit: ca. 84 Minuten (Kinoversion) / 99 Minuten (Director's Cut)

Extras
Dokumentarfilm "The Wicker Man Enigma", Historisches Interview mit Robin Hardy und Christopher Lee, Einführung zum Film (Texttafeln), Trailer

Regie:
Robin Hardy

Hauptdarsteller:
Edward Woodward (Neil Howie)
Christopher Lee (Lord Summerisle)
Britt Ekland (Willow McGregor)
Diane Cilento (Miss Rose)
Geraldine Cowper (Rowan Morrison)




Inhalt:

In einem anonymen Brief, der an Sergeant Neil Howie gerichtet ist, wird das Verschwinden eines Mädchens namens Rowan Morrison auf der Hebrideninsel Summerisle gemeldet. Ein Bild der Vermissten ist beigefügt. Howie macht sich persönlich auf den Weg zu der abgelegenen Insel, wo er sich für mehrere Tage im Green Man Pub einquartiert. Er trifft aber zunächst auf eine Mauer des Schweigens. Angeblich kennt niemand das Mädchen, und selbst Mrs. Morrison behauptet, das Kind auf dem Bild sei nicht ihre Tochter. Howie, ein gläubiger Christ, ist schockiert von den Verhaltensweisen der Insulaner, die offenbar einem alten keltischen Kult anhängen. Sie pflegen einen mehr als freizügigen Umgang miteinander, führen diverse blasphemische Rituale durch und glauben an die Wiedergeburt. Die Kirche ist eine verlassene Ruine, einen Pfarrer gibt es nicht und in der Schule werden heidnische Praktiken gelehrt. Auch Miss Rose, die Lehrerin, und ihre Schülerinnen wollen Rowan nicht kennen. Howie muss den Inselbewohnern mehrmals mit der Verhaftung oder der Hinzuziehung der Behörden vom Festland drohen, um wenigestens Spuren der Wahrheit herauszufinden. So stellt er durch einen Blick ins Klassenbuch fest, dass er von Anfang an belogen wurde: Rowan existiert, oder hat existiert, wie Miss Rose ihm klarmacht. Angeblich ist das Mädchen tot und wurde schon vor Monaten beerdigt.

Howie gibt sich damit nicht zufrieden, denn es gibt keinen Totenschein. Er sucht Lord Summerisle auf, das Oberhaupt der Inselgemeinschaft. Der Lord zeigt sich umgänglich und erklärt Howie die Hintergründe. Danach wurde der heidnische Kult von seinem Großvater eingeführt, der die Inselbewohner auf diese Weise für eine Art wissenschaftliches Projekt einspannen wollte: Er wollte die besonderen natürlichen Gegebenheiten der Insel ausnutzen, um Obst und Gemüse anzubauen, das normalerweise nicht auf den rauhen Hebriden gedeihen kann. Das Projekt war erfolgreich, und seine Nachfahren haben den Kult weitergeführt - aber nicht mehr aus pragmatischen Gründen. Der aktuelle Lord Summerisle ist voll und ganz vom Glauben an seine eigenen Lehren erfüllt. Immerhin gestattet er Howie die Exhumierung der Leiche des Mädchens. In deren Sarg findet der Sergeant aber nur einen toten Hasen vor. Weitere Nachforschungen führen zu der Erkenntnis, dass Rowan noch am Leben sein muss: Howie nimmt an, dass es auf der Insel zu einer Missernte gekommen ist, und dass Rowan geopfert werden soll, um die Götter milde zu stimmen. Tatsächlich sind die Vorbereitungen für die Maifeier im vollen Gange - für die Kelten war dieses Datum (das Fruchtbarkeitsfest Beltane) ein heiliger Tag.

Vergeblich durchsucht Howie verschiedene Häuser; Rowan ist nirgends zu finden. Er sieht nur eine Möglichkeit, das Mädchen zu retten: Er schlägt einen Dorfbewohner nieder und nimmt dessen Kostüm an sich. Als Narr verkleidet und maskiert schließt er sich einer bizarren Prozession an, die von Lord Summerisle angeführt wird. So gelangt er zum Opferplatz, wo Rowan festgehalten wird. Howie befeit das Mädchen und will fliehen, doch er wurde in eine Falle gelockt. Nicht Rowan ist als Opfer vorgesehen, sondern Howie. Das Opfer musste aus freiem Willen kommen und bestimmte Voraussetzungen erfüllen, wozu unter anderem sein Glaube gehört - alles trifft auf Howie zu. Er wird überwältigt und in eine riesige, aus Weidenruten gefertigte Statue gesperrt. Dieser "Wicker Man" (Weidenmann) weist zahlreiche Hohlräume auf, in denen sich bereits andere Opfergaben (lebende Tiere) befinden. Howies Schreien und Flehen ist nutzlos. Der Wicker Man wird in Brand gesetzt. Während Howie und die Tiere den qualvollen Flammentod sterben, stimmen die Insulaner einen fröhlichen Gesang an.

Der Film:

Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier geht es um einen Film aus dem Jahre 1973, nicht um das US-Remake aus dem Jahre 2006 mit Nicholas Cage in der Hauptrolle. Das Remake kenne ich nicht.

Diesen in Deutschland weitgehend unbekannten Film gibt es hierzulande erst seit 2009 auf DVD. Er wurde offenbar nie deutsch synchronisiert, und so muss man sich mit der englischen Originalversion zufrieden geben - man hat sich nicht die Mühe gemacht, ihn für die DVD-Veröffentlichung zu übersetzen. Immerhin sind deutsche Untertitel vorhanden, außerdem kann man sich den Film in zwei Versionen zu Gemüte führen. Neben der Kinoversion liegt der einige Minuten längere Director's Cut vor. In der Kinoversion fehlen einige nicht unerhebliche Handlungsszenen. So wird Howies Gläubigkeit im Director's Cut deutlicher herausgestellt. In der Kinoversion wurden außerdem manche Szenen verändert, die den freizügigen Umgang der Insulaner mit der Sexualität weiter verdeutlichen. Man muss aber sagen, dass die fehlenden Szenen das Verständnis der Kinoversion nicht erschweren, d.h. man begreift auch so durchaus, was auf Summerisle vor sich geht. Außerdem enthält die Kinoversion wiederum einzelne kurze Szenen, die im Director's Cut nicht verwendet wurden.

Der Film beginnt wie ein beliebiger Krimi, schlägt aber schon bald eine andere Richtung ein. Ins Horror-Genre gehört er nicht, da sollte man sich von der Werbung nicht in die Irre führen lassen. Es fällt sowieso schwer, den Film in eine Schublade zu stecken. "Okkulter Krimi"? "Grusel-Thriller"? "Psychodrama"? Passt irgendwie alles nicht. Die Handlung schreitet eher gemächlich voran, und man ist ebenso ahnungslos wie Howie. Erst ganz am Schluss, wenn er in den Wicker Man gesperrt wird, gewinnt das Grauen die Oberhand und man erkennt, dass die Inselbewohner die ganze Zeit ein perfides Spiel mit Howie getrieben haben. Man wundert sich zwar, dass er in all dem Qualm kein einziges Mal husten muss, dennoch sind das die beeindruckendsten Szenen des Films. Christopher Lee vor dem Wicker Man - ein unvergessliches Bild. Suspense und Action darf man nicht erwarten; der Film lebt durch seine immer beklemmender werdende Atmosphäre. Die merkwürdige Verschmelzung "typisch britischer" Eigenheiten mit Elementen aus der keltischen Mythologie ist ebenfalls interessant. Allerdings entsteht dadurch das eine oder andere Mal auch unfreiwillige Komik, zum Beispiel bei Christopher Lees Auftritt als weiß geschminkte Karnevalsfigur mit langhaariger Perücke (OK - die Wuschelfrisur, die er ansonsten zeigt, ist auch nicht viel besser). Dass der Film darunter nicht leidet, ist den hervorragenden Schauspielern zu verdanken. Edward Woodward verkörpert den erzkonservativen Puritaner perfekt; man nimmt ihm sein Entsetzen angesichts der heidnischen Bräuche jederzeit ab. Christopher Lee, charismatisch wie immer, ist als Howies Widerpart ebenso genial. Eloquent stellt er den Glauben des überzeugten Christen in Frage.

Zur Atmosphäre trägt auch die Selbstverständlichkeit bei, mit der die Insulaner ihre Religion praktizieren. Das ist eine ziemlich deutliche Gesellschaftskritik. Für die Leute von Summerisle ist das Heidentum ganz einfach die alltägliche Normalität, d.h. die Menschen werden nicht einmal als besonders bösartig dargestellt. Im Grunde wirkt ihr Glaube sogar fast fortschrittlicher als Howies verklemmtes Gehabe. Auf der Insel gibt es keine blutdürstigen Priester, keine finsteren Riten an gespenstischen Kultstätten oder ähnliches. Alles findet im hellen Sonnenschein statt, die Menschen sind mit Spaß bei der Sache, es wird viel gelacht - und es wird viel gesungen. Tatsächlich erhält der Film durch die zahlreichen Folksongs manchmal fast Musical-Charakter. Witzigerweise kannte ich das Lied, das von Britt Ekland gesungen wird, schon lange, bevor ich überhaupt etwas von der Existenz dieses Films wusste. Dieser wirklich schöne Titel wurde nämlich von der britischen Indie-Band "The Mock Turtles" gecovert. Ich habe das Lied Anfang der Neunziger bei einem Konzert der Gruppe in Köln gehört, und es liegt auch auf der CD "Turtle Soup" vor.

Die DVD:

Wie schon erwähnt liegen sowohl die Kinoversion als auch der Director's Cut nur mit englischem Originalton vor. Die Dialoge sind aber gut zu verstehen, und das, obwohl die meisten Schauspieler mit einem leichten Akzent (soll "schottisch" klingen) sprechen. Wer die englische Sprache gar nicht beherrscht, kann deutsche Untertitel zuschalten, die für das Verständnis ausreichen. Die Bildqualität ist akzeptabel, schwankt aber beim Director's Cut erheblich: Die zusätzlichen Szenen haben eine viel schlechtere Qualität. Sie stammen aus Filmmaterial, das man ursprünglich für verschollen gehalten hatte. Es wurde anscheinend nicht besonders schonend behandelt. Wieder einmal hat man die Kosten und Mühen einer digitalen Restauration gescheut.

In der ca. 35 Minuten langen Dokumentation "The Wicker Man Enigma" aus dem Jahre 2001, die interessante Interviews mit einigen Schauspielern, dem Regisseur und anderen Beteiligten bietet, erfährt man, wie es a) zur Kürzung des Films gekommen ist und b) was mit der ursprünglichen, ungeschnittenen Version geschehen sein soll: Angeblich wurden die Filmrollen unter der Autobahn M3 begraben, wo sie womöglich noch immer liegen! Den Interviews kann man außerdem die Begeisterung entnehmen, die die meisten Beteiligten auch heute noch für den Film empfinden. Christopher Lee behauptet sogar, ihm sei so viel an der Sache gelegen gewesen, dass er ohne Gage gearbeitet habe. Vermutlich wollte er mit diesem Film aus der Dracula-Rolle ausbrechen, auf die er damals festgelegt war.

Das historische Interview mit Christopher Lee und Robin Hardy stammt vermutlich aus der Zeit kurz nach der Erstaufführung des Films. Es wurde von einem gewissen Stirling Smith geführt und lief wohl im britischen Fernsehen in der Reihe "Critic's Choice". Die Bildqualität ist grauenhaft, trotzdem kann man sich auch dieses Extra mal zu Gemüte führen, denn man erfährt ein wenig mehr über die Hintergründe und bekommt am Schluss eine kleine Kostprobe der Sangeskünste von Christopher Lee zu hören.

J. Kreis, 12.05.2009


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