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Ijon Tichy Ijon Tichy: Raumpilot (Deutschland, 2007)

DVD - Regionalcode 2, Euro Video
FSK: 6
Laufzeit: ca. 90 Minuten

Extras
Audiokommentar, Making of, Outtakes, Trailer, Storyboard-Vergleich

Regie:
Dennis Jacobsen, Randa Chahoud, Oliver Jahn

Hauptdarsteller:
Oliver Jahn (Ijon Tichy)
Nora Tschirner (Analoge Halluzinelle)




Inhalt:

Folge 1: Kosmische Kollegen
Raumpilot Ijon Tichy fühlt sich in seiner Drei-Zimmer-Rakete ein wenig einsam. Als er unterwegs zu einem wichtigen Termin ist und keine Pause einlegen kann, stellt er fest, dass man nur schwer gleichzeitig ein Raumschiff lenken und ein leckeres Omelett zubereiten kann. Deshalb konstruiert er ein Gerät, der einen Assistenten in Form eines Hologramms projizieren kann. Allerdings ist die so entstandene "Analoge Halluzinelle" zwar hübsch, aber ziemlich schnippisch und vor allem für keine Arbeit zu gebrauchen, weil sie keine Gegenstände festhalten kann (dieser Mangel wird später abgestellt, ihr Mundwerk nicht). Als Ijon am Steuer der Rakete einschläft, kommt es deshalb zu einer Kollision mit einem Weltraum-Eisberg. Ijon muss auf einem Planeten notlanden. Außerdem aktiviert sich der Inspektionsmodus. Ijon hat keine Lust, eine Werkstatt aufzusuchen, aber der dafür zuständige Bord-Wartungsroboter sieht das anders und schnappt sich den Zündschlüssel. Auf dem Planeten wird er von einem Kulup-Monster verschluckt. Auch Ijon muss sich verschlucken lassen, um dem Roboter den Zündschlüssel wieder abjagen zu können. Nach diesem recht unappetitlichen Abenteuer kann er ungehindert weiterfliegen.

Folge 2: Planet der Reserven
Ijon will zu einer weit entfernten Galaxie reisen. Weil der Flug 30 Jahre dauern wird, legt er sich in die Duseltronische Schlafbettmaschine, die eigentlich dafür sorgen soll, dass er nicht altert. Am Ziel angekommen, muss Ijon aber feststellen, dass die Schlafbettmaschine defekt sein muss: Er ist 30 Jahre älter. Er begibt sich zum Planeten Enteropien, um das benötigte Ersatzteil zu besorgen. Dort wird er jedoch von einem Meteoriten erschlagen. Er hat Glück: Die Enteropier leiden schon seit Jahrtausenden unter regelmäßigen Meteoriteneinschlägen und haben einen Ausweg gefunden. Mittels atomarer Personenbeschreibungen können sie von jeder Person Reservekopien herstellen. So wird Ijon umgehend von seiner eigenen Kopie ersetzt, die sich nicht vom Original unterscheidet - bis auf eine Kleinigkeit. Die Kopie hat keine der Tabletten dabei, die man wegen der auf Enteropien herrschenden Strahlung regelmäßig einnehmen muss. Die Strahlung bewirkt, dass Ijon immer jünger wird. Als er es bis zur Rakete geschafft hat, ist er schon ein Säugling. Kein Problem! Er fliegt einfach den ganzen Weg zurück und ist am Ziel wieder so alt wie zu Beginn seiner Reise.

Folge 3: Relativistische Effekte
Durch den Einschlag eines kleinen Asteroiden wird der Antrieb von Ijons Rakete beschädigt. Ijon kann das Gerät nicht allein reparieren, und da es sich auf der Außenhülle der Rakete befindet, kann ihm die Halluzinelle nicht helfen. Sie kann nur im Inneren des Schiffes projiziert werden. Das Schiff wird immer schneller und gerät in eine Zeitschleife. So kommt es, dass Ijon sich selbst begegnet, und das gleich mehrfach! Allerdings will keiner seiner "Zeitbrüder" ihm bei der Reparatur helfen, denn sie sind natürlich alle gleich dickköpfig und können sich nicht einigen. Ijon modifiziert den Halluzinellen-Projektor, so dass die Halluzinelle nun doch auch draußen aktiv werden kann. Dass es geklappt hat, bekommt Ijon aber gar nicht mit. Auch die Halluzinelle vervielfacht sich, aber dass das Steuergerät repariert wird, ist dann doch nur dem Zufall zu verdanken. Zu guter Letzt entkommt die Rakete der Zeitschleife, alle Doppelgänger verschwinden und Ijon kann seinen Flug fortsetzen.

Folge 4: Der futurologische Kongress
Weihnachten steht vor der Tür. Aus diesem Anlass will Ijon endlich mal die Rakete aufräumen. Den Müll wirft er auf einem unbewohnten Planeten über Bord. Dabei wird er selbst unter einem wahren Müllberg begraben, den ein anderes vorbeifliegendes Schiff abgeworfen hat. Ijon findet in diesem Müll einen seltsamen Helm, durch den er zum virtuellen futurologischen Kongress versetzt wird. Dort soll er zunächst einmal seine Berechtigung zur Teilnahme vorbringen. Er hat es nicht leicht, denn man hält die Menschen für minderbemittelte Wesen. Ein Terrakaner erklärt jedoch, dass die Menschen nichts dafür können, so dumm und hässlich zu sein. Angeblich haben nämlich die Terrakaner vor Milliarden von Jahren ihren Müll auf der Erde abgeladen (unter anderem schlecht gewordene Gulaschsuppe und bakterienverseuchten Nasenschleim) und dadurch den Evolutionsprozess erst in Gang gesetzt. Zum Glück stellt sich heraus, dass Ijon all das nur geträumt hat.

Folge 5: Sabotage
Ijon will am Wettbewerb für Robotertechnik teilnehmen, der auf dem Planeten Prozytien stattfindet. Er nimmt zu Recht an, dass seine Analoge Halluzinelle die besten Chancen für den Sieg hätte. Allerdings hat er die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn die Halluzinelle hält sich selbst nicht für einen Roboter, sondern für ein echtes Lebewesen. Während Ijon den Prozytianer Dr. Spamy besucht, sabotiert sie ihren eigenen Projektor und programmiert sich selbst die Marsmasern. Die sind so echt, dass Ijon sich ansteckt. So ist es für die Halluzinelle kein Problem, die Prüfungskommission abzuwimmeln.

Folge 6: Die innere Stimme
Ijons Rakete muss auf einem unbekannten Planeten notlanden, denn unerwarteterweise ist der Tank plötzlich leer. Unerschrocken pirscht der Raumpilot durch den Dschungel der seltsamen Welt, bis er ein noch seltsameres Haus erreicht, in dem als Krönung der Seltsamkeit eine alte Frau haust, die behauptet, Ijon erschaffen zu haben. Tatsächlich besitzt sie Bücher, in denen seine Abenteuer dokumentiert sind, und in ihrer Schreibmaschine steckt noch eine Seite, auf der genau das beschrieben wird, was Ijon gerade erlebt. Die Alte erklärt, Ijon habe sich in letzter Zeit immer öfter selbständig gemacht und Dinge getan, die sie nicht geschrieben habe. Schuld daran sei die Analoge Halluzinelle. Sie verlangt, er solle wieder auf seine "innere Stimme" hören und die Halluzinelle beseitigen. Ijon, der nicht daran denkt, sich sein Handeln vorschreiben zu lassen, schnappt sich die Schreibmaschine und rennt zur Rakete zurück. Jetzt kann er seine Geschichte buchstäblich selbst schreiben. Er überlässt der Halluzinelle das Steuer und beabsichtigt, noch viele Abenteuer mit ihr zu erleben...

Der Film:

Diese TV-Miniserie ist nach Motiven der "Sterntagebücher" von Stanislaw Lem entstanden (die ich noch nicht gelesen habe). Dieser Zyklus von Erzählungen handelt von einer Art Münchhausen des Weltalls, der die haarsträubendsten Abenteuer zum Besten gibt. Ich kann nicht beurteilen, ob es sich um eine adäquate Verfilmung handelt, aber die Macher der TV-Serie betonen selbst, dass sie den Stoff frei interpretiert haben. Diese Interpretation, bzw. die Herangehensweise funktioniert nur zum Teil.

Ijons Rakete ist tatsächlich eine etwas abgewandelte Kaffemaschine, so eine von der Art, bei denen man einen Filterstab nach unten drückt. Das Innere des Raumschiffes ist nicht etwa eine eigens hierfür angefertigte Kulisse, sondern schlicht und ergreifend Oliver Jahns Altbauwohnung in Berlin, in die man einfach ein paar blinkende Apparate und sonstige Gerätschaften hineingestellt hat. Ansonsten werden ganz normale Haushaltsgegenstände zu Bestandteilen der Raketen-Maschinerie erklärt: Der Halluzinellengenerator steckt in der Spülmaschine, der Briefschlitz in der Tür ist die Druckschleuse, anstelle eines Bildschirms blickt man aus dem Zimmerfenster, Ijon macht einen Weltraumspaziergang mit Mopedhelm und Brille als einzigem Schutz etc.! Die Macher liefern eine interessante Erklärung hierfür: Es könnte ja sein, dass Ijon einfach nur in seinem Wohnzimmer sitzt und sich alles nur ausdenkt. Auch die fremden Planeten, Außerirdischen, Roboter usw. wurden mit einfachsten Mitteln realisiert. Da sieht man schonmal wandelnde Lampenschirme und Mülleimer, fliegende Wasserkessel, Handpuppen und dergleichen. Auf CGI wurde fast vollständig verzichtet, aber alles wurde wunderbar skurril, detailreich und liebevoll gestaltet. Einziger "echter" Spezialeffekt: Die ebenso süße wie freche Halluzinelle, die die Serie nicht unerheblich aufwertet.

Die Serie erhält durch diesen (gewollt) trashigen Look und die köstliche Hammondorgel-Retro-Musik einen ganz eigenen Charme, der mich sehr an die alten Per Anhalter durch die Galaxis-Folgen erinnert. Ich weiß nicht, welches Budget den Machern zur Verfügung gestanden hat, aber es kann sich nur um geringste Beträge gehandelt haben. Die Serie macht trotzdem einen sehr guten Eindruck, wenn man auch vermuten kann, dass der Look nicht nur deshalb gewählt wurde, weil er einfach zum Thema passt. Ein ganz klein wenig ist bei mir nämlich der Eindruck entstanden, dass auch die Absicht dahintersteckt, die Serie in die Kult-Ecke zu manövrieren. Absicht / Ideenklau oder nicht: Dieser Aspekt der Serie funktioniert sehr gut, und der so entstehende Humor sorgt zwar nicht für spontane Lacher, ist aber dennoch wirksam. Natürlich muss man sich an den Look erst gewöhnen, und ich kann mir gut vorstellen, dass viele Zuschauer sich sehr daran stören werden.

Wenn die Serie aber versucht, auf andere Weise witzig zu sein, geht das eher schief. Damit ist vor allem der (polnische?) Akzent Ijon Tichys gemeint. Tichy erzählt seine Abenteuer übrigens stets mit einem Voice-over-Kommentar. OK, auch Stanislaw Lem war Pole, insoweit würde das also schon passen. Aber Oliver Jahn übertreibt es, und so wirkt das Ganze viel zu aufgesetzt, teilweise sogar peinlich. Das hätte nicht sein müssen.

Trotz unüberseh-/hörbarer Schwächen ist die Serie sehenswert, und das schon deshalb, weil es so etwas im (öffentlich-rechtlichen) Deutschen Fernsehen normalerweise gar nicht gibt.

Die DVD:

Neben dem Audiokommentar ist das ca. 40 Minuten lange "Making of" erwähnenswert, das zeigt, mit welch einfachen Mitteln die Serie gemacht worden ist. Vor allem die Dreharbeiten in Oliver Jahns Wohnung müssen die Hölle gewesen sein! Am Set herrscht meist ziemliches Chaos, aber die kreative Energie der Macher reißt es raus. Zwischendurch wird immer wieder gezeigt, wie Nora Tschirner ihr Marsmasern-Make-up bekommt und dabei ein bisschen herumflachst. Interessant und witzig gemacht. Ich hätte mir aber gewünscht, dass ein bisschen auf Stanislaw Lem und seine Sterntagebücher eingegangen worden wäre - hierzu findet man im Bonusmaterial keinerlei Informationen.

J. Kreis, 17.11.2007
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