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Stalker Stalker (UdSSR, 1979)

DVD - Regionalcode 2, Icestorm Entertainment
FSK: 12
Laufzeit: ca. 154 Minuten

Extras
"Stalker - Eine Reflexion des Kameramanns Rolf Kettner", Bio-/Filmografie des Regisseurs (Texttafeln), Bildergalerie

Regie:
Andrej Tarkowskij

Hauptdarsteller:
Aleksandr Kajdanovsky (Stalker)
Anatoli Solonitsyn (Schriftsteller)
Nikolai Grinko (Professor)
Alisa Frejndlikh (Frau des Stalkers)
Natasha Abramova (Martha)




Inhalt:

In der Zone, einem Niemandsland, das einer Legende zufolge nach dem Absturz eines Meteoriten entstanden ist, soll es einen Raum geben, in dem der geheimste, aufrichtigste Wunsch eines jeden Besuchers erfüllt wird. Dieser Raum ist jedoch nicht einfach zu erreichen, denn die Zone ist voller unerklärlicher, meist unsichtbarer Fallen und rätselhafter Erscheinungen. Wege, die einmal sicher waren, führen beim nächsten Mal in den Tod, umgekehrt verschwinden Fallen auch einfach so oder verändern sich. Ursache und Wirkung haben in der Zone ihre Bedeutung verloren, die Zeit verläuft in seltsamen Bahnen. Man hatte kurz nach dem Entstehen der Zone eine Militäreinheit hineingeschickt, aber keiner der Soldaten war zurückgekehrt. Die Zone wurde daraufhin evakuiert und abgesperrt, niemand darf sie betreten. Doch es gibt immer wieder Glücksritter, die den geheimen Raum erreichen wollen. Allein hätten sie in der Zone keine Überlebenschance, aber es gibt erfahrene Führer, die Stalker, die sich mit den Besonderheiten der Zone auskennen und bereit sind, ausgewählte Personen zu jenem Raum zu bringen, den sie selbst nicht betreten können. Es scheint fast so, als sei die Zone (oder die Natur, die das einst industriell genutzte Areal allmählich zurückerobert) ein intelligentes Wesen, das darüber entscheidet, wer sie durchqueren darf und wer scheitern wird.

Einer dieser Stalker lebt mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter (das Mädchen ist wie die meisten Kinder von Stalkern verkrüppelt, hat aber auch telekinetische Kräfte) am Rand der Zone. Er ist geradezu besessen von diesem Gebiet und riskiert zum Leidwesen seiner Frau immer wieder sein Leben, um Besucher in die Zone zu führen. Er hat auch schon mehrere Jahre im Gefängnis verbracht, denn seine Tätigkeit ist natürlich illegal. Eines Tages durchbricht er die Absperrungen der Zone zusammen mit zwei neuen Kunden, die er nur mit "Schriftsteller" und "Professor" anredet. Während die beiden Männer dem Stalker folgen, der sich mit äußerster Vorsicht auf verschlungenen Wegen durch die Landschaften und zerfallenden Gebäude der Zone bewegt, haben sie Zeit, sich über ihre Motive und ihr Leben Gedanken zu machen. Sie geraten mehrmals in Gefahr, als sie die Anweisungen des Stalkers nicht befolgen. Der Schriftsteller wirft ihm sogar vor, er entscheide selbst, wer in der Zone überleben dürfe und wer nicht.

Als sie endlich wohlbehalten vor dem Zentrum der Zone stehen und den bewussten Raum betreten könnten, verzichten sie darauf. Der Schriftsteller erkennt, dass der Raum ihm nicht helfen kann, denn wer kennt schon seinen wahren, tiefsten Wunsch? Der Professor hatte ohnehin ganz andere Pläne: Er wollte den Raum mit einer Bombe vernichten, die er und seine Kollegen hier in der Anfangszeit deponiert hatten. So wollte er verhindern, dass die Zone missbraucht wird. Er demontiert die Bombe jedoch und verlässt die Zone mit den beiden anderen. Ein Hund folgt ihnen. Als er zurück bei seiner Familie ist, beklagt der Stalker den Unglauben der Menschen und seine Unfähigkeit, ihnen zu helfen. Doch er ist nicht allein: Seine Frau liebt ihn so sehr, dass sie bereit wäre, mit ihm ihn die Zone zu gehen.

Der Film:

Als ich diesen Film vor vielen Jahren zum ersten Mal gesehen habe, kannte ich den zugrunde liegenden Roman "Picknick am Wegesrand" von Arkadi und Boris Strugatzki schon, hatte also eine gewisse Ahnung davon, um was es sich bei der Zone handelt. Obwohl der Film stark vom Roman abweicht (immerhin haben die Strugatzkis das Drehbuch geschrieben), bleibt die Grundidee doch erhalten. Trotzdem blieb der Film für mich weitgehend unverständlich, wenn ich ihn auch wegen seiner ungewöhnlichen Bildersprache ungemein fesselnd fand.

Inzwischen habe ich eine ganze Reihe von Kritiken gelesen, die die unterschiedlichsten Deutungsversuche enthalten. Natürlich bietet es sich an, den Stalker und seine beiden Kunden als Verkörperungen von Religion, Kunst und Wissenschaft zu betrachten, die auf ihre jeweilige Weise mit der Zone (Gott? Dem Leben an sich? Dem eigenen Selbst?) umgehen. Der zynische Schriftsteller glaubt zu Anfang nicht an die mystischen Geschichten von der Zone. Er wählt den direkten Weg, wird dann aber von seiner eigenen Stimme, die aus den Ruinen erschallt, zurückgehalten. Der Professor würde die Zone zerstören, weil er sie nicht versteht, und der "gläubige" Stalker empfindet eine so große Ehrfurcht vor der Zone, dass es ihm verwehrt bleibt, in ihr absolutes Zentrum vorzudringen und das letzte Geheimnis zu erkunden. Man kann auch vermuten, dass die vermeintliche Schwäche des Stalkers als Stärke dargestellt werden soll. Er ist ja eine eher erbärmliche Figur, bezeichnet sich selbst als "Laus" und schickt immer die anderen vor, nachdem er seine Schraubenmuttern gewofen hat. Trotzdem ist er derjenige, der in der Zone bestehen kann. Noch stärker als er ist sein gelähmtes, also eigentlich noch schwächeres Kind: Es hat übermenschliche geistige Kräfte. Auch die Gegensätze zwischen der trostlosen schwarz-weißen Realität und der farbigen Zone oder die Art, wie in fast jeder Szene Wasser in irgend einer Weise Bedeutung erlangt, laden zu Interpretationen ein. Letzten Endes wird jeder Zuschauer seine eigene Auslegung finden müssen.

Oder besser gesagt: Jeder wird den Film anders erleben, wird etwas anderes dabei empfinden. Für mich stehen Aussage und Botschaft des Films bzw. die Deutungsmöglichkeiten nicht im Vordergrund, für mich ist der Film vor allem ein beeindruckendes visuelles Erlebnis - und das, obwohl er spektakuläre Spezialeffekte, aufwändige Matte-Paintings, besondere Kostüme/Masken ebenso wenig enthält wie Action oder schmissige Dialoge. So bleibt es denn bis zuletzt offen, ob die Gefahren, denen der Stalker ausweicht, echt oder eingebildet sind, denn man sieht nie etwas davon. Auch das, was gezeigt wird, ist alles andere als außergewöhnlich, es ist im Gegenteil höchst banal und sollte eigentlich sogar abstoßend sein: Zerbröckelnde Ruinen und allgemeiner Verfall, Autowracks und anderer Schrott, Dreck, Abfall, Scherben und Morast. Aber durch die Art, wie all das gezeigt wird, entsteht eine seltsame Ästhetik. In extrem langen, langsamen Einstellungen (manchmal bewegt sich auch minutenlang überhaupt nichts) fährt die Kamera zum Beispiel in Nahaufnahme über einen von Wasser bedeckten Boden aus zerborstenen Kacheln. Unter Wasser verrottet diverser Zivilisationsmüll. In einer anderen Szene wird nur eine alte Feuerstelle gezeigt, die vom Wind noch einmal angefacht wird. Wenn ihr nicht glaubt, dass das "schön" sein kann, müsst ihr euch diesen Film eben einmal antun, oder besser mehrmals. Aber ihr müsst viel Geduld mitbringen und dürft nicht erwarten, dass eine spannende Geschichte erzählt wird. "Stalker" ist eher ein bewegtes Gemälde, eine Art Collage aus Filmszenen.

Man könnte "Stalker" als Reise in die Innenwelt der Protagonisten bezeichnen. Ich finde ihn immer noch faszinierend, aber wie gesagt hauptsächlich wegen der wunderbaren Bilder und der eigentümlichen, traumartigen Atmosphäre.

Eine gar nicht mal so schlechte Umsetzung dieser Atmosphäre und des ganzen "Looks", die man selbst "erleben" kann, findet ihr übrigens im PC-Spiel S.T.A.L.K.E.R. - Shadow of Chernobyl.

Die DVD:

Der ca. 15 Minuten lange Beitrag von Rolf Kettner aus dem Jahre 2003 erleichtert das Verständnis des Films, er enthält aber keine Informationen zur Entstehung oder biografische Daten zum Regisseur. Das muss man in den eher mageren Texttafeln nachlesen. Viel trauriger als die stiefmütterliche Ausstattung der DVD (es gibt wahrscheinlich einfach kein weiteres Material) finde ich die Bild- und Tonqualität. Gut, der Film ist alt. Aber hätte man dieses Meisterwerk, bei dem es doch gerade auf die Bilder ankommt, nicht wenigstens von Verschmutzungen usw. befreien können? Wäre es nicht möglich gewesen, die zahlreichen Knackser aus der Tonspur zu nehmen? Das Bild ist außerdem kontrastarm, unscharf und unruhig, der Ton ist dumpf und oft verrauscht. Das hätte nun wirklich nicht sein müssen.

J. Kreis, 29.12.2007
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