Transfer


Transfer (D, 2010)

DVD Regionalcode 2, Lighthouse
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: ca. 94 Min.

Extras
Keine

Regie:
Damir Lukacevic

Hauptdarsteller:
B.J. Britt (Apolain)
Regine Nehy (Sarah)
Hans-Michael Rehberg (Hermann Goldbeck)
Ingrid Andree (Anna Goldbeck)
Jeanette Hain (Dr. Menzel)
Mehmet Kurtulus (Laurin Menzel)




Inhalt

Anna und Hermann Goldbeck sind beide weit über Siebzig, aber immer noch so verliebt wie am ersten Tag. Sie wissen, dass ihre Tage gezählt sind, und wünschen sich einen gemeinsamen Tod. Es gibt jedoch eine Alternative. Für eine Million Euro stellt die Firma Menzana einen jungen, gesunden Körper zur Verfügung, den der Kunde per Bewusstseinstransfer übernimmt. So kann er ein völlig neues Leben beginnen. Der alte Körper wird während einer Garantiefrist von drei Monaten aufbewahrt. Möchte der Kunde den neuen Körper danach behalten, wird der alte Körper verbrannt. Menschen aus den ärmsten Ländern der Erde werden für den Transfer herangezogen. Zehn Prozent des Preises, den die Menzana-Kunden zu zahlen haben, gehen an die Familien der "Spender". Das Bewusstsein des Menschen, der als Wirtskörper dient, wird durch den Transfer nicht zerstört. Es muss durch regelmäßige Medikamenteneinnahme unterdrückt werden und erwacht nur nachts, wenn das transferierte Bewusstsein schläft. Ihm bleiben dann vier Stunden für ein eigenes Leben. Hermann und Anna könnten sich den Transfer leisten, sind aber unschlüssig. Dann wird festgestellt, dass Anna nur noch zwei Monate zu leben hat. Damit ist die Entscheidung gefallen. Der Transfer wird umgehend vorbereitet. Als Wirte dienen die Körper von Sarah und Apolain, Flüchtlingen aus Äthiopien und Mali. Sie haben ihre Körper verkauft, um ihren Familien ein besseres Leben zu ermöglichen.

Die neuen Körper sind perfekt. Anna und Hermann können sie wie ihre eigenen steuern und genießen ihre zweite Jugend, müssen aber mit dem Misstrauen (aus dem später zum Teil Ablehnung wird) ihrer alten Freunde leben. Nachts sollten Sarah und Apolain eigentlich in getrennten Zimmern eingesperrt sein, überwacht von Dr. Menzels Bruder Laurin, aber Anna setzt durch, dass sich Sarah und Apolain frei bewegen können. So begegnen sich die beiden während ihrer kurzen Wachphasen. Sie verlieben sich ineinander, worüber Hermann zunächst alles andere als begeistert ist. Bald zeigt sich, dass die Gast- und Träger-Identitäten nicht hundertprozentig getrennt sind, sondern voneinander lernen können. Sogar ihre Träume vermischen sich. So gewinnt Anna allmählich Verständnis für Sarahs Situation. Selbst Hermann, der nicht gut auf Apolain zu sprechen ist, weil dieser mit Sarah (und somit quasi auch mit Anna) schläft, ändert seine Einstellung, als er erfährt, dass die Spender betrogen werden. In Wahrheit erhalten deren Familien nur ein Prozent des Kaufpreises. Der Löwenanteil geht an eine Menzana-Tochtergesellschaft. Nach einigen Wochen wird Anna/Sarah schwanger. Beide freuen sich auf das Kind. Hermann muss zunächst seine Skepsis überwinden. Apolain will nicht, dass das Kind von Anna und Hermann erzogen wird - es wäre nicht sein Kind, sondern das der Weißen. Er will fliehen und kann Sarah schließlich überzeugen, ihm dabei zu helfen.

Während Sarah Laurin Menzel ablenkt, tauscht Apolain den Inhalt der Medikamentenkapseln gegen Zucker aus. Somit bleiben sein und Sarahs Bewusstsein dominant, Anna und Hermann wachen nicht mehr auf. Inzwischen ist die Garantiefrist abgelaufen. Apolain und Sarah müssen dafür sorgen, dass die endgültigen Verträge abgeschlossen und die alten Körper vernichtet werden, um für immer in den Identitäten von Hermann und Anna weiterleben zu können. In der Menzana-Zentrale werden sie jedoch festgenommen, denn ihre Tat wurde von Überwachungskameras aufgezeichnet. Ihr Bewusstsein wird wieder unterdrückt, so dass Anna und Hermann erwachen. Man bietet ihnen neue Körper an. Sarah und Apolain sollen dem Transfer-Programm neu zugeführt werden. Anna und Hermann beschließen, ihren Wirten gegen Menzana zu helfen und sie freizukaufen. Doch bei der Rückführung in ihre alten Körper geht etwas schief. Hermann überlebt den Retransfer nicht und Anna hat ohnehin nicht mehr lange zu leben...

Kommentar

"Transfer" basiert auf der Kurzgeschichte "Tausend Euro, ein Leben" der spanischen Autorin Elia Barcelo, zu finden in der von Andreas Eschbach zusammengestellten Anthologie Eine Trillion Euro. Es sind schon sechs Jahre vergangen, seit ich das Buch gelesen habe, aber an diese Story kann ich mich noch ganz gut erinnern. Ich meine deshalb behaupten zu können, dass "Transfer" eine recht werkgetreue Verfilmung ist. Vielleicht erinnert ihr euch an deutsche SF-Filme der Siebzigerjahre wie "Das blaue Palais", Die Hamburger Krankheit oder Welt am Draht. In der Tradition dieser Filme sehe ich "Transfer".

Ein solcher Film mit sehr wenig Action, ohne spektakuläre Schauplätze und ohne beeindruckende Spezialeffekte braucht eine gute Story und - noch wichtiger - gute Schauspieler. Beides ist vorhanden. Ich habe Reviews gelesen, die dem Film ankreiden, dass nicht genauer auf die Implikationen des Transfers, die moralische Verwerflichkeit dieser modernen Art der Ausbeutung usw. eingegangen wird. Das mag so sein, aber ich halte das nicht für einen Nachteil. Ich finde es im Gegenteil gut, dass nicht die ganze Zeit der erhobene Moralzeigefinger vor der Kamera herumwedelt. Man kann sich ja seine eigenen Gedanken machen. Wie mag es sein, wenn man sich plötzlich in einem neuen, fremden Körper wiederfindet, den man nicht mal allein kontrolliert? Hermann zum Beispiel will nicht, dass Anna - oder vielmehr Sarah, eigentlich die "rechtmäßige" Eigentümerin des Körpers - mit Apolain schläft. "Während wir im Tiefschlaf liegen, vögeln diese Neger miteinander", sagt er, dabei ist er selbst ja der Neger... Die Situation wird noch absurder, als Anna/Sarah schwanger wird. Hermann stört sich daran, dass das Kind eine dunkle Hautfarbe haben wird, während Apolain das Kind ablehnt, weil es wegen der Erziehung durch Anna und Hermann "innen" weiß sein wird!

Der Schwerpunkt des Films liegt nicht auf Sozialkritik, sondern auf der Gefühlswelt der beiden Paare. Hans-Michael Rehberg und Ingrid Andree nehmen den Zuschauer gleich für sich ein. Hermann kann nicht ohne Anna leben, wodurch ihre Entscheidung für den Transfer nachvollziehbar wird. Dann übernehmen zwei andere Hauptdarsteller das Ruder. B.J. Britt bringt das Kunststück fertig, zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten absolut glaubwürdig zu verkörpern, Regine Nehy schafft das nicht ganz so gut. Britts ganze Körpersprache entspricht dann, wenn Hermann die Kontrolle ausübt, so sehr der eines etwas steifen deutschen Oberklasse-Spießbürgers, dass ich wirklich glauben konnte, es sei Hermann, der da spricht! Auch Hermanns innerer Wandel von Ablehnung hin zu Verständnis wird von Britt wunderbar dargestellt. Es gibt noch eine dritte Figur, die sich dem Transfer unterzogen hat: Der von Mehmet Kurtulus überzeugend gespielte Laurin Menzel, ein vermutlich etwas zurückgebliebener junger Mann, der tagsüber den Geist des Menzana-Gründers beherbergt. Das ist eine denkbar ungewöhnliche Vater-Sohn-Beziehung!

Interessante Story, tolle schauspielerische Leistungen, "Look & Feel" einer großen Kinoproduktion - "Transfer" ist ernsthafte Science Fiction, wie sie heutzutage viel zu selten gemacht wird.



J. Kreis, 19.11.2012




Gastkommentare


Gastkommentare werden nicht von J. Kreis verfasst und dürfen nicht auf anderen Homepages oder in Printmedien weiterverwendet werden.


Noch keine Gastkommentare vorhanden!


Deine Meinung?

(Bei Klick auf diesen Button öffnet sich ein Kontaktformular in einem gesonderten Fenster)


Seitenanfang


Startseite

Filme