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A History of Violence A History of Violence (USA, 2005)

DVD - Regionalcode 2, Warner Home Video
FSK: Keine Jugendfreigabe
Laufzeit: ca. 92 Minuten

Extras
Audiokommentar, "Gewaltakte", Nicht verwendete Szene 44, Das Unmaking of der Szene 44, "Violence's History": USA-Version vs. internationale Version, "Zu kommerziell für Cannes", Trailer

Regie:
David Cronenberg

Hauptdarsteller:
Viggo Mortensen (Tom Stall / Joey Cusack)
Maria Bello (Edie Stall)
Ed Harris (Carl Fogarty)
William Hurt (Richie Cusack)




Inhalt:

Tom Stall, verheiratet, zwei Kinder, ist ein einfacher, von seinen Mitbürgern respektierter Mann, der in der kleinen Stadt Millbrook ein Schnellrestaurant betreibt. Der Imbiss wird eines Tages von zwei Schwerverbrechern überfallen. Einer von ihnen will die Kellnerin erschießen, doch bevor er abdrücken kann, wird er von Tom überwältigt, der sich die Pistole greift und die beiden Männer erschießt. Tom wird als Held gefeiert, Nachrichten über seine Tat werden im ganzen Land verbreitet. Wenig später erscheint ein gewisser Carl Fogarty mit zwei Begleitern in Millbrook und beginnt Toms Familie zu terrorisieren. Fogarty, dessen linke Gesichtshälfte entstellt ist, behauptet, Toms wahrer Name sei Joey Cusack. Er macht Tom für seine Entstellung verantwortlich. Fogarty behauptet, Tom aus Philadelphia zu kennen und will ihn dazu bringen, ihn dorthin zu begleiten. Tom beharrt darauf, dass es sich um eine Verwechslung handeln muss.

Fogarty lässt nicht locker. Es stellt sich heraus, dass er und seine Leute zum organisierten Verbrechen gehören. Die drei Gangster greifen sich Toms Sohn und wollen ihren "alten Freund" auf diese Weise zwingen, mit nach Philadelphia zu kommen. Tom tritt ihnen mit einer Schrotflinte in der Hand entgegen. Um seinen Sohn zu schützen, legt er jedoch die Waffe beiseite und erklärt sich bereit, Fogarty zu begleiten. Allerdings gelingt es ihm, zwei der Männer auszuschalten, dann aber wird er von Fogarty angeschossen. Fogarty will ihm den Rest geben, doch er hat nicht mit Toms Sohn gerechnet: Der greift sich die Schrotflinte und erschießt den Gangster von hinten. Jetzt kann Tom sein Geheimnis nicht mehr vor seiner Frau Edie verheimlichen. Er muss eingestehen, dass er tatsächlich Joey Cusack war und sich in Millbrook eine Tarnexistenz aufgebaut hat. Durch seine unerwartete Popularität sind seine "alten Freunde" ihm auf die Spur gekommen.

Edie ist mehr als nur entsetzt. Obwohl Tom ihr versichert, dass es nicht so sei, glaubt Edie, dass Tom sie nur benutzt hat. Trotzdem deckt sie ihn, als er vom Sheriff, einem Freund der Familie, verhört wird. Dann erhält Tom einen Anruf von seinem Bruder Richie - der Alptraum ist also immer noch nicht vorbei. Tom macht sich auf, seinen Bruder zu besuchen. Es wird klar, dass Richie hinter allem steckt. Er will an die Spitze der Verbrecherorganisation aufsteigen, aber dem stehen die Umstände von Joeys Abgang entgegen. Um sich das Vertrauen der anderen Gangster zu verdienen, muss Richie seinen Bruder töten, und genau das sollen seine Leute jetzt erledigen. Erneut gelingt es Joey/Tom, sich gegen seine Widersacher zu behaupten, und er lässt keinen am Leben - auch nicht Richie. Zwar sind jetzt alle Bedrohungen für Toms Existenz beseitigt, aber wird es ihm gelingen, an sein früheres Leben anzuknüpfen? Als er nach Hause zurückkehrt und sich an den Tisch setzt, scheinen zumindest seine Kinder bereit zu sein, ihn wieder in der Familie aufzunehmen...

Der Film:

Mit der oben beschriebenen Szene endet der Film. Wie Edie sich entscheiden wird und ob die Familie je wieder zu so etwas wie "Normalität" wird zurückkehren können, bleibt offen. Nicht ganz klar wird auch, welche Absichten Tom wirklich hat. Dass es ihm mitnichten gelungen ist, sein früheres Selbst zu "töten", wie er sich selbst ausdrückt, wird schon durch die im Film aus genau diesem Grund explizit dargestellte Gewalt verdeutlicht. Er hat sich nicht grundlegend gewandelt und ist immer noch zu extremen Gewalttaten fähig. Er hat sein früheres Leben nur verdrängt, fällt aber praktisch übergangslos wieder in seine alte Rolle zurück. Für ihn spricht, dass er Frau und Kinder nicht einfach umbringt, als sie zu Mitwissern werden. Allerdings könnte man dem entgegenhalten, dass Edie ihn ja immer noch deckt. Es ist für ihn also einfacher, seine bisherige Tarnexistenz beizubehalten, als nochmals von vorn anzufangen und sich irgendwo eine ganz neue Identität aufzubauen. Es könnte also durchaus sein, dass er Edie und die Kinder nur braucht, um seine bequeme Tarnexistenz aufrecht erhalten zu können. Die vermeintlich heile Welt wäre dann wirklich nichts anderes als ein Lügengebäude.

Ich tendiere eher zur "Happy-End-Variante". Viggo Mortensen stellt den innerlich zerrissenen Mann jedenfalls so dar, dass man leicht glauben kann, Joey/Tom habe sich doch verändert. Man nimmt ihm ab, dass er seine Familie liebt und dass er nur zu ihrem Schutz so brutal vorgeht. Schließlich hätte er sich gar nicht erst die Mühe machen müssen, die Kellnerin zu retten. Keiner hätte es ihm übelnehmen können, wenn er nicht eingegriffen hätte. Ihm selbst wäre höchstwahrscheinlich nichts geschehen und er wäre nie aus seiner Anonymität aufgetaucht. Die Frage bliebe jedoch: Wurde er durch die Umstände gezwungen, zur Waffe zu greifen, oder hätte er die Probleme auch anders lösen können? Genießt er es gar, wieder zuschlagen zu können? Fällt er vielleicht deshalb in seine alte Rolle zurück, weil er für seine Tat im Schnellrestaurant so viel öffentliches Lob erhält? Der Zuschauer wird quasi zu Toms Komplizen, denn man hält seine Taten für gerechtfertigt.

Wie schon gesagt, wird die Gewalt aus einem bestimmten Grund so deutlich gezeigt. Sie ist weder Selbstzweck, noch wird sie verherrlicht oder auch nur lustig bzw. cool dargestellt. Sie erfüllt auch nicht den Zweck, die Leute zufriedenzustellen, die angesichts des Namens David Cronenberg ("Die Fliege", "Naked Lunch", Videodrome) ein blutig-bizarres Effektspektakel erwarten. Stattdessen soll damit der krasse Unterschied zwischen den beiden Persönlichkeiten (Joey und Tom) klar gemacht werden, entsprechend sorgsam dosiert wird sie eingesetzt, dann aber umso kompromißloser. Dadurch wird Edies (und erst recht Toms) Dilemma klar: Ist das (noch) der Mann, in den sie sich verliebt hat? Und selbst wenn - kann sie überhaupt noch mit ihm zusammenleben, nach allem, was er getan hat? Schließlich könnte die "Joey-Seite" jederzeit wieder die Oberhand gewinnen und wer weiß, gegen wen sie sich dann wenden würde. Und wie es scheint, hat die "Joey-Seite" schon einen üblen Einfluss auf die Familie gehabt, wie man an der Wandlung des Sohnes zum gnadenlosen Schläger erkennen kann. Insoweit ist dies also ein typischer Cronenberg-Film: Während es bei ihm sonst meist um körperliche Metamorphosen geht, stehen diesmal geistig-seelische Verwandlungen im Mittelpunkt.

Ein perfekt inszenierter, zum Nachdenken anregender und spannender Film mit tollen schauspielerischen Leistungen der gesamten Besetzung, der lediglich durch die Leichtigkeit, mit der Joey/Tom seine Gegner ausschaltet, etwas unrealistisch wird.

Die DVD:

Die DVD enthält eine ganze Menge qualitativ hochwertigen Bonusmaterials. Vom Audiokommentar habe ich mir aus Zeitmangel nur die ersten Minuten angehört. Er stammt von David Cronenberg, und wenn der Regisseur während des gesamten Films so weitermacht, dann muss der Kommentar hoch interessant sein. Jede einzelne Szene wird ausführlich erläutert und man wird auf viele kleine Details hingewiesen, die man sonst vielleicht gar nicht wahrgenommen hätte.

"Gewaltakte" ist ein etwas mehr als eine Stunde langes Making of, das in 8 Kapitel unterteilt ist, welche man alle zusammen oder gesondert starten kann (englischer Ton, deutsch untertitelt). Dieser Beitrag verdient wirklich mal die Bezeichnung "Making of", denn hier wird die Entstehung von 8 wichtigen Szenen minutiös gezeigt. Man kann mitverfolgen, wie die Spezialeffekte entwickelt werden, wie der Regisseur vorgeht (es wird öfter mal improvisiert oder spontan während des Drehs über den Verlauf einer Szene entschieden), wie die Schauspieler z.B. mit den Sexszenen umgehen oder Stunts proben, wie sie miteinander arbeiten, um den richtigen Ton für einen Dialog zu treffen und vieles mehr. Hinzu kommen Interviews, in denen Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler ihre Sicht der Handlung schildern. Alles nicht nur sehr informativ, sondern auch extrem kurzweilig, denn am Set wurde offenbar wieder viel Unsinn getrieben. Kein Wunder, wenn Viggo Mortensen dabei ist.

Die nicht verwendete Szene 44 ist eine typisch cronenberg'sche Traumsequenz. Für diese Szene gibt es nicht nur einen gesonderten Audiokommentar Cronenbergs, sondern auch ein eigenes, mehrere Minuten langes Making of. In "Violence History", einem nur ca. anderthalb Minuten langen Beitrag, weist Cronenberg auf kleine Unterschiede zwischen der US-Version und der internationalen Version des Films hin: In der US-Version sind zwei Gewaltszenen etwas entschärft worden. Ca. 9 Minuten lang sieht man in "Zu kommerziell für Cannes", wie Cronenberg und seine Crew bei den Filmfestspielen von Cannes von Reportern belagert werden und wie der Film Premiere feiert.

J. Kreis, 12.06.2007
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