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Cargo Cargo (Schweiz, 2009)

BluRay, Ascot Elite Home Entertainment
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: ca. 111 Minuten

Extras
- Audiokommentar mit Regisseur Ivan Engler und Produzent Marcel Wolfisberg
- Making of
- Behind the Secenes Featurette
- Entfallene Szenen & Bloopers
- Still Galleries
- Original Trailer & TV Spots
- Exklusive TV Berichte (H.R. Giger)

Regie:
Ivan Engler, Ralph Etter

Hauptdarsteller:
Anna-Katharina Schwabroh (Laura Portmann)
Martin Rapold (Samuel Decker)
Regula Grauwiller (Anna Lindbergh)
Pierre Semmler (Pierre Lacroix)
Michael Finger (Claudio Vespucci)
Claude-Oliver Rudolph (Igor Prokoff)
Yangzom Brauen (Miyuki Yoshida)
Maria Boettner (Arianne Portmann)
Gilles Tschudi (Klaus Bruckner)




Inhalt:

Im 23. Jahrhundert ist die Erde unbewohnbar geworden. Das Ökosystem ist zusammengebrochen. Fast die gesamte Erdbevölkerung ist ins All geflohen und lebt dort in gewaltigen, hoffnungslos überfüllten Orbitalstädten. Unzählige Menschen sterben an Seuchen, die sich immer schneller ausbreiten. Der mächtige Kuiper-Konzern bietet den Menschen eine Alternative: Auswanderung zum Planeten Rhea, einer terrageformten paradiesischen Welt. Der Flug dorthin ist jedoch sehr teuer. Auch die junge Ärztin Laura Portmann, deren Schwester Arianne schon vor Jahren ausgewandert ist, träumt von einer besseren Zukunft auf dem fernen Planeten. Um sich die Passage leisten zu können, heuert sie auf dem heruntergekommen Frachtraumschiff KASSANDRA an. Ziel des Schiffes ist die im Bau befindliche Raumstation 42. Sie ist als Zwischenstation für den Flug zum Sonnensystem Proxima Centauri geplant. Dort werden ebenfalls bewohnbare Planeten vermutet. Die KASSANDRA befördert riesige Container voller Baumaterial, die in einem gewaltigen Frachtraum untergebracht sind. Die sechsköpfige Besatzung verbringt den gut vier Jahre dauernden Hinflug im Kälteschlaf, das Schiff wird per Autopilot gesteuert. Nur ein Besatzungsmitglied ist jeweils wach und muss eine mehrmonatige Schicht absolvieren. Da es in letzter Zeit mehrere Bombenattentate der so genannten "Maschinenstürmer" gegeben hat, die sich Drohungen des Terroristenführers Klaus Bruckner zufolge noch verstärken sollen, ist ein siebtes Besatzungsmitglied an Bord: Ein Skymarshal namens Samuel Decker, der die Sicherheit gewährleisten soll. Das Schiff startet im Jahre 2267.

Vier Jahre später, als die KASSANDRA ihr Ziel schon fast erreicht hat, fühlt sich Laura während ihrer einsamen Schicht beobachtet. Sie hört seltsame Geräusche und sieht einen Schatten hinter dem Bullauge des Frachtraumschotts. Decker und Kapitän Lacroix werden geweckt. Als Lacroix während der Untersuchung des Frachtraums zu Tode stürzt, holen Decker und Laura die restliche Besatzung aus dem Kälteschlaf. Computeraufzeichnungen beweisen, dass die Tür zum Frachtraum während Lauras Schicht mehrmals geöffnet wurde. Es muss also ein Blinder Passagier an Bord sein. Laura untersucht den Toten und findet eine implantierte Mini-Kamera, die seine letzten Wahrnehmungen aufgezeichnet hat. Demnach hat Lacroix ein "Biogefahr"-Warnschild in einem bestimmten Container entdeckt. Als Laura und Decker sowie die Techniker Vespucci und Prokoff den Container öffnen, finden sie dort nicht etwa Baumaterial vor, sondern Kryostasetanks. Die gesamte Fracht des Schiffes besteht aus schlafenden Menschen. Ein Tank, in dem sich ein kleines Mädchen befindet, wird ins Hauptschiff geholt. Laura stellt fest, dass sich ein anorganisches Gespinst in Gehirn und Rückenmark des Kindes befindet - Decker hält es für ein Interface, mit dem sich ein Mensch mit einer virtuellen Realität (VR) vernetzen kann. Laura und Decker verlieben sich ineinander.

Als die erste Offizierin Lindbergh herausfindet, dass Decker während des Fluges mehrmals den Kälteschlaf verlassen hat, ohne jemanden darüber zu informieren, nimmt sie ihn fest. Bevor er in den Kryotank gelegt wird, behauptet er gegenüber Laura, die KASSANDRA sei in Wahrheit auf dem Weg zu Rhea. Die Computerspezialistin Yoshida hackt den Bordrechner und bestätigt, dass Station 42 nicht das Ziel des Fluges ist. Allerdings muss das Ziel schon vor dem Start festgelegt worden sein, denn unterwegs kann die Programmierung nicht geändert werden. Decker kann also nicht schuld daran sein. Wenig später wird Yoshida ermordet. Da Decker verschwunden ist, fällt der Verdacht auf ihn. Bei der Suche nach Decker stößt Laura in einem Versorgungsschacht auf das Versteck des Blinden Passagiers - es ist Klaus Bruckner. Dieser greift sie an, wird aber von einem Unbekannten erschossen. Laura findet Filmmaterial, das beweist, dass auf der Erde wieder Leben möglich ist. Außerdem ist zu sehen, dass Decker zu den Maschinenstürmern gehört. Decker wird gefasst. Er behauptet, Rhea sei eine Lüge. Der Planet existiere nicht, sondern sei nur eine perfekte VR. Die von der KASSANDRA transportierten Menschen seien als lebende Bauteile zur Stabilisierung dieser VR vorgesehen. Es zeigt sich, dass Lindbergh über all das Bescheid weiß. Sie hat Yoshida getötet und würde die gesamte Besatzung ermorden, um zu verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt, denn dann würde das ganze System zusammenbrechen und die Menschen würden ihre letzte Hoffnung verlieren. Sie wird in einem Kryotank ruhiggestellt.

Die KASSANDRA erreicht "Rhea" - dies ist nichts weiter als eine gigantische Raumstation voller Kryostasecontainer im Orbit des Planeten RH278. Diese Welt ist lebensfeindlich; die Terraformingversuche sind fehlgeschlagen. Um die Öffentlichkeit informieren zu können, klinkt sich Laura in die VR ein, wo sie ihrer Schwester begegnet. Danach schickt sie die Botschaft ab und verlässt die VR wieder. Decker zerstört die Funkanlagen der Station. Lacroix und Vespucci beschleunigen derweil die Entladung der KASSANDRA und steigen selbst in einen Container. Sie ziehen das Leben in der VR der Wahrheit vor. Um den Container öffnen zu können, brauchen sie Lindberghs Chipkarte. Als Vespucci die Karte aus dem Tank holt, leitet er unwissentlich den Erweckungsprozess ein. Die KASSANDRA startet früher als von Decker und Laura erwartet. Sie haben nicht genug Treibstoff in den Jetpacks ihrer Raumanzüge. Nur einer kann ins Schiff zurückkehren. Decker opfert sich, um Lauras Leben zu retten. Zurück im Schiff wird Laura von Lindbergh attackiert. Es gelingt Laura, die Offizierin durch eine Mannschleuse ins All zu befördern. Zusammen mit dem kleinen Mädchen, das inzwischen von dem VR-Interface befreit wurde und erwacht ist, fliegt Laura zurück zur Erde.

Der Film:

Ein Science Fiction-Film aus der Schweiz. Hat es das überhaupt schon jemals gegeben? Im Bonusmaterial zur BluRay findet man die Antwort: Der erste schweizerische SF-Film soll "Swiss Made 2069" von Fredi Muhrer und H.R. Giger aus dem Jahre 1968 gewesen sein. Den kenne ich nicht, d.h. ich kenne nur Bilder des Außerirdischen, den Giger für diesen Kurzfilm erschaffen hat. Somit ist "Cargo" immerhin der erste schweizerische Kinofilm.

Wenn man den Informationen des Internet glauben darf, dann hatte "Cargo" ein Budget von lediglich fünf Millionen Schweizer Franken. Das sind gerade mal knapp 3,5 Millionen Euro - ein im Vergleich mit aktuellen Hollywood-Produktionen geradezu lächerlicher Betrag. Es ist unglaublich, was mit diesen geringen Geldmitteln auf die Beine gestellt worden ist! Es wurde hauptsächlich mit Computergrafiken gearbeitet, und die sind meistenteils gut gelungen, die Qualität schwankt aber. Ein etwas höherer Detailgrad, besser ausgearbeitete Texturen und eine geschicktere Ausleuchtung der virtuellen Objekte hätten dem Look gut getan. Manchmal erkennt man doch deutlich, dass man es nicht mit realen Objekten zu tun hat, was der Glaubwürdigkeit nicht unerheblich schadet. Es gibt sogar einzelne Szenen, in denen die CGI-Modelle seltsam unfertig wirken - gerade so, als habe man es mit animierten Storyboards zu tun. Die echten Sets/Kulissen sind dagegen aufwändig und detailreich, sie sehen wunderbar "echt" aus. In der KASSANDRA ist alles ein wenig schäbig und schmutzig. Das Schiff ist alt und wird wegen Geldmangel nur schlecht gewartet. Das wurde hervorragend umgesetzt. Die Kulissen werden zwar immer wieder verwendet, so dass sich die Besatzung der KASSANDRA stets in denselben Räumen und Korridoren aufzuhalten scheint, aber das stört nicht weiter. Schließlich ist an der KASSANDRA ja nur der Frachtraum riesig, im Hauptschiff ist es eher eng. Insgesamt kann man sehr zufrieden mit den Spezialeffekten und der Ausstattung sein, da muss sich "Cargo" definitiv nicht vor teuren Hochglanzproduktionen aus Hollywood verstecken.

Besonders gut hat mir die überzeugende "Weltraum-Atmosphäre" gefallen. Konsequenter- und lobenswerterweise herrscht im All meist Stille, und man kann die Weltraumkälte, die das düstere Innere des offenbar nicht besonders gut geheizten Frachters in einen ungemütlichen Ort verwandelt, fast selbst spüren. Auch wenn man im angeblich eiskalten Frachtraum keine Atemwölkchen sieht. Umso effektvoller ist dann der Gegensatz, wenn Laura sich in die VR einklinkt und plötzlich in einem lichtdurchfluteten Park steht. Klasse gemacht! Lauras Einsamkeit und Isolation während der allein zu absolvierenden Wachschicht kommen sehr gut rüber. Der Film nimmt sich die Zeit, die eintönige tägliche Routine zu zeigen, und für mich sind das die besten Momente des Films. Es stört nicht, dass kein hohes Tempo vorgelegt wird und dass nur sehr wenige Actionszenen vorhanden sind. Die gemächliche Erzählweise passt sehr gut zur Stimmung. Ich habe nur eine Frage: Wo befindet sich Rhea bzw. der Planet, um den Station 42 kreist? Das Sonnensystem Alpha Centauri ist über 4 Lichtjahre von der Erde entfernt, ein näheres System gibt es nicht. Rhea müsste also um Alpha Centauri kreisen oder noch weiter von der Erde entfernt sein. Funkbotschaften brauchen Jahre, um von Rhea zur Erde zu gelangen. Wie soll ein Flug dorthin überhaupt möglich sein? Zumindest die KASSANDRA scheint keineswegs mit Überlichtgeschwindigkeit zu fliegen. Wäre sie mit annähernder Lichtgeschwindigkeit unterwegs, dann wäre die Zeitdilatation so groß, dass auf Station 42 viel mehr Zeit vergehen müsste als in der KASSANDRA. Man könnte einwenden, dass die Funkbotschaften absichtlich verzögert werden. Aber dann stellt sich wieder die Frage, wo der Planet zu finden sein soll...

Die Story geht in Ordnung, allerdings kann der Plot-Twist spätestens ab der Szene, in der das Gespinst im Kopf des kleinen Mädchens als VR-Interface identifiziert wird, nicht mehr überraschen. Es werden ziemlich viele Anleihen bei Alien gemacht. Das geht sogar so weit, dass bestimmte Musikschnipsel und Soundeffekte direkt übernommen werden. Es könnte aber auch als Hommage gemeint sein. Die ganze Geschichte mit dem Blinden Passagier und der Suche nach ihm erinnert jedenfalls in etwas zu aufdringlicher Weise an "Alien", und so ist man einigermaßen enttäuscht, als sich herausstellt, dass man es nicht mit einem bedrohlichen Ungeheuer oder etwas vergleichbar gefährlichem zu tun hat, sondern nur mit einem verwirrten älteren Typen mit Rauschebart, der in seinen eigenen Abfällen haust und kurz nach seinem Auftauchen schon wieder um die Ecke gebracht wird. Da Bruckner nicht zu früh im Film auftauchen darf, muss gleich mehrmals ein uralter Gag verwendet werden: Eine unkenntliche Gestalt schleicht sich hinterrücks an einen unserer Helden heran (die Musik wird immer dramatischer), aber dann stellt sich heraus, dass es nur ein anderes Besatzungsmitglied ist, das "Buh" macht. Echte Spannung kann auf diese Weise nicht entstehen.

Irgendwie bleiben die Charaktere (abgesehen von Laura) zu blass. Man wird nicht "warm" mit ihnen, und das liegt nicht an der Weltraumkälte. Vielleicht hatten manche Schauspieler ja ein Problem damit, in einem Science Fiction-Film mitzuspielen. Oder vielleicht liegt es an der CGI-Lastigkeit, d.h. die Schauspieler dürften oft gar nichts von dem gesehen haben, womit sie interagieren oder worauf sie reagieren sollten. Ich hatte den Eindruck, dass einige Darsteller ziemlich lustlos, andere dagegen allzu bemüht agieren. Und dass sie manchmal nichts mit den eigenen Dialogen anfangen konnten. Auf mich wirkte das alles überspitzt ausgedrückt wie eine nicht zusammenpassende Mischung aus bedeutungsschwangerer Bühnentheatralik und Daily-Soap-Plattheit. Die Liebesbeziehung zwischen Laura und Decker kommt zu plötzlich, die Chemie zwischen den beiden stimmt einfach nicht. Andere Rollen sind im günstigsten Fall verzichtbar (Claude-Oliver Rudolph als Prokoff), schlimmstenfalls aber fast unerträglich (Michael Finger als Nervensäge Vespucci).

Damit das jetzt nicht zu negativ klingt: "Cargo" ist ein schöner, ruhiger SF-Film, der sich angenehm vom derzeit üblichen Action-Einerlei abhebt. Er hat mir gefallen; über die kleineren Schwächen kann man hinwegsehen.

Die BluRay:

Das Bonusmaterial ist in viele relativ kurze Beiträge zersplittert, bei denen leider nicht immer eine "alles abspielen" - Funktion vorhanden ist. Hätte man alle Clips zu einem einzigen Making of zusammengefügt (was durchaus möglich ware), dann wäre eine sehr schöne Dokumentation in Spielfilmlänge dabei herausgekommen. Es sind Filmbeiträge und selbstablaufende Bildergalerien, Prävisualisierungs-Sequenzen (Storyboards, CGI-Animationen in einem frühen Entwcklungsstadium usw.) und Testaufnahmen vorhanden, die jede Phase der Entstehung des Films beleuchten. Man kann die CGI-Künstler bei der Arbeit, den Bau der Kulissen und die Schauspieler bei den Dreharbeiten beobachten, in Interviews berichten Regisseur, Produzent und Schauspieler von ihren Erfahrungen, und zu guter Letzt wird die Entwicklung einer CGI-Szene vom Storyboard bis zur Fertigstellung ausführlich gezeigt, alles kommentiert vom Regisseur. Eine der selbstablaufenden Bildergalerien ist ein Bildertagebuch des Regisseurs (mehrere Galerien, insg. ca. 25 Minuten), das er über Jahre hinweg geführt hat. Man sieht ihn beim Schreiben des Drehbuchs, bei den Dreharbeiten, bei der Post-Production und schließlich bei den Premieren. Insgesamt erhält man einen guten Einblick in den Produktionsprozess und es wird deutlich, mit wieviel Enthusiasmus und Engangement alle Beteiligten bei der Sache waren. Erst wenn man das gesehen hat, kann man den Film wirklich würdigen.

Hinzu kommen zahlreiche nicht verwendete und schiefgegangene Szenen, Hinweise auf versteckte Gags im Film und schließlich noch drei kurze Berichte des Schweizer Fernsehens über "Cargo". In einem davon kommt sogar H.R. Giger zu Wort, aber nur ganz kurz.


J. Kreis, 20.04.2010


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