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The Fall The Fall (GB / USA / Indien, 2006)

DVD - Regionalcode 2, Capelight Pictures
FSK: 12
Laufzeit: ca. 112 Minuten

Extras
Audiokommentar von Regisseur Tarsem Singh, Audiokommentar von den Drehbuchautoren Nico Soultanakis und Dan Gilroy sowie Darsteller Lee Pace, Kinotrailer

Regie:
Tarsem Singh

Hauptdarsteller:
Catinca Untaru (Alexandria)
Lee Pace (Roy Walker / Blauer Bandit / Roter Bandit)
Justine Waddell (Lady Evelyn Everest Everhardt / Schwester Evelyn)
Marcus Wesley (Otta Benga)
Leo Bill (Charles Darwin)
Jeetu Verma (Der Inder)
Robin Smith (Luigi)
Julian Bleach (Der Mystiker)
Daniel Caltagirone (Gouverneur Odious / Sinclair)




Inhalt:

Roy Walker, ein Stummfilm-Stuntman, erleidet bei einem gewagten Sprung von einer Eisenbahnbrücke Rückenverletzungen und kann danach seine Beine nicht mehr bewegen. Seine ohnehin fragliche Genesung macht nicht zuletzt aufgrund seines verloren gegangenen Lebenswillens keine Fortschritte; er hatte den Stunt unternommen, um seine Freundin zu beeindrucken, doch die hatte sich Sinclair zugewandt, dem Star des Films. Im Hospital begegnet Roy der fünfjährigen Alexandria, die eine schwere Zeit hinter sich hat: Diebe hatten das Haus ihrer Familie angezündet und das Pferd ihres Vaters gestohlen, wobei dieser getötet worden war. Alexandrias Mutter war mit ihren beiden Töchtern nach Amerika ausgewandert. Dort mussten auch die Kinder als Erntehelfer auf den Orangenplantagen arbeiten. Alexandria war bei der Arbeit gestürzt und hatte sich einen schweren Armbruch zugezogen. Alexandria, die sich im Krankenhaus oft einsam fühlt und dann von der freundlichen Schwester Evelyn getröstet werden muss, freundet sich mit Roy an. Roy erzählt dem Mädchen die phantastische, improvisierte Geschichte einer Gruppe von Helden, die sich auf einem Rachefeldzug gegen den bösen spanischen Gouverneur Odious und dessen Schergen befinden. Dies sind Charles Darwin (stets begleitet von dem klugen Affen Wallace, dem er seine Ideen verdankt), ein Inder, der Sprengstoffexperte Luigi, der entflohene Sklave Otta Benga und ein Mystiker. Anführer der Gruppe ist der maskierte Rote Bandit. Odious hat jedem von ihnen großes Leid und Unrecht angetan, so dass sie ihn nun töten wollen. Unterwegs entführen sie Prinzessin Evelyn, die Verlobte des Gouverneurs. Roy verliebt sich in die Schöne und plant den Angriff auf den Palast seines Widersachers.

In Alexandrias Phantasie vermischen sich die fiktiven Geschehnisse dieser Geschichte mit der Realität, wobei sie die vielen unverständlichen, für ihr kindliches Gemüt teils sogar bedrohlichen Erlebnisse im Krankenhaus verarbeitet. Die Helden haben die Gesichter von Menschen, die sie kennt. So stellt sie sich zunächst vor, ihr toter Vater sei der maskierte Bandit, doch bald nimmt Roy dessen Platz ein - sowohl in der Geschichte, als auch in der Realität. Alexandria möchte für immer im Krankenaus bei Roy bleiben, doch der hat andere Pläne. Er behauptet, er leide unter Schlafmangel und könne sich deshalb nicht richtig an die Geschichte erinnern. Tatsächlich will er Selbstmord begehen. Da er nicht aufstehen kann, bittet er Alexandria, ihm Morphin aus dem Haupthaus zu bringen. Das arglose Mädchen willigt ein, doch sie bringt zu wenige Tabletten mit. Nun bringt Roy Alexandria dazu, weitere Medikamente aus dem Schrank seines Zimmergenossen zu stehlen. Er schluckt unzählige Tabletten und schläft ein, während er weitererzählt. Aufgrund seines Todeswunsches nimmt die Geschichte eine ungute Wendung: Die Hochzeit des maskierten Banditen mit Lady Evelyn entpuppt sich als Falle. Der Bandit und seine Gefährten werden gefangen genommen und in der Wüste ausgesetzt, wo sie verdursten sollen. Da imaginiert Alexandria sich selbst in die Geschichte hinein und übernimmt die Rolle der unerwartet auftauchenden Tochter des Banditen, die die Gefährten befreit. Die Geschichte endet vorerst, als Roy endgültig einschläft. Es gelingt Alexandria nicht, ihn aufzuwecken.

Am nächsten Tag wird ein Toter abtransportiert. Alexandria ist außer sich vor Angst, da sie glaubt, es sei Roy. Doch der ist quicklebendig! Die "Medikamente", die er geschluckt hat, waren nur ein Plazebo - sein Zimmergenosse ist ein Hypochonder. Roy dreht durch und Alexandria darf ihn nicht mehr besuchen. Sie will jedoch unbedingt wissen, wie die Geschichte weitergeht, und versucht erneut, Morphin aus dem Haupthaus zu stehlen. Dabei stürzt sie so unglücklich, dass sie ins Koma fällt und operiert werden muss. Als sie wieder zu sich kommt, sitzt Roy an ihrem Bett. Er ist betrunken, verzweifelt und voller Selbstvorwürfe, so dass die Geschichte noch düsterer wird: Alle Gefährten des Banditen sterben beim Sturm auf den Palast, er selbst wird fast von Odious getötet. Erst als Alexandria Roy unter Tränen bittet, den Banditen nicht sterben zu lassen, erkennt er, dass sie in Wahrheit ihn meint und konstruiert doch noch ein Happy End. Odious wird besiegt, der Bandit und seine Tochter sind glücklich vereint. Alexandria erholt sich von ihren Verletzungen und kehrt zu ihrer Familie zurück. Auch Roy wird wieder völlig gesund. Er überwindet die Depressionen und nimmt seine Arbeit als Stuntman wieder auf. Alexandria sieht sich alle Filme an, in denen er die verrücktesten und gefährlichsten Situationen meistert.

Der Film:

"The Fall" ist sehr ähnlich aufgebaut wie The Cell, ein weiterer Film Tarsem Singhs: Es findet ein ständiger Wechsel zwischen der realen Welt und einer viel farbenprächtigeren, phantastischeren Fantasiewelt statt, und obwohl diese Welten nichts miteinander zu tun haben, beeinflussen sie sich gegenseitig und überlagern sich zum Teil. Diese Beziehung ist in "The Fall" noch weit stärker ausgeprägt als in "The Cell". Wie ich in der Handlungszusammenfassung schrieb, setzt Alexandria die von Roy erzählte Geschichte in ihrer Phantasie um, indem sie ihre realen Erlebnisse wie in einem Traum verarbeitet. In Alexandrias Traumbildern werden z.B. die mit Metallschürzen und Helmen gegen die Röntgenstrahlen abgeschirmten Mitarbeiter des Krankenhauses, vor denen sie sich fürchtet, zu den gesichtslosen Schergen des Gouverneurs, und auch andere reale Personen und Geschehnisse werden in der Geschichte traumartig übersteigert. Wenn Alexandria etwas nicht gefällt, dann dichtet sie es um, und Roy muss sich darauf einstellen. Phantasie und Realität überlagern sich immer wieder. So blickt der Bandit etwa mitten in einer Verfolgungsjagd plötzlich in die Kamera und spricht Alexandria direkt an, weil Roy ihr gerade eine Frage stellt. Zu Alexandrias Missvergnügen endet die Geschichte dann erst einmal - und dieses Missvergnügen empfindet auch der Zuschauer.

Jedenfalls gilt das für mich. Von mir aus hätte es beim einmaligen Wechsel in die Phantasiewelt bleiben können. So anrührend die "reale" Ebene des Films mit Roys Todeswunsch und Alexandrias immer nur in Andeutungen vermitteltem Schicksal auch sein mag: Das opulente Märchen ist einfach interessanter. Die Bilder, die hier gezeigt werden, sind ungemein beeindruckend und faszinierend. Es wurde zwar vermutlich nur an Originalschauplätzen gedreht, aber Orte wie die Karlsbrücke in Prag, diverse Paläste, das Taj Mahal, verschiedene Wüsten oder die Blaue Stadt Jodhpur (ich hatte keine Ahnung, dass dieser Ort tatsächlich existiert, man kann's in der Wikipedia nachlesen) wurden doch auf so ungewöhnliche Weise in Szene gesetzt, dass manchmal der Eindruck totaler Irrealität entsteht. Hinzu kommen die unglaublich phantasievollen, prächtigen Kostüme und verschiedene merkwürdige Elemente wie das riesige, vom Blut des Blauen Banditen getränkte Laken. In dieser Traumwelt ist alles überhöht oder stilisiert, die Farben sind satt und leuchtend, die Akteure nehmen betont theatralische Posen ein, die verschiedensten Epochen vermischen sich. Das muss so sein und wirkt niemals lächerlich. Mir wäre es lieber gewesen, wenn der Regisseur sich ganz auf die Märchengeschichte konzentriert hätte. Stattdessen wird man immer wieder quasi auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und findet sich - wie Alexandria - in der vergleichsweise kargen Welt des Hospitals wieder.

Dass der Film dann trotzdem nicht langweilig wird, liegt einerseits daran, dass das "Mischungsverhältnis" stimmt. Immer wieder werden auch in der "Realwelt" kleine Szenen eingestreut, die verdeutlichen sollen, wie wundersam manches Alexandria vorkommt. Sei es das durch ein Schlüsselloch projizierte, auf dem Kopf stehende Bild eines Pferdes, der Schmetterling, der direkt aus Roys Geschichte zu stammen scheint, oder ein verstörender Moment, in dem die Mutter eines an Schlangengift gestorbenen Jungen versucht, das Kind zum Aufstehen zu bewegen. Vor allem aber ist es den Leistungen der beiden Hauptdarsteller zu verdanken. Man nimmt Lee Pace die innere Zerrissenheit seiner Figur und die schmerzliche Überwindung seines Selbstmitleids jederzeit ab. Das kleine Mädchen wächst einem so richtig ans Herz, und sie ist nicht einfach nur eine niedliche Beigabe, sondern ein starker Widerpart für Roy. Dennoch: "The Fall" ist vor allem ein Kaleidoskop wundervoller, surrealer Bilder, die Story ist zweitrangig. Darauf muss man sich einfach einlassen.

Die DVD:

Die Single-Disc-Edition enthält als Bonusmaterial nur Audiokommentare und Trailer. Die Audiokommentare habe ich mir noch nicht zu Gemüte geführt.

J. Kreis, 04.09.2009


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