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The Midnight Meat Train The Midnight Meat Train - Extended Director's Cut (USA, 2008)

DVD - Regionalcode 2, Universal
FSK: Ungeprüft
Laufzeit: ca. 100 Minuten

Extras
Kommentar von Clive Barker, "Anatomie einer Mordszene", "Clive Barker: Der Mann hinter dem Mythos", "Mahoganys Geschichte"

Regie:
Ryuhei Kitamura

Hauptdarsteller:
Bradley Cooper (Leon Kauffman)
Leslie Bibb (Maya)
Vinnie Jones (Mahogany)
Brooke Shields (Susan Hoff)
Roger Bart (Jurgis)
Tony Curran (U-Bahn-Fahrer)
Barbara Eve Harris (Detective Lynn Hadley)




Inhalt:

Der junge Fotograf Leon Kauffman träumt davon, groß herauszukommen. Er möchte mit seinen Bildern das wahre Wesen der Stadt einfangen. Als sein Freund Jurgis ihn auf Vermittlung seiner Freundin Maya der berühmten Galeristin Susan Hoff vorstellt, scheint der Traum wahr zu werden, doch der Händlerin sind Leons Fotos nicht gut genug. Er soll etwas außergewöhnliches, Aufsehen erregendes liefern. Deshalb durchstreift Leon mitten in der Nacht die finstersten Orte der Stadt. In einem U-Bahnhof macht er Fotos von einer Bande, die eine junge Frau belästigt. Erst dann schreitet er ein und vertreibt die Schläger. Einige Zeit später liest Leon in der Zeitung, dass diese junge Frau spurlos verschwunden ist. Dies ist nur einer von zahlreichen ähnlichen Fällen. Leon wird neugierig und beginnt selbst zu recherchieren. Dabei stößt er auf einen Schlachter namens Mahogany, den er für den Mörder hält. Auf dem letzten Foto, das Leon von der jungen Frau gemacht hat, bevor sie in die U-Bahn gestiegen ist, kann man sehen, wie jemand ihr die Tür aufhält. Man sieht nur die Hand des Unbekannten - und die trägt genau denselben Ring wie Mahogany. Leon folgt dem geheimnisvollen Mann, um weitere Fotos zu machen. Außerdem findet er heraus, dass ein Schlachter schon vor über 100 Jahren des Mordes in mehreren Fällen verdächtigt worden ist. Bei der Polizei glaubt man Leon nicht, und mit seiner Besessenheit gefährdet er schließlich seine Beziehung mit Maya.

Leon ahnt nicht, dass er dem ältesten Geheimnis der Stadt auf der Spur ist. Mahogany ist kein wahnsinniger Mörder, sondern nur ein Metzger, der seinem Beruf nachgeht - allerdings liefert er besonderes Fleisch an besondere Abnehmer. Sein Schlachthaus ist eine bestimmte U-Bahn, deren Fahrer ebenfalls zum Kreis der Eingeweihten gehört. Dieser lenkt die Bahn stets in einen angeblich gesperrten Tunnel, wo Mahogany sein blutiges Werk verrichtet: Er tötet alle Insassen der Bahn, bereitet sie fachgerecht vor und hängt sie an Haken auf. Mahogany altert nicht und hat übermenschliche Körperkräfte, doch seine Leistungsfähigkeit lässt allmählich nach. Eines Tages gehört auch Leon zu seinen Opfern. Er ist Mahogany bis in die Bahn gefolgt, hat die Morde beobachtet und Fotos davon gemacht. Doch Leon wird verschont und darf nach Hause zurückkehren, allerdings ist ein seltsames Symbol in seine Brust geschnitten worden. Maya will zur Polizei gehen, doch Leon winkt ab: Die einzigen Beweise für seine Geschichte befinden sich in der Kamera, und die hat Mahogany an sich genommen, außerdem empfindet Leon eine immer stärker werdende Faszination für den Schlachter und dessen Taten.

Da Leon seltsam apathisch wirkt, dringen Maya und Jurgis allein in Mahoganys Hotelzimmer ein. Dort findet Maya eine Mappe mit uralten U-Bahn-Fahrplänen, bei denen immer ein bestimmter Zug markiert ist. Als Mahogany zurückkommt, flieht Maya. Jurgis bleibt in der Gewalt des Schlachters zurück. Bei der Polizei gerät Maya an Detective Lynn Haley, mit der auch schon Leon zu tun hatte. Auch sie gehört zum Kreis der Eingeweihten und deckt die Morde. Sie lockt Maya in die U-Bahn, wo Jurgis schon am Haken baumelt. Doch auch Leon ist jetzt unterwegs. Er versorgt sich mit Schlachterwerkzeug und erreicht die U-Bahn rechtzeitig, um Maya vor Mahogany zu retten. Nach hartem Kampf wirft Leon den Schlachter aus dem Zug. Dieser erreicht eine riesige Höhle voller Knochen und verrottender menschlicher Überreste. Der U-Bahn-Fahrer kommt hinzu und fordert die beiden auf, vom Fleisch zurückzutreten. Jetzt nämlich erscheinen Mahoganys "Kunden": Deformierte, monströse Wesen, die die aufgehängten Leichen verschlingen. Der Fahrer erklärt, diese Kreaturen seien schon immer da gewesen und es sei die Aufgabe einer kleinen Gruppe von Auserwählten, sie zu beschützen und zu füttern, um "die Welten auseinanderzuhalten".

Plötzlich taucht Mahogany auf und stürzt sich auf Leon. Der kämpft nun ebenso grausam wie der Schlachter selbst und tötet ihn schließlich mit einem Metzgermesser. Nun wird ein neuer Schlachter benötigt. Der U-Bahn-Fahrer bereitet Leon auf diese Aufgabe vor, indem er ihm die Zunge herausreißt und Maya grausam tötet. Leon, der nun nicht mehr er selbst ist, tritt alsbald seinen Dienst an.

Der Film:

"The Midnight Meat Train" ("Der Mitternachts-Fleischzug") ist die Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte aus dem "Ersten Buch des Blutes" von Clive Barker. Damals, Ende der Achtziger, hat man Geschichten dieser Art als "Splatterpunk" bezeichnet. Die detailreiche, teils auch ästhetisierende Beschreibung von schrecklichster Gewalt war seinerzeit wohl noch neu, es ging aber nicht unbedingt um explizite Gewaltdarstellungen, sondern um Tabubrüche und das Zeigen von "Verbotenem". Clive Barker war ein Meister dieses Subgenres, seine Storys in den insgesamt sechs "Blutbüchern" fand ich vor 20 Jahren ziemlich faszinierend, und auch heute noch (ich habe die dem Film zugrunde liegende Story jetzt nochmal gelesen) sind sie wegen ihres außergewöhnlichen Stils interessant. Die Story "The Midnight Meat Train" ist wirklich sehr kurz, Leon Kaufman hat fast keine Hintergrundgeschichte und auch keine Freundin, die es zu beschützen gilt. Das alles wurde für den Film hinzuerfunden, und wie ich gelesen habe, hat Clive Barker selbst am Drehbuch mitgeschrieben. Die Erweiterungen tun der Geschichte natürlich gut, zumal sie sich schlüssig ins Gesamtbild einfügen, denn Leon ist in der Story im Grunde nur irgendwer, der in die U-Bahn steigt und dort auf Mahogany trifft - man kann sich nicht so recht mit ihm identifizieren.

Im Film wird nach und nach enthüllt, was es mit Mahogany auf sich hat, gleichzeitig wird eine akzeptable Begründung dafür geliefert, warum Leon ihm überhaupt folgt. Es wird nur nicht klar, warum er damit nicht aufhört, als er bemerkt, dass Mahogany auf ihn aufmerksam geworden ist. Da kommen Leons Träume ins Spiel, die vermuten lassen, dass Leon irgendwie schon vor seiner ersten Begegnung mit dem Metzger auserwählt war, dessen Nachfolge anzutreten. Vielleicht steht er ja unter fremdem Einfluss, was seine immer stärker werdende Besessenheit erklären würde - aber das wird im Film nie deutlich gesagt. Schuld könnte auch nur seine Faszination für das Abgründige sein, die man als Zuschauer bei einem Horrorfilm ja nachvollziehen kann. Aber warum sollte er sich plötzlich genüsslich ein blutiges Steak genehmigen, wo er doch vorher Vegetarier war? Auch nur angedeutet, wenn auch deutlicher, wird die Langlebigkeit Mahoganys. Es war wohl ein und derselbe Mann, der schon vor 100 Jahren Menschen in der U-Bahn geschlachtet hat. Vinnie Jones spielt diesen ungerührt den Stahlhammer schwingenden, keinesfalls aus Hass, sondern mit beruflicher Professionalität handelnden Metzger einfach unübertrefflich gut. Und das, obwohl er nur ein einziges Wort im ganzen Film sagen darf!

Mahogany tötet nicht aus Mordlust, sondern weil es sein Beruf ist. Deshalb bringt er sein "Schlachtvieh" nach Möglichkeit schnell und effizient um - aus genau diesem Grund driftet der Film trotz eines extrem hohen Blutgehalts und teils sehr drastischer Gewalt nie in Geschmacklosigkeit ab. Mahogany mordet nur in der U-Bahn. Die Farben sind dann immer klinisch kalt und unterstreichen den Eindruck, dass man sich nicht an einem Tatort, sondern an einem Arbeitsplatz befindet. Sorgfältig packt Mahogany die Kleidung seiner Opfer in Plastikfolie, bevor er damit beginnt, das Fleisch mundgerecht zuzubereiten. Das allerdings wird deutlich gezeigt: Zähne und Nägel werden gezogen, Augen werden entfernt... Dieser Film ist also durchaus hart, hat aber nichts mit den derzeit so beliebten voyeuristischen "Torture-Porn"-Machwerken zu tun. Durch ungewöhnliche Kameraperspektiven, zum Beispiel aus dem Blickwinkel der Opfer, kann manchmal sogar die Darstellung von Gewalt vermieden werden, ohne dass diese Szenen weniger schrecklich wären. Allenfalls könnte man kritisch anmerken, dass Mahogany wertvolle Nahrungsmittel verschwendet. In der Kurzgeschichte achtet er darauf, das ganze Blut säuberlich aufzufangen, im Film dagegen färbt der Lebenssaft fast die ganzen Waggons rot. Das wirkt manchmal allzu übertrieben, gleiches gilt auch für den einen oder anderen CGI-Effekt.

Ich würde sagen: Dies ist die beste Clive Barker-Verfilmung seit Hellraiser.

Die DVD:

Im Audiokommentar lassen Clive Barker und Ryuhei Kitamura sich ausführlich über den Film, die Story, den Produktionsprozess usw. aus, wobei sie meist nicht dem Verlauf des Films folgen oder konkret auf eine Szene eingehen. Hier hört man schon, dass mit Clive Barkers Stimme irgend etwas nicht in Ordnung ist. Wenn man sich dann die drei Featurettes anschaut, wird klar: Barker ist alt geworden und er muss irgendeine Krankheit haben. Vielleicht Kehlkopfkrebs? Übrigens: Da ich die Kinoversion nicht kenne, kann ich nicht sagen, welche zusätzlichen Szenen der "Director's Cut" enthält. Im Audiokommentar sagt der Regisseur, es handele sich vor allem um Gewaltszenen.

Die Featurettes sind leider alle recht kurz: "Anatomie einer Mordszene" (ca. 9 Minuten) zeigt, wie die Szene entstanden ist, in der eine von Ted Raimi verkörperte und zwei weitere unglückliche Nebenfiguren Bekanntschaft mit Mahoganys Hammer machen. Dies ist eine der Szenen, die ich meinte, als ich oben von übertriebenen CGI-Effekten schrieb. Als der Hammer auf Ted Raimis Hinterkopf landet, fliegen ihm die CGI-Augen heraus. In Zeitlupe. Das ist eigentlich der einzige wirklich misslungene Moment des Films. Zur gleichen Szene gehört ein weit wirkungsvollerer Moment: Der Tod eines Opfers aus dessen Blickwinkel. Um das zu erreichen, wurde der Stuntfrau ein Helm mit Kamera aufgesetzt. "Mahoganys Geschichte" (ca. 5 Minuten) geht vor allem auf das Werkzeug des Schlachters ein. In "Clive Barker: Der Mann hinter dem Mythos" (ca. 15 Minuten) erzählt Barker über seine Bücher des Blutes, seine Mitarbeit am Film und seine Malerei. Er muss hunderte und aber hunderte von Bildern gemalt haben, einige davon sind auch im Film (bei der Galeristin) zu sehen.

J. Kreis, 29.09.2009


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