Under the Skin


Under the Skin (GB, 2013)

Blu-ray, Senator/Universum Film
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: ca. 108 Minuten

Extras:
- Featurettes:
-- Kamera (5:27 Min.)
-- Casting (4:27 Min.)
-- Development (5:44 Min.)
-- Schnitt (4:22 Min.)
-- Locations (5:17 Min.)
-- Musik (5:16 Min.)
-- Poster (2:04 Min.)
-- Production Design (3:17 Min.)
-- Sound (1:55 Min.)
-- VFX (4:11 Min.)
- Scarlett Johansson (1:58 Min.)
- The Hidden Lens (2:36 Min.)
- Filmtrailer

Regie:
Jonathan Glazer

Hauptdarsteller:
Scarlett Johansson
Jeremy McWilliams
Michael Moreland




Story

Eine nichtmenschliche Kreatur mit dem Äußeren einer schönen jungen Frau fährt mit einem Lieferwagen durch Schottland und gabelt Männer auf. Sie wählt stets die Einsamen und Verlorenen; Einzelgänger, die von niemandem vermisst werden. Sie führt die Männer in ein leerstehendes Haus, wo sie im Nichts versinken. Dort geschieht etwas mit den Männern. Am Ende bleibt nur eine leere Hülle aus Haut von ihnen übrig. Ein Motorradfahrer folgt der Kreatur und kümmert sich darum, dass keinerlei Besitztümer der Verschwundenen zurückbleiben. Das funktioniert solange, bis sich die Kreatur mit ihrem menschlichen Körper zu identifizieren beginnt und aufgrund verschiedener Beobachtungen erkennt, wie Menschen interagieren. Begriffe wie Hilfsbereitschaft und Zuneigung hatten zuvor keine Bedeutung für die Kreatur, doch das ändert sich allmählich.

Eines Tages lässt die Kreatur ihr letztes Opfer entkommen. Der Motorradfahrer fängt den fliehenden Mann ab und lässt ihn verschwinden. Die Frau fährt ziellos durch die Highlands und steigt mitten im Nebel aus. Währenddessen durchqueren der Motorradfahrer und drei weitere seiner Art das Land auf der Suche nach der Kreatur. Die Kreatur geht in ein Dorf, wo sie vergeblich versucht, ein Stück Kuchen zu essen. Anschließend steigt sie in einen Bus ein. Ein Mann erkennt, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Er bietet ihr Hilfe an und nimmt sie mit zu sich nach Hause. Dort verbringt die Kreatur einige Tage. Sie versucht mit dem Mann zu schlafen, doch das ist unmöglich. Der Frauenkörper wurde nur unvollständig nachgebildet und unter der Haut verbirgt sich etwas anderes.

Die Kreatur eilt in den Wald und sucht Zuflucht in einer Schutzhütte für Wanderer. Dort wird sie von einem Waldarbeiter belästigt, dem sie bereits zuvor begegnet ist. Sie flieht in den Wald, doch der Arbeiter holt sie ein und versucht sie zu vergewaltigen. Dabei zerreißt die Haut der Kreatur. Der Mann läuft davon. Die Kreatur streift die Haut ab. Darunter kommt eine puppenartige schwarze Gestalt zum Vorschein. Der Arbeiter kehrt mit einem Kanister zurück, übergießt die Kreatur mit Benzin und zündet sie an. Die Kreatur verbrennt. Der Motorradfahrer sucht vergeblich weiter.


Kringels Meinung

"Under the Skin" war aus offensichtlichen Gründen ein Flop. Die Geschehnisse sind rätselhaft, es wird so gut wie nichts erklärt. Die meiste Zeit sieht man nur, wie eine Frau mit einem Lieferwagen herumfährt und nach Typen sucht, die sie becircen und anschließend verschwinden lassen kann. Dialog ist kaum vorhanden und er beschränkt sich auf Belanglosigkeiten, die die Frau von sich gibt, um Männer anzulocken. Dass die anbetungswürdige Scarlett Johansson recht oft nur leicht oder gar nicht bekleidet zu sehen ist, mag zunächst einmal sehr interessant klingen, aber die entsprechenden Szenen sind vollkommen unerotisch (das ist nicht als Kritik gemeint, es passt absolut zur Story) und haben den Film beim Kinopublikum nicht gerettet. Das ist schade, denn ich finde ihn faszinierend - als unterhaltsam würde ich ihn allerdings nicht bezeichnen ...

Bei der Handlungszusammenfassung musste ich mich auf die simplen Fakten beschränken, also auf das, was zu sehen ist, und mir Mühe geben, nicht zu viel hineinzuinterpretieren. So könnte man auf die Idee kommen, Thema des Films sei die Tatsache, dass Männer Frauen als Sexobjekte betrachten - mit dem Unterschied, dass sie im Gegensatz zur realen Welt dafür bestraft werden. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das wirklich beabsichtigt war. Außerdem bleibt vollkommen unklar, wer oder was die Frau-Kreatur und der bzw. die Motorradfahrer wirklich sind, was mit ihren Opfern geschieht und welchen Nutzen die Kreatur/die Motorradfahrer davon haben. In dem leerstehenden Haus lockt die Frau die Männer hinter sich her, während sie sich entkleidet. Auch die Männer ziehen sich aus. Der Raum ist völlig dunkel und scheint keine Wände zu haben. Nur die beiden Personen und eine spiegelnde schwarze Bodenfläche sind erkennbar. Während die Männer der Frau folgen, versinken sie im Gegensatz zu ihr in einer zähen schwarzen Masse. Sie schweben dann wie in tiefem Wasser und scheinen von innen heraus aufgelöst zu werden, bis nur noch ein leerer Hautsack übrig ist. In einer Szene sieht man, wie eine rote Masse, die an kleingemüllertes Fleisch erinnert, in einer Rinne fließt und anscheinend in Energie umgewandelt wird. Was das alles bedeuten soll, erschließt sich mir nicht. Hier hilft ein Blick ins Bonusmaterial. Der Regisseur erklärt, man habe zeigen wollen, wie ein Außerirdischer uns Menschen sehen würde, ein Wesen also, das völlig anders aussieht als wir, unsere Lebensweise nicht kennt und keine Gefühle hat, wie wir sie kennen. Was dieser Außerirdische mit seinen Opfern anstellt, so der Regisseur, ist nebensächlich.

Dieses Ziel wurde mit "Under the Skin" erreicht. Die Kamera folgt meist der Frau und nimmt ihren Blickwinkel ein. Die Kreatur sieht Schönes und Hässliches, bleibt dabei stets völlig unbewegt und unbeeindruckt. Die totale Fremdartigkeit der Kreatur kommt bei einer der beunruhigendsten Szenen, die ich je in einem Film gesehen habe, besonders stark zum Ausdruck. Die Kreatur spricht wieder mal einen Mann an, diesmal einen einsamen Schwimmer an der Küste. Das Gespräch wird unterbrochen, denn der Schwimmer versucht einem Mann zu helfen, der sich in die Brandung geworfen hat, um seine ertrinkende Frau zu retten. Am Kiesstrand sitzt das weinende, noch nicht gehfähige Kind der beiden und muss alles mit ansehen. Der Schwimmer bleibt erfolglos, er entrinnt dem Tod durch Ertrinken selbst nur mit letzter Kraft. Das Ehepaar verschwindet in den tobenden Fluten. Die Kreatur schlägt den völlig erschöpft am Ufer liegenden Schwimmer bewusstlos und zerrt ihn zum Lieferwagen. Später - inzwischen ist es dunkel - kommt der Motorradfahrer und räumt die Hinterlassenschaften der Verschwundenen weg. Das weinende Kleinkind, dem die Flut immer näher kommt, sitzt immer noch dort. Es wurde von der Kreatur und dem Motorradfahrer völlig ignoriert. Da musste ich ganz schön schlucken, zumal alles, auch das Ertrinken der in Not geratenen Frau, sehr realistisch wirkt. Ziemlich beeindruckend finde ich auch Scarlett Johanssons Fähigkeit, ihren Charme von einem Sekundenbruchteil zum anderen ein- und auszuschalten, je nachdem, ob sie einen Mann anlocken möchte oder erkannt hat, dass derjenige sich doch nicht als Opfer eignet. Als Geniestreich erweist sich die Auswahl der Schauplätze. Sauwetter in den Highlands, ein heruntergekommenes Dorf, eine gesichtslose Innenstadt, ein mit anonymen Tänzern vollgepackter Club, schäbige Straßen und Hinterhöfe - Kälte und Einsamkeit einer gleichgültigen Welt könnte man kaum besser illustrieren.


Blu-ray-Features

Das Bonusmaterial ist interessant, weil die Herangehensweise des Filmteams ungewöhnlich war. In den zehn Kurzdokus wird das erläutert. Praktisch alle Teammitglieder äußern sich und auch Mica Levi, eine britische Musikerin, die einige Titel für den Soundtrack geschrieben hat, wird interviewt. Scarlett Johansson spricht lediglich in den beiden noch kürzeren Featurettes und nur darin sind Hinter-den-Szenen-Filmschnipsel zu sehen. Die zehn Kurzdokus bestehen ausschließlich aus Interviews und Bildern. Außer Scarlett Johansson sind im Film hauptsächlich Laiendarsteller zu sehen. Johansson hat tatsächlich mit Passanten gesprochen, die zwar wussten, dass sie gefilmt wurden, aber nicht wann und wie. Im Kleintransporter waren zahlreiche Kameras versteckt. Auch in der Stadt, in einem Einkaufszentrum und in einem Club wurde mit versteckten Kameras gefilmt. Das Filmteam hat sich um Unauffälligkeit bemüht. Scarlett Johannsson sollte unerkannt bleiben. Sie hat ihre Dialoge größtenteils improvisiert.

Wie ich im Kommentar geschrieben habe, hilft das Bonusmaterial auch beim Verständnis des Films. Hier wird eindeutig gesagt, dass die Frau eine Außerirdische ist. Sie wird "Laura" genannt; dieser Name fällt im Film nie. Die Entstehung der Außerirdischen hätte nach den ersten Entwürfen viel ausführlicher gezeigt werden sollen und auch sonst wurden offenbar recht viele Ideen verworfen. In den Interviews wird kurz auf den zugrunde liegenden Roman von Michel Faber eingegangen, der in deutscher Sprache mit dem Titel "Die Weltenwanderin" erschienen ist. Im Roman gibt es anscheinend nur wenig Rätselhaftes: Menschenfleisch ist für die Außerirdischen eine Delikatesse, aber auf ihrem Heimatplaneten ist es Mangelware. Die Frau stellt den Nachschub sicher, ist also nichts anderes als Metzgerin und Fleischereifachverkäuferin.


J. Kreis, 14.04.2016




Gastkommentare


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Felix Zufall (09.09.2017):

Das Buch von Michel Faber habe ich gelesen ... nach dem Film, der mich sehr beeindruckte ... und auch in der Hoffnung, mehr Sinnverständnis für die Handlung zu bekommen. Tatsächlich ist der Roman weniger rätselhaft, nur hilft das nicht viel zum Verständnis der Filmhandlung, die nur noch sehr vage mit der Romangeschichte verknüpft ist. Im Film ist die namenlose Frau (warum 'Laura'?) zweifellos ein außerirdischer Alien - im Buch ist Isserley eine Hündin, die im Auftrag einer unterirdisch lebenden Hunde-Gesellschaft auf der Erdoberfläche sogenannte Wotzel (=Menschen) jagt, die dann in einem Hof gemästet und geschlachtet werden für die Fleischproduktion des Vess-Konzerns, tief unter der Erde. Der Jäger-Hof bekommt Besuch vom rebellischen und gutaussehenden Sohn des Konzern-Chefs, der den Verdacht hegt, die Wotzel könnten intelligente Lebewesen sein, diese ganze Fleischproduktion ein ethisches Verbrechen, was die Jägerin Isserley in eine persönliche Krise stürzt, v.a. weil sie keine hündische Vierbeinerin mehr ist, sondern durch operative Eingriffe in eine wotzel-ähnliche Zweibeinerin verwandelt, kurzum: häßlich verstümmelt in den Augen ihrer Artgenossen. Der Roman, der dem New Wave zugeordnet werden kann (z.B. J.G. Ballard, oder als amerikanisches Pendant Philip K. Dick), ist eine bitterböse Satire auf die 'menschliche' Tierverwertung. Sehr lesenswert übrigens - leider ist die deutsche Übersetzung nur noch antiquarisch erhältlich; das hätte anders sein können, wenn der Film in deutschen Kinos gelaufen wäre, doch hat sich der deutsche Vertrieb geweigert. Nicht weil der Film ein Flop war, sondern weil befürchtet wurde, er könnte einer werden - http://www.kino-zeit.de/blog/b-roll/under-the-skin-und-die-gegenwart-des-filmvertriebs-ein-kommentar

Daß so ein Film in den Kinos nicht erfolgreich läuft, ist natürlich zu erwarten, das gilt grundsätzlich für jeden künstlerisch wertvollen Film. Daß ein Film von seiner Handlung unverständlich bleibt, ist m.E. nicht weiter wichtig, wenn er eine film-ästhetische Bedeutung hat (bei Filmen von David Lynch ist das ja fast ständig so). Und das ist auch bei 'Under the Skin' der Fall. Er wurde von einem Kritiker nicht zu Unrecht mit Kubricks '2001' verglichen - der Einsatz der Hidden Lens, und die Art und Weise der Umsetzung dieser Technik, ist ein innovatives Experiment - Jonathan Glazer sagte irgendwo: er wollte damit nicht den Film zum Publikum bringen, wie bisher üblich, sondern das Publikum zum Film. Und natürlich gibt es da noch die außergewöhnlich starke Performance von Scarlett Johansson, ohne die vielleicht dieser Film nicht so gut gelungen wäre.



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