Der Zauberberg


Der Zauberberg (D/I/F, 1982)

DVD, Fernsehjuwelen / AL!VE
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: ca. 323 Minuten (TV-Fassung) bzw. 146 Minuten (Kinofassung)

Extras:
- Interview mit Hans W. Geißendörfer (40:39 Min.)
- Kinotrailer

Regie:
Hans W. Geißendörfer

Hauptdarsteller:
Christoph Eichhorn (Hans Castorp)
Marie-France Pisier (Clawdia Chauchat)
Alexander Radszun (Joachim Ziemßen)
Hans Christian Blech (Dr. Behrens)
Flavio Bucci (Ludovico Settembrini)
Rod Steiger (Pieter Peperkorn)
Charles Aznavour (Leo Naphta)
Helmut Griem (James Tienappel)




Inhalt

Nach dem Abschluss eines Ingenieursstudiums soll Hans Castorp, 23-jähriger Spross einer wohlhabenden Hamburger Familie, in die Schiffswerft seines Onkels James Tienappel eintreten. Zunächst jedoch wird er zur Erholung in die Schweizer Alpen geschickt. Er besucht seinen lungenkranken Vetter Joachim Ziemßen im Sanatorium Berghof bei Davos, wo er drei Wochen zu bleiben beabsichtigt. Die morbide Atmosphäre in der luxuriösen Einrichtung, die Abgeschiedenheit des Ortes in der wunderbaren Natur und andere Besonderheiten üben eine starke Faszination auf Castorp aus. Krankheit und Tod sind allgegenwärtig, beflügeln die Lebenslust der Patienten aber eher. Tatsächlich sind wechselnde Liebeleien an der Tagesordnung. Bei den zahlreichen üppigen Mahlzeiten im großen Speisesaal und bei den Abendgeselligkeiten lernt Castorp viele Patienten näher kennen. Den "Moribunden" - unheilbar Kranken, deren Tod unausweichlich ist - widmet Castorp besonders viel Aufmerksamkeit, um ihnen noch ein paar schöne Momente zu ermöglichen. Außerdem macht Castorp die Bekanntschaft des Literaten Ludovico Settembrini, der schon bald feststellt, dass es Castorp genauso zu ergehen droht wie so manchem Bewohner des Berghofs. Auch nach vollständiger Genesung wollen sie bleiben, denn in der Isolation des Sanatoriums genießen sie eine besondere Art der Freiheit. Die Probleme des Alltagslebens sind nicht existent, gleichzeitig bietet die geregelte Routine des Kurbetriebs Sicherheit. Selbst die Zeit verliert irgendwann ihre Bedeutung. Daher will im Grunde niemand in sein altes Leben zurückkehren.

Settembrini macht es sich zur Aufgabe, erzieherisch auf den jungen Mann einzuwirken. Er drängt ihn sogar zur Abreise. Doch vergeblich, denn Castorp verliebt sich in die schöne Russin Clawdia Chauchat, eine ebenso undurchsichtige wie freizügige Dame, die von einigen Patiententen und sogar vom Sanatoriumsleiter Hofrat Dr. Behrens umworben wird. Frau Chauchat nimmt Castorp nicht ganz ernst, weist sein eher ungeschicktes Werben aber auch nicht zurück. Castorps Eifersucht erwacht, als er erfährt, dass das Objekt seiner Begierde dem Chefarzt, einem Hobbymaler, schon mehrfach Modell gesessen hat. Das Ende des Erholungsaufenthalts rückt allzu schnell näher. Eine Erkältung kommt Castorp deshalb nur zu gelegen. Er lässt sich von Behrens untersuchen. Prompt wird eine "feuchte Stelle" auf seiner Lunge gefunden, so dass Castorp nach Meinung des Mediziners am besten gleich im Sanatorium bleibt, weil sich die Krankheit im Flachland verschlechtern würde, so dass er sich früher oder später sowieso in ärztliche Behandlung begeben müsste. Somit hat Castorp, wie sich Settembrini ausdrückt, die Legitimation zum längeren Verbleib im Berghof erhalten; aus dem Besucher ist ein Patient geworden. Im Rausch einer Karnevalsnacht gesteht Castorp Frau Chauchat schließlich seine Liebe. Leicht amüsiert gewährt sie dem Verehrer ihre Gunst, allerdings nur für eine Nacht. Dann reist sie ab.

Da angedeutet wurde, Frau Chauchat werde bald wieder Kur im Berghof machen, bleibt Castorp dort. Er beschäftigt sich unter anderem mit Botanik und beginnt sich für die Ansichten des Jesuiten Leo Naphta zu interessieren, der sich immer wieder Streitgespräche mit Settembrini liefert, seinem intellektuellen Widerpart. Ziemßen dagegen, obwohl längst noch nicht geheilt, bricht die Kur gegen ärztlichen Rat ab. Er glaubt, den ersehnten Eintritt in die Offizierslaufbahn nicht länger hinausschieben zu können. Nach einigen Monaten ist er gezwungen, zum Berghof zurückzukehren. Er gehört jetzt zu den Moribunden und stirbt nach kurzer Zeit. Eines Tages erhält Castorp Besuch von seinem Onkel James Tienappel. Dieser will ein "ernstes Wörtchen" mit dem Hofrat reden und den Neffen gleich mit nach Hamburg nehmen. Er reist jedoch nach einem drastischen Vortrag des Hofrats über den Verwesungsprozess überstürzt und unverrichteter Dinge ab. Im nächsten Winter erscheint Frau Chauchat wieder im Sanatorium, allerdings nicht allein. In dem reichen Niederländer Pieter Peeperkorn hat sie einen neuen Gönner gefunden. Peeperkorn schart einen Kreis von Bewunderern um sich, darunter Castorp, und veranstaltet Bacchanalien im Sanatorium. Peeperkorn erkennt, dass Frau Chauchat und Castorp ein Verhältnis hatten oder haben. Er leidet an einem schweren Tropenfieber und begeht Selbstmord, weil er den Verlust seiner Manneskraft befürchtet.

In der folgenden Zeit greifen Stumpfsinn und zunehmende Gereiztheit unter den Patienten um sich. Sinnlose, teils gefährliche Ablenkungen werden gesucht. Man veranstaltet sogar eine spiritistische Sitzung, bei der Joachim Ziemßens Geist beschworen wird. In dieser aufgeheizten Atmosphäre geraten Settembrini und Naphta ernstlich aneinander. Es kommt zu einem Pistolenduell. Settembrini schießt absichtlich vorbei. Naphta bezeichnet ihn als Feigling und schießt sich selbst in den Kopf. Nach insgesamt sieben Jahren endet Castorps Aufenthalt im Berghof abrupt. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird das Sanatorium geräumt, alle Patienten müssen abreisen. Castorp zieht in den Krieg.


Kringels Meinung

Zu Thomas Manns gleichnamigem Roman muss ich hier wohl nichts schreiben. Solltet ihr ihn nicht aus dem Deutschunterricht kennen, dann könnt ihr in der Wikipedia nachlesen, welche Themen darin behandelt werden und wie er sich interpretieren lässt. Die Verfilmung zeigt, dass Werktreue nicht allein dadurch erreicht werden kann, dass man alle wichtigen Bestandteile einer Geschichte auf die Leinwand bringt, an Originalschauplätzen dreht und einzelne Dialoge wörtlich übernimmt. Was diese Aspekte angeht, hält sich der Film tatsächlich sehr eng an den Roman. Brav werden selbst Details wie die "Ur-Ur-Ur"-Laute von Castorps Großvater, der "Schneetraum" und so weiter abgearbeitet, und wer den Roman gelesen hat, dürfte über die Bedeutung im Bilde sein. Wer den Roman nicht kennt, wird den Sinn des Ganzen wahrscheinlich nicht begreifen, denn im Kontext des Films ist in den wenigsten Fällen ein Sinn vorhanden. Im schlimmsten Fall haben die entsprechenden Szenen überhaupt keine Aussage, so dass sie wie Fremdkörper wirken. Man erhält zwangsläufig den Eindruck, dass "Der Zauberberg" nicht mehr zu bieten hat als die vordergründige Liebesgeschichte. Besonders nachteilig wirkt sich das bei den Monologen Settembrinis und Naphtas aus. Von den Streitgesprächen der beiden "Pädagogen" bleibt im Film so wenig übrig, dass man ihre Positionen überhaupt nicht erkennt. Ihr Duell wirkt deshalb vollkommen unmotiviert. Wohlgemerkt: Bei der Lektüre des Romans habe ich mich bei den sehr langen, weitschweifigen Ausführungen Settembrinis und Naphtas meist gelangweilt, das heißt, ich hätte gut und gerne darauf verzichten können. Aber wenn sie schon im Film vorkommen, dann sollte auch begreiflich sein, was damit gemeint ist. Man könnte sagen: Im Film werfen sich Settembrini und Naphta kurze Zitate ihrer literarischen Vorbilder um die Ohren, ohne zu kapieren, was damit ausgesagt werden soll.

Leider hat der Film nicht nur inhaltliche Schwächen. Auffälligstes und störendstes Element ist der Soundtrack. Viele Szenen ersticken geradezu in aufdringlicher, bombastischer, oft derart bedrohlich-düsterer Musik, dass man meinen könnte, hier sei ein Schauerroman verfilmt worden und gleich werde Graf Dracula im Berghof zur Liegekur erscheinen! Zudem ist mir immer wieder aufgefallen, dass Szenen einen Tick zu lang sind oder dass zu ausführlich auf Unwichtigem verharrt wird. So wirkt der Film irgendwie schwerfällig und überhaupt nicht mitreißend. Gemeint ist hier die Langfassung, die Kinofassung habe ich mir nicht angeschaut. Kommen wir zu den Schauspielern. Manche Figuren habe ich mir bei der Lektüre des Romans ganz anders vorgestellt, aber das muss kein Nachteil sein. Frau Chauchat sieht für mich nach wie vor nicht aus wie Marie-France Pisier, dennoch finde ich sie dieser Rolle nicht schlecht. Alexander Radszun gibt sich sehr zurückhaltend, was gut zu der Figur des Joachim Ziemßen passt. Hans-Christian Blech ist meiner Meinung nach sogar eine fast perfekte Besetzung für den forschen, stets in Studentensprache schwadronierenden Hofrat Behrens. Der Rest ist krass fehlbesetzt. Flavio Bucci wirkt nicht wie ein scharfzüngiger Philosoph, sondern wie ein trauriger Charlie Chaplin. Chales Aznavour hat überhaupt kein Profil. Rod Steiger legt sich mächtig ins Zeug, wütet, schreit und heult. Dadurch wird er zum lächerlichen Hanswurst, aber nicht zu jener charismatischen ("königlichen") Persönlichkeit des Romans. Im Gegensatz zum Roman-Peeperkorn, bei dessen Redeweise ich mich an Piet Klocke erinnert gefühlt habe, spricht das Filmpendant ganz normal. Schade! Tja, und Christoph Eichhorn mag rein optisch ein ganz passabler Hans Castorp sein, aber mit dem Roman-Castorp hat dieser arrogante Schnösel sonst nichts gemein.

Viele Schauspieler "schauspielern" zu sehr. Sie verhalten sich nicht natürlich, sondern chargieren mit großer Geste, so als ob sie auf einer Theaterbühne stehen würden. Auch sonst wird viel übertrieben. Insbesondere bei den im Speisesaal des Berghofs spielenden Szenen ist alles zu laut, zu schrill. Beispielhaft sei Fräulein Marusja genannt. Im Roman kichert die junge Dame lediglich ein wenig zu gern (auch in unpassenden Momenten). Im Film hat sie permanent hysterische Lachkrämpfe. Apropos: Der bierernste Film lässt Thomas Manns feinen Humor fast vollständig vermissen. Positiv zu vermerken sind die schönen Bilder. Der Berghof sieht genau so aus, wie ich mir diese Einrichtung immer vorgestellt habe und die manchmal tief verschneite Alpenlandschaft ist schön anzuschauen.


Extras

Die Box enthält sowohl den dreiteiligen Fernsehfilm als auch die Kinofassung. Das Bonusmaterial besteht einem Interview mit dem Regisseur Hans W. Geißendörfer, das nicht vor 2011 entstanden sein kann, denn Geißendörfer spricht über das von ihm mitgegründete Video-on-Demand-Portal "Alleskino", das die Zielsetzung verfolgt, alle deutschen Kinoproduktionen (außer Pornos) anzubieten. Während des Interviews werden Ausschnitte aus "Der Zauberberg" eingeblendet. Zeitgenössisches dokumentarisches Material ist leider nicht vorhanden. Geißendörfer spricht über die Schauspieler und die Dreharbeiten. Er sagt, er habe sich bei der Besetzung der Hauptrolle gegen den Produzenten Franz Seitz durchsetzen müssen. Interessant: Die Kinoversion war ursprünglich auf vier Stunden ausgelegt. Wegen der mit dem Film "Heaven's Gate" erlittenen Pleite habe man eine drastische Kürzung verlangt, die notfalls auch ohne Einwilligung und Mitwirkung Geißendörfers vorgenommen worden wäre. Um so etwas nicht noch einmal erleben zu müssen, habe Geißendörfer seine eigene Produktionsgesellschaft gegründet, was dann zur Entstehung der Fernsehserie "Lindenstraße" geführt habe. Diesen Dauerbrenner haben wir also in letzter Konsequenz einem gefloppten Mammutwestern zu verdanken!


J. Kreis, 11.02.2019




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