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Shivers David Cronenbergs Cult Classic Box:
Shivers - Der Parasitenmörder (Kanada, 1975) / Rabid (Kanada, 1977)

DVD - Regionalcode 2, Splendid Film
Altersfreigabe: FSK 18
Laufzeit: ca. 84 Minuten ("Shivers") bzw. ca. 87 Minuten ("Rabid")

Extras
Interview mit David Cronenberg, Bio-/Filmografie von David Cronenberg (Text)

Regie:
David Cronenberg

Hauptdarsteller "Shivers":
Paul Hampton (Dr. Roger St. Luc)
Joe Silver (Dr. Rollo Linsky)
Lynn Lowry (Schwester Forsythe)
Allan Migicovsky (Nicholas Tudor)
Fred Doederlein (Professor Emil Hobbes)

Hauptdarsteller "Rabid":
Marilyn Chambers (Rose)
Frank Moore (Hart Read)
Howard Ryshpan (Dr. Dan Keloid)
Joe Silver (Murray Cypher)
Susan Roman (Mindy Kent)




Inhalt "Shivers":

Das auf einer Insel in der Nähe Montreals gelegene "Starliner"-Hochhaus ist eine in sich abgeschlossene Welt aus Apartments mit angeschlossenem Supermarkt, einer Apotheke, eigenen Arztpraxen und so weiter. Hier ereignet sich ein grausiger Mord: Professor Hobbes tötet eine junge Frau, schüttet ihr Säure in die Bauchhöhle und schneidet sich anschließend die Kehle durch. Roger St. Luc, der im Starliner-Komplex eine Arztpraxis betreibt, wird wenig später von seinem Freund Rollo Linsky kontaktiert. Dieser hatte zusammen mit Hobbes an einer revolutionären neuen Methode zur Ersetzung menschlicher Organe gearbeitet. Besondere Parasiten hätten das bisherige Verfahren der Organtransplantation ablösen sollen. Die Parasiten hätten zwar vom Blut der Betroffenen gezehrt, dafür aber die Funktion der ausgefallenen Organe ersetzt. Aus den Unterlagen des Professors, die nach dem Mord sichergestellt worden sind, erfährt Rollo jetzt, dass Hobbes insgeheim ganz andere Forschungen betrieben hat. Der Professor war der Meinung, der Mensch sei nichts anderes als ein Tier, das nach seinen Instinkten leben sollte. Die von ihm entwickelten egelartigen Parasiten verwandeln ihre Wirte deshalb in triebgesteuerte, hemmungslose Kreaturen und bringen sie dazu, wahllos miteinander zu kopulieren. So können die Parasiten am schnellsten neue Wirte finden.

Hobbes hat die aggressive Vermehrungsweise der Geschöpfe unterschätzt und wollte sein erstes Versuchskaninchen davon befreien. Allerdings hatten schon andere Bewohner des Hochhauses Verkehr mit ihr, so dass die Parasiten sich rasch im ganzen Haus ausbreiten. St. Luc, der den Ernst der Lage nicht sofort erkennt, ist machtlos gegen die unkontrollierbaren Horden enthemmter Befallener, die Chaos im ganzen Haus verbreiten. Einer der Wirte kappt die Telefonleitungen, so dass keine Hilfe herbeigerufen werden kann. Rollo ist zwar schon unterwegs, um St. Luc beizustehen, doch er fällt Nicholas Tudor zum Opfer. Der junge Mann ist einer der ersten Befallenen und brütet inzwischen Dutzende Parasiten aus. Diese Wesen fallen Rollo an und blenden ihn (sie können sich mittels Säure von außen in den Körper fressen). Als er sich wehrt, wird er von Tudor erschlagen. St. Luc kommt zu spät und kann nur noch versuchen, mit seiner Geliebten zu fliehen.

Auch St. Lucs Freundin wird jedoch infiziert. Er selbst wird beim Versuch, das Gebäude zu verlassen, von den Befallenen eingekreist und überwältigt. Einige Zeit später verlassen die Befallenen den Komplex, damit die Parasiten sich über die ganze Stadt ausbreiten können.

Inhalt "Rabid":

Hart Read und seine Freundin Rose verunglücken mit dem Motorrad. Hart wird nur leicht verletzt, aber Rose erleidet schwere Verbrennungen. Das nächstgelegene Krankenhaus ist die Keloid-Clinic (benannt nach ihrem Leiter Dr. Dan Keloid), in der normalerweise nur Schönheitsoperationen durchgeführt werden. Da Rose in Lebensgefahr schwebt und sofort operiert werden muss, nimmt Keloid sie auf und wendet ein von ihm entwickeltes neues Verfahren an. Er deckt die Brandwunden mit Hautstreifen ab, die Roses Bein entnommen und "morphogenetisch neutralisiert" werden. Dabei wird die Programmierung der Zellkerne aufgehoben, so dass das Gewebe sich perfekt anpassen kann. Der Eingriff gelingt, alle Wunden heilen sehr gut ab und es bleibt nur eine kleine Narbe in Roses linker Achselhöhle zurück. Eines Nachts erwacht Rose aus dem Koma und fühlt sich prächtig, verspürt aber ein seltsames Verlangen, das erst befriedigt wird, als sie einen anderen Patienten überfällt. Aus ihrer Narbe schiebt sich eine Art Rüssel, der sich in das Fleisch des Mannes bohrt. So trinkt sie sein Blut. Bei einem heimlichen nächtlichen Ausflug werden ein betrunkener Farmer, eine weitere Patientin und schließlich Dr. Keloid selbst Opfer von Roses Blutdurst. Die junge Frau stellt fest, dass sie keine andere Nahrung als menschliches Blut mehr zu sich nehmen kann.

Roses Opfer sterben nicht, sondern verwandeln sich durch ein von ihr übertragenes Virus in aggressive, entmenschte Bestien, die in ihrer Gier nach Blut jeden anfallen, den sie erwischen können, womit sie das Virus weitergeben. Rose, die keine Ahnung davon hat, was sie mit ihrem Blutdurst anrichtet, flieht aus der Klinik. Sie will zu Hart nach Montreal zurückkehren, allerdings ist der bereits mit Keloids Geschäftspartner Murray Cypher auf dem Weg in die Klinik. Auf dem Weg nach Montreal saugt Rose noch weitere Menschen aus. Da die Inkubationszeit nur wenige Stunden beträgt, verbreitet sich die Seuche rasend schnell und erreicht die Stadt. Dort bricht bald das Chaos aus. Die Behörden greifen zu verzweifelten Maßnahmen. In aller Eile kann zwar ein Impfstoff entwickelt werden, doch dadurch können nur Gesunde geschützt, Kranke aber nicht geheilt werden. Außerdem geht natürlich von den tollwütigen Infizierten eine schreckliche Gefahr aus, da sie die Gesunden in ihrer Gier oft töten. Der Ausnahmezustand wird ausgerufen, alle Kranken werden sofort erschossen, die unzähligen Leichen werden hastig entsorgt.

Während auch Hart und Cypher nach Montreal zurückkehren, findet Rose bei ihrer Freundin Mindy Kent Unterschlupf. Da sie schreckliche Qualen erdulden muss, wenn sie nicht regelmäßig Blut trinkt, sucht sie sich immer neue Opfer. Auch Mindy bleibt nicht verschont. Cypher vermutet, dass es infolge der "Neutralisierung" der Hauttransplantate bei Rose zu einer Mutation gekommen ist. Er bittet Hart, allein weiter nach Rose zu suchen, da er sich Sorgen um seine Familie macht. Als er nach Hause kommt, wird er von seiner infizierten Frau angefallen, die bereits das gemeinsame Kind getötet hat. Als Hart seine Freundin findet und ihr klar macht, dass sie die Verursacherin der Seuche ist, will sie ihm nicht glauben. Sie flieht erneut, trinkt das Blut eines Fremden und schließt sich mit ihm in einer Wohnung ein. Sie will wissen, ob der Mann sich wirklich verwandelt. Das geschieht natürlich, während Rose mit Hart telefoniert. Hart muss alles mit anhören. Am nächsten Morgen wird Roses lebloser Körper auf der Straße gefunden. Er landet zusammen mit anderen Leichen in einem Mülltransporter.

Die Filme:

Shivers ist David Cronenbergs erster Kinofilm. In einem Interview, das auf dieser DVD vorliegt, sagt er selbst, dass er das Handwerk während der Dreharbeiten erst lernen musste; so hatte er nicht nur wenig Ahnung davon, wie er mit den Schauspielern umgehen sollte, sondern wusste auch gar nicht, welche Aufgaben die einzelnen Mitglieder des Produktionsteams hatten. Wenn man außerdem (mal ganz abgesehen vom Alter des Films) berücksichtigt, dass nur ein sehr niedriges Budget zur Verfügung gestanden hat, die Dreharbeiten innerhalb kürzester Zeit abgeschlossen werden mussten und zum größten Teil nur Laiendarsteller verfügbar waren, dann kann man die unübersehbaren Schwächen des Films tolerieren. Die Schauspieler agieren entweder sehr hölzern oder scheinen Probleme damit zu haben, den jeweils passenden Gesichtsausdruck zu finden, und manche Spezialeffekte wirken aus heutiger Sicht einfach nur lächerlich. Andere erfüllen aber durchaus ihren Zweck. So sind die aufgeblähten, blutig-schleimigen Parasiten angemessen widerlich, man könnte sie fast für echt halten. Wenn Tudor diese Wesen aus seinem Mund hervorwürgt, so dass sie in die Badewanne, oder - noch besser - auf den Regenschirm einer unter seinem Balkon herumspazierenden Frau klatschen, oder wenn sich sein Bauch in einem späteren Stadium des Befalls in eine blutige Fleischmasse verwandelt, dann stellt sich der "typisch Cronenberg'sche" Ekel ein.

Wenn das Stadium nicht wäre, in dem der Wirt nur noch Parasiten "ausbrütet", die sich dann durch den Körper nach draußen fressen, dann könnte man den Zustand, in dem die Befallenen sich befinden, fast für wünschenswert halten. Schließlich fügen die Parasiten ihnen zunächst mal keinen Schaden zu. Ein Parasit kann ja auch gar nicht daran interessiert sein, seinen Wirt zu töten - jedenfalls nicht sofort. Stattdessen verlieren die Befallenen lediglich ihre Hemmungen und leben all ihre Triebe aus. Gut, das geht natürlich zu Lasten der noch nicht Befallenen, aber wenn auch die dann ihren Parasiten intus haben, wirken sie keineswegs unglücklich. Am Ende wanken sie zwar wie eine Horde von Zombies auf St. Luc zu, aber ihre "Fleischeslust" ist ganz anderer Art als die der Untoten, die man z.B. aus Filmen George A. Romeros kennt... Cronenberg schreckt nicht davor zurück, auch alte Menschen und Kinder zum Opfer der Parasiten zu machen und zu zeigen, was sie danach anstellen. Das könnte man auch heute noch (oder gerade heute) als Tabubruch bezeichnen. Man sollte übrigens angesichts obiger Handlungszusammenfassung nicht denken, man habe es mit einem Erotikfilm zu tun. Natürlich gibt es einige Nackte zu sehen, aber durch den kühlen, fast dokumentarischen Stil wird das immer wieder relativiert. Und bestimmte Grenzen werden nie überschritten.

Rabid ist zwar weniger blutig, aber viel düsterer als Shivers. Man merkt, dass Cronenberg sein Handwerk inzwischen besser versteht und dass mehr Geld zur Verfügung gestanden haben muss. So findet die Handlung an mehreren Schauptlätzen statt, es wurden mehr maskenbildnerische Effekte verwendet und es gibt verschiedene recht spektakuläre Autounfälle zu sehen. Auch die Schauspieler liefern bessere Leistungen ab - selbst Marilyn Chambers, eine Pornofilm-Darstellerin. Die Wikipedia behauptet, in Rabid habe sie ihre erste Hauptrolle außerhalb des Speckfilm-Genres gehabt. Allerdings muss sie auch diesmal des Öfteren mit entblößtem Oberkörper herumlaufen. Roses Saugrüssel sieht aus wie ein Penis, der sich aus einer Vagina schiebt, und wenn Rose Blut trinkt, ist das für sie ganz offensichtlich mit großer Lust verbunden. Man könnte dem Regisseur vorwerfen, er habe damit die Voyeure bedienen wollen. Das ist sicher auch nicht ganz falsch. Aber gerade diese Mischung aus Erotik und Horror ist typisch für Cronenberg, und die Ausstattung einer jungen Frau mit einem stachelbewehrten Phallus führt zu einem bizarren Rollentausch, den ein potentieller Voyeur sicher nicht erwartet hätte.

Eigentlich ist die Story eine Variation des altbekannten Vampir-Themas, allerdings mit ganz anderen Vorzeichen. Hier gibt es keinen charismatischen Bösewicht aus den Karpaten, der sich durch seinen Vampirbiss eine untote Gefolgschaft heranzüchtet. Stattdessen ist die Quelle der Infektion eine verwirrte junge Frau, die gar nicht weiß, was sie anrichtet, wenn sie ihrem quälenden Hunger nachgibt. Sie sträubt sich ja sichtlich, z.B. über ihre Freundin Mindy herzufallen, kann dann aber doch nicht widerstehen. Als "böse" kann man sie nicht bezeichnen, höchstens als naiv. Am Ende begeht sie dann auf recht ungewöhnliche Weise Selbstmord. Es gibt somit auch keinen Helden, der die Situation mit einer beherzten Pfählung bereinigt. Hart kann rein gar nichts ausrichten und Cypher findet ein frühes Ende. Anders als die Parasitenwirte in Shivers sind die Infizierten keineswegs glücklich (soweit man das beurteilen kann), und so entfaltet sich diesmal schließlich ein böses Endzeit-Szenario, das allerdings - wohl aus Budgetgründen - nicht so effektvoll umgesetzt wurde, wie es z.B. in 28 Days later, I am Legend oder Doomsday erfolgt ist.

In beiden Filmen erkennt man schon, was in vielen weiteren Werken Cronenbergs zentrales Thema sein wird: "Body Horror", also die Angst der Menschen vor körperlichen Abnormitäten, Veränderungen des eigenen Körpers durch Krankheit oder Mutation, und dem damit verbundenen Verlust der Selbstkontrolle. Beide Filme enthalten deutliche Kritik an einer wissenschaftlichen Forschung, die realisieren will, was machbar ist - natürlich immer zum Wohle der Menschheit, in Wahrheit aber nur um der Sache selbst willen, aus wirtschaftlichen Interessen, persönlicher Eitelkeit und so weiter. Leider ist die Praxis, menschliche Versuchskaninchen zu verwenden (die davon womöglich noch nicht einmal etwas wissen), keineswegs erfunden, und auch die menschenverachtenden Gegenmaßnahmen der Regierung sind nicht weit hergeholt. Wer die Gesellschaft bedroht, wird eliminiert, die Überreste werden im Müll entsorgt. Kollateraschäden gehören dazu; in Rabid muss leider auch der Weihnachtsmann dran glauben, als ein Infizierter niedergeschossen wird.

Die DVD:

"David Cronenbergs Cult Classic Box" enthält beide Filme in ungeschnittener Fassung, aber nur mit deutschem Ton. Beide sind auch einzeln erhältlich. Auf beiden DVDs liegen dieselben Texttafeln mit kurzen Informationen zu David Cronenberg vor. Die DVD mit dem Film Shivers enthält außerdem ein ca. 21 Minuten langes Interview mit Cronenberg, in dem er einige sehr interessante Einzelheiten über diesen Film zum Besten gibt. Er spricht, wie im obigen Kommentar schon erwähnt, über seine persönlichen Schwierigkeiten bei der Arbeit als Regisseur und erzählt, dass er einer Schauspielerin immer dann heftige Ohrfeigen verpassen musste, wenn sie in einer Szene weinen sollte. Barbara Steele hatte das gesehen und sich Cronenberg zur Brust genommen - sie hatte nicht gewusst, dass die vermeintliche Misshandlung auf ausdrücklichen Wunsch der Schauspielerin erfolgt war... Auch verweist Cronenberg auf die offensichtlichen Parallelen zwischen Shivers und Alien. Man hatte ihm vorgeworfen, das von ihm selbst geschriebene Drehbuch sei ein Plagiat. Da Shivers 1975 entstanden ist, Alien aber erst 1979, kann man sich leicht ausrechnen, wer da möglicherweise von wem abgeschrieben hat...

J. Kreis, 25.10.2009


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