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Einer flog übers Kuckucksnest Einer flog über das Kuckucksnest - Premium Edition (USA, 1975)
- One Flew Over the Cuckoo's Nest -

DVD - Regionalcode 2, Warner Home Video
FSK: 12
Laufzeit: ca. 129 Minuten

Extras
Audiokommentar von Milos Forman, Michael Douglas und Saul Zaentz, Original-Hintergrunddokumentation: "The Making of One Flew Over the Cuckoo's Nest", Zusätzliche Szenen, Trailer

Regie:
Milos Forman

Hauptdarsteller:
Jack Nicholson (Randle Patrick McMurphy)
Louise Fletcher (Schwester Mildred Ratched)
Will Sampson ("Häuptling" Bromden)
Dr. Dean R. Brooks (Dr. John Spivey)
Sydney Lassick (Charlie Cheswick)
Brad Dourif (Billy Bibbit)
Danny DeVito (Martini)
Christopher Lloyd (Max Taber)
William Redfield (Dale Harding)




Inhalt:

Randle McMurphy, ein notorischer Kleinkrimineller, wird aus dem Gefängnis in eine psychiatrische Anstalt verlegt. Da er ein Problem mit jeglicher Autorität hat, als aufsässig gilt und seinen exzentrischen Charakter ungehemmt auslebt, hält man ihn für geisteskrank. Er soll jetzt einige Wochen lang beobachtet und auf seinen Geisteszustand untersucht werden, denn man argwöhnt nicht ganz zu Unrecht, er täusche seine diversen Verrücktheiten nur vor, um sich der Haft zu entziehen. In der Anstalt gerät McMurphy in eine Situation, die auf ihre Weise schlimmer ist als das Gefängnis. Er wird in einer Abteilung untergebracht, in der Männer mit leichteren und schweren psychischen Störungen zusammenleben - alle unter der Fuchtel der gefühlskalten Schwester Ratched, die keineswegs daran interessiert zu sein scheint, ihren Patienten zu helfen. Im Gegenteil nutzt sie die verschiedenen Schwächen der Insassen aus, um die absolute Kontrolle über sie zu bewahren. Ratched hält tägliche Gruppensitzungen ab, an denen auch McMurphy teilnehmen muss. Er bemerkt schnell, dass die Schwester ihre Schutzbefohlenen systematisch, aber auf subtile Weise manipuliert und erniedrigt. Niemand wagt es, sich ihr zu widersetzen, um nicht durch den Entzug von Privilegien bestraft zu werden.

Der hochintelligente, redegewandte McMurphy wird zum Helden seiner neuen Kameraden, obwohl er sich zunächst für einen unbeteiligten Beobachter hält. Mit der Zeit entwickelt er aber freundschaftliche Gefühle für die Männer. Besonders der angeblich taubstumme "Häuptling" Bromden, ein riesenhafter Indianer, hat es ihm angetan. McMurphy schafft es sogar, ihn aus seiner stoischen Versunkenheit zu locken. Ratcheds tyrannische Herrschaft ist eine Herausforderung für seinen Eigensinn, und so legt er sich mit ihr an. Der unerschütterlichen Oberschwester ist er jedoch nicht gewachsen, ein zermürbender Kleinkrieg beginnt. McMurphy gelingt eine kleine Flucht: Er "entführt" seine Freunde mit dem von ihm gekaperten Anstaltsbus und nimmt sie zu einer Angeltour mit. Trotz allem kommen die beteiligten Ärzte schließlich zu dem Ergebnis, dass McMurphy völlig gesund ist. Dr. Spivey, der Anstaltsleiter, möchte ihn ans Gefängnis zurückverweisen. Ratched ist dagegen, da eine Zurückverlegung ihrer Meinung nach dem Eingeständnis gleichkomme, dass man in der Anstalt nicht fähig gewesen sei, McMurphy zu helfen. Dem wird zugestimmt. McMurphy begreift entsetzt, dass sich der zeitlich begrenzte Beobachtungsaufenthalt zu einem Dauerzustand verwandelt hat: Ratched kann ihn solange in der Anstalt festhalten, wie sie will. Er ist fassungslos, als er erfährt, dass die meisten anderen Insassen freiwillig in der Anstalt sind und jederzeit gehen könnten.

Wieder einmal eskaliert eine Gesprächsrunde. Es kommt zu einer Schlägerei, wobei "Häuptling" Bromden McMurphy hilft. Während sie auf die daraufhin verordnete Elektroschocktherapie warten, taut der "Häuptling" endgültig auf: Er ist gar nicht taubstumm und erzählt McMurphy von seinem Traum, ein neues Leben in Kanada zu beginnen. Jetzt plant McMurphy seine Flucht mit Bromden. Eines Nachts schmuggelt er zwei seiner Freundinnen in die Anstalt, die massenweise Schnaps mitbringen. Damit wird der Nachtwächter ruhiggestellt, die Insassen feiern ein rauschendes Fest. McMurphy verkuppelt den jungen Billy Bibbit mit seiner Freundin Candy. Dummerweise zeigt der Alkohol Wirkung: Alle, auch McMurphy, schlafen ein. Am nächsten Morgen erscheinen Ratched und die Wärter. Erbost darüber, dass ihre wohlgeordnete Station in ein Chaos verwandelt wurde, droht sie Billy an, alles seiner Mutter zu verraten - sie hat erkannt, dass er ihrer Kontrolle entglitten ist und instrumentalisiert auf diese Weise seine psychotische Furcht. Der verängstigte Junge schlitzt sich mit einer Glasscherbe den Hals auf. Erneut macht McMurphy den Fehler, die Gelegenheit zur Flucht nicht zu ergreifen. Als er Billy tot auf dem Boden liegen sieht, rastet er aus und versucht Ratched zu erwürgen. Er wird überwältigt und lobotomisiert.

Der Mann, der nach einiger Zeit in die Abteilung zurückkehrt, ist nicht mehr McMurphy. Durch die Operation wurde er in einen geist- und willenlosen Zombie verwandelt. Bromden, der die Fluchtpläne noch nicht aufgegeben hat, will seinen Freund nicht in diesem hilflosen Zustand in Ratcheds Gewalt zurücklassen und erstickt McMurphy mit einem Kissen. Dann reißt er einen Marmorsockel mit den Armaturen der Hydrotherapie aus dem Boden (McMurphy hatte das vor einiger Zeit vergeblich versucht), zerschmettert damit ein Fenster und flieht unter dem Jubel der anderen Insassen aus der Anstalt.

Der Film:

Zu diesem Film gibt es im Internet viele durchweg begeisterte Reviews zu lesen, und denen kann ich im Grunde nichts hinzufügen. Ich kann mich ihnen nur anschließen: Dieser ebenso traurige wie lustige, verstörende und nachdenklich machende Film ist ein zeitloses, unvergessliches Meisterwerk, und die Hauptdarsteller (Nicholson und Fletcher) haben ihre Oscars völlig zu Recht erhalten.

Ich kann nicht beurteilen, ob die Zustände in realen Einrichtungen der Art, wie sie hier gezeigt werden, annähernd vergleichbar waren oder sind. Man kann den Film jedenfalls als Warnung davor betrachten, hilflose Leute einer Institution auszuliefern, in der man "Therapie" möglicherweise mit "Ruhigstellung" verwechselt, wo Menschen nicht als solche betrachtet, sondern als Nummern behandelt werden, und wo man ihnen mit totaler Bevormundung jede Würde raubt. Bezeichnenderweise zeitigen McMurphys "Therapien", also seine Spiele und sein Umgang mit den Menschen, beim "Häuptling" und einigen anderen Patienten weit mehr Wirkung als Jahrzehnte des Klinikaufenthalts. Dummerweise zerstört er damit die von Schwester Ratched aufgebaute leblose Ordnung, es kommt Schwung in den seelenlosen Alltag. Genau das wird natürlich als Bedrohung betrachtet. Die Vorstellung, dass es Menschen wie Ratched geben könnte, die ihre Machtposition bzw. ihre Überlegenheit auf perfide Weise ausnutzen, erfordert nicht viel Phantasie. Der Mikrokosmos, der von Ratched wie von einer Spinne im Netz beherrscht wird, ist jedenfalls absolut glaubwürdig.

Der Film stellt außerdem die Frage, was eigentlich "normal" ist. McMurphy wird einige Zeit beobachtet, danach hält ein Arzt hält ihn für völlig gesund, ein anderer meint, er sei gestört. Einig sind sie sich nur darin, dass er "gefährlich" ist. Damit meinen sie eigentlich nur: Gefährlich für ihre Ordnung, in die er nicht hineinpasst. Sein Problem besteht nur darin, dass er den Ernst der Situation zuerst nicht erkennt. Folgerichtig plant er seine Flucht, als ihm klar wird, dass er die Verhältnisse nicht ändern kann. Natürlich versteckt sich in dieser Situation eine ziemlich bittere Gesellschaftskritik: Man denke nur an die anderen Patienten, die freiwillig in der Anstalt bleiben, weil sie einfach keine Alternative sehen. Da drängt sich der Vergleich mit den Bürgern eines beliebigen Staates geradezu auf. Entweder man nimmt Einschränkungen der eigenen Individualität hin und passt sich dem Gruppenzwang an, oder man rebelliert und wird gewaltsam wieder ins Schema gepresst, oder man wandert aus.

Alle Rollen sind perfekt besetzt. Nicholson liefert eine Glanzleistung als quecksilbriger, ein bisschen undurchsichtiger Zockertyp ab. Ein "Held" ist er nicht, aber er ist sympathisch. Man kann sich eigentlich niemand anderen als Nicholson in dieser Rolle vorstellen, sie scheint ihm auf den Leib geschneidert zu sein. Louise Fletcher ist eine würdige Gegnerin. Sie wirkt ungemein bedrohlich mit ihrer stets unbewegten Miene, ihren eiskalten Augen und den wie beiläufig abgesonderten kleinen Bosheiten. Gleichzeitig gibt es Momente, in denen man Ratched fast abnimmt, dass sie es nur gut mit ihren Patienten meint. Einige Schauspieler (Danny DeVito, Brad Dourif, Christopher Lloyd) waren damals noch nicht so bekannt wie heute. Es ist erstaunlich, wie glaubwürdig sie die Insassen der Anstalt darstellen. OK, der eine oder andere sieht ja auch recht... hm... ungewöhnlich aus. Die meisten überzeugen aber ausschließlich durch ihre Mimik und ihr schauspielerisches Talent. DeVito habe ich hinter seinem Grinsen zum Beispiel erst gar nicht erkannt.

Die DVD:

Abgesehen vom Audiokommentar, den ich mir noch nicht zu Gemüte geführt habe, besteht das Bonusmaterials aus einem ca. 48 Minuten langen "Making of" und aus nicht verwendeten Szenen, die insgesamt ca. 13 Minuten lang sind. Das "Making of" enthält hauptsächlich Interviews (vermutlich alle aus 2002) mit dem Regisseur, den Produzenten und einigen Schauspielern. Es sind zwar auch einzelne kurze Szenen und Standfotos (alle schwarz/weiß) von den Dreharbeiten zu sehen, aber eine Dokumentation zum Produktionsprozess ist das eigentlich nicht. Dennoch erfährt man so einiges über die Entstehung des Films. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass er auf einem Roman basiert, den bereits Kirk Douglas zu einem Theaterstück verarbeitet hat, oder dass der Schauspieler, der den Anstaltsleiter spielt, tatsächlich Arzt in einer solchen Einrichtung war - und dass in genau dieser Einrichtung gedreht wurde.

Die zusätzlichen Szenen sind ebenfalls recht interessant. Darin wird gezeigt, dass die Wärter ein übles Spiel mit einigen Patienten treiben, vor allem mit dem "Häuptling", wenn Schwester Ratched nicht da ist. Es sind auch noch einige weitere Szenen mit McMurphy vorhanden, in denen er sich über Ratched lustig macht. Dass sie im endgültigen Film nicht verwendet wurden, ist aber kein Beinbruch, denn sie verdeutlichen nur, was man ohnehin schon begreift.

J. Kreis, 19.05.2009


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