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Gran Torino Gran Torino (USA / D / Australien, 2008)

DVD - Regionalcode 2, Warner Home Video
FSK: 12
Laufzeit: ca. 112 Minuten

Extras
"Die Bemannung des Rades", "Gran Torino: Mehr als nur ein Auto"

Regie:
Clint Eastwood

Hauptdarsteller:
Clint Eastwood (Walter Kowalski)
Bee Vang (Thao Vang Lor)
Christopher Carley (Pater Janovich)
Ahney Her (Sue Lor)




Inhalt:

Nach dem Tod seiner Frau ist der Koreakriegsveteran Walt Kowalski der letzte Weiße in seinem Vorstadtviertel. Der an sich schon nicht gerade gesellige Misanthrop beobachtet voller Misstrauen, wie immer mehr asiatische Einwanderer in die umliegenden Häuser ziehen. Jugendgangs, die die Nachbarschaft terrorisieren, sind für ihn nur eines von vielen Anzeichen für den Verfall des Viertels und der ganzen amerikanischen Gesellschaft. Walt hat sich auch von seiner Familie entfremdet, die seine Werte nicht teilt, und lebt nun allein mit seinem Labrador Daisy. Sein ganzer Stolz ist ein liebevoll gepflegter Ford Gran Torino Jahrgang 1972, mit dem er allerdings nie fährt. Walt hält sich, sein Auto und sein Haus in Schuss, doch er weiß, dass seine Tage gezählt sind - er hustet schon seit geraumer Zeit immer wieder Blut. Dennoch ist Pater Janovich, der Walts Frau versprechen musste, sich um den alten Griesgram zu kümmern und ihn zur Beichte zu bewegen, mit seinen seelsorgerischen Annäherungsversuchen bei Walt an der falschen Adresse, denn Walt ist nicht gläubig und hält den jungen Geistlichen für einen Grünschnabel. Durch seine Hartnäckigkeit gewinnt Janovich mit der Zeit immerhin so etwas wie Walts Respekt. Walt gesteht Janovich schließlich, dass ihn die Erinnerung an die Gräuel, an denen er im Koreakrieg beteiligt war, noch immer quält.

All seine Vorurteile scheinen sich zu bestätigen, als eines Nachts jemand in Walts Garage einbricht. Es ist Thao, der Sohn der im Nachbarhaus eingezogenen Hmong-Großfamilie. Obwohl er ganz anders veranlagt ist als sein gewalttätiger Cousin, ist es diesem gelungen, Thao durch endlose Drangsalierungen dazu zu bewegen, den Gran Torino zu stehlen. Dies sollte Thaos "Prüfung" für die Aufnahme in die Gang seines Cousins sein. Walt vertreibt den Jungen, erkennt ihn aber nicht. Die Gang lässt Thao keine Ruhe und wird handgreiflich. Im Handgemenge achten die Typen nicht auf die Grundstücksgrenzen, betreten Walts Rasen und zerstören zwei Gartenzwerge. Als Walt den Pöbel mit vorgehaltenem Karabiner vertreibt, glauben seine Nachbarn, er habe Thao beistehen wollen, und überschütten ihn künftig mit Dankesbezeugungen. Als er wenig später Thaos ältere Schwester Sue vor zudringlichen Jugendlichen rettet, avanciert Walt endgültig, wenn auch widerwillig, zum Helden der Nachbarschaft. Sue vermittelt die ersten Kontakte zwischen Walt und ihrer Familie, so dass die gegenseitigen Vorurteile allmählich abgebaut werden. Dass die Nachbarinnen Walt mit leckeren Gerichten bekochen, trägt nicht unwesentlich zur Entspannung der Situation bei. Außerdem soll Thao, der jetzt den versuchten Diebstahl gesteht, seine Schuld bei Walt abarbeiten.

Walt verpflichtet Thao zu diversen Reparaturarbeiten an den ziemlich heruntergekommenen Häusern des Viertels. Zwischen den beiden entsteht eine merkwürdige Freundschaft. Walt versucht einen "echten Mann" aus dem schüchternen Jungen zu machen, Thao gewinnt durch die harte Arbeit Selbstsicherheit und betrachtet Walt immer mehr als Vorbild. Walt verschafft Thao sogar einen echten Job und überlässt ihm einiges von seinem geliebten Werkzeug. Die Gang lässt jedoch nicht locker. Thao wird überfallen und misshandelt. Walt glaubt, die Angelegenheit erneut mit Gewalt regeln zu können, und schlägt ein Gangmitglied zusammen. Doch dadurch eskaliert die Sache erst recht. In einer der folgenden Nächte beschießt die Gang das Haus der Familie und vergewaltigt Sue. Walt erkennt, dass sein Vorbild für Thao falsch war, und dass sein Schützling dabei ist, einen ähnlichen Fehler zu begehen wie Walt im Koreakrieg, denn der einst so zurückhaltende Junge wünscht sich jetzt nichts sehnlicher, als sich blutig zu rächen. Walt, der inzwischen erfahren hat, dass er aufgrund seiner Krankheit nicht mehr lange zu leben hat, und deshalb auch endlich zur Beichte gegangen ist, entwickelt einen anderen Plan. Er sperrt Thao zu dessen eigener Sicherheit ein und stellt sich der Gang ganz allein. Nachbarn werden auf den Wortwechsel aufmersam und sind Zeuge, wie Walt niedergeschossen wird, als er in seine Tasche greift. Wegen seines Rufs waren die Gangster überzeugt, er werde eine Waffe ziehen, doch es war nur ein Feuerzeug...

Somit haben die Gangster einen unbewaffneten Weißen ermordet, und diesmal gibt es genug Zeugen, die aussagen wollen. Die Gangster wandern ins Gefängnis. Bei der Testamentsverkündung erwartet Walts Söhne eine böse Überraschung. Walt hat sein Haus der Kirche vermacht und der Gran Torino geht an Thao - sofern der Junge es sich verkneifen kann, das Auto mit einem Spoiler, Flammen-Aufklebern oder anderen Albernheiten auszustatten...

Der Film:

Ehrlich gesagt gefällt dieser Film mir vor allem deshalb so gut, weil ich eine gewisse Wesensverwandtschaft mit dem von Clint Eastwood so unübertrefflich verkörperten knurrigen Menschenfeind verspüre. Clint Eastwood bzw. Walt Kowalski dominiert den Film als zwar ambivalente, letztlich aber doch positive Figur. Wir begegnen ihm erstmals an einem Tiefpunkt seines Lebens: Seine Frau, vermutlich seine letzte Bezugsperson, ist gerade gestorben, und jetzt muss er verbittert feststellen, dass seine Söhne sowie deren Familien ihm völlig fremd sind. Gemeinsamkeiten gibt es nicht, nicht einmal Gesprächsthemen. Tatsächlich interessiert die Sippschaft sich viel mehr für den Nachlass als für Walt - seine Verwandten machen sich zwar Gedanken über den jetzt allein hausenden Mann, aber die erschöpfen sich in der Überlegung, dass keiner ihn bei sich aufnehmen möchte. Dass er selbst nur in Ruhe gelassen werden will, interessiert niemanden. Bei der Trauerfeier muss er sich die seichte Predigt eines jungen Schnösels anhören, der von Leben und Tod salbadert, ohne die geringste Ahnung von diesen Themen zu haben, und der ihm dann auch noch zu Hause auf den Pelz rückt. Alle Welt macht sich über seine antiquierten Wertvorstellungen lustig und er sieht sich als letzten Überlebenden einer vergangenen Zeit, der verbissen die Stellung halten muss, während Menschen, die er früher nur als Feinde kennengelernt hat, seine Umwelt vereinnahmen. Der Film nimmt sich zum Glück viel Zeit, den Zuschauer mit diesem alten Knochen und seinen Lebensumständen vertraut zu machen. So bekommt man einige köstliche Situationen zu sehen: Walt und die wie er stets auf der Veranda sitzende asiatische Oma von nebenan überbieten sich im Spucken von Kautabaksaft... wenn Walt zum Friseur geht, fliegen die fast schon liebevollen Beleidigungen nur so durch die Luft (noch köstlicher wird's später, wenn Thao das nachzuahmen versucht)... dem lästigen Pater wird mehr als nur einmal die Tür vor der Nase zugeknallt...

So sympathisch einem dieser einzelgängerische Dickschädel einerseits ist (obwohl er praktisch nie lächelt): Man kann doch nicht umhin, seine erzkonservativen, rassistischen Ansichten zumindest für fragwürdig zu halten. So ganz identifizieren kann man sich doch nicht mit ihm, und es besteht kein Zweifel: Dieser Mann ist gefährlich, und hätte die Hmong-Gang auch nur einen weiteren Gartenzwerg beschädigt, so hätte er den "Bambusratten" (O-Ton Walt Kowalski) bedenkenlos die Lichter ausgepustet, ohne weitere Alpträume davon zu bekommen. Die Art und Weise, wie er dann doch allmählich aus seinem Schneckenhaus herauskommt und zum ersten Mal seit vermutlich 50 Jahren anfängt, seine eigenen Überzeugungen in Frage zu stellen, ist absolut kitschfrei und überzeugend. So beschützt er bei seinem ersten Eingreifen keineswegs seine Nachbarn, sondern nur den eigenen Rasen, aber diese "Grenzüberschreitung" führt zum "Erstkontakt". Von Sue erhält er dann eine überraschende Antwort auf die Frage, warum so viele Asiaten ausgerechnet in die USA einwandern: Sie waren im Vietnamkrieg auf Seiten der USA und wurden deshalb nach Kriegsende vertrieben. Also ist der vermeintliche Feind eigentlich ein ehemaliger Verbündeter. Seine Vorurteile weichen endgültig auf, sobald Thao, der vormals Fremde, durch die gemeinsame Arbeit zunächst Walts Respekt und dann seine Freundschaft gewinnt. Wie Walt am Ende das Klischeebild nutzt, das die Gangmitglieder (und die Zuschauer) von ihm haben, um die Situation auf gänzlich unerwartete Art zu kären, ist schlichtweg genial. Natürlich erwartet die Hmong-Gang, dass Walt das Problem wie einst Dirty Harry mit seiner Zimmerflak lösen wird, aber er führt die in früheren Eastwood-Filmen immer wieder praktizierte Selbstjustiz ad absurdum...

Eastwood spielt also geschickt mit seinem Image, aber auch mit seinem Alter. Der Mann ist immerhin 79 Jahre alt! Seiner Spielfreude tut das aber keinen Abbruch. Obwohl alle anderen Schauspieler von ihm problemlos an die Wand gespielt werden, liefern sie doch sehr gute Leistungen ab. Christopher Carley als etwas unerfahrener, aber beharrlicher Priester und Ahney Her als schlagfertige große Schwester Thaos sind würdige Partner. "Gran Torino" ist ein wunderbares Charakterstück und wird aufgrund seiner Selbstironie trotz einer guten Portion Pathos nie kitschig. Sollte man gesehen haben. Schon deshalb, weil es, wie Eastwood selbst sagte, der letzte Film mit ihm in der Hauptrolle sein soll.

Die DVD:

Die beiden Featurettes "Die Bemannung des Rades" (ca. 9 Minuten) und "Gran Torino: Mehr als nur ein Auto" (ca. 4 Minuten) haben kaum etwas mit dem Film zu tun, beide drehen sich hauptsächlich um den Walt Kowalskis Ford Gran Torino und ähnliche Traumautos. Es wird ein wenig darüber sinniert, welche Bedeutung der eigene fahrbare Untersatz für die (amerikanischen) Männer hat, welches die ersten Autos verschiedener Leute vom Filmteam waren usw., außerdem bekommt man ein paar Szenen vom Woodward Dream Cruise zu sehen. Das ist ein Oldtimer-Treffen, das alljährlich in den USA stattfindet. Nicht uninteressant, aber ein "Making of" wäre mir lieber gewesen.

J. Kreis, 25.08.2009


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