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Dr. Seltsam Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte die Bombe zu lieben (GB, 1964)
- Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb -

DVD Regionalcode 2, Focus Edition
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: ca. 91 Minuten (schwarz/weiß)

Extras
Making of

Regie:
Stanley Kubrick

Hauptdarsteller:
Peter Sellers (Präsident Merkin Muffley, Group Captain Lionel Mandrake, Dr. Seltsam)
Sterling Hayden (Brigadegeneral Jack D. Ripper)
George C. Scott (General "Buck" Turgidson)
Slim Pickens (Major T.J. "King" Kong)
Peter Bull (Botschafter Alexi de Sadesky)




Inhalt:

Brigadegeneral Jack D. Ripper meint, der Krieg sei zu wichtig, als dass man ihn den Politikern überlassen dürfe. Außerdem glaubt er an eine sowjetische Weltverschwörung, die ausgeschaltet werden muss. Seiner Meinung nach vergiften die Russen das Wasser, um die "wertvollen Körpersäfte" der Amerikaner zu schwächen. Um die Regierung vor vollendete Tatsachen zu stellen, gibt er den mit Nuklearwaffen bestückten B52-Bombern den Einsatzbefehl und riegelt die ihm unterstellte Burpelson Air Force Base völlig von der Außenwelt ab. Er behauptet, ein russischer Angriff stehe unmittelbar bevor und redet seinen Männern ein, die Feinde würden versuchen, die Basis in der Verkleidung amerikanischer Soldaten zu übernehmen. Ripper nutzt einen vom Präsidenten selbst abgesegneten Plan, der vorsieht, dass die Bomberbesatzungen völlig autonom nach versiegelten Befehlen handeln, die in ihren Maschinen bereitliegen. Sobald der Alarm einmal gegeben wurde, soll alles automatisiert ablaufen, damit eine Beeinflussung durch feindliche Mächte ausgeschlossen werden kann. Die Bomber können jetzt nur durch einen bestimmten Geheimcode zurückgerufen werden - und nur Ripper kennt die richtige Kombination.

General "Buck" Turgidson, der die Verantwortlichen im War Room über die Ereignisse informiert, ist gar nicht so unglücklich über diesen Verlauf und würde den Bombern am liebsten sofort Bodentruppen folgen lassen, doch Präsident Muffley hat nicht vor, als größter Massenmörder aller Zeiten in die Geschichte einzugehen. Er ruft den russischen Botschafter herbei, der die Verbindung zum sowjetischen Staatsoberhaupt Dmitri Kisov herstellt. So erfährt Muffley von der Existenz der Weltvernichtungsmaschine. Diese Superbombe sollte den Russen eigentlich als ultimatives Abschreckungsmittel dienen, denn sie reagiert vollautomatisch auf jeden nuklearen Angriff und erzeugt eine gewaltige Falloutwolke, die sämtliches Leben auf der Erde innerhalb weniger Monate vernichtet. Dr. Seltsam, ein im Rollstuhl sitzender ehemaliger Nazi-Wissenschaftler und jetzt Leiter der amerikanischen Waffenforschung, bestätigt die Möglichkeit der Existenz einer solchen Maschine. Muffley gibt Kisov daher zu Turgidsons Entsetzen alle Informationen, die zum Abschuss der Bomber benötigt werden. Gleichzeitig greift die Army die Luftwaffenbasis an.

Die Basis wird zwar erobert, doch Ripper erschießt sich, bevor er festgenommen werden kann. Lionel Mandrake, sein erster Offizier, kann jedoch aus Rippers Kritzeleien Rückschlüsse auf den richtigen Code ziehen. Als es ihm endlich gelingt, den Präsidenten ans Telefon zu kriegen, können die Bomber noch rechtzeitig zurückgerufen werden - bis auf einen. Er wurde durch eine russische Rakete beschädigt, so dass das Funkgerät ausgefallen ist. Das Flugzeug verliert außerdem Treibstoff und kann sein Primärziel nicht mehr erreichen. Die Besatzung führt stur ihren Befehl aus und steuert ein Alternativziel an. Da die Maschine vom urprünglichen Kurs abgewichen ist und außerdem unter dem Radar fliegt, kann es nicht aufgespürt werden. Kommandant Kong öffnet die blockierten Klappen des Bombenschachts manuell und sitzt immer noch auf der Bombe, als diese ausgeklinkt wird. So reitet er, den Cowboyhut wie beim Rodeo schwenkend, der Vernichtung entgegen.

Im War Room erwartet man das Ende der Menschheit, denn die Weltvernichtungsmaschine kann nicht abgeschaltet werden. Doch Dr. Seltsam hat einen Plan. Er meint, man könne die nur ca. 100 Jahre andauernde Verstrahlung in tiefen Bergwerksschächten überleben. Es sei kein Problem, die politische und wissenschaftliche Elite der USA dort in Sicherheit zu bringen. Es sei Platz für ein paar hunderttausend Menschen vorhanden, deren Hauptaufgabe dann darin bestehe, sich schnellstmöglich zu vermehren, um die Erde neu zu besiedeln. Die Idee der Erschaffung einer neuen Rasse gefällt dem alten Nazi so gut, dass er buchstäblich wieder auf die Beine kommt, und auch die Militärs sind von der Vorstellung, dass zehn nach sexueller Attraktivität ausgewählte junge Frauen auf einen Mann kommen sollen, sehr angetan, zumal es gilt, den Russen (die sicherlich genauso verfahren werden) zuvorzukommen und schnell für einen neuen Krieg bereit zu sein...

Der Film:

Dieser bitterböse und gleichzeitig urkomische Film bringt den Irrsinn der Vorstellung, man könne Krieg durch immer stärkere Aufrüstung und militärische Abschreckung vermeiden, auf den Punkt: Das kann (wenn überhaupt) nur funktionieren, wenn beide Seiten im Grunde gar keinen Krieg führen wollen, und solange sie in der Lage sind, immer schrecklichere Waffen zu entwickeln - die dann irgendwann zwangsläufig so mächtig sein müssen, dass nur eine einzige ausgelöst werden muss, um das Ende der Welt zu verursachen. Im Film ist das die Weltvernichtungsmaschine (engl.: "Doomsday Machine"), die ironischerweise deshalb gebaut wurde, weil das billiger ist als die Anschaffung immer neuer Atomraketen; man musste sparen, um beim Wettlauf zum Mond mithalten und westliche Konsumprodukte für die russische Bevölkerung besorgen zu können. Dummerweise funktioniert die Abschreckung nicht wie gedacht, denn das sowjetische Staatsoberhaupt liebt Überraschungen und wollte die Weltvernichtungsmaschine erst in einigen Tagen bei einem Parteikongress präsentieren...

Der Fehler liegt im System selbst begründet, und Kubrick treibt es nur noch ein wenig auf die Spitze, wenn der "narrensichere", vollautomatische Prozess von einem Wahnsinnigen in Gang gesetzt wird. Menschlichkeit ist in diesem System nicht gefragt, alles läuft nach der unerbittlichen Logik der Maschinen ab, denen Schwächen wie Mitleid oder gesunder Menschenverstand fremd sind. Die Versuche der Verantwortlichen, doch noch eine Wendung der Ereignisse herbeizuführen, muten geradezu hilflos an. Sie bringen es ja noch nicht einmal fertig, miteinander zu reden. In einer der lustigsten und auch wieder zynischsten Szenen holt der US-Präsident seinen russischen Kollegen ans Telefon und versucht ihm die Lage klarzumachen. Zunächst mal muss er ihm aber versichern, dass er bestimmt auch gerne mal einfach so aus Freundlichkeit angerufen hätte. Als die Karten auf dem Tisch liegen, streiten die beiden nur noch darüber, wem die ganze Sache mehr leid tut.

Außerdem gibt es selbst angesichts des Genozids immer noch Leute, die mit Millionen von Toten jonglieren und die eigenen Verluste wie Buchhalter gegen die der Gegenseite abwägen. Tatsächlich liegen bereits komplett ausgearbeitete Pläne für den "Präventivschlag" vor. Turgidson hat eine Mappe mit strategischen Zielen dabei, aufgelistet nach Millionen Toten. An der Spitze der kalten Technokraten steht Dr. Seltsam, eine der bizarrsten und besten Figuren, die Peter Sellers je gespielt hat. Er repräsentiert all die deutschen Wissenschaftler, die (ob freiwillig oder nicht, sei dahingestellt) für die Nazis gearbeitet haben. Die Amerikaner hatten kein Problem damit, sie nach dem Krieg für sich selbst zu vereinnahmen und Forschungen weiterführen zu lassen, deren Grundlagen nicht selten durch die brutale Ausbeutung von Zwangsarbeitern im Dritten Reich geschaffen worden sind. Auch hier wendet Kubrick wieder die satirische Überspitzung an: Dr. Seltsams rechter Arm führt ein merkwürdiges Eigenleben und möchte gern zum Hitlergruß emporschnellen, und wenn der unheimliche Wissenschaftler mit dem Präsidenten spricht, dann schleichen sich immer wieder Begriffe aus der NS-Terminologie ein. Einmal spricht er den Präsidenten sogar versehentlich mit "mein Führer" an. Das ist kein Wunder, schließlich besitzen die USA das Potential, in viel kürzerer Zeit viel mehr Menschen auszurotten, als es die Nazis je geschafft haben.

Peter Sellers spielt auch den Präsidenten und den ersten Offizier Rippers. Da musste schon eine Riege erstklassiger Schauspieler für die anderen Rollen her - dass sie von Sellers nicht komplett an die Wand gespielt werden, spricht für ihre Brillanz. Um in den Genuss der verschiedenen Akzente zu kommen, die Sellers für seine drei Rollen einsetzt, muss man den Film natürlich im englischen Original sehen. Dr. Seltsam klingt in der deutschen Synchro leider überhaupt nicht überzeugend. Das sollte man natürlich auch deshalb tun, weil man sonst viele Anspielungen und Wortspiele gar nicht versteht. Vermutlich wurde kein einziger Name zufällig ausgewählt, was auch für die Filmmusik gilt. Achtet mal darauf, was während des Abspanns gesungen wird... Übrigens hat der Film trotz der irrealen Situation und des tiefschwarzen Humors einen zum Teil fast dokumentarischen Charakter. Das macht ihn nur noch verstörender. Wer dieses Meisterwerk noch nicht gesehen hat, sollte seine Bildungslücke schleunigst schließen.

Die DVD:

Als Bonusmaterial ist ein interessantes, ca. 46 Minuten langes Making of enthalten. Es sind nur Einzelbilder von den Dreharbeiten vorhanden, zeitgenössisches Material wäre natürlich noch interessanter gewesen. Alle Interviews sind relativ aktuell, d.h. Interviews mit Stanley Kubrick, Peter Sellers und George C. Scott fehlen leider. Dennoch wird auf alle Phasen des Produktionsprozesses eingegangen und man erfährt so manches, was man vielleicht nicht geahnt hätte: Peter Sellers hat zum Beispiel einige Dialoge frei improvisiert und die ausgeklügelten Armaturen im Inneren des B52-Bombers sind größtenteils erfunden, denn natürlich waren solche Detailinformationen vom Militär nicht zu erhalten... Außerdem bekommt man einige Fotos vom ursprünglich vorgesehenen Ende des Films zu sehen. In dieser verworfenen Version findet nämlich eine gigantische Tortenschlacht im War Room statt...

J. Kreis, 25.11.2009


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