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Blue Velvet Blue Velvet (USA, 1986)

DVD - Regionalcode 2, Fox Home Entertainment
FSK: 16
Laufzeit: ca. 116 Minuten

Extras
Dokumentation "Mysteries of Love"

Regie:
David Lynch

Hauptdarsteller:
Kyle MacLachlan (Jeffrey Beaumont)
Laura Dern (Sandy Williams)
Isabella Rossellini (Dorothy Vallens)
Dennis Hopper (Frank Booth)




Inhalt:

Als Jeffrey Beaumonts Vater nach einem Schlaganfall gelähmt und sprechunfähig ins Krankenhaus kommt, lässt sein Sohn sich vom College beurlauben und kehrt nach Lumberton zurück, um im familieneigenen Geschäft auszuhelfen. Die kleinstädtische Idylle ist trügerisch, wie Jeffrey feststellen muss, als er auf einem verlassenen Grundstück ein abgetrenntes menschliches Ohr findet. Er bringt das Ohr zwar zu Detective Williams, den er von früher kennt, aber die Sache lässt ihn nicht los. Er will auf eigene Faust ermitteln. Von Sandy, der Tochter des Detective, erfährt Jeffrey, dass die Nachtclubsängerin Dorothy Vallens in diesen Fall verwickelt sein könnte. Er dringt in die Wohnung der jungen Frau ein und muss sich in einem Schrank verstecken, als sie unerwartet zurückkommt. Sie entdeckt ihn, zwingt ihn, sich auszuziehen, und würde mit ihm schlafen, doch dazu kommt es nicht: Frank Booth erscheint. Jeffrey muss sich wieder im Schrank verstecken und wird Zeuge, wie der offensichtlich psychisch schwer gestörte Mann Dorothy auf bizarre Weise vergewaltigt. Jeffrey findet heraus, dass Booth Dorothys Mann und ihren Sohn entführt hat, so dass sie ihm zu Willen sein muss. Von Dorothys Mann stammt auch das abgetrennte Ohr.

In den nächsten Tagen geht Jeffrey der Sache weiter nach, wobei Sandy ihm hilft. Die beiden kommen sich schnell näher, aber Jeffrey lässt sich auch auf ein Verhältnis mit Dorothy ein, die sich verzweifelt an ihn klammert und seine dunkle Seite anspricht: Sie ist Masochistin. Auf ihre Bitte hin, und um Sandy nicht zu gefährden, verzichtet Jeffrey darauf, die Polizei einzuschalten. Er beschattet Booth und kommt dessen Drogengeschäften auf die Spur, in die auch ein Polizeioffizier verwickelt ist. Als Jeffrey nach einer mit Dorothy verbrachten Nacht deren Wohnung verlässt, läuft er Booth und dessen Handlangern in die Arme. Booth erkennt sofort, was die Stunde geschlagen hat. Er zwingt Jeffrey und Dorothy, ihn bei einer gespenstischen Vergnügungsfahrt zu begleiten. Jeffrey, der Dorothy vor weiteren Misshandlungen durch Booth schützen will, wird verprügelt und bewusstlos geschlagen. Am nächsten Tag sucht er nun doch Sandys Vater auf. Er übergibt ihm die Fotos, die er bei seinen Ermittlungen gemacht hat, und die unter anderem auch einen von Williams' Kollegen zeigen.

Jeffrey und Sandy gehen auf eine Party und gestehen sich ihre Liebe. Die junge Beziehung erhält jedoch sogleich einen empfindlichen Dämpfer, denn als die beiden nach Hause fahren, torkelt ihnen die nackte, zerschundene und völlig verwirrte Dorothy über den Weg. So erfährt Sandy alles, sie verzeiht Jeffrey jedoch, dass er eine heimliche Geliebte hatte. Nachdem Dorothy im Krankenhaus versorgt ist, fährt Jeffrey in ihre Wohnung. Dort findet er Dorothys Ehemann vor - er wurde ermordet. Auch der verräterische Polizeioffizier ist dort, aber er scheint so schwer verwundet zu sein, dass er sich nicht mehr bewegen kann. Jeffrey ist in der Wohnung gefangen, denn Booth kommt zurück. Jeffrey ruft über Funk um Hilfe, aber Booth hört das Gespräch mit. Zum dritten Mal verteckt Jeffrey sich im Schrank, wobei er den Revolver des Polizisten mitnimmt. Als Booth die Schranktür aufreißt, schießt Jeffrey ihm zwischen die Augen. Danach ist alles wieder im Lot. Jeffreys und Sandys Familien leben zusammen (Jeffreys Vater ist auf dem Weg der Besserung), und Dorothy ist mit ihrem kleinen Sohn vereint.

Der Film:

Im Grunde wird hier eine ziemlich einfache Kriminalgeschichte erzählt, d.h. eigentlich wird sie noch nicht einmal richtig erzählt, denn wir erfahren nicht sehr viel über die Ereignisse, welche zu der Situation geführt haben, die Jeffrey vorfindet. Immerhin: Es gibt eine schlüssige Handlung - von anderen Filmen David Lynchs kann man das nicht behaupten. Psychopathische Gangster, Sadomasochismus, Voyeurismus, Selbstverstümmelung, bizarre Sexualpraktiken, geheimnisvolle Frauenfiguren, auf eigene Faust ermittelnde Privatleute - diese Elemente sind nicht neu oder ungewöhnlich, jedenfalls nicht mehr 20 Jahre nach "Blue Velvet" (damals mag er geradezu schockierend gewirkt haben). Es ist wohl die Art, wie die Geschichte erzählt wird und wie diese Elemente eingesetzt werden, die den Film dann doch immer noch zu etwas Besonderem macht. Gerade die Andeutungen, dieses oft unerklärt bleibende "da stimmt doch irgendwas nicht" - Gefühl, sind typisch für Lynchs Filme. Ein sehr wichtiges Element dabei sind auch die Hintergrundgeräusche, die bestimmten im Grunde ganz normalen Szenen andere Bedeutungen geben. Ein Beispiel dafür sind die eigenartigen Töne, die zu hören sind, wenn Jeffrey die Treppe zu Dorothys Wohnung hinaufsteigt.

Schon die Eröffnungsszenen mit den übertrieben hellen und fröhlichen Farben bunter Blumen in Vorgärten, unter denen sich ein Miasma aus Dreck und durcheinanderwimmelndem Ungeziefer verbirgt, macht überdeutlich, was gezeigt werden soll: Dass die heile Welt nur eine Täuschung ist, oder eine dünne Tünche, die menschliche Abgründe überdeckt und leicht zu durchbrechen ist. Interessanterweise wirkt die "dunkle" Seite viel realer als ihre "helle" Fassade. Gut und Böse sind also untrennbar miteinander verbunden und jeder Mensch ist - wie Jeffrey - zu beidem fähig. Es ist typisch für Figuren in Filmen von David Lynch, dass man nie so recht weiß, wer sie eigentlich sind. Eindeutig positive oder negative Figuren gibt es bei ihm nur selten. Jeffrey sieht zwar aus wie ein Unschuldsengel, aber man merkt schnell, dass das nicht alles sein kann. Selbst Frank Booth, der die Personifizierung des Kranken und Bösen zu sein scheint, hat auch noch andere, wenngleich versteckte Facetten. Was ich von Sandy halten soll, deren unglaublich naiver Traum von einer heilen Welt am Ende tatsächlich in Erfüllung zu gehen scheint (man achte auf den Vogel, der einen Käfer verspeist), weiß ich nicht so recht.

Was die Schauspieler hier leisten, vor allem natürlich Dennis Hopper und Isabella Rossellini, ist unglaublich. Beide haben keine Scheu, sich absolut gehen zu lassen. Hopper spielt den von Drogen (nehme ich an - keine Ahnung, was Booth da immer inhaliert) und merkwürdigen Ritualen abhängigen Wahnsinnigen mit einer geradezu schmerzhaften Intensität, und Rossellini zeigt in mehr als einer Szene Mut zur Häßlichkeit. Ich habe gelesen, man habe Lynch vorgeworfen, dass er zu deutlich zeige, wie sehr diese Frau auf der einen Seite missbraucht wird, genau das auf der anderen Seite aber auch zu genießen scheint. Das ist natürlich starker Tobak, aber vielleicht konzentriert sich gerade in dieser Figur die Ambivalenz der ganzen Welt, die hier gezeigt wird. Ich kann in diesen Szenen außerdem nicht die Absicht erkennen, diese Figur (oder Frauen allgemein) zu entwürdigen.

Die DVD:

Die fast schon abendfüllende Dokumentation "Mysteries of Love" (gut 70 Minuten lang) aus dem Jahre 2002 enthält zwar hauptsächlich Interviews aus verschiedenen Jahren, aber diese Interviews sind sehr interessant. Die Dokumentation ist schon deshalb sehenswert, weil David Lynch sich zu Wort meldet - von diesem doch eher zurückhaltenden Mann kennt man das so gar nicht. Es handelt sich denn auch nicht um aktuelles Material, sondern um Aufnahmen aus der Zeit, in der der Film entstanden ist. Der Titel der Dokumentation stammt von einem Gedicht, das Lynch selbst geschrieben hat. Es wurde als Text für ein im Film vorkommendes Musikstück verwendet. Man erfährt eine ganze Menge über den Entstehungsprozess und die damit verbundenen Schwierigkeiten. Isabella Rossellini und Dennis Hopper äußern sich ausführlich zu ihrer Interpretation der von ihnen gespielten Rollen. Sie sind dabei genauso offen, wie sie ihre Rollen gespielt haben. Rossellini geht auch auf die Reaktionen der Kritiker ein, die insbesondere jene Szene bemängelt haben, in der sie nackt vor Jeffreys Haus steht. Sie gibt sich selbst wegen ihrer - wie sie sich ausdrückt - mangelnden schauspielerischen Erfahrung die Schuld daran, dass die Szene vielleicht missverständlich war. Dabei liegt das Problem eher im Auge des Betrachters...

J. Kreis, 17.10.2007
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