Perry Rhodan - Unser Mann im All


Perry Rhodan - Unser Mann im All (D, 2011)

DVD Regionalcode 2, Edition Salzgeber
Altersfreigabe: FSK 6
Laufzeit: ca. 90 Minuten

Extras
- Interview mit Inge Mahn (35:17 Min.)
- Interview mit Wolfgang Jeschke (11:21 Min.)
- Interview mit Rainer Castor (32:50 Min.)
- Best of Manchester (3:19 Min.)
- Trailer

Regie:
Andre Schäfer




Inhalt / Kommentar:

Perry Rhodan, die größte Science-Fiction-Romanserie der Welt, feierte im September 2011 ihren fünfzigsten Geburtstag. In all den Jahren sind zwar über 2600 Heftromane, hunderte Hardcover/Taschenbücher und noch mehr Romane diverser Ablegerserien erschienen, außerdem Hörbücher, Hörspiele, PC-Games und eine Vielzahl von Merchandising-Produkten - aber nur ein einziger Film. Die deutsch-italienische Co-Produktion "Perry Rhodan SOS aus dem Weltall" aus dem Jahre 1967 hat aber eigentlich nur dem Namen nach etwas mit der Serie zu tun. Viele Fans halten den Film für indiskutablen Trash. Bisher hat es zwar immer wieder Gerüchte um eine mögliche neue Verfilmung gegeben, aber dabei ist es leider geblieben.

Jetzt gibt es wenigstens einen Dokumentarfilm, der sich dem Phänomen Perry Rhodan auf ungewöhnliche, auch für Nicht-Fans sehenswerte Weise nähert. Es wird gar nicht erst der Versuch gemacht, das gewaltige fiktive Universum der Perry Rhodan-Serie - das Perryversum - zu erklären. Auf eine Zusammenfassung der mehrtausendjährigen Geschichte, die in den Heftromanen fortlaufend erzählt wird, verzichtet der Regisseur ebenso wie auf einleitende Erklärungen. Es werden auch nicht einfach nur dröge Interviews gezeigt und es gibt keinen erläuternden Voice-over-Kommentar. Stattdessen werden PR-Autoren sowie Verlagsmitarbeiter, Fans, Zeichner, Wissenschaftler und andere Personen in teils ungewöhnlichen Situationen und an den verschiedensten Orten gezeigt. Verleger Sascha Mamczak wurde gar auf der Zugspitze interviewt. Mal unterhalten sich die Leute miteinander, mal sprechen sie in die Kamera, aber immer ohne Interviewer und in schneller Szenenmontage. Auch Leute, die gar nichts mit Perry Rhodan zu tun haben, kommen aus bestimmten Gründen zu Wort. Zum Beispiel ein U-Boot-Kommandant im Inneren seines Schiffes. Warum? Na, weil man sich dabei in die Zentrale eines Raumschiffs versetzt fühlt, und weil man nachempfinden kann, woran der technikverliebte PR-Gründervater K.H. Scheer gedacht haben mag, als er Anfang der Sechzigerjahre über klickende Relais, ölverschmierte Raumschiffstechniker und Breitseiten abfeuernde Schlachtschiffe geschrieben hat.

Der Film beginnt mit einer computergenerierten Sequenz, in der ein riesiges Raumschiff am Mond vorbeifliegt, sich der Erde nähert und über einer Stadt zur Ruhe kommt. Das ist die SOL, ein Generationenschiff, das in der Serie zur Legende geworden ist. Dann erst geht die Dokumentation richtig los. Josef Tratnik, die "Stimme Rhodans" (Tratnik ist der Sprecher eines Großteils der Hörbücher) betritt ein Tonstudio und trägt einige eindrucksvolle Zeilen aus einem PR-Roman vor. PR-Autor Hartmut Kasper wandelt in einem Raumanzug durch Köln und nimmt schließlich auf Mutter Beimers Sofa Platz, wobei er erzählt, dass die PR-Serie nicht etwa ein amerikanisches Produkt ist, sondern genauso urdeutsch wie die "Lindenstraße". Später brauen er und Denis Scheck (Literaturkritiker und PR-Kenner) Götterspeise aus Vurguzz, einem im Perryversum sehr bekannten Getränk. Dabei unterhalten sie sich unter anderem über einen unsäglich tendenziösen Bericht der Fernsehsendung "Monitor" aus dem Jahre 1969, in dem Perry Rhodan mit Hitler gleichgesetzt wurde - Ausschnitte der Sendung werden eingeblendet. Ein Junge stellt kleine PR-Figuren auf und erklärt, um wen es sich jeweils handelt. Ein Mädchen berichtet, es lese gerne Science Fiction und Pferdebücher. Der niederländische Fan Johan Weckx zeigt, wie man in seinem Heimatland Romane unters Volk bringt (siehe letzten Screenshot unten). Heidrun Scheer gewährt Einblick in das unverändert gebliebene Arbeitszimmer ihres Mannes. Autorenwitwe Inge Mahn kommt ebenfalls zu Wort, dazu sind Super-8-Filmaufnahmen ihres ersten Mannes Willi Voltz zu sehen. Die derzeitigen Mitglieder des Autorenteams fahren auf einem Karussell. Die österreichischen Autoren Leo Lukas und Michael Marcus Thurner philosophieren über verschiedene Aspekte der Serie; Lukas gesteht, dass er die Deutschen erst durch Perry Rhodan zu schätzen gelernt hat. Der Literaturwissenschaftler Rainer Stache erklärt, warum Perry Rhodan gar nicht so trivial ist, wie man meint. Modellbauer Raimund Peter zeigt seine Werke. Ein alter Freund des zweiten PR-Gründervaters Walter Ernsting gibt Anekdoten zum Besten... und, und und!

Hinzu kommen immer wieder Ausschnitte aus Filmen, Fernsehsendungen und anderem Archivmaterial, weitere Lesungen Tratniks, oder ganz einfach Aufnahmen ohne jeglichen Text. Etwa Scheers Wohnhaus, die Verlagsarchive, ein Antiquariat voller PR-Romane, Fans auf einer Convention und so weiter. All diese Elemente wurden nur scheinbar willkürlich zusammengestellt - insgesamt ergeben sie ein aussagekräftiges Bild, das gar keine weiteren Erläuterungen benötigt. Man erkennt, dass Perry Rhodan nicht einfach nur irgendeine Romanserie ist, sondern ein Stück deutscher Kulturgeschichte. Es wird deutlich, wie sich die Serie über die Jahrzehnte hinweg entwickelt hat, wie bunt und umfangreich das Perryversum ist, und dass es im Grunde keine bestimmte Zielgruppe für die Romane gibt. Menschen aller Alters- und Bevölkerungsschichten gehören zur Leserschaft - und damit bin ich schon bei meinem einzigen Kritikpunkt: Das Fandom kommt in der Dokumentation zu kurz. Man hätte ruhig auf die Vielzahl der Fanclubs und auf die verschiedenen, teils sehr ambitionierten Fanprojekte (Fan-Magazine, Online-Lexikon Perrypedia, Fan-Fiction usw.) eingehen können! Dieser sehr erhebliche Bestandteil des Perryversums bleibt fast völlig außen vor.

Wie dem auch sei: Aufgrund seiner originellen Konzeption und der gebotenen Vielfalt ist Perry Rhodan - Unser Mann im All auch für Leute geeignet, die mit Perry Rhodan oder mit Science Fiction ganz allgemein nichts am Hut haben. Die Dokumentation ist einfach ein verdammt gut gemachter Film, so ganz anders und viel unterhaltsamer als das, was man im Dokumentarfilm-Sektor sonst geboten bekommt. Für Fans ist der Film natürlich ein absolutes Muss. Wer hätte übrigens gedacht, dass es Zusammenhänge zwischen der Heiligen Vorhaut Jesu Christi und der PR-Serie geben könnte...

DVD-Features:

Die DVD ist üppig mit Bonusmaterial ausgestattet. Das sind vor allem drei längere Interviews, von denen in der Doku nur kurze Ausschnitte zu sehen sind. Das Interview mit Inge Mahn wurde vermutlich von Hartmut Kasper in Florida geführt. Sie erzählt, wie Willi Voltz zur PR-Serie gekommen ist, wie sich seine Arbeitsweise weiterentwickelt hat, und welchen Einfluss er auf die Serie hatte. Sie gibt einige Details über seine Krankheitsgeschichte preis, die mir bis dato nicht bekannt gewesen sind. Man erfährt auch so einiges über ihren zweiten Mann Klaus Mahn und ihren Sohn Ralph. In einem zweiten Interview spricht Wolfgang Jeschke über Science Fiction und Raketentechnik. Er zieht sehr bedenkliche und meiner Meinung nach völlig aus der Luft gegriffene Querverbindungen zwischen PR und angeblichen Sehnsüchten desillusionierter Weltkriegsheimkehrer. PR, so meint Jeschke, sei gar keine SF, sondern eine Ersatzreligion mit faschistoiden Zügen zur Befriedigung der Großmachtphantasien der Leser. Das lasse ich jetzt einfach mal so stehen. Erheblich amüsanter ist das Interview mit Rainer Castor. Das wird nämlich durch einen Telefonanruf unterbrochen. Die Kamera läuft immer weiter, während Castor dem Anrufer (Hartmut Kasper) einige Details zu einer bestimmten Technik erklärt, die in den damals aktuellen Romanen eine wichtige Rolle gespielt hat. Köstlich!

"Best of Manchester" ist eine leider viel zu kurze Zusammenstellung von Szenen, in denen man sieht, wie Hartmut Kasper in Manchester, Connecticut, unterwegs ist. In dieser relativ kleinen Stadt an der Ostküste der USA wurde Perry Rhodan im Jahre 1936 geboren. Kasper befragt einige Einwohner nach dem berühmtesten Sohn ihrer Stadt. Komisch, dass den dort keiner kennt... Am Ende hängt Kasper eine Gedenktafel an der Fassade irgendeines Hauses auf. Es wäre mir neu, dass die genaue Adresse seines Geburtshauses bekannt ist!

Nachtrag vom 30.11.2011: aufgrund zahlreicher Anfragen: Im Handel ist die DVD derzeit (4. Quartal 2011) noch nicht erhältlich. Ich habe sie auf dem PR-Weltcon 2011 in Mannheim gekauft, dort wurde sie für zwanzig Öcken angeboten.

Noch'n Nachtrag vom 14.05.2012: Seit April 2012 ist die DVD im Handel erhältlich.

Screenshots


Perry Rhodan - Unser Mann im All

Sehr nettes Intro: Die SOL (oder die JULES VERNE) im Anflug auf die Erde.


Perry Rhodan - Unser Mann im All

Vollschutz ist bei Reisen mit der Deutschen Bahn manchmal durchaus angebracht.


Perry Rhodan - Unser Mann im All

Sanctum Praeputium!


Perry Rhodan - Unser Mann im All

K.H. Scheers Arbeitsplatz. Hier entstanden die ersten Handlungsentwürfe...


Perry Rhodan - Unser Mann im All

...und so sahen sie aus!


Perry Rhodan - Unser Mann im All

PR-Romane im Bus aussetzen?!? Never!


J. Kreis, 16.11.2011




Gastkommentare


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Gastkommentar von truemmer (30.11.2011):

Wo hast Du die DVD denn jetzt schon her?
Habe die Doku im Kino leider verpasst.


Gastkommentar von Matthias (20.11.2011):

Hallo,

wo bekommt man die DVD denn schon?

Der Verleih nennt im Pressebereich den 29.03.2012 als VÖ-Termin aber wenn es sie schon irgendwo gibt wäre es natürlich besser :).


Gastkommentar von kidgforce (17.11.2011):

Ich hab den Film im Kino gesehen und als Altleser dachte ich WOW! Und dann: Aber wer außer uns Altlesern kann das tatsächlich verstehen? Dass die Fanclubs außen vor blieben fand ich gut, das hätte das ganze nur noch mehr nach esoterischem Kult aussehen lassen.

Neben der Vurguzz-Szene fand ich besonders die Einblicke in die Welt der frühen Autoren faszinierend. Der technokratische U-Boot-Fan Scheer und der idealistische Träumer Ernsting - eigentlich ist das genau: Science meets Fiction. Ein Glücksfall der deutschen Literatur, dass die beiden das zusammen auf die Beine gestellt haben.



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