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Aguirre Aguirre, der Zorn Gottes (D, 1972)

DVD - Regionalcode 2, Kinowelt / Arthaus
FSK: 12
Laufzeit: ca. 91 Minuten

Extras
Audiokommentar von Werner Herzog und Laurens Straub, Werkfotos, Biografien (Texttafeln), Trailer

Regie:
Werner Herzog

Hauptdarsteller:
Klaus Kinski (Don Lope de Aguirre)
Ruy Guerra (Don Pedro de Ursua)
Peter Berling (Don Fernando de Guzman)
Helena Rojo (Inez)
Cecilia Rivera (Flores)
Del Negro (Bruder Gaspar de Carvajal)
Alejandro Repulles (Gonzalo Pizarro)




Inhalt:

Im Jahre 1560 suchen spanische Konquistadoren unter dem Kommando von Gonzalo Pizarro im Urwald der Anden und des Amazonas nach dem legendären Goldland Eldorado. Sie werden von einem Priester begleitet, der die Wilden bekehren soll. Die schwer gepanzerten Soldaten kommen im dichten Dschungel nur langsam voran, zumal sie mehrere Kanonen sowie Sänften für zwei Edelfrauen mit sich herumschleppen: Inez, die Geliebte des Edelmanns Don Pedro de Ursua, und Flores, die Tochter des Offiziers Don Lope de Aguirre, nehmen an der Expedition teil. Als die Armee schließlich im Schlamm steckenbleibt, werden Ursua und Aguirre sowie vierzig Soldaten von Pizarro ausgesandt, um mit Flößen weiter flussabwärts zu fahren. Auch der Priester ist mit dabei, außerdem erlaubt Pizarro wider besseres Wissen die Mitnahme der beiden Frauen. Aguirre ist nicht begeistert davon, sich Ursua unterordnen zu müssen. Die Gruppe gerät schon bald in Schwierigkeiten. Eines der Flöße bleibt in einem Wirbel stecken und wird von Eingeborenen angegriffen, die anderen Flöße werden eines Nachts, als die Gruppe am Ufer lagert, mitsamt den meisten Vorräten vom Hochwasser weggerissen.

Ursua betrachtet die Mission als gescheitert und befiehlt den Rückmarsch. Damit hat er sein eigenes Todesurteil gesprochen, denn Aguirre will Eldorado um jeden Preis erreichen. Er rebelliert gegen Ursua und verweigert den Befehl. Da auch die anderen Soldaten vom unermesslichen Reichtum träumen, kann Ursua nicht auf Unterstützung hoffen. Er wird niedergeschossen. Auf Betreiben Aguirres wird Don Fernando de Guzman, ein weiterer Edelmann, als neuer Anführer bestimmt. Aguirre erklärt den spanischen König für abgesetzt und verkündet, Guzman sei Kaiser der Neuen Welt. Doch auch Guzman spurt nicht so, wie Aguirre es sich vorstellt, denn er verschont den verwundeten Ursua, der mitgeschleppt werden muss, als die Gruppe mit einem neu gebauten Floß weiterreist. Immer wieder kommt es zu Zwischenfällen, bei denen mehrere Soldaten von Eingeborenen getötet werden, außerdem gibt es bald keine Verpflegung mehr. Es gelingt dem allmählich in den Wahnsinn abgleitenden Aguirre aber immer wieder, die Männer vorwärts zu treiben. Der Zorn der Soldaten richtet sich gegen den "Kaiser" Guzman, der die letzten Vorräte vertilgt - eines Tages wird er erdrosselt aufgefunden.

Da Ursua nun nicht mehr geschützt wird, lässt Aguirre ihn hängen. Inez geht danach freiwillig in den Dschungel und verschwindet spurlos. Aguirre, Herr über ein kleines Häuflein verhungernder und am Fieber leidender Soldaten, träumt davon, in Eldorado mit seiner eigenen Tochter eine neue Dynastie zu begründen. Bei einem weiteren Angriff der im Dschungel praktisch unsichtbaren Indianer werden jedoch auch Flores und die letzten Soldaten getötet. Am Ende ist nur noch Aguirre auf dem ziellos im Kreis dahintreibenden Floß übrig. Nur einige Affen lauschen jetzt noch seinen Eroberungsplänen...

Der Film:

Dieser Film hat ein reales Vorbild, d.h. einen Don Lope de Aguirre hat es wirklich gegeben. Manches wurde aber erfunden, z.B. war Aguirre nicht mit Gonzalo Pizarro unterwegs (dessen Reise hatte schon 20 Jahre vorher stattgefunden) und Pater Gaspar de Carvajal war nicht Mitglied von Aguirres Gruppe. Die Aufzeichnungen des Geistlichen habe ich übrigens vor vielen Jahren gelesen, das Buch ist auch heute noch im Handel zu haben (Titel: "Die Entdeckung von Peru" oder "Die Eroberung von Peru"). Der reale Aguirre soll sich einmal als "Der Zorn Gottes" bezeichnet haben und er war 1560 tatsächlich Mitglied einer von Pedro de Ursua angeführten Expedition, die Eldorado finden sollte. Auch der reale Aguirre hatte gegen Ursua rebelliert. Allerdings wurde dabei auch Guzman ermordet. Der reale Aguirre hatte mehr Erfolg bei seiner Weiterreise: Er erreichte den Atlantik und eroberte die Isla Magarita, wo er eine Schreckensherrschaft errichtete. Seine Tochter brachte er eigenhändig um... Der reale Aguirre muss also ein eher unangenehmer Zeitgenosse gewesen sein. Ob er aber jenes geradezu dämonische Charisma besessen hat, das Klaus Kinski seiner Rolle verleiht?

Kinskis Darstellung eines dem Wahnsinn verfallenden Egomanen ist neben der beeindruckenden Darstellung des Urwalds eines der Hauptmerkmale dieses Films, den man ohne diese beiden Elemente vielleicht unerträglich finden würde. Kaum Dialog und wenig Handlung, lange, ruhige Aufnahmen vom Urwald oder auch minutenlang nur die Ansicht tosenden braunen Wassers - das alles aber ohne Romantik oder Pathos, sondern eher in der Art eines Natur-Dokumentarfilms... würde dadurch nicht eine so eindringliche Atmosphäre erzeugt werden und wäre da nicht immer wieder die unglaubliche Präsenz Kinskis, man würde sich vermutlich nur langweilen. Man kann sich vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten die Dreharbeiten verbunden gewesen sein müssen (ganz abgesehen von Kinskis Eigensinn, mit dem er die ganze Filmcrew terrorisiert haben soll), denn der gesamte Film wurde an Originalschauplätzen gedreht. Die Schauspieler mussten sich also wirklich in voller Rüstung oder mit hochgeschlossenen Kostümen durch die weglose Dschungelwildnis kämpfen, durch Stromschnellen paddeln und dergleichen mehr. Dass unter solch extremen Bedingungen kaum ein von A bis Z durchgeplanter Film entstehen konnte, ist völlig klar. Und so verwundert es nicht, dass manche Szene etwas chaotisch oder improvisiert wirkt. Es gibt aber auch ein paar Szenen, die die Frage aufwerfen, was der Regisseur sich dabei gedacht haben mag. Zum Beispiel sagt ein von einem Speer durchbohrter Soldat, bevor er ins Wasser fällt: "Die lange Pfeile kommen in Mode". In einer anderen Szene wird ein Mann geköpft, der gerade bis "Neun" gezählt hat. Der abgeschlagene Kopf sagt dann noch: "Zehn..." Ich habe keine Ahnung, ob Herzog einfach etwas schwarzen Humor in einen an sich schon bizarren Film einbauen wollte, oder ob das einen tieferen Sinn hat.

Im Audiokommentar wird gesagt, Herzog sei der Meinung, jeder Film solle wenigstens eine Szene enthalten, die man nicht vergisst. "Aguirre" hat allerdings mehr als nur eine derartige Szene zu bieten. Vom Abstieg der Konquistadoren im Gänsemarsch über eine Bergkante, die zur Hälfte in dichten Wolken liegt, bis hin zu Aguirres letzten wahnhaften Worten prägt sich jede einzelne Szene ein. Die merkwürdige Musik von Popol Vuh passt wunderbar dazu. Aguirres Fahrt über den Fluss ist eine Reise ins schwärzeste Herz der Finsternis. Während seine Begleiter entweder durch ihre Angst vor den meist unsichtbar bleibenden Indios wie gelähmt sind oder sich in sinnlosen Ritualen ergehen ("Kaiser" Guzman nimmt fröhlich riesige Gebiete des Dschungels in Besitz, die er nicht einmal betreten kann), interessiert Aguirre sich weder für die Giftpfeile der Indios noch für die Qualen seiner Männer. Ihm geht es nur noch darum, den größtmöglichen Verrat zu begehen. Kinski ist in dieser Rolle einfach nur umwerfend. Die anderen Schauspieler (bis auf Aguirres nicht minder wahnsinnigen Handlanger) kann man dagegen getrost vergessen, von den Laienschauspielern und Komparsen ganz zu schweigen. Manchmal sieht man, wie einer von ihnen in die Kamera grinst...

Dieser Film ist natürlich alles andere als ein actionreiches Dschungel-Abenteuer oder ein Historien-Kostümfilm. Packend und faszinierend ist er trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen.

Die DVD:

Das einzige erwähnenswerte Bonusmaterial, den Audiokommentar, habe ich mir noch nicht vollständig zu Gemüte geführt. Die ersten Minuten davon waren jedenfalls schon sehr interessant; Herzog berichtet ausführlich von den fast schon als unmenschlich zu bezeichnenden Bedingungen der Dreharbeiten.

J. Kreis, 15.08.2008


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