Zurück zu den Filmen

Haze Haze (Japan, 2005)

DVD - Regionalcode 2, Rapid Eye Movies
FSK: Keine Jugendfreigabe
Laufzeit: ca. 49 Minuten

Extras
Making of, Interview mit Shinya Tsukamoto, Kaori Fuji in Locarno, Trailer

Regie:
Shinya Tsukamoto

Hauptdarsteller:
Shinya Tsukamoto (Mann)
Kaori Fujii (Frau)




Inhalt:

Ein Mann erwacht mit einer schweren Bauchverletzung in einem dunklen Betonlabyrinth. Er hat keine Ahnung, wie er in diese Lage geraten ist und kann sich auch nicht an seine eigene Vergangenheit erinnern. Orientierungslos kriecht der Mann durch Schächte und Korridore, die so niedrig bzw. eng sind, dass ihm nur minimale Bewegungsfreiheit bleibt. Immer wieder gerät er in Sackgassen und muss sich vor plötzlich auftauchenden Fallen in Acht nehmen. Einen Ausweg scheint es nicht zu geben - jede Öffnung, durch die er sich zwängt, führt nur zu weiteren Fallen. Außerdem wird er von Visionen und Träumen geplagt. Einmal glaubt er einige Leidensgenossen zu sehen, die von irgend etwas, das man nicht erkennen kann, zerstückelt werden. Tatsächlich stößt er wenig später auf herumliegende Leichenteile und Innereien. Außerdem findet er eine Überlebende: Eine Frau, die eine ähnliche Verletzung hat wie er und ebenfalls nicht weiß, wie sie hier hergekommen ist. Während sie gemeinsam weiter nach einem Ausgang suchen, beginnen beide sich an Bruchstücke aus ihrer Vergangenheit zu erinnern, die ihnen aber auch nicht weiterhelfen. In einem gefluteten Schacht verschwindet die Frau. Der Mann stößt auf eine Art Falltür über seinem Kopf, die er öffnen kann, während irgend etwas Bedrohliches, das ihm schon vorher aufgefallen ist, immer näher kommt.

Als der Mann endlich draußen ist, findet er sich in einer Wohnung wieder. Auf dem Boden liegt die Frau - blutüberströmt und mit einem blutigen Messer neben ihr. Der Mann wählt die Notrufnummer. Jahre später erinnert der alt gewordene Mann sich an einen schönen Abend, den er mit der Frau verbracht hat. Seinerzeit haben sie sich ein Feuerwerk angesehen. Diese Erinnerung gehört auch zu den Bruchstücken, die ihm während der Gefangenschaft im Betonlabyrinth wieder zu Bewusstsein gekommen waren.

Der Film:

Man weiß zwar nicht so recht, was das Ganze eigentlich soll - der Kurzfilm selbst liefert fast keine Erklärungen, auch in den Interviews auf der DVD findet man kaum Hinweise - faszinierend ist "Haze" aber doch. Es kommt einem fast so vor, als sei man selbst in diesem klaustrophobisch engen, dunklen und kalten Labyrinth eingesperrt; dieser Effekt wird dadurch erzielt, dass die Kamera immer ganz nah bei dem Gefangenen ist und manchmal seinen Blickwinkel einnimmt. Was so übrigens nur durch die Benutzung handlicher Digitalkameras gedreht werden konnte. Die Qualen des Gefangenen, seine totale Isolation, seine Angst usw. wirken sehr realistisch. Man erfährt zwar nicht, warum er sie erleiden muss, wer ihn in diese Lage gebracht hat und wie das Labyrinth überhaupt funktioniert, diese Fragen muss man sich aber nicht unbedingt stellen. Man kann sich auch auf die tolle, beklemmende Atmosphäre konzentrieren, die durch verstörende Geräusche und einen mal ruhigen, mal brachialen Soundtrack noch verstärkt wird.

Die Interpretationsmöglichkeiten sind natürlich vielfältig. Es könnte sein, dass das Labyrinth ein Sinnbild der Psyche des Mannes sein soll, d.h. dass er sich in einer ausweglosen Situation befindet und Angst vor etwas hat, das er nicht identifizieren kann. Möglicherweise sind der Mann und die Frau aber auch tatsächlich in einer Art Vorhölle gefangen, in die sie geraten sind, nachdem sie einen gemeinsamen Selbstmordversuch begangen haben. Es gibt einige Anhaltspunkte, die für diese Deutung sprechen - auch die Kapitel-Überschriften lassen darauf schließen. Dort werden die verschiedenen Räume nämlich z.B. als "Hammer-Hölle", "Höllenkanal" usw. bezeichnet. Vielleicht ist ja der Mann derjenige, dem die Frau entkommen wollte (sie erinnert sich in der "Hölle" an dieses Detail aus ihrer Vergangenheit). Die Momente, in denen beide einzuschlafen scheinen, könnten bedeuten, dass sie in der "Realität" kurz zu sich kommen. Danach erinnern sich beide ja auch an etwas aus ihrer Vergangenheit. Am Ende kämpft der Mann sich durch die Falltür in diese Realität zurück, d.h. er stirbt nicht. Die Frage ist, ob das auch der Frau gelingt. Das Bild, das der alt gewordene Mann sieht, könnte darauf hindeuten, dass auch die Frau überlebt.

Eigentlich enthält der Film fast keine Gewaltdarstellungen. Bis auf herumliegende Leichenteile und etwas Blut ist nichts zu sehen, will sagen: Man sieht nicht, wie Leute getötet oder zerstückelt werden. Warum also die Einstufung mit "Keine Jugendfreigabe"?

Die DVD:

Das ca. 24 Minuten lange "Making of" ist unkommentiert. Es wird gezeigt, wie die Sets gebaut wurden und mit welchen Schwierigkeiten die Dreharbeiten verbunden waren. Ich hätte nicht gedacht, dass praktisch alle "Höllen" nur aus wenigen Bretterkonstruktionen bestehen, die in einem einzigen kleinen Studio aufgebaut wurden. Sie wurden so geschickt bemalt und ausgeleuchtet, dass man sie für echt hält - ich hatte angenommen, man habe in irgend einem verlassenen Betonbau oder so gedreht. Man sieht auch, wie der Regisseur (der ja die Hauptrolle spielt) sich verrenken musste, um in diesen winzigen Verschlägen Platz zu finden. Im Interview (ca. 19 Minuten) spricht er hauptsächlich über seine Arbeitsweise und den Einsatz digitaler Kameras. Zum Film selbst, also zu dem, was er damit sagen will, verrät er leider recht wenig. Dann gibt es auf der DVD noch einen ca. 17 Minuten langen Beitrag, in dem gezeigt wird, wie Shinya Tsukamoto und Kaori Fujii ein Filmfestival in Locarno besuchen, auf dem ihr Film läuft, und wie sie einige Sehenswürdigkeiten besichtigen. Frau Kaori erzählt einiges über die Dreharbeiten und ihre frühere Arbeit mit dem Regisseur. Außerdem enthält die DVD-Pappbox, die in einem Schuber steckt, ein ausfaltbares Poster.

J. Kreis, 29.02.2008
Seitenanfang