Zurück zu den Filmen

Tideland Tideland (Kanada/GB, 2005)

DVD - Regionalcode 2, Concorde Home Entertainment
FSK: 16
Laufzeit: ca. 115 Minuten

Extras
Audiokommentar von Terry Gilliam und Tony Grisoni, Einleitung von Terry Gilliam, Fotogalerie, Produktionsnotizen, Informationen zu Cast & Crew (Texttafeln), "Getting Gilliam" - Dokumentation über Terry Gilliam, Making of, B-Roll, Deleted Scenes mit Kommentar von Terry Gilliam, Green Screen-Aufnahmen mit Kommentar von Terry Gilliam, Interviews mit Regisseur und Darstellern, Trailer

Regie:
Terry Gilliam

Hauptdarsteller:
Jodelle Ferland (Jeliza-Rose)
Janet McTeer (Dell)
Brendan Fletcher (Dickens)
Jeff Bridges (Noah)
Jennifer Tilly (Jeliza-Roses Mutter "Queen Gunhilda")




Inhalt:

Die kleine Jeliza-Rose lebt mit ihren Eltern, zwei drogensüchtigen Dropouts, in der Stadt. Als ihre Mutter an einer Methadon-Überdosis stirbt, flieht ihr Vater Noah Hals über Kopf mit Jeliza-Rose aufs Land. Die beiden ziehen in Noahs Elternhaus ein. Das heruntergekommene Farmhaus liegt in einer abgelegenen Region von Texas und wird außer ihnen nur noch von einem Eichhörnchen bewohnt. Das Haus wurde schon vor langer Zeit von Vandalen verwüstet. Noah stirbt kurz nach der Ankunft, nachdem er sich den "Goldenen Schuss" gesetzt hat. Jeliza-Rose nimmt dies nicht wahr oder verdrängt es. Mit Noahs "Abwesenheit" hat Jeliza-Rose kein größeres Problem, denn sie wurde von ihren Eltern Zeit ihres Lebens weitgehend ignoriert und Noah war sowieso meist völlig zugedröhnt.

Jeliza-Rose erkundet das Haus und die nähere Umgebung, ernährt sich tage- oder wochenlang nur von Erdnussbutter und unterhält sich mit ihren einzigen Freundinnen: den Köpfen ihrer Puppen Sateen Lips, Glitter Gal, Mustique und Baby Blonde, während Noah in seinem Sessel verwest. Schließlich begegnet sie Dell, einer schrulligen älteren Frau, die mit ihrem geistig behinderten Bruder Dickens in der näheren Umgebung lebt. Dell hat panische Angst vor Bienen, seit ein Stich ihr rechtes Auge zerstört hat. Ihr gefällt die Neugier des kleinen Mädchens nicht, aber Dickens freundet sich mit ihr an. Gemeinsam entwickeln sie eine Phantasiewelt, in der Dickens der Kapitän eines U-Boots ist und in der sich die Züge, die über eine nahe gelegene Bahnstrecke donnern, in gefährliche Monsterhaie verwandeln, die von Dickens gejagt werden. Zu diesem Zweck legt er normalerweise Münzen als "Köder" für die "Haie" auf die Schienen, aber er deutet an, dass er einen größeren Coup plant.

Als Dell eines Tages in Jeliza-Roses Haus den inzwischen schon reichlich angegammelten Noah vorfindet, ist sie über dessen Zustand eher erfreut als entsetzt, denn Noah war einst ihr Geliebter und wird sie jetzt definitiv nie wieder verlassen. Allerdings muss sie ihr ganzes Können als Tierpräparatorin aufwenden, um ihn in einen halbwegs brauchbaren Zustand zu versetzen. Kurzerhand räumt sie auch gleich das ganze Haus auf. Es sieht nun fast so aus, als könnte aus den dreien (oder vieren, wenn man Noah mitzählt) eine zwar etwas ungewöhnliche, aber doch irgendwie glückliche Familie werden. Doch Jeliza-Rose träumt sich in die Rolle von Dickens Braut hinein. Sie verspricht ihm ewige Liebe, will zur Belohnung aber sein großes Geheimnis erfahren, von dem er ihr erzählt hat. So zeigt er ihr einige Dynamitstangen, die er von einer Baustelle gestohlen und unter seinem Bett gebunkert hat. Dann führt er sie ins Zimmer seiner Mutter, die ebenfalls schon lange tot ist und von Dell konserviert wurde. Dell kommt hinzu und beginnt zu toben, denn dieses Zimmer ist ihr Allerheiligstes. Dickens erleidet einen epileptischen Anfall. Jeliza-Rose flieht und schläft in den Armen ihres mumifizierten Vaters ein.

Durch eine heftige Explosion wird Jeliza-Rose geweckt. Sie läuft zur Bahnlinie, wo sich ihr ein Bild der Zerstörung bietet: Ein Zug ist entgleist, Tote liegen in den aufgerissenen, übereinandergestürzten Waggons, Verletzte torkeln durch die Flammen. Offenbar hat Dickens sein Dynamit eingesetzt, um den "Hai" endlich zur Strecke zu bringen. Jeliza-Rose trifft auf eine traumatisierte Verletzte, die das Kind für eine weitere Überlebende hält und unter ihre Fittiche nimmt.

Der Film:

"Tideland" ist die Verfilmung eines Romans von Mitch Cullin, den ich nicht kenne. In der Einleitung zum Film sagt Terry Gilliam, dass viele Zuschauer den Film vermutlich hassen werden, dass es aber auch einige geben könnte, die ihn lieben. Ich glaube, ich gehöre eher zu letzterer Kategorie. Er sagt außerdem - und es ist wichtig, sich das während des Films immer zu vergegenwärtigen - dass man die Welt in "Tideland" durch die Augen eines Kindes sieht. Dieses Kind lebt in seiner eigenen Phantasiewelt und legt sich die Dinge so zurecht, wie es sie versteht. Deshalb darf man sich nicht über so manche scheinbar verrückte Szene wundern: Die Kornfelder (wunderbare Landschaftsaufnahmen übrigens) verwandeln sich in einen Ozean, die als Opfergabe in den Bauch des mumifizierten Noah eingenähten Puppenköpfe führen dort ein merkwürdiges Eigenleben, ein sprechendes Eichhörnchen taucht auf... Man darf nicht erwarten, die von A bis Z logische und realistisch erzählte Geschichte eines allein gelassenen Mädchens geboten zu bekommen. Stattdessen setzt Terry Gilliam Jeliza-Roses Träume und Vorstellungen in surreale Bilder um. Er gerät dabei zwar nicht so außer Rand und Band wie bei der Drogenrausch-Visualisierung in Fear and Loathing in Las Vegas, bizarre Details und abgedrehte Situationen gibt es aber auch hier zur Genüge. Von Terry Gilliam darf man erwarten, dass er dies nicht zum Selbstzweck macht; alles dient immer der Geschichte.

Wer die Erinnerung an die eigene Kindheit noch nicht ganz verloren hat, der wird zugeben müssen, dass diese Ausgeburten der Phantasie so ungewöhnlich im Grunde gar nicht sind, ebenso Jeliza-Roses Kokettieren mit der Sexualität. Vieles von dem, was man als Betrachter schockierend empfinden könnte (und genau dieser Begriff wird in vielen Reviews verwendet, die ich gelesen habe; ich halte aber nichts an diesem Film auch nur annähernd für schockierend), ist für Jeliza-Rose entweder völlig normal oder so unverständlich, dass sie die Gefährlichkeit einer Situation gar nicht wahrnimmt. So hat sie kein Problem damit, die Spritzen vorzubereiten, die ihr Vater sich dann setzt, und sie bemerkt nicht, was sie in Dickens auslöst, als sie seine "Braut" spielt. Bei letzterem bleibt es übrigens beim unschuldigen so-tun-als-ob. Die Andeutung, dass leicht etwas anderes daraus hätte werden können, ist aber unübersehbar. Auch andere Dinge werden nur angedeutet, zum Beispiel der Unfall mit einem Schulbus auf den Bahngleisen, der vermutlich zu Dickens' Hirnschäden geführt hat, oder die frühere Beziehung zwischen Dell und Noah. Natürlich ist der Film verstörend, befremdlich und traurig, obwohl (oder weil) auch der für Terry Gilliam typische schwarze Humor nicht zu kurz kommt. Dennoch kann man ihn keineswegs in eine Schublade stecken; "Horror" passt ebenso wenig wie "Komödie". Terry Gilliam selbst bezeichnet den Film als Mischung aus "Alice im Wunderland" und "Psycho". Das trifft die Sache zwar auch nicht, mag aber als Hinweis dienen. Auch sind Vergleiche mit Schrei in der Stille angebracht.

Wie gesagt: Man erlebt die Geschehnisse aus Jeliza-Roses Blickwinkel. Sie tritt zwar nicht als Ich-Erzählerin auf, aber es gibt viel Monolog bzw. "Dialoge" mit den Puppenköpfen, die alle eigene "Persönlichkeiten" haben. Jeliza-Rose ist das Zentrum des Films, und zum Glück gibt sich die pfiffige junge Schauspielerin (Jodelle Ferland, die ich schon aus Silent Hill kannte) so natürlich, dass es ausnahmsweise mal nicht nervt, die ganze Zeit ein Kind als Hauptfigur zu sehen. Im Gegenteil: Jeliza-Rose ist eine ernstzunehmende, vielschichtige Figur. Ihre Naivität hätte leicht zum Problem werden können, aber dieser Charakterzug wird nicht zu übertrieben dargestellt und vermischt sich mit einer gewissen Altklugheit. Aber auch die anderen Schauspieler sind sehenswert: Janet McTeer (Dell, die skurrile Misanthropin) und Brendan Fletcher (Dickens, der zugleich sympathische und bedrohliche Epileptiker) machen ihre Arbeit gut, und Jeff Bridges ist als alternder Rocker wie immer genial. Welch ein Gegensatz übrigens zu seiner Rolle in Iron Man!

Die DVD:

Die ca. 43 Minuten lange Dokumentation "Getting Gilliam" ist 2005 während der Dreharbeiten zu "Tideland" entstanden. Sie stammt von Vincenzo Natali (Regisseur von "Cube" und "Cypher"), der - wie der Titel der Dokumentation erahnen lässt - zu verstehen versucht, wie Terry Gilliam "tickt". Das ist kein einfaches Unterfangen... Der Beitrag befasst sich zwar hauptsächlich mit der Entstehung von "Tideland", geht aber auch genauer auf Terry Gilliams Arbeitsweise und Persönlichkeit ein. Cartoonhafte Animationen im typischen Gilliam-Stil ermöglichen sogar einen Blick in sein Gehirn. Es gibt auch ein paar Rückblicke auf seine früheren Filme und Bilder aus seiner Jugend zu bewundern. Danach sollte man sich das ca. 20 Minuten laufende, unkommentierte Material von den Dreharbeiten an verschiedenen Locations ("B-Roll") anschauen, denn das ergänzt die Dokumentation ganz gut. Man erkennt, welcher Aufwand betrieben werden muss, bis eine einzige kurze Einstellung im Kasten ist.

Das übrige Bonusmaterial besteht aus zahlreichen kürzeren Beiträgen. Dazu gehört die Entstehung der Traumszenen, in denen Jeliza-Rose durch das "untergegangene" Haus schwimmt und ins Kaninchenloch fällt (ca. 3 Minuten). Insgesamt ca. 6 Minuten lang laufen die nicht verwendeten Szenen. Eine davon ist recht interessant: Jeliza-Rose hat einen Alptraum, in dem sie ihren in eine Moorleiche verwandelten Vater sieht. In Interviews mit Terry Gilliam (14 Minuten) und dem Produzenten Jeremy Thomas (9 Minuten) erfährt man deren Meinung zum Film. Es gibt auch kurze Interviews mit Jodelle Ferland, Jeff Bridges und Jennifer Tilly (alle unter 2 Minuten), aber die sind nicht besonders aussagekräftig. Hinzu kommt ein "Making of", das diese Bezeichnung nicht verdient: Es ist eine ca. 5 Minuten lange Zusammenstellung kurzer Film- und Interviewschnipsel. Letztere sind zum Teil schon in den zuvor genannten Interviews enthalten.

J. Kreis, 04.06.2009


Deine Meinung?

(Bei Klick auf diesen Button öffnet sich ein Kontaktformular in einem gesonderten Fenster)


Seitenanfang