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Michael Ehnert Heldenwinter Michael Ehnert - HeldenWinter (Deutschland, 1993)

DVD - Regionalcode 2, ARD Video
FSK: 6
Laufzeit: Insgesamt ca. 180 Minuten

Extras
"Mein Leben", Kurzfilme ("Ja, ich will", "Die Quassel-Cops", "Undercover P.o.r.n.o.")

Regie:
Martin Maria Blau




Inhalt / Kommentar:

Ich bin zwar ein Freund der Kleinkunst, aber normalerweise kaufe ich keine DVDs von Kleinkünstlern. Ich schau' mir deren Programm lieber live an. Warum ich diese hier gekauft habe? Ist 'ne längere Geschichte. Die Kurzfassung: Ich saß bei Michael Ehnerts Programm "HeldenWinter" in der ersten Reihe, und als er am Schluss ein bisschen Werbung für seine DVD machte, sagte er, man könne die Scheibe ja zum Beispiel seinem Chef schenken. Dabei schaute er mich an. Tja, und da rutschte mir dann der Satz "So sehr hasse ich den nicht" raus. Da hatte ich zwar die Lacher auf meiner Seite, aber Ehnert war erstmal sprachlos. Natürlich hatte ich das nicht ernst gemeint (ich fand das Programm klasse), aber es war jetzt Ehrensache, die DVD zu kaufen. Somit habe ich also jetzt eine signierte DVD, die ich natürlich nicht meinem Chef schenken, sondern behalten werde. Sie war die Anschaffung wert, denn sie enthält nicht nur das aktuelle Programm "HeldenWinter", sondern auch Ehnerts erstes Soloprogramm ("Mein Leben") sowie drei Kurzfilme mit ihm in den Hauptrollen.

Es ist immer ganz nett, wenn man Gemeinsamkeiten mit Künstlern entdeckt, vor allem dann, wenn es sich um zentrale Elemente des Dargebotenen handelt. Im Fall von Michael Ehnert ist das die Begeisterung für eine bestimmte Art von Kinofilmen, die sowohl bei ihm als auch bei mir seit dem Kindesalter besteht. Ehnerts Soloprogramm "HeldenWinter" (Laufzeit ca. 90 Minuten) ist fast so etwas wie ein Ein-Personen-Film. Mit (politischem) Kabarett hat es aber wenig zu tun, der Begriff "Stand-up-Comedy" passt auch nicht. Es geht um einen ambitionierten Drehbuchautor, der per ICE unterwegs nach Hamburg ist und nur noch bis zur Ankunft Zeit hat, um das Drehbuch für einen Actionfilm fertigzustellen. Er kommt auch gut voran, das Drehbuch enthält alle Versatzstücke, die man für solide Action braucht. Aber dann wird der Autor von Zweifeln gepackt. Der Held ist ihm zu hirnlos, das Thema hat nicht genug Relevanz, und die Welt würde durch den Film auch nicht gerettet werden. Da wäre es doch eine tolle Idee, den Film aus dem Blickwinkel des gar nicht heldenhaften Helden-Hauptdarstellers zu drehen. Aber wie soll der Autor jetzt innerhalb von zwei Stunden das komplette Drehbuch neu schreiben, wo ihm der Gedanke an seinen diabolischen Produzenten im Nacken sitzt? Mehr und mehr verschwimmen die Grenzen zwischen dem Autor Ehnert, dem Superhelden Thornton und dem leicht tuckigen Schauspieler Mel Schwarzenehnert. Fiktion und Realität gehen ineinander über, und am Ende gibt es zwei Drehbücher. Doch für welches soll der Autor sich entscheiden?

Ehnerts Stil ist schwer zu beschreiben. Witzige Episoden, geniale Karikaturen (der radebrechende Zugchef z.B. lässt auf eine weitere Gemeinsamkeit schließen: Lange Fahrten mit der Deutschen Bahn), herrliche Parodien (Kinski!) und dramatische Momente purzeln übereinander. Ehnert spielt die Szenen seines Actionfilms selbst, im nächsten Moment ist er schon wieder der zynische Produzent oder der wohlwollende Mafia-Pate. Turbulente und nachdenkliche Momente gehen nahtlos ineinander über - obwohl... so ganz nahtlos ist der Übergang dann doch nicht. Man merkt schon, wie Ehnert vom eher lockeren Kleinkünstler plötzlich zum ernsthaften Schauspielschüler "umschaltet". Das wirkt dann manchmal etwas zu bemüht. Egal: Es ist nicht zu fassen, in wie viele ganz verschiedene Rollen er schlüpft und wie er die Bühne ganz allein zum Leben erweckt. Manches davon mag autobiografisch sein (habe ich irgendwo gelesen), und selbst wenn das nicht stimmen sollte, so ist die Medienkritik doch unübersehbar.

Die DVD:

Eigentlich enthält die DVD zwei Programme. "Mein Leben" ist Ehnerts erstes Soloprogramm. Man kann es vom Stil her mit "HeldenWinter" vergleichen, allerdings wird diesmal kein "Film" erzählt. Stattdessen schildert Ehnert seinen Werdegang zum Schauspieler und Kabarettisten, wobei er den Verlust des Standpunkts eines politischen Kabarettisten als Aufhänger benutzt. Das Programm ist ca. 60 Minuten lang. Wieviel davon wirklich als "Lebensbeichte" gelten kann? Keine Ahnung. Ich weiß schließlich außer seinem Geburtsjahr (1967, schon wieder eine Gemeinsamkeit) nichts über Ehnert. Ist aber auch unwichtig, denn wieder einmal darf man sich über geniale Szenen freuen - ein irrer Schlafwagenschaffner ist eins von vielen Highlights.

Weiteres Bonusmaterial sind drei Kurzfilme, in denen Ehnert mitspielt bzw. die Hauptrolle hat. Sie sind zwischen sieben und zwölf Minuten lang, zu jedem gibt es eine kurze Einleitung von Ehnert, in der er auf die Hintergründe und den Entstehungsprozess eingeht. In "Ja, ich will" spielt er einen Mann, der sich selbst heiratet und dann an Scheidung denkt, was zu dem Problem führt, dass er ein Trennungsjahr selbst mit sehr kostspieligen Operationen nicht überleben würde. Er muss sich also selbst betrügen. In "Die Quassel-Cops" palavern Ehnert und Kristian Bader (sein Partner aus den Zeiten des Bader-Ehnert-Kommandos) endlos über verschiedene Möglichkeiten der Verbrechensbekämpfung, während das Verbrechen bereits im Gange ist. "Undercover P.o.r.n.o." zeigt Ehnert und eine Kollegin als Doppelgänger ihrer selbst, die auf die geniale Idee kommen, einen P.o.r.n.o. in den Rollen ihrer berühmten Ebenbilder zu drehen. Die das natürlich gar nicht witzig finden, dann aber zu Schweinefutter verarbeitet werden.

J. Kreis, 21.03.2008
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